Pflegende Angehörige

Was muss ich im plötzlichen Pflegefall organisieren? Wie kann ich die Pflege eines Angehörigen mit meinem Beruf und meiner Familie vereinbaren? Kann ich überhaupt selbst pflegen? Wo lerne ich praktisches Pflegewissen? pflege.de nimmt pflegende Angehörige an die Hand und erklärt, was wichtig ist: Von den eigenen Ansprüchen als Pflegeperson bis zu Entlastungsangeboten für pflegende Angehörige.

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Ein Unfall, ein Schlaganfall oder auch eine chronische Erkrankung wie Demenz – und plötzlich ändert sich vieles. Ihre Eltern, Ihr Partner oder Ihre Großeltern können ihren Alltag nicht mehr alleine bewältigen und brauchen Ihre Hilfe. Wahrscheinlich fühlen Sie sich von all den auf Sie einstürzenden Informationen überfordert, immerhin gibt es bei der Pflege von Angehörigen viele Aspekte zu bedenken. Und zugleich möchten Sie Ihre eigene Familie nicht vernachlässigen und Ihrem Leben gerecht werden. pflege.de nimmt Sie an die Hand und zeigt Ihnen Schritt für Schritt, was bei der Pflegebedürftigkeit eines Angehörigen auf Sie zukommt, wie Sie der Pflege gerecht werden können und welche Ansprüche Sie selbst haben.

Plötzlich Pflegefall: So organisieren Sie die Pflege Schritt für Schritt

Wenn plötzlich einer Ihrer Angehörigen pflegebedürftig wird, gilt es, Schritt für Schritt vorzugehen. Wahrscheinlich sind Sie bisher noch nicht mit dem Thema Pflege in Berührung gekommen und müssen sich erst einmal einarbeiten und informieren. Was sind die wichtigsten Schritte nach einem plötzlichen Pflegefall? Welche Versorgungsformen gibt es? Wie lerne ich es als Angehöriger, zu pflegen? Was ist der MDK bzw. MEDICPROOF und wie beantrage ich Pflegeleistungen? Und: Wie sichere ich mein eigenes Leben ab und welche rechtlichen Ansprüche habe ich als Pflegender, wenn ich mich um einen Pflegebedürftigen kümmere?
pflege.de begleitet Sie durch den Entscheidungsdschungel und erläutert die wichtigsten Fragestellungen bei einem Pflegefall in der Familie.

 

Pflege und Berufsleben vereinen: So sichern Sie sich finanziell ab

Ihr Angehöriger wird plötzlich pflegebedürftig und Sie fragen sich, wie Sie Beruf, Familie & Pflege vereinbaren können? Manche Arbeitgeber werden zunächst vielleicht großzügig sein und Ihnen im Falle eines plötzlichen Pflegebedarfs kurzfristig Urlaub gewähren. So können Sie sich erst mal um das Wichtigste kümmern und für Ihren Angehörigen da sein. Spätestens jedoch wenn Ihr Urlaubsanspruch aufgebraucht ist, brauchen Sie eine alternative Lösung. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten, damit Sie die Pflege Ihres Angehörigen und Ihren Beruf miteinander vereinbaren können, ohne dabei auf eine finanzielle Absicherung verzichten zu müssen:

  • Kurzzeitige Arbeitsverhinderung & Pflegeunterstützungsgeld
    Ab Eintritt der Pflegesituation können Sie als Angehöriger für bis zu zehn Tage eine Freistellung beantragen und haben gesetzlichen Anspruch darauf. Für diese Zeit, in der Sie sich um die Erstversorgung und weitere Planung der Pflege Ihres Angehörigen kümmern können, steht Ihnen das sog. Pflegeunterstützungsgeld zu. Dies entspricht einem bezahlten Sonderurlaub für pflegende Angehörige.
  • Pflegezeit
    Nach dem Pflegezeitgesetz haben Sie als pflegender Angehöriger Anspruch auf bis zu sechs Monate Pflegezeit, in der Sie eine Pause im Job nehmen können und dabei Sonderkündigungsschutz genießen. Ähnlich wie bei der Elternzeit für die Kinderbetreuung dürfen Sie während dieser Pflegezeit ganz oder teilweise der Arbeit fernbleiben, um Ihren Angehörigen zu pflegen. Dieser Anspruch besteht allerdings nur in Unternehmen mit mehr als 15 Arbeitnehmern. Geld für pflegende Angehörige gibt es bei dieser Variante nicht. Einen finanziellen Ausgleich können Sie ggf. vom Pflegebedürftigen erhalten, bspw. über das Pflegegeld.
  • Familienpflegezeit
    Dauert der Pflegebedarf über den Zeitrahmen von sechs Monaten hinaus an, können Sie für bis zu 24 Monate die Familienpflegezeit nutzen, die als finanzielle Unterstützung für pflegende Angehörige im Familienpflegezeitgesetz geregelt ist. Voraussetzung ist allerdings, dass Sie pro Woche mindestens 15 Stunden bei Ihrem Arbeitgeber tätig sind. Um den Verdienstausfall abzufedern, haben Sie Anspruch auf ein zinsloses, staatliches Darlehen. Es besteht allerdings kein Rechtsanspruch gegenüber Arbeitgebern mit 25 oder weniger Beschäftigten.
  • Zinsloses, staatliches Darlehen
    Während der Pflegezeit und der Familienpflegezeit können Sie als finanzielle Unterstützung ein zinsloses, staatliches Darlehen vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben aufnehmen.
Beruf Familie und Pflege vereinbaren
Ratgeber
Beruf, Familie & Pflege vereinbaren
Info

Wichtiger Hinweis für pflegende Angehörige

Die Pflege eines nahen Angehörigen ist Voraussetzung dafür, ob Sie die Pflege- oder Familienpflegezeit in Anspruch nehmen können. Als nahe Angehörige zählen:

  • Großeltern
  • Eltern, Schwieger- und Stiefeltern
  • Ehegatten, Lebenspartner, Partner einer eheähnlichen Gemeinschaft
  • Geschwister, Schwager/Schwägerin, Lebenspartner der Geschwister, Geschwister der Lebenspartner
  • leibliche Kinder, Adoptiv- und Pflegekinder, Kinder des Ehegatten oder Lebenspartners
  • Schwiegerkinder
  • Enkelkinder
  • Beiträge zur Rentenversicherung
    Als pflegender Angehöriger sind Sie während der Pflege sozial abgesichert. Die Pflegekasse bezahlt während der Pflegezeit Beiträge zur Rentenversicherung. Sie müssen hierfür aber mindestens 10 Stunden pro Woche der Pflege widmen. Als pflegender Angehöriger sammeln Sie demzufolge Rentenpunkte, während Sie sich um Ihre pflegebedürftigen Verwandten kümmern.
  • Zuschüsse zur Pflege- und Krankenversicherung
    Die Pflegekasse übernimmt außerdem Zuschüsse zur Pflege- und Krankenversicherung für pflegende Angehörige. In der Arbeitslosenversicherung dürfen Sie sich freiwillig versichern – die Beiträge bezahlen Sie allerdings selbst. In der Unfallversicherung sind Sie als pflegender Angehöriger hingegen kostenfrei gesetzlich versichert.
Pflegezeitgesetz
Ratgeber
Pflegezeitgesetz (PflegeZG) aus dem Jahr 2015

Rechtliche Vorsorge für den Pflegefall: Auch nachträglich möglich?

Im Idealfall sorgt man bereits im jungen Alter und im gesunden Zustand vor und regelt, wie im Ernstfall verfahren werden soll. Rechtlich kann man sich lange vor einer möglichen Pflegebedürftigkeit absichern. Dabei gibt es folgende rechtliche Vorsorgeformen:

  • Patientenverfügung: Regelung über erwünschte und nicht erwünschte ärztliche Maßnahmen, die für den behandelnden Arzt maßgeblich sind (z. B. lebenserhaltende Maßnahmen nach schweren Unfällen)
  • Vorsorgevollmacht: Ernennung einer Person, die vertretungsweise Entscheidungen treffen und Verträge abschließen darf, wenn der Betroffene es selbst nicht mehr kann
  • Betreuungsverfügung: Auftrag an das zuständige Gericht, im Ernstfall eine bestimmte Person als rechtlichen Betreuer zu bestellen
  • Testament: Willenserklärung eines Erblassers darüber, was nach seinem Tod mit seinem Vermögen geschehen soll
Vollmachten und Verfügungen
Ratgeber
Vollmachten & Verfügungen

 

Info

Pflegebedürftiger kann weiterhin entscheiden

Auch Ihr Pflegebedürftiger kann all diese Regelungen immer noch treffen, wenn er bereits pflegebedürftig ist, sofern er sich noch guter geistiger Gesundheit erfreut. Auch eine nachträgliche Vorsorge ist möglich und sollte zum Zeitpunkt des plötzlichen Pflegefalls unbedingt in Angriff genommen werden.

 

Finanzielle Vorsorge für den Pflegefall: Jetzt schon an später denken

Sie merken es im Pflegefall eines nahen Angehörigen wahrscheinlich selbst: Die Kosten für Pflege sind enorm und die Zuschüsse für die einzelnen  Pflegegrade reichen für die Kostendeckung zumeist nicht aus. Damit Sie selbst schon für Ihr Alter vorsorgen können und später Ihre Angehörigen nicht belasten, sollten Sie frühzeitig mit der finanziellen Vorsorge beginnen. Dazu stehen bspw. Pflegezusatzversicherungen, Pflegetagegeld, private Pflegeversicherungen (Pflegerenten), die staatlich geförderte Pflege-Bahr oder auch private finanzielle Rücklagen zur Verfügung. Nutzen Sie dieses Wissen auch proaktiv für Ihre Eltern oder Großeltern und sprechen Sie offen über Rücklagen, die im Pflegefall genutzt werden können.

Pflegewissen für pflegende Angehörige: Von Körperhygiene bis Hebetechniken

Wenn Sie schon einmal versucht haben, einen erwachsenen Menschen hochzuheben, kennen Sie wahrscheinlich diese Herausforderung der häuslichen Pflege. Ehe Sie die Pflege Ihres Angehörigen alleine übernehmen können, benötigen Sie etwas Pflegewissen für pflegende Angehörige aus verschiedensten Bereichen, z. B.:

Pflegende Angehörige
Ratgeber
Pflegewissen für pflegende Angehörige

Je nach Situation kommen weitere Themen hinzu, beispielsweise der richtige Umgang mit den Schmerzen (Schmerzmanagement) des Betroffenen, die dauerhafte Bettlägerigkeit des Pflegebedürftigen oder auch der sensible Umgang mit Personen mit Demenz.

Info

So erlernen Sie das nötige Praxiswissen

Die Pflegekassen sind gesetzlich verpflichtet, Ihnen kostenfreie Pflegekurse für pflegende Angehörige anzubieten. Diese Schulungen vermitteln bspw. Lagerungs- und Mobilisierungsmethoden und geben Informationen über mögliche Hilfsmittel, rechtliche Gegebenheiten der Pflege und zur Pflegeversicherung. Dadurch werden Sie schnell mehr Sicherheit in der täglichen Pflege erlangen.

Entlastungsangebote für pflegende Angehörige

In der Praxis kommt es häufig vor, dass sich pflegende Angehörige mit so viel Einsatz um ihre neuen Aufgaben kümmern, dass sie ihre eigenen, schwindenden Kräfte nicht bemerken. Je schwerwiegender der Pflegebedarf ist und je weniger Hilfe durch andere Familienmitglieder oder Pflegedienste in Anspruch genommen wird, desto schneller macht sich der Stress bemerkbar. Selbst der resistenteste Mensch geht angesichts dieser Belastung früher oder später in die Knie, wenn er sich nicht um sich selbst kümmert. Nehmen Sie deshalb Entlastungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige wahr, wann immer Sie können. Denken Sie immer daran: Sie sind nicht nur dem Pflegebedürftigen gegenüber eine Verpflichtung eingegangen, sondern insbesondere sich selbst. Entlastung finden Sie z. B. durch diese Angebote:

 

  • Urlaub für pflegende Angehörige: Auch als Pflegender brauchen Sie früher oder später Urlaub. Nutzen Sie z. B. das Angebot der Verhinderungspflege, bei der Ihr Angehöriger für die Dauer Ihrer Abwesenheit ersatzweise versorgt wird.
  • Urlaub mit Pflegebedürftigen: Auch ein gemeinsamer Urlaub mit dem Pflegebedürftigen kann die Pflegesituation zuhause entspannen. Ganz wichtig ist aber, dass Sie selbst auch abspannen und einmal etwas für sich alleine oder mit Ihrer eigenen Familie unternehmen können. Damit ihr Angehöriger während dieser Zeit in guten Händen ist, können Sie Urlaub in einem sog. Pflegehotel machen.
  • Reha für pflegende Angehörige: Sie sind am Ende Ihrer Kräfte und müssen sich dringend erholen? Dann kann eine Kur für pflegende Angehörige eine gute Wahl für Sie sein. Sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt. Er wird Sie dabei unterstützen, die notwendigen Anträge zu stellen. Schon kleine Wellnessanwendungen (z. B. Massagen) von Zeit zu Zeit können den Stresspegel verringern.
  • Selbsthilfegruppen für pflegende Angehörige: In den meisten Regionen gibt es Selbsthilfegruppen für pflegende Angehörige, in der Sie sich mit anderen über den Alltag in der häuslichen Pflege und die psychische Belastung für Angehörige austauschen können. Nehmen Sie diese Gelegenheit wahr – hier finden Sie Gleichgesinnte, mit denen Sie sich über die Herausforderungen der Pflege austauschen und sich gegenseitig Tipps für die Pflegepraxis geben können.
  • Unterstützung im Alltag: Holen Sie sich für alltägliche Aufgaben Hilfe, sodass Sie sich voll auf die Pflege konzentrieren können. Eine Haushaltshilfe, ein Alltagsbegleiter eine Einkaufshilfe im Rahmen der stundenweisen Seniorenbetreuung oder auch ein Menübringdienst können Ihnen viel Arbeit abnehmen und so vielleicht sogar noch die eigene Berufstätigkeit oder zumindest etwas Freizeit ermöglichen.
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Handeln Sie verantwortungsvoll für sich selbst

Sie selbst sind für Ihre Gesundheit und Entspannung verantwortlich – niemand wird an Ihrer Stelle darauf achten. Es ist keine Schande, sich Hilfe zu holen, sondern vielmehr ein Zeichen von Stärke, seine eigenen Grenzen zu kennen und zu respektieren.

Wenn nichts mehr geht: Was tun gegen Überlastung?

Pflegende Angehörige kämpfen oft mit Belastungen, die sich im Laufe der Zeit anstauen können. Oft sind Sie den Tag hindurch durch ihre Pflegeaufgaben so stark eingebunden, dass Sie nicht nur Ihre eigenen Entspannungsphasen vernachlässigen, sondern insbesondere auch Ihr Privatleben. Schwierigkeiten in der Partnerschaft und eine Distanzierung von Freunden und Bekannten bis hin zur Isolation sind häufig die Folge. Viele pflegende Angehörige leben ständig mit der Belastung schwerwiegender Schuldgefühle, einerseits den vernachlässigten Freunden gegenüber, andererseits aber auch bezüglich des Pflegebedürftigen, wenn sie sich doch einmal frei nehmen. Häufig steht man mit all seinen Sorgen und Nöten alleine da. Dies kann in einen Burn-out oder einer schwerwiegenden Depression münden.

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Nehmen Sie in dieser Situation eine psychologische Beratung in Anspruch. So lernen Sie, wie Sie mit Ihren Gefühlen richtig umgehen. Eine längere Auszeit, beispielsweise in Form einer Reha für pflegende Angehörige, kann für etwas Abstand sorgen. Noch wichtiger ist allerdings, dass Sie Ihren Alltag in der häuslichen Pflege umstrukturieren und sich bei Bedarf Hilfe holen. Andernfalls wird der Teufelskreis Sie nach Ihrer Auszeit schon bald wieder einholen.

Nach der Pflege: Abschied nehmen von einem geliebten Menschen

Irgendwann wird die letzte Phase im Leben Ihres Angehörigen anbrechen und Sie müssen sich neben der Pflege mit Gedanken des Verabschiedens befassen. Gerade bei schwerwiegenden Erkrankungen ist das bevorstehende Ende eine große Belastung für alle Angehörigen. Im Rahmen der Palliativpflege haben Sie die Möglichkeit, Ihrem Angehörigen diese letzte Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten, unter anderem auch im Rahmen der medikamentösen Schmerztherapie. So können Sie sicher sein, dass Ihr Angehöriger nicht leiden muss und in der letzten Phase seines Lebens noch einmal Ihre Nähe genießen kann. Für Sie als Angehöriger und Ihre Familie gibt es die Möglichkeit der Sterbebegleitung. Auch hierzu können Sie Angebote zur Unterstützung wahrnehmen und lernen, Ihre Gefühle zu verarbeiten und nach und nach „Abschied nehmen“.

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Wussten Sie schon, dass…?

Damit Sie Ihrem Angehörigen seine letzten Wochen oder Monate möglichst schön gestalten können, sichert Ihnen das Pflegezeitgesetz den Anspruch auf eine weitere Freistellung zu. Bis zu drei Monate können Sie sich von der Arbeit freistellen lassen, um den Sterbenden auf seinem Weg zu begleiten.

Ist Ihr Angehöriger verstorben, beginnt für Sie besonders in psychologischer Hinsicht eine sehr schwere Zeit. Nicht nur dass Sie nun lernen müssen, mit Ihrer Trauer zu leben, vielleicht fühlen Sie sich jetzt überflüssig und nicht mehr gebraucht. Vielen pflegenden Angehörigen fällt es schwer, einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen, besonders wenn die Pflegezeit lange angedauert hat und Sie dafür vielleicht sogar Ihren Arbeitsplatz aufgeben mussten. pflege.de gibt Ihnen auch hierfür Tipps, wie Sie aus diesem Tal der Trauer wieder herausfinden und neuen Lebensmut schöpfen.

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Erfahrungsbericht

Pflege und Sterben meiner Mutter zuhause – So habe ich es erlebt

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Meine Mutter starb am 2. November 2014 im Alter von 76 Jahren in ihrem Wohnzimmer, in den Armen meines Vaters. Dass wir ihr diesen Wunsch ermöglichen konnten, war bei aller Trauer ein sehr friedliches Gefühl, obwohl die vorangehenden Wochen natürlich mit vielen emotionalen Höhen und Tiefen einhergingen. Im Folgenden möchte ich meine Erfahrung teilen, wie ich als Tochter die letzten zwei Monate meiner Mutter zuhause erlebt habe, und möchte Ihnen damit Mut machen.

Zunächst kurz zu unserer Familie: Ich bin mit 45 Jahren die jüngste von drei Töchtern und diejenige, die im gleichen Ort wie unsere Eltern wohnt. Meine Schwestern wohnen 60 km und 120 km entfernt, können also nicht so spontan zuhause vorbeischauen, wie es für mich möglich ist. Ich selbst bin verheiratet, arbeite selbstständig von zuhause aus und habe zwei Kinder, die damals 10 und 12 Jahre alt waren. Mein Vater ist 79 Jahre alt und kommt noch sehr gut zurecht.

“Schmerzen waren immer ein großer Teil ihres Lebens“

Ich kenne meine Mutter eigentlich fast mein ganzes Leben lang mit chronischen Schmerzen und mittelschweren bis schweren Erkrankungen. Dabei handelte es sich sehr oft um Schmerzen, die nicht wirklich abgeklärt werden konnten. Doch auch lebensbedrohende Situationen wie eine Entzündung im Gehirn oder Darmverschluss begleiteten meine Mutter, so dass häufige Arztbesuche, Krankenhausaufenthalte und vor allem physische Beeinträchtigung durch immer wieder auftretende schlimme Schmerzen ein großer Teil ihres Lebens waren und viel von ihrem eigentlichen Wesen unterdrückt haben.

Es war ein ewiges Auf und Ab zwischen Bangen und Hoffen.
Dorothee Bluhm

Im Juli 2014 häuften sich nun die merkwürdigen Schmerzen, die Darmprobleme und die Herzrhythmusstörungen und meine Mutter wurde immer wieder ins Krankenhaus eingeliefert, zum Teil operiert und dann wieder entlassen. Es war ein ewiges Auf und Ab zwischen Bangen und Hoffen; entspannte und zuversichtliche Phasen mit vielen Plänen für die Zukunft wurden von schlimmen Schmerzen mitten in der Nacht abgelöst. Mal war es der Darm, mal das Herz, dann schienen die Schmerzen von der Wirbelsäule her zu kommen, aber so richtig wusste niemand, was los war. In einer Notoperation bekam meine Mutter einen künstlichen Darmausgang, wenig später einen Herzschrittmacher. Zur Reha wurde sie dann in eine spezielle Klink verlegt und es sah erst gut aus.

“Ich sehe das doch richtig, dass meine Mutter in absehbarer Zeit sterben wird, oder?“

Doch recht schnell merkte ich, dass ihr Lebenswillen nun einfach weniger wurde und sie keine Lust mehr auf Untersuchungen, Physiotherapie, spezielles Essen etc. hatte – sie wollte nur noch nach Hause. Anfang September bat ich um ein Gespräch mit der behandelnden Ärztin, die mir dann sagte, sie könnte für meine Mutter nichts mehr tun und wir müssten nun entscheiden, was mit ihr geschieht. Wie es meine Art ist, fragte ich geradeheraus: „Ich sehe das doch richtig, dass meine Mutter in absehbarer Zeit sterben wird, oder?“. Die Ärztin lehnte sich sichtlich erleichtert zurück und antwortete: „Was bin ich froh, dass Sie das so realistisch sehen, das erlebe ich sehr selten bei Angehörigen.“ Mittlerweile wog meine Mutter knappe 40 kg bei 1,68 m Körpergröße und es war klar, dass dieser ausgezehrte Körper auch keine weitere Operation mehr überstehen würde – selbst, wenn die Ärzte gewusst hätten, was zu operieren ist. Somit wurde meine Mutter als multimorbid entlassen. Mein Vater war der festen Meinung, dass meine Mutter sich in ihrer vertrauten Umgebung wieder komplett erholen würde und reagierte auf alle gegenteiligen Aussagen sehr unwirsch.

„Mein Vater bemühte sich nach Kräften, sie zu bekochen und wieder ‚aufzupäppeln’“

Nun stand ein Pflegebett im Wohnzimmer und meine Mutter war froh, wieder zuhause zu sein. In den ersten Tagen schaffte sie es sogar ein paar Schritte auf die Terrasse und genoss die herbstlichen Sonnenstrahlen. Mein Vater bemühte sich nach Kräften, sie zu bekochen und wieder ‚aufzupäppeln‘, während morgens und abends ein ambulanter Pflegedienst kam, der sich um den Stomabeutel kümmerte und meine Mutter für den Tag oder die Nacht wusch und umzog.

Da meine Mutter überwiegend schmerzfrei war, kehrte auch langsam ihre humorvolle und entspannte Haltung wieder und sie wirkte oft glücklich mit der Situation. Ihr Bruder und ihre Schwägerin aus Stuttgart kamen zu Besuch, natürlich wir Schwestern, Freunde riefen an und mein Vater kümmerte sich ebenfalls rührend um meine Mutter. Doch nach und nach wurde sie schwächer, sie wollte nicht mehr aufstehen oder ein paar Schritte gehen, wollte keine Physiotherapie mehr und das Liegen bereitete ihr trotz Weichlagerungsmatratze zunehmend Schwierigkeiten. Sie schlief auch wesentlich mehr und es strengte sie an, wenn zu viele Menschen im Raum waren oder sich unterhielten.

Mein Vater bemühte sich immer noch, sie zu regelmäßigem Essen zu bewegen, es gab spezielle hochkalorische Trinknahrung, die er ihr immer wieder anbot. Das machte meine Mutter irgendwann wirklich wütend und ich versuchte Papa wieder darauf hinzuweisen, dass Mama einfach ’nicht mehr werden‘ würde. Doch immer noch wies er das strikt von sich und meinte, sie müsse halt nur die Übungen machen und gut essen und trinken, dann würde das alles wieder gut.

„Es war eine überwiegend friedliche und liebevolle Stimmung im Haus“

Da mein Vater im Schützenverein regelmäßige Veranstaltungen hatte und auch einen Abend in der Woche seit Jahren einer Doppelkopfgruppe angehört, kam ich zu diesen Zeiten regelmäßig, um bei meiner Mutter zu sein. Eine meiner Schwestern übernahm auch einige dieser „Mama-Sitting“-Stunden und wir fanden beide, dass es sehr schöne Zeiten waren. Oft schlief meine Mutter, wurde dann wach und stellte eine Frage, nach deren Beantwortung sie wieder wegdöste. Sie genoss aber auch Fußmassagen, ließ sich gerne kämmen oder eincremen und fand es einfach schön, ein bisschen zu reden. Bis auf wenige Ausnahmen – unbequeme Lage, beginnender Dekubitus, leichte Krämpfe oder kalte Füße – war sie auch frei von jeglichen Schmerzen und so war es eine überwiegend friedliche und liebevolle Stimmung im Haus. Ab und zu gab es Diskussionen mit meinem Vater um die Menge dessen, was sie gegessen oder getrunken hatte, denn da blieb er sehr hartnäckig.

Mitte Oktober rief dann der Hausarzt meiner Mutter an, der regelmäßig zu Blutuntersuchungen vorbeikam. Mein Vater war nicht zuhause, und da der Arzt mich von klein auf kennt, sprach er mit mir darüber, dass die Nierenwerte meiner Mutter sich sehr verschlechtert hätten. Es gäbe nun zwei Möglichkeiten: Sie müsse mehrmals in der Woche ins Krankenhaus zur Dialyse oder einen Port gelegt bekommen, über den sie dann zuhause jeweils mehrere Stunden am Tropf sein könnte. Auch hier sagte ich, was ich dachte: „Meine Mutter will nicht mehr ins Krankenhaus. Und es ist doch so, dass sie in absehbarer Zeit sterben wird, oder?“ Auch er war sehr erleichtert und meinte, dass er als Arzt natürlich alle Möglichkeiten darstellen müsse. Ich fragte ihn, was denn die Folgen wären, wenn keine Dialyse stattfindet und er erklärte mir, dass dann die Nieren schnell versagen würden, was sich in zunehmender Müdigkeit, eventuellen Krämpfen, die man aber medikamentös gut behandeln könne und letztendlich in einem Versagen des Herz-Kreislaufsystems äußert. Ich antwortete, dass ich natürlich diese Entscheidung meinem Vater überlassen müsse, der sich bei ihm melden würde.

„Es ging fortan nur noch darum, die verbleibende Zeit so schön wie möglich zu gestalten“

Als mein Vater nach Hause kam, war es eines der schwersten Gespräche meines Lebens. Auf einmal fiel alles von ihm ab und ich konnte deutlich sehen, dass auch er schon länger wusste, dass Mama sterben würde, es aber einfach nicht wahrhaben wollte. Nach seinem Telefonat mit dem Arzt war es, als ob ein Ruck durch seinen Körper gehen würde und als erstes packte er alles an Astronautennahrung und sonstigen Pülverchen weg und nahm jeglichen Druck aus der Versorgung und Pflege meiner Mutter raus. Es ging fortan nur noch darum, die verbleibende Zeit so schön wie möglich zu gestalten und er richtete sich komplett danach, was Mama sich wünschte. Sie schlief sehr viel, aber es waren auch noch viele wunderbare Momente bis hin zum abendlichen ‚gemeinsamen Fernsehen‘, bei dem mein Vater ihr die Filme erklärte, die sie überwiegend im Halbschlaf mitbekam.

Diese für uns alle in erster Linie sehr friedliche Zeit dauerte dann noch 14 Tage, bis sie an einem Sonntagmorgen sehr unruhig war. Ich war bei ihr, wie jeden Sonntag, und war über zwei Stunden damit beschäftigt, sie zu umsorgen. Ihre Zehen krampften und mussten massiert werden, dann wurde ihr schlecht und sie brauchte eine Schüssel, dann juckte ihr Rücken … ihr gesamtes Verhalten war ganz anders als sonst und ich hatte schon sehr stark das Gefühl, dass es nun nicht mehr lange dauern würde. Kurz, nachdem sie eingeschlafen war, kam mein Vater nach Hause und ich berichtete von meinen Beobachtungen. Er war bestürzt aber sehr gefasst, ließ sie schlafen und schickte mich nach Hause. Kaum war ich zuhause angekommen, klingelte das Telefon und mein weinender Vater war am Apparat, meine Mutter hatte es überstanden. Also fuhr ich direkt wieder hin und wir spendeten uns gegenseitig Trost, so gut es ging.

„Diese Möglichkeit, auch im Tod noch Zeit mit ihr verbringen zu können, war sehr viel wert“

Natürlich waren nun einige Telefonate zu erledigen, aber nach dem Anruf beim Hausarzt und beim Bestatter setzten wir uns erst einmal wieder aufs Sofa und verbrachten noch ein bisschen Zeit mit Mama, die nun – auch, wenn es klischeehaft sein mag – sehr entspannt und friedlich aussah. Diese Möglichkeit, auch im Tod noch Zeit mit ihr verbringen zu können, war sehr viel wert. Mein Vater vereinbarte mit dem Bestattungsunternehmen, dass sie am nächsten Abend erst abgeholt würde und hat diese letzten Stunden wohl auch sehr bewusst mit ihr erlebt, um noch einmal ganz in Ruhe Abschied zu nehmen.

Für uns war es eine gute Entscheidung und wir alle haben auch viele positive Erfahrungen gemacht und wertvolle Stunden miteinander verlebt.
Dorothee Bluhm

Alles in allem war die Zeit, in der wir meine Mutter zur Pflege und zum Sterben zuhause hatten, natürlich emotional sehr aufwühlend und mein Vater sagte einmal, er wüsste nicht, wie lange er das hätte durchhalten können. Es waren gut zwei Monate von der Entlassung im Krankenhaus bis zum Tod, und das war eine Zeit, die machbar war. Dazu kam auch, dass Mama überwiegend geistig klar war, wenn sie auch ab und zu mal Daten oder Ereignisse durcheinandergebracht hat. Außerdem war sie auch nicht mehr in der Lage, das Bett zu verlassen – wie es mit der Pflege eines verwirrten Angehörigen, der im Alleingang das Bett oder sogar das Haus verlässt, aussieht, vermögen wir uns nicht vorzustellen. Für uns war es eine gute Entscheidung und wir alle haben auch viele positive Erfahrungen gemacht und wertvolle Stunden miteinander verlebt, deren Erinnerungen uns auch in der Trauer viel geholfen haben.

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Erstelldatum: .01.507102|Zuletzt geändert: .82.509102
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Gastbeitrag

Entscheidungshilfe: Kann ich selbst pflegen?

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Chantal Meißner
 
Chantal Meißner
Examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin und Gesundheitswissenschaftlerin
Chantal Meißner spezialisiert sich derzeit im Master Public Health auf die Bereiche Gesundheitsversorgung, -ökonomie und -management.

Die Entscheidung dafür, seinen pflegebedürftigen Angehörigen selbst zu versorgen, ist ein großer Schritt und muss gut überlegt sein. Es lässt sich oftmals leicht sagen, dass man seine Eltern oder seinen Partner solange wie möglich zuhause pflegen möchte, doch die wenigsten sind sich über die Tragweite dieses Entschlusses bewusst.

In Deutschland werden rund drei Viertel aller Pflegebedürftigen zu Hause versorgt. Das heißt: Von den insgesamt 2,9 Millionen Pflegebedürftigen sind es über eine Million Menschen, die allein durch nahe Angehörige gepflegt werden. Denn der Wunsch vieler Verwandten ist es, dem Pflegebedürftigen die bestmögliche Versorgung in seiner bekannten Umgebung zu bieten. Aber was ist überhaupt die optimale Pflege und was kann ich mir selbst zumuten? pflege.de möchte Ihnen durch ein paar Fragestellungen helfen, die für Sie richtige Entscheidung zu treffen. So können Sie besser abschätzen, was die Pflege eines Angehörigen abverlangt und worauf Sie sich einstellen müssen.

Bevor Sie sich dazu entschließen Ihren Angehörigen zu pflegen, sollten Sie sich in Ruhe mit ihm (und anderen Familienmitgliedern) über seinen Pflegebedarf und seine Wünsche austauschen. Zugleich sollten Sie sich Ihrer eigenen Bedürfnisse sowie Grenzen bewusstwerden und entscheiden, ob Sie körperlich und psychisch dazu in der Lage sind, Ihren Angehörigen zu pflegen.

Folgende Fragen können Sie dabei unterstützen, eine Entscheidung für Ihre individuelle Situation zu fällen:

1. Habe ich bereits Kenntnisse im Bereich der Pflege?

Vorkenntnisse im Bereich der Pflege machen es oftmals leichter mit den psychischen und physischen Belastungen der pflegerischen Versorgung umzugehen. Sollten Sie noch keine Erfahrungen in der Pflege haben, stellt dies keinen wesentlichen Hinderungsgrund dar. Sie sollten sich jedoch fragen, ob Sie sich zutrauen, Ihren Angehörigen bei der Körperpflege und vor allem der Intimpflege zu unterstützen. Welche Grenzen möchten Sie bei der Versorgung setzen? Können Sie sich vorstellen, Ihren Angehörigen im Intimbereich zu waschen? Wäre es für Sie denkbar, ihn bei Toilettengängen zu unterstützen oder den Wechsel von Inkontinenzmaterialien durchzuführen? Haben Sie die Geduld und Gelassenheit, um ihm geeignete Nahrung zuzubereiten und ihn bei der Ernährung zu unterstützen?

In kostenlosen, regionalen Pflegekursen erhalten Sie einen ersten Eindruck davon, was die tägliche Versorgung eines Pflegebedürftigen beinhaltet. Sie erlernen praktische Grundlagen der Altenpflege und haben die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen sowie konkrete Fragen zu stellen. Der Pflegekurs kann Ihnen dabei helfen, Ängste abzubauen, und Sie dabei unterstützen, eine Entscheidung für die Pflege Ihres Angehörigen zu fällen. Eine weitere Option bieten zudem Pflegeschulungen in der Häuslichkeit. Dort erhalten Pflegepersonen, die ihren Angehörigen bereits zu Hause pflegen, eine individuelle Beratung zur Anwendung von Hilfsmitteln in der Wohnumgebung. Erfahren Sie mehr zu diesem kostenlosen Angebot der Pflegekassen in diesem Beitrag.

2. Bin ich körperlich dazu in der Lage, meinen Angehörigen zu pflegen?

Die Versorgung eines Pflegebedürftigen ist körperlich belastend und erfordert neben Kraft auch Ausdauer. Zu den regelmäßigen Aufgaben eines pflegenden Angehörigen gehören, je nach Pflegegrad (bis 31.12.2016: Pflegestufe) des Betroffenen, die Unterstützung beim An- und Auskleiden, die tägliche Körperpflege, das Vorbereiten und Anreichen von Mahlzeiten, die Begleitung zu Terminen, die Betreuung sowie die Mobilisation des Betroffenen. Auch wenn Bewegungskonzepte, wie zum Beispiel Kinästhetik, dazu beitragen können, die pflegerischen Tätigkeiten für beide Seiten angenehmer zu gestalten, ist die tägliche Versorgung für Pflegende anstrengend und kräftezehrend.

Sind Sie dazu in der Lage, täglich körperlich zu arbeiten? Bedenken Sie, dass Sie die Pflege vermutlich über einen längeren Zeitraum durchführen werden.
Chantal Meißner

Sie sollten sich daher fragen, ob Sie dazu in der Lage sind, täglich körperlich zu arbeiten. Menschen mit dauerhaften Schulter- und Rückenproblemen sowie körperlich eingeschränkten oder wenig belastbaren Personen wird geraten, nur einen Teil der Pflegeaufgaben zu übernehmen und sich von professionellen Pflegekräften, wie einem ambulanten Pflegedienst, entlasten zu lassen. Auch eine chronische Krankheit, die schubweise auftritt, oder eine lang geplante Operation schränken die Pflege Ihres Angehörigen ein. Bedenken Sie, dass Sie die Pflege vermutlich über einen längeren Zeitraum durchführen werden und informieren Sie sich, ob Entlastungsangebote, wie z. B. Verhinderungspflege, für Ihren Angehörigen und Sie in Frage kommen.

Info
Geben Sie auf sich Acht

Als pflegender Angehöriger sollten Sie sich regelmäßig Auszeiten nehmen und Ihre eigene psychische und körperliche Belastung reflektieren. Viele pflegende Angehörige empfinden den Einbezug von professionellen Pflegekräften als Schwäche und opfern sich aufgrund dessen bis zur völligen Erschöpfung auf. Dabei vergessen sie, dass sie damit nicht nur ihre eigene Gesundheit, sondern auch die Versorgung ihres Angehörigen aufs Spiel setzen. Die frühe Integration von professionellen Pflegekräften in die häusliche Pflege bietet hingegen eine enorme Entlastung und ermöglicht es meist erst, Ihren Liebsten möglichst lange zu Hause zu pflegen.

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3. Kenne ich alle gesetzlichen Ansprüche, die ein Pflegebedürftiger hat?

Pflegende Angehörige haben sowohl im Falle einer häuslichen Versorgung als auch der Unterbringung im Pflegeheim Anspruch auf viele unterschiedliche Unterstützungsangebote. Der Überblick über diese Pflegeleistungen hilft, die Versorgung des Pflegebedürftigen besser planen zu können. Informieren Sie sich daher umfangreich über die Angebote, die Sie als pflegenden Angehörigen entlasten können.

4. Traue ich mir die zusätzliche Belastung durch die Pflege psychisch zu?

Informieren Sie sich umfangreich über die Angebote, die Sie als pflegenden Angehörigen entlasten können!
Chantal Meißner

Neben der körperlichen Belastung sollten Sie auch die psychische Beanspruchung durch die Versorgung nicht unterschätzen. Die Pflege eines Angehörigen ist zeitintensiv und kann täglich mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Pflegepersonen fühlen sich daher oft isoliert und vernachlässigen nur allzu oft ihre eigenen sozialen Kontakte. Überlegen Sie sich daher im Vorhinein, welche Ausgleichsmöglichkeiten Ihnen zur Verfügung stehen. Bringen Sie ein stabiles soziales Umfeld und Hobbys mit, die Ihnen helfen, Stress abzubauen und die Gefahr für Überforderung mindern? Oder leiden Sie selbst unter einer seelischen Erkrankung, die Sie belastet? Auch familiäre Schwierigkeiten oder starker beruflicher Druck können die emotionale Anstrengung verstärken und zu einer inneren Unausgeglichenheit führen.

Es ist keine Schande, die Pflege eines Angehörigen in professionelle Hände zu geben. Beziehen Sie also auch diese Option in Ihre Überlegungen mit ein. Wägen Sie ab, ob Sie die Pflege langfristig durchführen können, ohne Ihre eigene Gesundheit zu gefährden und denken Sie darüber nach, ob Sie Ihrem Angehörigen, trotz der täglichen Belastung, wertschätzend und respektvoll gegenübertreten können. Hierzu helfen die vielfältigen Entlastungsmöglichkeiten der Pflegekasse wie Kurzzeitpflege, Verhinderungspflege sowie Tages- und Nachtpflege.

Info
Typische Anzeichen einer Überlastung
  • Sie fühlen sich gestresst und kommen nicht zur Ruhe.
  • Sie sind verzweifelt und fühlen sich überfordert.
  • Sie leiden unter Ein- oder Durchschlafstörungen.
  • Sie sind schnell gereizt und reagieren aggressiv.
  • Sie ziehen sich zurück und vernachlässigen soziale Kontakte.
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5. Ist die Versorgung meines Angehörigen zuhause möglich?

Um die häusliche Pflege Ihres Angehörigen gewährleisten zu können, benötigen Sie gewisse wohnliche Voraussetzungen. Daher sollten Sie vor der Entscheidung, Ihren Angehörigen zu pflegen, prüfen, welche Barrieren die Versorgung unnötig erschweren könnten. Die Erweiterung eines sehr kleinen Badezimmers stellt dabei z. B. eine wesentlich größere Herausforderung dar, wie der Umbau einer Wanne zur Dusche. Auch eine Treppe, die vom Pflegebedürftigen nicht mehr selbst bewältigt werden kann, kann durch einen Treppenlift ausgestattet werden und so die Eigenständigkeit und Mobilität Ihres Angehörigen fördern. Sie müssen sich jedoch darüber bewusst sein, dass die Pflege Ihres Angehörigen meist optische Veränderungen Ihres Wohnraums nötig werden lässt. Sind Sie dazu bereit, Teppiche aus Ihrem Haus zu entfernen, die für Ihr Familienmitglied unnötige, gefährliche Stolperfallen darstellen? Würden Sie einen Raum frei räumen, in dem das Pflegebett Ihres Angehörigen freistehen kann? Für die Wohnraumanpassung steht Personen mit anerkanntem Pflegegrad die finanzielle Unterstützung durch die Pflegekasse zu. Der Abbau von Barrieren in der Wohnung wird von dieser mit bis zu 4.000 Euro einmalig für alle Maßnahmen unterstützt.

6. Kann ich die Pflege meines Angehörigen mit meinem Beruf vereinbaren?

Vor allem für Berufstätige ist die Entscheidung, die Pflege Ihres Angehörigen zu übernehmen, oftmals keine einfache. Sie sollten sich daher fragen, ob Sie dazu bereit sind, Ihren Job (temporär) aufzugeben oder ob Sie Ihre Arbeitszeit um ein paar Stunden reduzieren können. Ist Ihr Arbeitgeber vielleicht dazu bereit, Ihnen flexiblere Arbeitszeiten einzuräumen? Vielleicht kommt für Sie auch eine der gesetzlichen Entlastungsmöglichkeiten in Frage? Hierbei stehen nahen Angehörigen drei Optionen offen:

  • Kurzzeitige Arbeitsverhinderung

Bei einer plötzlich eingetretenen Pflegebedürftigkeit eines nahen Angehörigen können Sie sich für zehn Arbeitstage freistellen lassen. Hierzu ist weder ein Antrag noch die Zustimmung des Arbeitgebers notwendig – Sie sind lediglich dazu verpflichtet, Ihren Arbeitgeber über die Verhinderung zu informieren. In dieser Zeit steht Ihnen das sog. Pflegeunterstützungsgeld zu.

  • Pflegezeit

In Betrieben mit über 15 Beschäftigten können Sie sich laut Pflegezeitgesetz bis zu sechs Monate für die Pflege Ihres Angehörigen freistellen lassen. In dieser Zeit erhalten Sie kein Gehalt, jedoch ist ein finanzieller Ausgleich durch das Pflegegeld des pflegebedürftigen Angehörigen möglich. Des Weiteren können Sie in der Pflegezeit ein zinsloses Darlehen vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben erhalten.

  • Familienpflegezeit

Möchten Sie Ihren Angehörigen über einen längeren Zeitraum pflegen, können Sie die sog. Familienpflegezeit nach dem Familienpflegezeitgesetz für maximal zwei Jahre in Anspruch nehmen. Währenddessen können Sie Ihre Arbeitszeit für die Pflege Ihres Angehörigen auf mindestens 15 Stunden pro Woche reduzieren. Zum Ausgleich kann, wie auch bei der Pflegezeit, ein zinsloses Darlehen vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben in Anspruch genommen werden.

7. Kann ich es mir finanziell leisten, meinen Angehörigen zu pflegen und meinen Beruf aufzugeben?

Bei der Entscheidung, seinen Angehörigen zu pflegen, spielen vor allem finanzielle Sorgen eine große Rolle. Kann ich es mir leisten, ggf. meinen Beruf aufzugeben und mich vollständig auf die Pflege meines Angehörigen zu konzentrieren? Um diese Frage zu beantworten hilft es, sich einen Überblick über die potentiellen Ausgaben und finanziellen Unterstützungsangebote zu machen.

Die Kosten für einen Pflegeheimplatz werden in der Regel nur zum Teil durch die Pflegekasse gedeckt. Im Durchschnitt muss jeder Pflegebedürftige einen Eigenanteil von rund 1.500 Euro leisten, um seinen stationären Aufenthalt in einem Heim zu finanzieren. Die ambulante Versorgung ist hingegen oftmals deutlich günstiger und mit weniger Kosten verbunden. Zudem haben Pflegebedürftige bei der Versorgung in der Häuslichkeit Anspruch auf eine Reihe von Pflegeleistungen. Hierzu zählen u. a. Pflegehilfsmittel zum Verbrauch im Wert von bis zu 40 Euro pro Monat sowie Zuschüsse zum Hausnotruf und zur Wohnraumanpassung.

Sollten Sie sich aufgrund eines plötzlichen Pflegefalls in der Familie dazu entscheiden, sich von der Arbeit freistellen zu lassen, steht Ihnen für diese Zeit das sogenannte Pflegeunterstützungsgeld zu. Bei der längerfristigen Pflege eines Angehörigen bietet es sich hingegen an, das sogenannte Pflegegeld, welches sich am Pflegegrad des Betroffenen orientiert, als Lohnersatz zu nutzen. Des Weiteren trägt die Pflegeversicherung durch die Zahlung von Rentenversicherungsbeiträgen zur Alterssicherung pflegender Angehöriger bei. Dieses Unterstützungsangebot gilt, wenn der Pflegebedürftige mindestens Pflegegrad 2 aufweist und für wenigstens zehn Stunden die Woche, aufgeteilt auf zwei Tage, gepflegt wird.

Sollten Sie sich dazu entscheiden, die Pflege Ihres Angehörigen selbst zu übernehmen, ist dies sehr löblich! Achten Sie jedoch bei allem Engagement auch weiterhin auf Ihre eigene Gesundheit. Denn nur wenn Sie gesund sind und gesund bleiben, können Sie auch für Ihre Angehörigen da sein.

Tipp
9 Ratschläge für pflegende Angehörige
  1. Gönnen Sie sich regelmäßige Auszeiten – Pflegen Sie Ihre sozialen Kontakte und gehen Sie Ihren Hobbys nach. Nutzen Sie dazu die stundenweise Betreuung oder das Angebot der Verhinderungspflege.
  2. Suchen Sie Kontakt zu anderen pflegenden Angehörigen z. B. in Selbsthilfegruppen und Gesprächskreisen.
  3. Nehmen Sie staatliche Unterstützungsangebote wie die Pflegezeit oder ein zinsloses Darlehen in Anspruch. Dazu gibt es einen großen Katalog an Pflegeleistungen, die Ihnen zustehen.
  4. Besuchen Sie Pflegekurse für pflegende Angehörige, um neue praxisnahe Fachkenntnisse zu sammeln und den Austausch mit anderen Pflegenden zu fördern.
  5. Ziehen Sie Grenzen und lassen Sie sich bei der Pflege durch einen ambulanten Dienst oder teilstationäre Pflege entlasten.
  6. Sie können nicht immer in der Nähe des Pflegebedürftigen sein. Ein Hausnotruf gibt Ihnen die Sicherheit, dass nichts passiert, auch wenn Sie unterwegs sind.
  7. Holen Sie sich Unterstützung bei Haushaltstätigkeiten, z. B. durch eine Einkaufshilfe oder einen Menübringdienst.
  8. Achten Sie auf die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem pflegebedürftigen Angehörigen. Es ist wichtig, auch bewusst Zeit ohne pflegerische Tätigkeiten miteinander zu verbringen, um die Beziehung nicht nur darüber existieren zu lassen.
  9. Reflektieren Sie Ihr Handeln und erkennen Sie frühzeitig Anzeichen einer Überlastung. Es ist keine Schande, sondern eher ein Zeichen von Stärke, sich von professionell Pflegenden Hilfe zu holen.
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Erfahrungsbericht

So organisiere ich Omas Pflege aus der Ferne

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Kathrin Sievert
 
Kathrin Sievert
Pflegende Angehörige
Kathrin Sievert ist 34 Jahre alt, lebt in Hamburg und kümmert sich um ihre Oma, die in Hannover in einem Pflegeheim lebt. Im pflege.de-Magazin teilt sie ihre Erfahrungen, die sie bei der Organisation der Pflege aus der Ferne gesammelt hat und berichtet von den Herausforderungen, die ihr begegnen.

Kathrin Sievert koordiniert seit dem Jahr 2011 die Pflege ihrer Oma aus der Ferne. Sie selbst lebt in Hamburg, ihre Großmutter wird in einem Pflegeheim in Hannover versorgt. Als sie die Betreuung für ihre Oma offiziell übernahm, dachte sie sich, „das kann ja nicht so schwer sein“. Doch immer wieder traten unerwartete Schwierigkeiten auf, mit denen sie überhaupt nicht gerechnet hat: Wie erfahre ich, welche Diagnose der Arzt gestellt hat, wenn ich nicht beim Termin dabei sein kann? Wann müssen wir neue Kleidung besorgen? Wen kann ich neue Zahnpasta kaufen schicken? Inzwischen hat sie ihre eigene Methode gefunden und weiß, wie sie fehlende Informationen kriegt. Ein ganz persönlicher Erfahrungsbericht einer Angehörigen, die die Pflege ihrer Oma über hundert Kilometer hinweg organisiert.

Als die Pflegebedürftigkeit bei meiner Oma eintrat, studierte ich in Göttingen, rund zwei Stunden mit dem Zug von ihrem Heimatort entfernt. Ich dachte mir, dass ich die Pflege mit ein bisschen strukturiertem Ordnungsmanagement schon wuppen werde. Regelmäßige Besuche unternahm ich ohnehin und für die richtige Pflege sorgte man ja im Pflegeheim, in dem sie seit einem Sturz auf die Hüfte wohnte.

Was bedeutet das „Management Oma“?

Die Koordination ihrer Pflege und Betreuung stellte ich mir eher wie einen Verwaltungsjob vor. Was das wirklich alles bedeutet, darüber machte ich mir wenig Gedanken. Ich glaube, das ist meistens so: Zum Pflegefall wird man ja nicht schleichend, sondern i. d. R. ganz plötzlich. Wenn dann schnell reagiert werden muss, hat man keine Zeit mehr, das Für und Wider abzuwägen. Dann macht man halt einfach. Und weil es niemand anderen in meiner Familie gab, der in dem Maße, wie ich es für richtig hielt, die Organisation regeln würde, übernahm ich dann also das „Management Oma“.

Je unselbstständiger jemand wird, desto mehr musst du ihm abnehmen. Ein Mensch besteht ja nicht nur aus seiner Grundpflege.
Kathrin Sievert

Ich hatte natürlich Respekt vor der Aufgabe, die Pflege aus der Ferne zu organisieren. Schließlich übernimmt man ja irgendwie die Verantwortung für das Wohlergehen eines Menschen. Aber wenn ich ehrlich bin, hatte ich die Vorstellung im Kopf, ab und zu mit den Pflegern oder der Krankenkasse telefonieren zu müssen und ein paar Überweisungen zu tätigen. Schnell merkte ich aber, dass die Liste an Aufgaben zum Roman wurde. Je unselbstständiger jemand wird, desto mehr musst du ihm abnehmen. Ein Mensch besteht ja nicht nur aus seiner Grundpflege. Rechnungen müssen weiter bezahlt und der Besuch der Schwester in Dresden organisiert werden. Außerdem muss ein neuer Mantel für den Winter her. Ach ja, Deo und Zahnpasta sind alle und nächste Woche steht der Arztbesuch beim Neurologen an. Das aus der Ferne zu steuern ist ohne verlässliche Kommunikation echt schwierig. Auf die Aussagen meiner Oma konnte ich mich irgendwann nicht mehr verlassen. Immer öfter vergaß sie Dinge oder wusste nicht mehr, was sie gestern noch wollte. Die Diagnose Demenz folgte nach zwei Jahren im Pflegeheim. Ich war also auf die Verlässlichkeit Dritter angewiesen.

Die Grenzen von Pflege und Betreuung

Es war kein Problem, die Vollmachten und Verfügungen zu bekommen, also die gesetzliche Vertretung zu übernehmen. Auch der „Papierkram“ mit der Pflegekasse und dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) ließ sich leicht bewerkstelligen. Durch die Unterstützung des Pflegepersonals im Pflegeheim wurde mir in dieser Hinsicht super geholfen. Die Einstufung in Pflegestufe 3 (Anm. d. Red.: heute Pflegegrad 4 oder Pflegegrad 5) ging problemlos vonstatten. Es schien fürs Erste alles zu laufen.

Mit der Zeit lernte ich die eigentlichen Herausforderungen kennen, die die Koordination der Pflege aus der Ferne bedeutet: Auch wenn es zur Grundpflege dazugehört, „Menschen kommunikativ zu aktivieren“, heißt das nicht, dass sich eine Pflegekraft die Zeit nehmen kann, mit der Oma spazieren zu gehen und ein wenig zu plaudern. Es gibt immer wieder Situationen, in denen es für mich als Angehörige schwer war herauszufinden, was das Pflegheim leistet und an welchen Stellen ich selbst aktiv werden muss. Das geht los bei der Frage, wann neues Shampoo oder neue Zahnpasta gekauft wird bis hin zur der Entscheidung, wann Oma neue Unterwäsche oder Hosen braucht. Das Internet kann da auch nur bedingt helfen. Ich erinnere mich, dass ich einmal Unterhemden in einem Onlineshop bestellte und an die Adresse des Pflegeheims schickte. Die waren dummerweise zu groß und mussten wieder zurückgeschickt werden. Das ist schwierig, wenn niemand vor Ort ist, der den Rückversand übernehmen kann.

Immer öfter stellte sich mir die Frage: Wie viel „Betreuung“ kann ich von einem Pflegeheim erwarten? Wenn ich mal drei Wochen nicht da war, stellte ich z. B. fest, dass die Blumen im Zimmer vertrocknet waren. Einmal bekam sie eine neue Gehhilfe. Davon wurde niemand in Kenntnis gesetzt, die Pflegekasse schickte den Rollator einfach ins Pflegeheim. Das Problem war nun, dass dieses riesige Paket mit dem Rollator mitten in dem 12 Quadratmeter-Zimmer stand und niemand es aufmachte. Datenschutz, wie man mir erklärte. Wieso sagt niemand Bescheid, dass seit zwei Wochen das Zimmer blockiert ist? Dafür braucht es doch keine Anweisung.

Als Oma schon einige Monate in ihrem Zimmer im Pflegeheim lebte, redeten wir darüber, wie schön es wäre, einen eigenen kleinen Kühlschrank auf dem Zimmer zu haben. „Das ist kein Problem, Oma, wir besorgen dir einen Minikühlschrank für die Ecke.“ Oma schien begeistert. Doch zwei Wochen nachdem der Kühlschrank geliefert, angeschlossen und befüllt war, musste ich feststellen, dass der Inhalt verschimmelt war: Das Stromkabel wurde herausgezogen, weil das Gerät nachts zu laut war. Dass der Kühlschrank dann aber auch geleert werden muss, daran dachte im Pflegeheim anscheinend niemand. Klar, das ist ja auch nicht die Aufgabe eines Pflegers, den Kühlschrank der Oma zu leeren. Aber dass selbst der Geruch niemandem eine Reaktion abrang, machte mich fassungslos. Eine Info an mich wäre hilfreich gewesen.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Informieren der Angehörigen im Pflegeheim gar nicht so wichtig genommen wird. Und irgendwie ist das ja auch nachvollziehbar. Pflegende sind ohnehin schon mit ihren eigentlichen Aufgaben überlastet. Die Kommunikation mit den Angehörigen würde ich auch auf das Nötigste reduzieren, wenn ich an ihrer Stelle wäre. Schließlich fehlt den Pflegern ja allein schon die Zeit für ihre praktische Pflege und Betreuung. Es muss sich dringend etwas tun in der Pflege.

Als Sprachrohr zugegen sein

Die Erfahrung, dass Informationen manchmal schwer zu beschaffen sind, habe ich auch bei den Hausärzten, Fachärzten, den Krankenhäusern und Physiotherapeuten machen müssen. Und dieses Problem verschärft sich durch den zumindest in unserer Region vorherrschenden Fachkräftemangel: Nicht nur Altenpfleger fehlen, auch Physiotherapeuten sind ein rares Gut geworden. Physiotherapeutische Einheiten müssen verschrieben werden, aber ein Rezept zu bekommen, ist – zumindest für gesetzlich Versicherte – sehr schwierig. Man wisse um den erhöhten Bedarf, aber es gibt einfach nicht genug Physiotherapeuten. Was hilft: Sich nicht von vermeintlichen Kapazitätsgrenzen abschrecken zu lassen. Ich versuche in solchen Fällen, die Menschen persönlich ans Telefon zu bekommen und ihnen die Dringlichkeit zu erklären. Das klappt nicht immer, aber meine Quote wird besser.

Auch wenn es zur Grundpflege dazugehört, Menschen kommunikativ zu aktivieren, heißt das nicht, dass sich eine Pflegekraft die Zeit nehmen kann, mit der Oma spazieren zu gehen und ein wenig zu plaudern.
Kathrin Sievert

Was mich sehr überrascht hat, war die Tatsache, dass es anscheinend einen riesigen Konflikt zwischen stationären Ärzten und ambulant Behandelnden gibt. Die Hausärztin meiner Oma zweifelt relativ oft an der Glaubwürdigkeit der Krankenhausdiagnosen. So etwas wie ein Rücksprache-System gibt es soweit ich weiß auch gar nicht. Es scheint mir manchmal, als würden unliebsame Patienten von der ambulanten in die stationäre Behandlung abgeschoben und von dort wieder zurück. So ein bisschen, als ob sich damit keiner wirklich abschließend befassen will. Umso wichtiger finde ich, die Oma, die sich einfach nicht mehr richtig ausdrücken und wehren kann, bei der medizinischen Versorgung möglichst niemals allein zu lassen. Das wurde mir seitens der Pflegekräfte auch nahegelegt: Menschen, die an Demenz leiden, kommen in der Pflege im Krankenhaus eigentlich immer zu kurz. Als „Pflegekoordinatorin“ einer Demenzerkrankten sehe ich mich mittlerweile zunehmend in der Pflicht, als Sprachrohr zugegen zu sein. Vor allem bei Arzt- und Krankenhausaufenthalten ist es wichtig, persönlich mitzuhelfen und sich nicht auf die Daseinsvorsorge zu verlassen.

„Um wirklich etwas zu erreichen, nerve ich die Leute auch schonmal“

Ich ärgere mich immer wieder, dass mir bestimmte Infos nicht mitgeteilt werden, weder von der Hausärztin, noch von den Pflegern im Heim. Dann frage ich mich, warum die Digitalisierung im Bereich Pflegekommunikation nicht endlich durchschlägt. Wie leicht wäre es, wenn Ärzte, Therapeuten, Pfleger und Angehörige mit entsprechenden Vollmachten Informationen über eine Internetseite oder eine App austauschen könnten? Das würde vieles vereinfachen.

Ich habe einen Weg für mich gefunden, der ganz gut funktioniert, der aber bei weitem nicht der beste ist: Mit einer Pflegerin kläre ich bestimmte Dinge, wie bspw., dass etwas besorgt werden muss oder ein wichtiger Arzttermin ansteht, mittlerweile per WhatsApp. Also über ihre private Handynummer. Das heißt, dass die Grenze zwischen mir als „Kundin“ und der Pflegerin als Privatperson verschwimmt. Manchmal schreibt sie mir noch spät nach ihrem Feierabend. Eigentlich ein Unding, denn die berufliche Belastung nimmt so noch mehr zu. Aber für sie sei das in Ordnung. Und auf diesem Wege funktionieren die Abläufe auch für mich einfach besser. Es wird eine Verbindlichkeit hergestellt, die beim Anruf auf der Station nicht klappt: Erstens weiß ich nie, wer gerade mit mir spricht. Zweitens kann ich nicht sicher sein, ob die Infos weitergegeben werden. Drittens haben die Pfleger manchmal selbst einen unterschiedlichen Wissensstand und können deshalb keine verlässlichen Auskünfte geben.

Es klingt unverschämt, aber funktioniert hat bei mir, den Menschen auch einfach mal eine Frist zu setzen, z. B. „Ich erwarte, bis 17:00 Uhr zurückgerufen zu werden“.

Kathrin Sievert
Es klingt unverschämt, aber funktioniert hat bei mir, den Menschen auch einfach mal eine Frist zu setzen, z. B. Ich erwarte, bis 17:00 Uhr zurückgerufen zu werden.
Kathrin Sievert

Eine feste Person im Pflegeheim als Ansprechpartner zu haben, ist Gold wert. Sonst hilft leider nur, beharrlich zu bleiben und die Leute ein bisschen zu nerven. Es klingt unverschämt, aber funktioniert hat bei mir, den Menschen auch einfach mal eine Frist zu setzen, z. B. „Ich erwarte, bis 17:00 Uhr zurückgerufen zu werden.“ Man kommt sich dabei zwar ein bisschen vor wie diese speziellen Mütter in der Schule, die den Lehrern hinterherdackeln und ihr pädagogisches Konzept in Frage stellen. Aber letztlich erreichst du so einfach mehr.

Mein Fazit

Ich rate allen, die die Pflege aus der Ferne organisieren, nicht nur die Zuständigkeiten des Pflegepersonals genau abzuklären, sondern auch die Möglichkeit der gesundheitlichen Verschlechterung durchzuspielen. Rufen Sie regelmäßig an und fragen Sie, ob Unterstützungsbedarf besteht. Lassen Sie sich die Namen der Personen geben, mit denen Sie gesprochen haben. Sprechen Sie bei Besuchen Ihres Angehörigen in der Pflegeinrichtung immer auch kurz mit dem Pflegepersonal. Holen Sie sich ggf. Hilfe durch eine Seniorenassistenz, die Sie bei der Organisation und Betreuung unterstützt.

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Erfahrungsbericht

Omas Betreuung in der Familie aufteilen — Wer macht was wann wie?

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Kathrin Sievert
 
Kathrin Sievert
Pflegende Angehörige
Kathrin Sievert ist 34 Jahre alt, lebt in Hamburg und kümmert sich um ihre Oma, die in Hannover in einem Pflegeheim lebt. Im pflege.de-Magazin teilt sie ihre Erfahrungen, die sie bei der Organisation der Pflege aus der Ferne gesammelt hat und berichtet von den Herausforderungen, die ihr begegnen.

Meine Oma lebt in einem Seniorenheim in der Nähe von Hannover. Ich lebe in Hamburg und organisiere, was rund um ihre Pflege anfällt, aus der Ferne. Neue Kleidung, Deo oder Shampoo besorgen, zum Arzt begleiten, Überweisungen tätigen oder Omas Schwester in Dresden besuchen fahren — das Spektrum ist umfangreich. Darüber habe ich bereits in meinem Beitrag „So organisiere ich Omas Pflege aus der Ferne“ im pflege.de-Magazin berichtet. Manchmal lassen sich Dinge von Hamburg aus erledigen, manchmal muss man unbedingt vor Ort sein. Insgesamt fallen sehr viele, vor allem auch kleine Dinge, an. Das muss auf mehrere Schultern verteilt werden. In die Organisation involviert sind meine Geschwister und meine Eltern. Aus unterschiedlichen Gründen habe ich die Koordination des ganzen Pflegemanagements übernommen, aber insgesamt kümmern wir uns als Team zusammen um Omas Belange und teilen die meisten Aufgaben untereinander auf.

Pflegebedürftigkeit: Der Übergang ist am schwersten

Als meine Oma vor sieben Jahren pflegebedürftig wurde, war ganz schnell klar, dass sie fortan in einem Pflegeheim wird leben müssen. Geahnt hatten wir es schon länger, aber dass sie dann doch so plötzlich zum Pflegefall wurde, kam unerwartet. Was war zu tun? Wir beriefen als erstes einen Familienrat ein, um die Pflege meiner Oma zu organisieren. Insgesamt kamen drei Generationen zusammen: Meine Geschwister und ich, mein Vater und die Schwester meiner Oma, die extra aus Dresden angereist war. Es ist ein großer Vorteil, dass wir so viele waren: Je mehr Vertraute bei der Entscheidungsfindung über die richtige Versorgungsform beteiligt sind, desto mehr Input gibt es. Jede Person erkennt andere Dinge, so dass mögliche blinde Flecken unwahrscheinlicher werden.

Nach welchen Kriterien sucht man ein Pflegeheim aus? Was passiert mit den Möbeln, den Büchern und Küchenutensilien, die Oma beim Umzug nicht mit ins Pflegeheim nehmen kann?
Kathrin Sievert

Wir überlegten also im Familienkreis, welche Aufgaben nun anfallen werden und wer wo am besten helfen kann. Der gesamte Transit-Prozess (von der Eigenständigkeit zur Pflegebedürftigkeit) war rückblickend betrachtet der schwerste. Ganz einfach, weil ja alles zum ersten Mal geschah. Viele Themen waren für uns völlig neu. Wie funktioniert das mit den Vollmachten? Nach welchen Kriterien sucht man ein Pflegeheim aus? Was passiert mit den Möbeln, den Büchern und Küchenutensilien, die Oma beim Umzug nicht mit ins Pflegeheim nehmen kann? In Summe kommt da ganz schön was zusammen.

Nicht jeder kann in gleichem Maße eingebunden werden

Es wird natürlich komplizierter, wenn nicht alle einer Meinung sind, was das Vorgehen betrifft. Mein Bruder sagte zu mir: „Wenn wir Oma im Luxus-Pflegeheim einquartieren, wird sie es bestimmt schön haben — aber von uns fährt sicher niemand mal eben nach der Arbeit 30 Kilometer dorthin, um auf einen Kaffee reinzuschauen.“ Das war realistisch. Also begutachteten wir die Pflegeheime in der unmittelbaren Umgebung. Und entschieden uns für das, in dem sie ohnehin schon zur Kurzzeitpflege untergebracht war. Die Lage war unschlagbar: Meine Mutter arbeitet um die Ecke und meine Geschwister wohnen ganz in der Nähe.

Eine Erkenntnis, die uns allen bei der Organisation von Pflege und Betreuung von Oma gekommen ist, war: Nicht jeder kann in gleichem Maße eingebunden werden. Aufgabenverteilung und Verantwortung hängen von vielen Faktoren ab. Mir sind drei Punkte aufgefallen, die vielleicht damit zusammenhängen:

  1. Grad an Intimität bzw. Verbundenheit
    Soll die Aufgabe von der angeheirateten Schwägerin, dem Enkelsohn oder der Schwester erledigt werden? Oder anders gefragt: Wie sehr fühlt sich die Person verpflichtet, in die Pflege eingebunden zu werden? Selbst wenn das verwandtschaftliche Verhältnis eng ist: Jemanden zum Helfen zwingen funktioniert auf Dauer nicht.
  2. Zeit
    Kann derjenige die Zeit aufwenden, die die Ausführung der Aufgabe in Anspruch nimmt? Wer beruflich oder familiär eingespannt ist, kann bestimmte Dinge vielleicht nicht so gut in den Tagesablauf integrieren. Und wer weit weg wohnt, ist bei vielen Erledigungen ohnehin raus. Wer in der Woche keine Zeit findet, kann dafür aber am Wochenende ein bisschen mit Oma durch den Park spazieren.
  3. Eignung für bestimmte Aufgaben
    Ist derjenige in der Lage, die Aufgabe richtig auszuführen? Bspw. wäre nicht jeder geeignet, die Oma zur Darmspiegelung zu begleiten oder ihr beim Gang aufs Klo zu helfen. Aber vielleicht behält derjenige ja den Überblick, wenn es um Verträge und bürokratische Aufgaben geht. Es geht dann auch darum, seine eigenen Grenzen zu erkennen und sagen zu dürfen: „Das schaffe ich nicht, diese Aufgabe muss ich abgeben.“ Im besten Fall erntet man Verständnis von den anderen Familienmitgliedern und versucht, einen Ausgleich zu schaffen, indem man etwas anderes übernimmt.
Tipp
Holen Sie sich zu gleich zu Beginn Hilfe

Einen großen Fehler haben wir bei der Organisation der Pflege und Betreuung unserer Oma gemacht: Gleich als erstes hätten wir einen Pflegestützpunkt aufsuchen sollen. Das sind Anlaufstellen für Menschen, die über Pflegethemen aufgeklärt werden wollen. Wir hingegen haben unnötig Zeit und Energie verschwendet. Der Aufwand ist nämlich größer, als man im ersten Moment denkt. Wir preschten einfach rein in den Pflegedschungel und verrannten uns. Dabei muss man gar nicht mühselig jede Info selbst zusammenzutragen. In Deutschland gibt es extra für diesen Fall geschulte Berater, die einem kostenfrei helfen und sogar eine Versorgungsplanung machen. Auch pflege.de hat uns als Informationsportal bei wichtigen Fragestellungen rund um den Bereich Pflegeorganisation sehr oft weitergeholfen.

Es kommt immer mal wieder etwas dazwischen

Zunächst haben wir versucht, die Pflege für Oma in Themen-Bereiche aufzuteilen, so dass man sich nicht immer in die Quere kommt.

  • Arztbesuche und die Kommunikation mit Pflegeheim, Ärzten und Pflegekasse
  • Finanzen, Beihilfe, Überweisungen, Rechnungen bezahlen
  • Besuche, Spazieren gehen, Betreuung, Kleidung kaufen
  • „Botengänge“: z. B. Einkaufen gehen, Bargeld vorbeibringen

Wir haben mit einem Online-Kalender gearbeitet, in dem wir vermerkten, wer wann zu Besuch kommt oder was eingekauft bzw. erledigt werden soll. Irgendwann mussten wir aber feststellen – eigentlich ganz logisch – dass nicht alles durchgeplant werden kann. Es kommt immer wieder etwas dazwischen: Urlaub, Beruf, Kinder oder Krankheit. Auch ein Familienstreit (ich hörte, das kommt in den besten Familien vor) kann geplante Abläufe durcheinanderbringen.

Auch ein Familienstreit kann geplante Abläufe durcheinanderbringen.. Ich höre, das kommt in den besten Familien vor.
Kathrin Sievert

Wichtig ist, dass die Zuständigkeiten geklärt sind und dass Ärzte und Pfleger einen festen Ansprechpartner haben. In unserem Fall bin ich nicht nur die rechtliche Vertreterin, sondern auch die „Sprecherin“ des Pflege-Unterfangens. Das ist aus der Ferne manchmal ganz schön kräftezehrend, denn nicht immer bekommt man mit einem Anruf die Infos, die man braucht. Oma ist jetzt 91 Jahre alt und im Schnitt alle zwei bis drei Monate im Krankenhaus. Es ist wirklich verrückt, wie „normal“ das für uns geworden ist.

Die Kommunikation mit den unterschiedlichen Ärzten läuft über mich und das nimmt mittlerweile die meiste Zeit meines Pflegemanagements in Anspruch. Denn: Auch zwischen den Ärzten, z. B. zwischen Stationsarzt, Hausarzt und Pflegeheim muss vermittelt werden. Manchmal erschrecke ich mich, wie viele hochrelevante Infos einfach nicht weitergegeben werden. Ein Beispiel: Oma kam mit Lungenembolie ins Krankenhaus. Glücklicherweise konnte die Thrombose in der Lunge aufgelöst werden, so dass sie nach einer Woche Krankenhausaufenthalt wieder nach Hause kam. Der Umstand, dass Omas Oberkörper nach einer abklingenden Lungenembolie hochgelagert werden muss, wurde vom Krankenhaus aber nicht ans Pflegeheim weitergegeben. Auch die Hausärztin verordnete nichts. Oma brauchte zudem dringend einen Handgriff überm Bett. Das war zu dem Zeitpunkt nämlich die einzige Möglichkeit, ihren Körper zu bewegen. Telefonisch versuchte ich also zu veranlassen, dass man diesen verflixten Griff über ihrem Bett im Heim installiert. Das ginge erst in den kommenden Wochen, wenn der Hausmeister wieder im Haus sei, antwortete mir eine Mitarbeiterin im Heim. Ich war fassungslos und wurde böse: „Wenn das Teil nicht bis heute Nachmittag angebracht wird, werde ich ungemütlich!“ fuhr ich die Pflegerin am Telefon an, wohlwissend, dass ich von Hamburg aus nichts weiter als ein zahnloser Tiger war. Kaum aufgelegt wählte ich die Nummer meines Bruders. Der war wie so oft beruflich unterwegs und hatte nur wenig Zeit. „Du musst heute Abend ins Pflegeheim und dich drum kümmern, dass der Haltegriff angebracht wird.“ Philip verstand und fuhr sofort los. Eine Stunde später piepste mein Handy. Ein Foto wurde in die WhatsApp-Familiengruppe gestellt: Die im Bett liegende Oma lächelte schwach in die Kamera, über ihr baumelte der ersehnte Griff.

Wir haben es irgendwie gemeinsam geschafft, Situationen wie dem Toilettengang das Beschämende zu nehmen.
Kathrin Sievert

Wer hilft Oma aufs Klo zu gehen?

Ich habe vorhin von den verschiedenen Aufgabenbereichen berichtet und davon, dass man in gewisser Weise geeignet sein muss, bestimmte Dinge zu tun. Ich habe gemerkt, dass ich manches machen kann, was meine Brüder nicht machen würden. Meiner Oma beim Gang zur Toilette zu helfen, hat mich anfangs große Überwindung gekostet. Und Oma erst! Sicher ist das für jeden eigenartig, wenn sich dieses Rollenverhältnis umkehrt. Oma hat mich doch als Baby gewickelt und jetzt helfe ich ihr zur Toilette? Das war am Anfang sehr eigenartig für mich. Aber eigentlich war es Oma, die vor der größeren Herausforderung stand. Sie musste ja damit klarkommen, dass sie — und das war wohl endgültig — einen Schritt in der Entwicklung zurückging. Und dass sie wahrscheinlich bald nie wieder in ihrem ganzen Leben ohne Hilfe zur Toilette gehen kann. Ich habe mich oft gefragt, welches Gefühl da bei ihr wohl überwiegt, Frustration über das Unvermögen oder Dankbarkeit darüber, dass ich ihr helfe. Ich glaube, dass sie dankbar ist. Auch weil wir es irgendwie gemeinsam geschafft haben, solchen Situationen wie dem Toilettengang das Beschämende zu nehmen. Wir nehmen uns Zeit für jeden einzelnen Schritt, erzählen dabei ein wenig und wir reißen ein paar Witze.

Meine Geschwister und meine Eltern finden es toll, dass ich das mache. Sie könnten es aber nicht, haben sie mir gestanden. Und ich glaube, Oma würde es auch nicht wollen. Oma und ich – wir sind ein unschlagbares Team auf der Toilette. Klingt witzig? Sie sollten uns mal sehen, wenn wir zusammen zur Darmspiegelung gehen.

Aber im Ernst. Auch wenn ich am meisten eingebunden bin in das Oma-Management: Ich bin heilfroh, dass meine Familie da ist und viele wichtige Aufgaben übernimmt. Meistens sind das Dinge, die „nicht so nah am Körper“ sind. Mein Bruder Christian hat den Bereich Finanzen übernommen: Er verwaltet das Konto, macht die Überweisungen und kümmert sich um die Steuer. Seine Frau Carmen schickt die Pflegeheim-Rechnungen am Monatsanfang an die Beihilfe-Stelle. Mein Bruder Andreas ging früher regelmäßig mit Oma ins Konzert oder zu Kunst-Vorträgen. Philip ist eher nicht dazu gemacht, sich einen zweistündigen Vortrag über den Blauen Reiter anzuhören. Andreas ist da sozusagen kulturaffiner. Heute kann Oma das nicht mehr, zu Konzerten oder Vorträgen gehen. Deswegen schaut Andreas sich jetzt mit ihr Kunstbücher im Garten an. Jeder macht eben das, was er gut kann.

Oma hat mich doch als Baby gewickelt und jetzt helfe ich ihr zur Toilette?
Kathrin Sievert

Wertschätzung ist das A und O: Danke sagen!

Die Betreuung und Pflege-Organisation von Oma teilen wir jetzt seit sieben Jahren untereinander auf. Erst hat uns das vor große Herausforderungen gestellt. Es hat aber auch den Familienzusammenhalt gestärkt. Wir haben gelernt, verständnisvoller füreinander und auch wertschätzender zu sein. Es hilft viel, „Danke“ zu sagen, auch wenn man manche Kleinigkeit als selbstverständlich sieht. Man lernt auch zu akzeptieren, dass immer wieder Situationen entstehen, in denen es nicht rund läuft. Ich glaube, dass eine grundlegende Gefahr darin besteht, dass der eine dem anderen Dinge unterstellt, wie „er kann das eh am besten, dann soll er es auch machen“ oder „sie zieht sich raus, weil es ihr zu anstrengend wird“. Sowas mündet im schlechtesten Fall in dem ziemlich harten Vorwurf „Oma ist dir wohl egal“. Das sind gefährliche Annahmen, die man vielleicht als Signal verstehen sollte: „Hier muss etwas grundlegend geklärt werden. Wir sind nicht auf demselben Stand.“ Eine WhatsApp-Gruppe ist dafür schon ganz gut. Regelmäßige Treffen sind aber besser.

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