Altersdepressionen: Symptome, Diagnose & Behandlung

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Altersdepressionen

Depressionen gehören neben der Demenz zu den häufigsten psychischen Krankheiten im Alter. Die gute Nachricht: Altersdepressionen sind häufig heilbar. Eine erfolgreiche Behandlung geht mit dem Wissen um die Krankheit, ihre Symptome und Heilungsmethoden einher. pflege.de informiert Sie umfassend über das Thema und gibt Ihnen praktische Tipps zum Umgang mit Betroffenen an die Hand.

Inhaltsverzeichnis

Altersdepression / Depression: Definition

Die Depression (lat.: Lustlosigkeit, Bedrücktheit) ist eine psychische Störung, die die Gefühlswelt eines Menschen negativ verändert. Freudlosigkeit, Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit sind starke Symptome einer Depression. Depressionen sollten nicht mit schlechter Laune oder Traurigkeit verwechselt werden. Auch die Trauer über den Tod eines geliebten Menschen mündet nicht automatisch in eine Depression. Traurigkeit ist ein temporärer Zustand, sozusagen ein Gefühlstief und das gehört ganz natürlich zu unserem Leben dazu.

Die Lebensqualität eines depressiven Menschen wird dagegen über einen langen Zeitraum deutlich gemindert. Bei depressiven Patienten ab 60 Jahren spricht man von einer Altersdepression bzw. einer Depression im Alter.

Früher ging man davon aus, dass die Zahl der an Depression erkrankten Menschen im Alter absinkt. Tatsächlich hat sich das Gegenteil herausgestellt: Die Altersdepression tritt bei 14 Prozent der 70 bis 74-Jährigen auf. Bei den über 80-Jährigen sind es sogar 42 Prozent. Frauen sind im Schnitt doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Krankheiten im Alter Übersicht
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Krankheiten im Alter

Symptome der Altersdepression

Da Altersdepressionen vielfältige Ursachen haben und mit anderen Krankheiten gleichzeitig auftauchen können, ist es schwierig, ein typisches Krankheitsbild zu zeichnen. Neben dem Gefühl der Bedrücktheit und Antriebslosigkeit fühlen sich Betroffene oft hilf- und hoffnungslos. Depressive Menschen leiden in vielen Fällen unter starken Minderwertigkeitsgefühlen und Schuldgefühlen. Hinzu kommen mangelnde Konzentrationsfähigkeit, Reizbarkeit und Suizidgedanken. Betroffene beschreiben Depressionen manchmal auch als ein „Gefühl der Gefühllosigkeit“.

Es gibt zudem alterstypische Besonderheiten von Depressionen. Psychische Störungen im Alter sind häufig nicht die einzigen behandlungsbedürftigen Krankheiten der Patienten. Viele Senioren haben zusätzlich mit körperlichen Leiden zu kämpfen. Sehr oft besteht ein Zusammenhang mit körperlichen Erkrankungen und Funktionseinschränkungen. Erkrankte Senioren neigen dazu, bestehende Probleme viel stärker als bedrohlich wahrzunehmen als jüngere Erkrankte. Während bei jüngeren Menschen z. B. berufsbezogene Probleme im Fokus stehen, leiden ältere Menschen zu 90 Prozent an körperlichen Symptomen, wenn sie an einer Depression erkrankt sind. Diese Beschwerden sind in vielen Fällen psychosomatischer Natur, das heißt, dass sich negative Emotionen durch körperliche Beschwerden äußern. Umgekehrt können auch körperliche Leiden psychische Auswirkungen haben. Das kann bspw. dann passieren, wenn Menschen in ihrer Mobilität eingeschränkt sind und nicht mehr allein aus dem Haus gehen können und in Folge einsam zuhause sitzen und depressiv werden.

Mangelernährung im Alter
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Mangelernährung im Alter

Folgende körperliche Leiden können Anzeichen einer depressiven Stimmungsveränderung bei älteren Menschen sein:

  • Kopfschmerzen
  • Rücken- und Gliederschmerzen
  • Schwindelanfälle
  • Magen-Darm-Beschwerden, speziell Verstopfungen
  • Ohrgeräusche
  • Atemprobleme
  • „Kribbeln“ im Körper
  • Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust (Mangelernährung)
  • Schlafstörungen
  • Müdigkeit
  • Innere Unruhe

Diese Leiden sind aber nicht nur Symptome einer Depression, sondern sie gehören gleichzeitig zu den klassischen Beschwerden des Älterwerdens. Wenn ältere Menschen unter Schlafstörungen leiden, heißt das also nicht automatisch, dass sie Depressionen haben. Schließen Sie die Möglichkeit, dass eine Depression vorliegt aber auch nicht sofort aus. Wenn sich Betroffene ausschließlich um die Linderung der körperlichen Beschwerden kümmern, kann eine emotionale Stimmungsveränderung schleichend im Hintergrund verlaufen. Achten Sie deshalb auf die typischen Anzeichen einer Depression. Die Hauptsymptome einer Depression sind psychische Beschwerden. Dazu zählen:

  • Lustlosigkeit
  • Antriebslosigkeit
  • Vermindertes Gefühl von Freude
  • Wenig Interesse an anderen Menschen
  • Rückzug aus dem sozialen Umfeld
  • Plötzliches Weinen
  • Selbstzweifel
  • Das Gefühl, man sei nichts wert und habe Gutes nicht verdient
  • Suizidgedanken
  • Bei schwerer Depression: Halluzinationen und Wahnvorstellungen
Info

Bei Selbstmordgedanken zum Hörer greifen!

Wenn Ihre Gedanken um den Tod kreisen und Sie überlegen, sich das Leben zu nehmen: Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Das können Angehörige oder Freunde sein. Manchmal ist es aber auch leichter, sich einer Person anzuvertrauen, die einem nicht nahe steht. Sollten Sie als Angehöriger bemerken, dass eine Person in Ihrem Umfeld über Suizid nachdenkt, bitten Sie ihn, sich psychotherapeutische Hilfe zu holen.

Die Telefonseelsorge ist kostenfrei und 24 Stunden am Tag erreichbar. Der Anruf taucht nicht auf der Telefonrechnung auf:

  • 0 800 / 111 0 111 oder
  • 0 800 / 111 0 222

Sollte die Leitung belegt sein, besuchen Sie die Internetseite der Telefonseelsorge: www.telefonseelsorge.de

Altersdepressionen: Abgrenzung von Demenz

Das Wechselspiel zwischen Depression und Demenz sowie anderen hirnorganischen Erkrankungen ist komplex und noch nicht vollständig erforscht. Beschwerden wie depressionsbedingte Gedächtnisstörungen können starke Ähnlichkeiten zu einer Demenz aufweisen. Schwierigkeiten beim Denken und Sprechen sowie Konzentrationsstörungen sind typische Symptome sowohl einer Demenz als auch einer Depression.

Betroffene haben Probleme, Sätze zu formulieren oder einen Gedankengang zu verfolgen. Oft haben sie das Gefühl, dass das Sprechen „gebremst“ oder „blockiert“ wirkt. Derlei Situationen überfordern die Betroffenen schnell, was sich in Antworten wie „ich weiß es nicht“ zu erkennen gibt.

Demenz - Demenzformen
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Demenz – Demenzformen, Diagnose, Ursachen, Symptome & Test

Die Einordnung der Symptome einer Altersdepression und die Abgrenzung zu anderen Krankheiten sind sehr wichtig. Während Personen mit Demenz z. B. häufig desorientiert sind und Datum und Uhrzeit nicht mehr angeben können, sind Depressive in der Regel nicht desorientiert.

Depression im Alter: Unterschiede Depression & Demenz

Die deutsche Depressionshilfe macht folgende Unterscheidung zwischen einer Altersdepression und einer Demenz:

Anzeichen, die eher für eine Depression im Alter sprechen Anzeichen, die eher für eine Demenz (Typ Alzheimer) sprechen
  • Beginn der Veränderung innerhalb weniger Wochen
  • Depressive Stimmung kaum beeinflussbar und konstant über einen längeren Zeitraum zu beobachten
  • Im Verlauf eines Tages durch Morgentief und Aufhellung am Abend gekennzeichnet
  • Betroffener klagt über seinen Zustand, „kann und weiß nichts mehr“
  • Das Denken ist eher gehemmt, verlangsamt, aber nicht verwirrt
  • Schleichender Veränderungsbeginn über Monate
  • Stimmung insgesamt eher instabil und leicht zu beeinflussen, „umzustimmen“
  • Betroffener klagt wenig, verleugnet, „hat keine Probleme“
  • Orientierung hinsichtlich Ort und Zeit fällt zunehmend schwer
  • Oft nächtliche Verwirrtheitszustände

 

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Ursachen von Altersdepression

Was Altersdepressionen genau auslöst, ist unklar. Wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass es zwei grundsätzliche Ursachen gibt, die eine Depression im Alter bedingen können: Es sind in der Regel psychosoziale und neurobiologische Faktoren, die beim Erkrankten eine Rolle spielen. Meistens sind beide Faktoren gleichzeitig vorhanden.

  • Hormonelle Störungen

Es kommt bei manchen Menschen vor, dass bestimmte Hormone und Botenstoffe im Gehirn fehlen oder es zu wenig von ihnen gibt. Das führt zu einem Ungleichgewicht, wodurch die Übertragung von Signalen gestört werden. Das „Glückshormon“ Serotonin spielt hier eine große Rolle.

  • Genetische Verfassung

Ob wir grüne oder blaue Augen haben, bestimmen unsere Gene. Ganz ähnlich sieht es bei unserer Tendenz zur Schwermut aus. Manche Menschen werden mit Genen geboren, die das Risiko, an einer Depression zu erkranken, erhöhen. Menschen, bei denen die Mutter oder der Vater an einer Depression erkrankt ist, haben ein höheres Risiko, selbst depressiv zu werden.

  • Medikamente

Depressive Syndrome können durch die Medikamentengabe oder durch Medikamentenumstellungen hervorgerufen werden. Bestimmte Medikamente erhöhen das Risiko für eine Depression und für Schmermut. Dazu zählen blutdrucksenkende Mittel, entzündungshemmende Mittel, Hormonpräparate, Allergiemittel, Medikamente gegen Parkinson, Antikrebsmedikamente und Beruhigungsmittel.

  • Traumatische Erlebnisse

Schwierige Lebensumstände können dazu führen, dass Depressionen mitunter erst nach Jahren ausbrechen.

Es ist möglich, dass traumatische Erlebnisse in der Kindheit Depressionen im Erwachsenenalter auslösen. Menschen, die als Kinder und Jugendliche den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit erlebt haben, leiden vielfach bis heute unter den schlimmen Erfahrungen. Was häufig vorkommt: Betroffene leben ihr Leben scheinbar jahrelang ohne Symptome einer psychischen Erkrankung. Im Alter kochen die traumatischen Erinnerungen und Gefühle dann wieder hoch: Kriegserlebnisse, Bombenhagel, Verschüttungen oder Vergewaltigungen werden in Form von Rückblenden erneut durchlebt.

Info

Was ist ein Trauma?

Eine Traumatisierung ist eine psychische Verletzung infolge einer erlebten Todesangst. Der Körper kann das Erlebnis nicht richtig verarbeiten. Das traumatische Ereignis muss sich nicht auf eine Bedrohung der eigenen Person beziehen, sondern kann auch durch eine Situation ausgelöst werden, in der etwas Schreckliches beobachtet wird. Physiologisch gesehen stellen Traumata „Auslöschungserfahrungen“ dar. Der Körper schüttet im Moment des Erlebens, aber auch danach noch, die Stresshormone Adrenalin und Cortisol aus. Damit wird der Mensch auf Kampf und Flucht eingestellt. Depressionen können durch Traumata in der Kindheit ausgelöst werden.

  • Stress und Überlastung

Anhaltende Stressbelastungen wie Armut oder fehlende soziale Anerkennung können Depressionen begünstigen. Auch anhaltender körperlicher Stress kann die psychische Gesundheit beeinträchtigen und zu Depressionen führen.

Info

Herzinsuffizienz und Depressionen

Es wird geschätzt, dass 20 bis 40 Prozent der Patienten mit Herzinsuffizienz zusätzlich an einer Depression leiden. Menschen mit dieser Krankheit haben bis zu viermal häufiger Depressionen als gesunde Menschen. Das Risiko, an einer Herzinsuffizienz zu versterben, wenn eine Depression hinzukommt, ist fünfmal höher. Vor diesem Hintergrund ist es besonders wichtig, beim Bestehen einer Herzinsuffizienz eine darüber hinaus bestehende Depression zu behandeln.

  • Verlusterlebnisse

Verluste von nahestehenden Personen (z. B. wenn der Ehepartner verstirbt) und Einsamkeit im Alter können Schwermut und eine depressive Entwicklung auslösen.

Auch der Verlust der sozialen Rolle (als Mutter oder im Beruf) kann eine Altersdepression begünstigen. Wenn ältere Menschen gewohnte Aufgaben wie die Haushaltsführung nicht mehr selbstständig bewältigen können oder eine ihr Leben lang ausgeführte Funktion (bspw. den Vereinsvorsitz) verlieren, gehen auch Struktur, Vergnügen, Lob und letztlich Selbstwert verloren.

Alzheimer
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Alzheimer – Definition, Symptome & Ursachen

 

Ein erhöhtes Risiko für eine Depression im Alter haben Menschen

  • mit hirnorganischen Erkrankungen, z. B. beginnender Alzheimer-Demenz
  • mit länger bestehenden Schlafstörungen
  • mit anhaltenden körperlichen Erkrankungen, insbesondere, wenn sie mit Schmerzen einhergehen und/oder die Mobilität einschränken
  • mit psychiatrischen Erkrankungen in der Vorgeschichte
  • mit Familienmitgliedern, die unter Depressionen leiden oder litten
  • in einschneidenden Lebenssituationen (z. B. der Tod des Partners)
  • die Missbrauchserlebnisse in frühen Lebensphasen gemacht haben
  • die anhaltenden Stressbelastungen und Überlastung ausgeliefert sind (z. B. anhaltende Armut)
  • mit fehlendem/eingeschränktem sozialen Netzwerk (mangelnde Anerkennung, soziale Ausgegrenztheit)
  • mit geringerer Bildung
  • Eine Rolle kann außerdem die Wohnsituation spielen: Wer in einer städtischen Umgebung und in einer Mietwohnung wohnt, ist statistisch gesehen stärker gefährdet als jemand, der auf dem Land und in einem Eigenheim wohnt.

Altersdepression: Diagnose

Depressionen werden ausschließlich von einem Arzt oder Therapeuten diagnostiziert. Da viele Menschen im höheren Alter körperliche Begleiterkrankungen vorweisen und regelmäßig Medikamente einnehmen, ist eine ausführliche Diagnostik sehr wichtig.

Erkranken ältere Menschen zum ersten Mal in ihrem Leben an einer Depression, so werden auch die körperlichen Leiden untersucht, die typischerweise mit einer Depression zusammen auftreten. Diese ausführliche Diagnostik umfasst organische Untersuchungen (z. B. des Gehirns) sowie eine Analyse der Laborwerte (z. B. um den Verdacht auf eine Schilddrüsenerkrankung auszuschließen).

Info

Checkliste für den Arztbesuch: Diagnose einer Altersdespression

Um eine möglichst genaue Diagnose der Beschwerden zu stellen, sollten Betroffene folgende Dokumente bei ihrem ersten Termin beim behandelnden Arzt mitbringen:

  • Aktueller Behandlungsbericht (fachärztlich oder hausärztlich), aus der die psychiatrische Diagnose, aktuelle und frühere Krankheitsepisoden, körperliche Vorerkrankungen hervorgehen.
  • Liste ihrer aktuellen und bisherigen Medikamente (nach Möglichkeit mit Dosishöhe und Dauer).
  • Weitere bereits vorliegende Vorbefunde (z. B. aktuelle Laborwerte, EKG, cerebrales CT oder MRT).

Speziell für ältere Patienten wurde die Geriatrische Depressionsskala (GDS), auch Depressionstest nach Yesavage genannt, entwickelt. Der Fragebogen besteht aus 15 Fragen, die mit „ja“ oder „nein“ beantwortet werden. Im Ergebnis liefert er Hinweise darüber, ob eventuell eine Altersdepression oder eine depressive Stimmungslage vorliegt. Der Fragebogen ersetzt jedoch nicht die Untersuchungen und Gespräche mit dem Arzt oder Therapeuten.

Altersdepression: Grade & Stadien

Es gibt zwei Verlaufsform der Krankheit:

  • chronische Altersdepression
  • episodenhafte Altersdepression

Beim episodenhaften Verlauf kommt es in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder zu Krankheitsphasen. Bei der chronischen Verlaufsform bleibt die Krankheit anhaltend bestehen. Unterschieden wird je nach Häufigkeit und Ausprägung der Symptome zwischen leichten, mittelschweren und schweren Depressionen.

Bei einigen wenigen Betroffenen treten depressive Phasen abwechselnd mit manischen Episoden auf. Früher nannte man dies manisch-depressiv, heute spricht man von einer bipolaren Störung. Die bipolare Störung wird als eigenständige Erkrankung von der Depression abgegrenzt.

Tipp

Grundsätzlich gilt: Je früher eine Depression erkannt und behandelt wird, desto kürzer verläuft in der Regel der Verlauf der Krankheit.

Altersdepression: Behandlung

Die Behandlung von Depressionen ist bei älteren Menschen genauso wichtig wie bei jüngeren. Viele Menschen, darunter auch Ärzte und Therapeuten, gehen heute leider immer noch davon aus, dass es normal sei, wenn sich Menschen im Alter zurückziehen, schlechter schlafen, ihre Hobbies aufgeben oder weniger Freude am Leben empfinden. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Studien zeigen, dass die Lebenszufriedenheit im Alter eher ansteigt. Ältere Menschen besitzen die Fähigkeit, trotz eingeschränkter Möglichkeiten zufrieden zu sein. Vor dem Hintergrund des gesamten Lebens können ältere Menschen das Erreichte und Erlebte betrachten und Gefühle besser kontrollieren.

Bei der Behandlung von Depressionen haben sich sowohl die

  1. medikamentöse Behandlung als auch
  2. psychotherapeutische Verfahren

als wirksam erwiesen.

1. Altersdepressionen mit Medikamenten behandeln

Manchmal funktioniert das Gehirn von Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, nicht mehr so wie vorher. Die Ursache liegt häufig in einem hormonellen Ungleichgewicht im Gehirn. Durch die Einnahme von Medikamenten wie Antidepressiva kann das hormonelle Gleichgewicht wieder hergestellt werden.

Info

Medikamente mit Bedacht einnehmen

Sollten depressiven Menschen Antidepressiva verabreicht werden, muss der behandelnde Arzt auf eine sorgfältige Auswahl des Medikaments achten. Viele ältere Patienten nehmen in der Regel bereits regelmäßig Medikamente ein. Durch die Verabreichung neuer Medikamente kann es zu Wechselwirkungen kommen. Speziell bei älteren Patienten sollten nur Arzneimittel ausgewählt werden, die das Risiko eines Sturzes nicht erhöhen.

2. Altersdepression mit Psychotherapie behandeln

Die Psychotherapie hat sich für ältere Menschen als sehr wirksame Methode erwiesen, Depressionen zu behandeln. Sie sollte von einem psychologischen oder ärztlichen Psychotherapeuten, der auf die Behandlung älterer Menschen spezialisiert ist, durchgeführt werden. Die Therapie wendet verschiedene Verfahren an, um die individuellen psychischen Probleme möglichst „passgenau“ zu behandeln. Dabei werden Lebensthemen wie

  • Angst vor Behinderung
  • Pflegebedürftigkeit
  • Einsamkeit
  • Abhängigkeit und der
  • Wegfall von Alltagsstrukturen

besprochen. Für viele ältere Menschen sind diese Themen sehr präsent in ihrem Alltag.

Zur Unterstützung verwenden Therapeuten häufig einen Wochenplan, in dem der Patient seine Stimmung, Beschäftigung und besondere Ereignisse notieren kann. Das hilft sowohl dem Betroffenen als auch dem behandelnden Therapeuten, bestimmte Verhaltensweisen zu beobachten und ggf. zu hinterfragen. Der Wochenplan kann auch helfen, gegen den typischen Aktivitäts- und Interessensverlust vorzugehen und eine aktive Tagesstruktur zu erarbeiten.

11 Tipps, mit denen Sie als naher Angehöriger die Lebensqualität von depressiven Menschen steigern

  1. Personen in der unmittelbaren Umgebung bemerken meist als erste, dass Betroffene sich anders verhalten. Sprechen Sie das Thema Depressionen behutsam an und weisen Sie auf die guten Heilungschancen durch eine Behandlung hin.
  2. Nehmen Sie die Beschwerden der Betroffenen Person ernst. Im Umgang mit altersdepressiven Patienten ist es besonders wichtig, dass Angehörige und andere Kontaktpersonen die Beschwerden als Erkrankung anerkennen.
  3. Unterstützen Sie Ihren Angehörigen dabei, passives und inaktives Verhalten zu überwinden. Aktivieren Sie die Person, indem Sie positive Erfahrungen steigern. Wenn Ihrem Angehörigen bspw. das Gärtnern gefällt, planen Sie mit ihm, das Beet im Garten neu zu bepflanzen.
  4. Helfen Sie Ihrem Angehörigen dabei, seinen Tag zu strukturieren. Tragen Sie dazu z. B. mit ihm zusammen die anfallenden Aufgaben der Woche in einen Kalender ein.
  5. Bauen Sie für Ihren depressiven Angehörigen ein funktionierendes Versorgungs- und Unterstützungssystem auf. Bemühen Sie sich, den familiären und partnerschaftlichen Austausch zu verbessern. Sprechen Sie sich auch mit Verwandten und Bekannten ab und organisieren Sie regelmäßige Besuche oder Anrufe.
  6. Bestärken Sie Ihren depressiven Angehörigen darin, soziale Kontakte aufzubauen, bspw. durch einen Beitritt in einem Verein oder einem Chor.
  7. Unterstützen Sie ihn auch dabei, Fertigkeitsdefizite zu überwinden und positive Verhaltensweisen einzuüben.
  8. Helfen Sie der Person dabei, Vergangenes besser zu bewältigen. Machen Sie deutlich, worauf man stolz sein kann und stellen Sie Veränderungen, die ohne eigenes Wollen erforderlich wurden, heraus. Benennen Sie auch Unerwartetes und Unverhofftes.
  9. Vermeiden Sie Phrasen wie „Du musst positiv denken“. Sie vermitteln dem Kranken lediglich, dass man ihn nicht versteht. Versuchen Sie nicht, krampfhaft die Stimmung aufzuhellen. Dies kann für Betroffene sehr belastend werden, da sie ein schlechtes Gewissen entwickeln. Wichtiger ist es, dass Sie zuhören und geduldig bleiben.
  10. Suchen Sie Adressen von Therapeuten in ihrer Nähe heraus und stellen Sie diese Ihrem Angehörigen zur Verfügung. Damit führen Sie ihn sanft an das Thema heran. Geben Sie ihm Zeit, sich mit dem Gedanken anzufreunden, sich in Behandlung zu begeben.
  11. Informieren Sie sich über das Krankheitsbild der Altersdepression, z. B. über Ratgeber-Literatur.

pflege.de-Buch-Tipp:
Altersdepression: Hautzinger Ratgeber Tipps
Prof. Dr. Martin Hautzinger
Wenn Ältere schwermütig werden
Hilfe für Betroffene und Angehörige
Beltz Verlag, Weinheim, Basel 2006
197 Seiten, 24,95 Euro

Altersdepressionen: Die Depressionsspirale

Eine depressive Episode wird manchmal mit dem Bild einer Depressionsspirale erklärt, bei der der Gefühlshaushalt in einer Abwärtsbewegung stufenweise immer weiter abfällt. Dass sich die depressive Phase verschlechtert, merken Betroffene dann gar nicht, da die Verschlechterung in kleinen, manchmal gar nicht bemerkbaren Schritten vorangeht. Auslöser für dieses Abrutschen sind von Person zu Person unterschiedlich. Es können z. B. Schlafstörungen, eine schlechte Nachricht oder die seit Tagen anhaltende schlechte Laune sein.

Selbsthilfe durch ein Stimmungsprotokoll

Was drückt meine Stimmung und was macht mich froh? Das herauszufinden ist gar nicht so einfach. Dafür ist es hilfreich, die eigene Depressionsspirale zu beobachten, Aktivitäten und Gedanken aufzuschreiben und damit den Absturz in die Schwermut rechtzeitig zu erkennen. Tagespläne helfen, den Gefühlsverlauf über die Zeit besser zu verstehen.

Ein Tagesprotokoll können Sie sich ganz leicht selbst erstellen. Es kann zum Beispiel so aussehen:

Info

Stimmungsprotokoll – so könnte es aussehen

Datum:

Uhrzeit

Was habe ich getan, erlebt, gedacht

Stimmung

08:00 – 9:00

Aufgestanden, Frühstück, trübe Gedanken

5

09:00 – 10:00

Anruf von einem Bekannten, Zeitung gelesen

2

10:00 – 11:00

Abgewaschen, auf Anruf von Tochter gewartet, nichts getan

4

11:00 – 12:00

Bin trotz Regen einfach gelaufen, traf M., unterhalten

3

12:00 – 13:00

gekocht, gegessen, Radio gehört

3

13:00 – 14:00

   

usw.

   

1 = sehr gute Stimmung; 2 = gute Stimmung; 3 = mittelmäßige Stimmung; 4 = weniger gute Stimmung; 5 = schlechte Stimmung; 6 = sehr schlechte Stimmung

Schritt 1: Verwenden Sie das Tagesprotokoll über einen Zeitraum von mindesten 14 Tagen. Halten Sie sich dazu an, das Protokollblatt alle drei bis vier Stunden zu befüllen. So vermeiden Sie, dass sich verschiedene Eindrücke des Tages miteinander vermischen. Schauen Sie sich nach einer oder zwei Wochen Ihre Stimmungsergebnisse an und fragen Sie sich: „Was unterscheidet die Tage mit schlechter Stimmung (5 oder 6) von denen mit besserer Stimmung (3 und besser)?“. Sie haben nun wichtige Daten über Ihr Gefühlsleben gesammelt und können erkennen, welche Ereignisse die Gefahr bergen, die Abwärtsspirale auszulösen.

Schritt 2: Fragen Sie sich, was Ihnen Freude bereitet. Sind Sie gern mit Ihrer Familie zusammen? Gehen Sie gern in eine Kneipe? Probieren Sie gerne neue Rezepte aus? Oder hören Sie gern Geräuschen in der Natur zu? Schreiben Sie sich eine Liste mit all den Dingen und Tätigkeiten, die für Sie schön und angenehm sind.

Schritt 3: Sie haben in Schritt 1 und Schritt 2 herausgefunden, welche Aktivitäten Ihnen Freude bereiten und welche Aktivitäten Ihre Stimmungslage kippen lassen können. Nun geht es darum, die schönen Aktivitäten in den Alltag zu integrieren. Das ist gar nicht so einfach, denn unser Alltag besteht aus vielen Routinen, die wir oft nur mit großer Kraftanstrengung durchbrechen. Menschen mit Depressionen fehlt diese Kraft aber meistens. Daher lohnt es sich, den Alltag geplant umzugestalten und gezielt die angenehmen Dinge in den Tages- und Wochenablauf zu integrieren. Füllen Sie Ihren Tag mit angenehmen Pflichten im Wechsel mit unangenehmen Pflichten.

Schritt 4: Durchhalten! Neues Denken und neue Verhaltensweisen müssen eingeübt werden, damit sie selbst zur Gewöhnung werden. Jede Krise und Veränderung – derer es im Alter viele gibt – erschüttern das neue Verhalten. Es gilt daher, positive Akzente immer wieder aufs Neue in die kommenden Wochenabläufe einzuplanen. Halten Sie sich die Stunde am Sonntag nach dem Mittagessen frei, um den Plan für die kommende Woche zu erstellen. Das Wichtigste ist, die Dinge wirklich umzusetzen.

Weitere Hilfen und Rat können Angehörige und Betroffene erhalten bei:

  • Stiftung Deutsche Depressionshilfe
  • Deutsche DepressionsLiga e.V.
  • Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK) bietet Hilfe, Beratung und Betreuung für Angehörige und ihre erkrankten Familienmitglieder.
  • Auch Selbsthilfegruppen für Angehörige können für die betroffenen Familienmitglieder eine wichtige Hilfe sein.

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Interview

Altersdepressionen: "Unterstützen Sie Betroffene, sich Hilfe zu holen!"

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Dr. Forugh Dafsari
Im Interview
Dr. Forugh Dafsari
Ärztin & Psychologin
Dr. med. Dipl.-Psych. Forugh Salimi Dafsari studierte Humanmedizin und Psychologie in Köln, Montréal und San Diego. Sie ist Ärztin und Psychologin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Köln. Sie ist außerdem assoziierte Forscherin am Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung in Köln. Ihre Forschungsbereiche sind Depressionen im höheren Lebensalter und Psychotherapieforschung.

Immer häufiger erkranken Menschen im Alter an einer Depression. Die Tendenz ist steigend. Betroffene sprechen oft nicht über ihre seelischen Leiden und Angehörige fühlen sich schnell überfordert. Was im Umgang mit einer Altersdepression zu beachten ist, erklärt uns Dr. Forugh Dafsari vom Universitätsklinikum Köln.

Frau Dafsari, Sie leiten die Ambulanz für Altersdepressionen in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Köln. Auf welche Herausforderungen stoßen Sie in Ihrer Arbeit? Was sollten pflegende Angehörige und Außenstehende im Umgang mit altersdepressiven Menschen beachten?

Nehmen Sie die Altersdepression nicht als normalen Alterungsprozess an, weil sie eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung darstellt. Leider bleibt eine Altersdespression oft unerkannt und wird über viele Jahre hinweg nicht ausreichend behandelt. Im Umgang mit altersdepressiven Patienten ist es besonders wichtig, dass Angehörige und andere Kontaktpersonen die Beschwerden als Erkrankung anerkennen, ernst nehmen und die Betroffenen darin unterstützen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Wie kann ich Menschen mit Altersdepressionen am besten unterstützen?

Man muss unterscheiden, ob die Diagnose einer Depression bereits im höheren Lebensalter vorliegt oder der Verdacht ohne eine konkrete professionelle Diagnostik und Behandlung. Ist Letzteres der Fall, können Sie Betroffene dabei unterstützen, psychiatrische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dies beinhaltet eine ausführliche Diagnostik und Therapieeinleitung.

Und wie gehe ich mit Menschen um, die bereits altersdepressiv sind? Gibt es da vielleicht so etwas wie einen Leitfaden oder Techniken im Umgang mit altersdepressiven Menschen?

Eine generelle Anleitung zu Techniken ohne bestehende psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung ist nicht zu empfehlen. Wurde bereits eine Depression im höheren Lebensalter diagnostiziert, dann empfehle ich Angehörigen, sich möglichst viele Informationen zu der Erkrankung einzuholen.

Info
Der Unterschied zwischen Psychiater und Psychologe und Psychotherapeut

Im täglichen Sprachgebrauch werden die Begriffe „Psychiater“, Psychotherapeut“ und „Psychologe“ oft verwechselt. Dabei ist es gar nicht so schwer, die Unterschiede zu benennen:

  • Ein Psychologe hat ein Studium der Psychologie absolviert.
  • Ein Psychiater hat Medizin studiert und sich anschließend zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ausbilden lassen.
  • Ein Psychotherapeut hat Psychologie oder Medizin studiert und anschließend eine mehrjährige Ausbildung absolviert, die ihn zur Psychotherapie berechtigt. Nur der Psychotherapeut darf anerkannte Therapien wie Psychoanalyse, Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologisch fundierte Therapien anbieten.
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Ich kann als Lektüre den Ratgeber von Martin Hautzinger „Wenn Ältere schwermütig werden: Hilfe für Betroffene und Angehörige bei Depression im Alter“ empfehlen. Sie sollten dabei aber beachten, dass Ratgeber niemals eine fachliche Abklärung, Diagnostik und Behandlung ersetzen! Ein Ratgeber kann Betroffene informieren und aufklären und so eine günstige Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung darstellen. Er kann auch eine Begleitlektüre zu einer Psychotherapie sein. Wir empfehlen jedoch in jedem Fall, dass sich der Patient bei dem Verdacht auf eine Depression in einer Klinik oder Spezialambulanz zur diagnostischen Einschätzung und Therapieeinleitung vorstellt.

Buch-Tipp:
Altersdepression: Hautzinger Ratgeber Tipps
Prof. Dr. Martin Hautzinger
Wenn Ältere schwermütig werden
Hilfe für Betroffene und Angehörige
Beltz Verlag, Weinheim, Basel 2006
197 Seiten, 24,95 Euro

Gibt es Themengebiete für ein Gespräch oder Aktivitäten, die sich besonders für Menschen mit Altersdepression anbieten? Ist es gut oder schlecht für die Menschen aus der Kriegsgeneration über ihre Erlebnisse im Nationalsozialismus oder in der Nachkriegszeit zu sprechen?

Der Lebensrückblick und das Sprechen auch über traumatische Erfahrungen sind wichtig und können Betroffenen helfen. Jedoch sollte man solche Gespräche unter psychotherapeutischer Begleitung führen, damit die Betroffenen die Situation besser bewältigen können, falls sich ihr Zustand dabei verschlechtert. Die psychotherapeutische Begleitung kann dabei helfen, über traumatische Erfahrungen (z. B. Flucht, Krieg, Gewalt, Tod des Partners) zu sprechen und die Erinnerungen zu bearbeiten, so dass eine Geschichte schließlich erinnerbar, erzählbar und weniger emotional wird. Traumatische Erfahrungen können damit besser angenommen und akzeptiert werden.

An wen können sich Betroffene und Angehörige wenden, wenn alles zu viel wird und sie nicht mehr weiter wissen?

Zur diagnostischen Abklärung und Behandlung empfehle ich eine ambulante psychiatrische Vorstellung in einer Klinik. Das ist nach Terminvereinbarung z. B. in der Spezialambulanz für Altersdepression der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Köln möglich.

Generell sollten sich Betroffene und Angehörige in akuten Krisensituationen und besonderes beim Auftreten von lebensmüden Gedanken an die nächstgelegene psychiatrische Klinik wenden. Weitere Hilfen und Rat erhalten Angehörige und Betroffene an mehreren Stellen:

Was raten Sie Menschen, die vermuten, an einer Altersdepression erkrankt zu sein?

Die Depression ist eine häufige psychische Erkrankung im höheren Alter. Sie kann mit verschiedenen wirksamen Behandlungsoptionen gut behandelt werden. Daher rate ich allen Betroffenen, frühzeitig psychiatrische und psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen!

Haben Sie einen abschließenden Tipp für Angehörige von Betroffenen?

Angehörige können oft selbst in ihrer Hilflosigkeit gegenüber der Depression Schuldgefühle oder Ärger über den Erkrankten entwickeln. Es können sich bei den Angehörigen Überlastung und Erschöpfung einstellen, weil sie dem Betroffenen eine Vielzahl alltäglicher Aufgaben abnehmen. Auch Angehörige sollten frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch.

Vielen Dank für das Gespräch!

Erstelldatum: .61.808102|Zuletzt geändert: .82.509102
BildquelleMFK STUDIO
Interview

Silbernetz: Eine Hotline für einsame, ältere Menschen

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Elke Schilling
Im Interview
Elke Schilling
Initiatorin von Silbernetz
Elke Schilling ist 73 Jahre alt, Mutter zweier Töchter, Großmutter von fünf Enkeln. Die Diplom-Mathematikerin bezeichnet sich selbst als genüsslich alt. Sie ist Organisationsentwicklerin und Staatssekretärin a.D. Elke Schilling hat 2014 das Projekt Silbernetz gestartet, eine 24-Stunden-Hotline für einsame ältere Menschen, die im September 2018 in Berlin freigeschaltet wird. Eine bundesweite Nummer soll 2020 eingerichtet werden.

„Der größte Kampf, den die Gesellschaft einmal wird führen müssen, ist der gegen die Einsamkeit. Nicht nur, aber vor allem im Alter“. Das meint Jens Spahn, Gesundheitsminister der Bundesrepublik Deutschland. In England ist ein Ministerium für Einsamkeit ins Leben gerufen worden. Und das aus gutem Grund: Studien haben ergeben, dass soziale Isolation nicht nur traurig macht und die psychische Gesundheit gefährdet, sondern auch der Körper in Mitleidenschaft gezogen wird: Die Aktivität der Gene verändere sich bei einsamen Menschen, so dass das Immunsystem geschwächt wird. Das sind ziemlich alarmierende Erkenntnisse. Gut, dass es Menschen wie Elke Schilling gibt. Sie hat das Projekt Silbernetz ins Leben gerufen. pflege.de sprach mit ihr über ihre Vision, Einsamkeit im Alter aus unserer Gesellschaft zu verbannen.

Frau Schilling, was ist Silbernetz?

Silbernetz wird ein Hilfetelefon für einsame ältere Menschen, das 24 Stunden am Tag erreichbar sein soll. Es befindet sich noch im Aufbau. Das Telefon wurde über die Weihnachtstage im Dezember 2017 getestet – mit guten Ergebnissen: Etwa 350 Gespräche wurden in einem Zeitraum von nur acht Tagen mit einsamen Menschen geführt.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Hotline für einsame ältere Menschen ins Leben zu rufen?

Das ist ein vielschichtiger Ansatz gewesen. Es fing damit an, dass ich vor Jahren als Telefonseelsorgerin einen Anruf von einem 85-jährigen Mann bekam, der mir nachts um drei Uhr erklärte: „Junge Frau, die Reihen um mich sind geleert; da ist keiner mehr. Können Sie mir sagen, warum ich noch leben sollte?“ Da ist mir das Thema zum ersten Mal bewusst geworden.

Vor sieben Jahren bin ich in Berlin Seniorenvertreterin geworden und habe mich ganz intensiv in die Altersfragen und auch in die Netzwerke eingefunden, die es hier gibt. Dabei ist mir aufgefallen, dass viele alte Menschen einfach nicht wissen, was es für Angebote um sie herum gibt.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Einfach weil die Informationsstrukturen nicht auf ihre Bedürfnisse ausgelegt sind. Es wird davon ausgegangen, dass die meisten alten Menschen internetfähig sind und dass sie dann auch wissen, wonach sie fragen müssen, um das für sie passende Angebot zu finden. Dem ist aber nicht so. Für mich war der absolute Trigger, dass der 7. Bundesaltenbericht aus dem Jahr 2017 gar nicht die Frage stellte, wie alte Menschen die Informationen erhalten, die ihnen Sorge und Mitverantwortung in der Kommune ermöglichen können.

Wenn wir Erwerbstätige sind, ist unser Blickfeld fokussiert auf die Möglichkeiten und Notwendigkeiten unseres Lebens als Erwerbstätige. Dass sich diese Situation völlig verändern kann, wenn man aus der Erwerbstätigkeit in Rente geht, wird nicht bedacht. Auch nicht, dass man im Alter  weniger beiläufige Kontakte hat und weniger Zugänge, weil die geistige und die körperliche Mobilität abnimmt; das steht alles irgendwie nicht im Fokus.

Viele alte Menschen wissen einfach nicht, was es für Angebote um sie herum gibt.
Elke Schilling

Lassen Sie uns über Ihr Projekt „Silbernetz“ sprechen. Sie haben von einem ähnlichen Projekt aus England gehört und haben sich daran orientiert. Wie kam es dazu?

Die Erfahrung, die ich sammeln konnte, hat letzten Endes dazu geführt, dass ich mich vor vier Jahren gefragt habe: Was kann man tun, damit die alten Menschen nicht aus dem sozialen Netz fallen? Da bin ich zufällig auf einen Krimi von Minette Walters gestoßen. Die deutsche Übersetzung heißt „Der Nachbar“.  Darin schildert sie eine Telefonkette von alten Menschen in einer Kommune, die von der Gemeindeschwester geknüpft worden ist, damit sich alte Menschen untereinander anrufen können, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen können. Das fand ich eine so großartige Idee, dass ich der Autorin geschrieben und sie gefragt habe, ob es das wirklich gibt und wie das gemacht worden ist. Sie schrieb zurück, dass es das nicht gäbe und sie es für das Buch erfunden habe. Aber es gäbe die Silverline in London, ein 24-Stunden-Hilfetelefon für einsame alte Menschen. So bin ich dann im Februar 2014 nach London geflogen und habe mir die Silverline angeguckt. Ich bin dort wirklich auf Freimut und Mitteilsamkeit gestoßen. Ich konnte mir das ganze Projekt von vorne bis hinten angucken und habe mir gedacht: „Okay, das können wir auch!“

Wie haben Sie das Projekt „Hilfetelefon für alte Menschen“ dann nach Deutschland geholt? Das war doch sicher ein großer organisatorischer Aufwand.

Ich habe mir zunächst Leute gesucht, mit denen ich das hier gemeinsam aufbauen kann. Hätte ich damals gewusst, dass ich über vier Jahre ackern muss, damit die Sache endlich Realität wird, hätte ich das Projekt wahrscheinlich gar nicht angefasst. (lacht)

In England und im englischsprachigen Raum gibt es seit langem ein Bewusstsein für das Thema Vereinsamung Älterer. Dort existiert seit mehr als zehn Jahren eine Kampagne gegen Einsamkeit im Alter. In Deutschland ist das derzeit noch undenkbar. Damit einher geht natürlich auch ein Bewusstsein dafür, dass Einsamkeit im Alter ein Problem ist. In Deutschland haben wir das nicht. Deswegen haben wir im Grunde genommen eine Lösung angeboten, bevor ein Bewusstsein für das Problem existierte. Das ist einer der Gründe, weshalb es fast nun schon fünf Jahre dauert, bis wir so weit sind, mit dem Projekt Silbernetz wirklich starten zu können.

Was genau bieten Sie mit Silbernetz an?

Wir haben das dreistufige System aus England ziemlich genau kopiert:

  1. Wir bieten das 24-Stunden Rund-um-die Uhr-Hilfetelefon an. Es ist gedacht für ältere vereinsamte Menschen, die dort jederzeit anrufen können, um jemanden zum Reden zu haben. Die meisten alten Menschen fühlen sich einsam, weil ihnen niemand zuhört und niemand antwortet. Der Fernseher quatscht ja bloß in eine Richtung und das ist keine Kommunikation. Es ist ein ziemlich großer Kreis an Menschen, den das betrifft. Rund um die Uhr ist das Ganze auch aus einem guten Grund: Die Briten sagen, 60 Prozent der Silverline-Anrufe kommen in der Nacht und am Wochenende.
  2. Im zweiten Schritt vermitteln wir auf Wunsch einen persönlichen Telefonkontakt mit einem Silbernetzfreund oder einer Silbernetzfreundin. Diese Person ruft Sie einmal in der Woche an. Sie haben dann Ihre/n eigene/n Anrufer/in, mit dem Sie über alles reden können, wonach Ihnen zumute ist. Das passiert zu einem festen Termin, weil das Verlässlichkeit und Struktur im Leben gibt.
  3. Als drittes vermittelt diese/r Silbernetzfreund/in dem älteren Menschen passende Angebote aus der Nähe. Im Gespräch bekommt er nämlich mit, was der alte Mensch wirklich braucht und er weiß auch, welche Angebote es für ihn um die Ecke gibt. Zum Beispiel einen Mobilitätshilfedienst (Begleit- und Rollstuhlschiebedienst) oder einen Besuchsdienst. Die Angebote für ältere Menschen sind eigentlich ziemlich vielfältig. Eine Studie aus dem Kölner Raum sagt, dass 40 Prozent der älteren Menschen NICHT wissen, was es für sie gibt. Von daher sind wir an dieser Stelle Brückenbauer zu den Angeboten im Wohnumfeld, die wir dann vermitteln können. Damit schlagen wir natürlich zwei Fliegen mit einer Klappe: Einmal haben die alten Menschen jemanden zum Reden und eine Ermutigung, sich wieder heraus zu begeben und Anbieter von Altenhilfeleistungen können uns nutzen, damit sie ihre Klientel erreichen.

Wer sind die Menschen bei Silbernetz, die die Anrufe der alten Menschen entgegen nehmen?

Am Hilfetelefon sind es von uns dafür ausgebildete feste Mitarbeiter/innen. Für den ehrenamtlichen Freundschaftsdienst bilden wir schon seit geraumer Zeit Silbernetzfreund/innen aus und ich bin immer wieder begeistert, was für eine Vielfalt an Menschen sagt: „Diese eine Stunde pro Woche will ich gerne übrig haben, um mit einem älteren Menschen zu reden“. Es sind zum einen junge Menschen ab 25 Jahre, die sagen:

„Meine Großmutter ist ewig weit weg oder schon tot und ich finde es wunderbar, Geschichten von einem alten Menschen zu hören und in Kontakt zu gehen“. Es gibt auch ältere Menschen, die sagen: „Irgendwann falle ich selbst in die Einsamkeit und das hier ist ein Stück weit Prävention“. Was auch vorkommt, ist, dass ältere Menschen Gesprächspartner aus der eigenen Altersklasse finden, mit denen sie Erlebnisse ihres Lebens teilen können.

Bei den 30 Menschen, die wir schon ausgebildet haben, und bei den 80, die sozusagen in der Warteschleife sind, spiegelt sich auch sonst die Vielfalt Berlins wider. Pakistani und Türken sind dabei, Russen und Polen. Es wird ein Querschnitt von Menschen mit anderen Sprachherkünften abgebildet, die ich als Silbernetzfreund/in an meine Anrufer vermitteln kann. Darüber bin ich echt happy!

Sie haben auch Silbernetzfreund/innen, die kein Deutsch sprechen?

Oder nur wenig Deutsch. Ich habe vor kurzem eine E-Mail von einer Dame bekommen, die Deutsche ist und die fragte, ob wir auch aramäische oder arabische Gespräche anbieten (lacht). Sie kannte eine Dame, die diese Sprachen spricht. Und es ist ja tatsächlich so, dass im Alter die Fremdsprachenkenntnisse schwinden und man sozusagen in die Muttersprache zurückfällt. Von daher ist es natürlich großartig, wenn ich Silbernetzfreund/innen habe, die mit ihrem alten Menschen in dessen Muttersprache reden können.

Was treibt die Menschen denn generell an, die bei Ihnen anrufen? Gibt es wiederkehrende Themen, über die gesprochen wird?

Ich bin immer wieder begeistert, was für eine Vielfalt an Menschen sagt: ´Diese eine Stunde pro Woche will ich gerne übrig haben, um mit einem älteren Menschen zu reden´.
Elke Schilling

Erzählt werden Lebensgeschichten, Probleme und Konflikte mit den Kindern. Letztendendes waren in der Testphase alle Lebensthemen vertreten und immer auch das Bedürfnis, einfach zu reden und Gehör zu bekommen.

Die erste Schicht am Feiertagstelefon habe ich selbst gemacht. Punkt 12 Uhr hatte ich eine alte Dame dran, die sich unheimlich freute, dass sie als erste durch und zum Reden gekommen und ich willens war, zuzuhören. Danach haben wir lange über ihre schwierige Beziehung mit ihrer Tochter gesprochen und über Lösungswege nachgedacht. Am Ende war sie vor allem froh, mit jemandem darüber reden zu können und hat in diesen Tagen noch ein paarmal angerufen.

Gibt es Situationen, in denen Silbernetzfreund/innen an ihre Grenzen stoßen?

Das kann ich jetzt nur für die Testwoche sagen: Manche Telefonisten sind an ihre Grenze gestoßen bei Menschen, die sich ohne Ende beschweren.

Worüber beschweren sie sich denn?

Einige haben eine extrem negative Sicht auf das ganze Leben im Alter und alle Menschen um sie herum. Für diese Menschen ist alles schlecht. Das ist für manch einen Gesprächspartner eine große Herausforderung. Manche von unseren Silbernetzfreund/innen, die ich im Gespräch habe, sagen mir, dass sie wahrscheinlich auch ein Problem damit haben würden, wenn ihnen ein alter Mensch sagen würde, dass er sich umbringen will. Auf diese Szenarien bereiten wir unsere Leute aber natürlich vor. Also dass so etwas kommen kann und wie man dann damit gut umgehen kann.

Haben Sie selbst auch Rückmeldungen von den Anrufern bekommen? Wie nehmen die Menschen Ihre Idee von Silbernetz auf? Ist der Bedarf wirklich so hoch wie vermutet?

Die Hotline wird erst im September 2018 starten, aber aus unserer achttägigen Testanrufzeit konnten wir einige Daten erheben: Zwischen Weihnachten und Neujahr hatten wir etwa 350 Anrufe. 80 Prozent der Anrufer waren über 60 Jahre alt. Knapp 40 Prozent waren Männer. Knapp 80 Prozent der Menschen haben gesagt: „Gut, dass wir jemanden zum Reden haben, denn genau das fehlt uns“.

Es haben sich aber auch viele Menschen beschwert – darüber, dass wir nur für diese Testphase von acht Tagen an der Strippe waren. Also gab es quasi positive Kritik im Sinne von „bitte macht endlich weiter hier“. Eine hat uns sogar ein wenig beschimpft und gemeint, dass es doch nicht so lange dauern könne, eine Hotline einzurichten (lacht). Es gibt natürlich eine Erwartungshaltung und einen Druck, der entstanden ist.

Wie haben Sie die Menschen im Raum Berlin erreicht? Über Flyer? Im Internet sind doch bestimmt die wenigsten unterwegs.

Nein, Flyer funktionieren gar nicht! Wir alle haben ohnehin schon eine Werbeflut im Briefkasten und die wird oft unbesehen weggeschmissen. Jemand, der nicht rausgeht, hat als Medium bestenfalls Radio, Fernsehen und vielleicht ein Wochenblatt, so ein kostenloses Annoncenblatt. Und das sind die Medien, über die wir vor allem gehen. Wenn es losgeht, wollen wir auch die ambulanten Pflegedienste einbinden, die ihren Kunden unseren Flyer auf den Küchentisch legen. Pflegedienste in der ambulanten Pflege leiden oft darunter, dass sie nicht mit ihren Kunden reden können, weil ihnen einfach die Zeit fehlt.

Was kann ich als älterer Mensch selbst noch tun, um Einsamkeit im höheren Alter abzuwenden? Sollte ich in jungen Jahren schon dran denken oder ist die Zeit kurz vor Renteneintritt der beste Zeitpunkt, um etwas zu unternehmen?

Das Hauptproblem ist eigentlich, dass fast alle Menschen es vermeiden, darüber nachzudenken, ´was wird eigentlich, wenn ich alt bin oder wenn ich in Rente gehe?´ Ich kann jedem Menschen nur empfehlen: Gehe rechtzeitig in ein dir angenehm und sinnvoll erscheinendes Ehrenamt. Wenn man so etwas einmal gemacht und damit Freude empfunden hat, dann findet man auch das nächste. Es gibt so viele Möglichkeiten sich einzubringen. Was vielen Menschen fehlt, wenn sie aus dem Beruf herausgehen, ist der Sinn. Wofür lebe ich eigentlich? Und ja: Man kann Sinn darin finden, dass man ins Theater geht oder auf der AIDA durch die Welt reist. Aber man kann auch Sinn darin finden, zu sagen ´ich habe ganz viel erlebt und gelernt und ich kann das teilen mit anderen. Ob ich Kindern vorlese oder was auch immer´. Die Landschaft dessen, was ich tun kann, um Sinn in meinem Leben zu finden, nicht nur für mich, sondern auch für andere, die ist riesig. Und inzwischen gibt es auch eine ganze Menge Informationen darüber.

Expertenmeinung
Elke Schilling
Elke Schilling
Begründerin von Silbernetz

Gehe rechtzeitig in ein dir angenehm und sinnvoll erscheinendes Ehrenamt. Wenn man so etwas einmal gemacht und damit Freude empfunden hat, dann findet man auch das nächste.

Und wenn das soziale Netz im Alter doch weggebrochen ist? Was kann man außer dem Silbernetz noch machen, um der „akuten“ Einsamkeit zu entfliehen?

Naja, wenn ich internetfähig bin, suche ich einfach nach Angeboten zur Altenhilfe. Das ist aber jetzt noch nicht der Fall, viele ältere Menschen nutzen das Netz noch nicht. Also wenn ich nicht internetfähig bin, dann ist es gut zu wissen, dass jede Verwaltung (sei es vom Landkreis oder der Stadt) ein Sozialamt hat, wo Angebote für Senioren mitkommuniziert werden. Es ist das einfachste, einmal im Sozialamt anzurufen, sich mit der Altenhilfe verbinden zu lassen und zu fragen: „Was gibt es denn eigentlich für Angebote?“

Eigentlich ganz logisch, aber ich könnte mir vorstellen, dass die wenigsten darüber nachdenken würden, das zu tun.

(Nachdrücklich) Ja wie denn auch? Wir machen uns vorher nicht damit vertraut, was alles sein kann, wenn ich alt werde. Im Grunde genommen wird ganz viel gemacht und angeboten, aber es wird miserabel kommuniziert.

Warum haben Sie sich für das Telefon entschieden und nicht bspw. für einen Online-Chat? Bietet das Internet nicht riesige Möglichkeiten? Oder könnte es eher zur Gefahr werden?

Das ist glaube ich beides: Das Internet ersetzt nicht den persönlichen Kontakt. Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir sind Gruppentiere und wir sind mindestens auf Stimme und Austausch angewiesen. Die direkte Kommunikation über Stimme und Ohr wird in der Zukunft weiterhin notwendig sein, denke ich. Und es müssen Wege gefunden werden, über die wir überhaupt in dieser Kommunikation bleiben können.

Was vielen Menschen fehlt, wenn sie aus dem Beruf herausgehen, das ist der Sinn. Wofür lebe ich eigentlich?
Elke Schilling

Ich denke, das Telefon ist dabei immer noch das zweckmäßigste Mittel. Ich bin als Ex-Telefonseelsorgerin immer wieder erstaunt, welche Nähe und Intensität im Gespräch am Telefon möglich ist. Einige wissen gar nicht, was man mit einem Telefongespräch alles leisten kann und was man auch mit Silbernetz alles leisten kann – (betont) wir gehen in Kontakt!

Wenn ich merke, dass da jemand in meinem Umfeld ist, sei es ein Bekannter, ein Verwandter oder eine Nachbarin, der oder die keinen Besuch mehr bekommt und der sich auch selbst nicht mehr aus der Wohnung bewegt: Wie kann ich mich da verhalten? Sollte ich einfach mal klingeln?

Ich habe immer dieses Bild von meinem früheren Nachbarn vor Augen: Der ist in seiner Wohnung gestorben und wurde erst zwei Monate später gefunden. Ich hatte vorher mitgekriegt, dass er sich zurückzieht, bin an seiner Tür gewesen und habe so lange geklingelt, bis er aufgemacht hat. Ich habe ihm gesagt: „Wir wohnen Wand an Wand, ich kann Ihnen gern helfen, wenn Sie irgendetwas brauchen.“ Er hat „nein danke“ gesagt. Auch Gratulationsdienste werden nicht gut angenommen, da kommen nur 60 Prozent Rückmeldung von den angeschriebenen Menschen.

Wie erklären Sie sich das?

Wenn ich so weit in meinem Lebensraum eingeschränkt bin, dass meine Wohnung mein einziger Rückzug ist, dann wird es unglaublich schwer, dort jemanden hereinzulassen. Vor allem, wenn ich es dann auch nicht mehr schaffe, meinem eigenen Anspruch an Ordnung, Sauberkeit und Gastlichkeit zu genügen. Dann ist dieser Schritt über die Schwelle nahezu unmöglich. Und deswegen: Telefon! Also solange wir von Silbernetz noch nicht in ganz Deutschland sind, kann ich Leuten nur raten: Versuchen Sie, Ihrem Nachbarn das Angebot zu machen, mit ihm zu telefonieren. Das wahrt die Distanz und es lässt trotzdem die Nähe des Gesprächs zu.

Ich bin als Ex-Telefonseelsorgerin immer wieder erstaunt, welche Nähe und Intensität im Gespräch am Telefon möglich ist.
Elke Schilling

 Im Herbst 2018 wird Silbernetz für Berlin freigeschaltet. Wann geht die Nummer in ganz Deutschland ans Netz?

Anfang 2020. Wenn wir in Berlin zuverlässig laufen, will ich eine Koordinierungsstelle für den Transfer in andere Bundesländer schaffen. Wir sind ein föderales Land und es wird vermutlich in anderen Bundesländern jeweils andere Lösungsansätze zur Durchsetzung dieser Idee geben, als wir sie gefunden haben. Also die einheitliche Rufnummer: ja. Die drei Stufen von Silbernetz: ja. Aber wer als Träger auftritt und wie es finanziert wird, wird sich wahrscheinlich von Bundesland zu Bundesland unterscheiden.

Das heißt, es wird eine Telefonnummer geben, die alle Menschen in der Bundesrepublik anrufen können?

Genau. Und in allen Bundesländern gibt es dann Zentralen, wo 24 Stunden am Tag die Gespräche angenommen werden und die Menschen weitervermittelt werden können an Silbernetzfreundinnen und Silbernetzfreunde. Mit den ambulanten Pflegediensten möchte ich auch bundesweit zusammenarbeiten. Aber auch im stationären Bereich ist der Bedarf groß. Bekanntermaßen reicht die Redezeit der Betreuer auch in Pflegheimen ja oft nicht aus. Dort wäre die Idee auch viel leichter an die Betroffenen heranzutragen.

Wie finanzieren Sie Silbernetz?

In Berlin werden wir teilweise finanziert durch die Lotto-Stiftung und den Senat, aber wir sind auf jeden Fall auf Spenden angewiesen. Auf unserer Internetseite gibt es Informationen darüber, wie man Silbernetz finanziell oder auch mit Sachmitteln unterstützen kann.

Wir wünschen Ihnen viele Unterstützer für dieses vielversprechende Projekt. Vielen Dank für das Gespräch, Frau Schilling, ich bin sicher, dass wir noch viel von Ihnen lesen werden.

Info
pflege.de informiert

Die kostenlose Telefonnummer 0800 – 4 70 80 90 des Silbertelefons ist seit dem 24.09.2018 zunächst für AnruferInnen aus Berlin für den Tagesbetrieb von 8:00 bis 22:00 Uhr freigeschaltet. Sobald es eine bundesweite Telefonnummer gibt, wird sie an dieser Stelle veröffentlicht.

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Interview

Psychotherapie bei Altersdepression: „Einbezug der Lebensgeschichte ist ein wichtiger Faktor“

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Dr. Forugh Dafsari
Im Interview
Dr. Forugh Dafsari
Ärztin & Psychologin
Dr. med. Dipl.-Psych. Forugh Salimi Dafsari studierte Humanmedizin und Psychologie in Köln, Montréal und San Diego. Sie ist Ärztin und Psychologin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Köln. Sie ist außerdem assoziierte Forscherin am Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung in Köln. Ihre Forschungsbereiche sind Depressionen im höheren Lebensalter und Psychotherapieforschung.

In Deutschland werden die meisten Menschen mit Altersdepressionen ausschließlich medikamentös behandelt. Und das, obwohl eine Psychotherapie für ältere Menschen nachgewiesenermaßen wirksam ist. Unsere Gesellschaft wird immer älter und damit werden wir in Zukunft auch viel mehr Menschen mit Altersdepressionen versorgen müssen. Am Universitätsklinikum Köln wird aktuell eine kognitive Verhaltenstherapie untersucht, die speziell auf die Bedürfnisse älterer Menschen ausgerichtet ist. Nachdem uns Forugh Dafsari bereits erklärte, was Angehörige im Umgang mit altersdepressiven Menschen beachten sollten, sprechen wir nun mit der Leiterin der Ambulanz für Altersdepressionen an der Uniklinik Köln über den wissenschaftlichen Erkenntnisstand zur Behandlung von Altersdepressionen.

Frau Dr. Dafsari, Sie sind Ärztin in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Köln und Expertin für den Bereich der Altersdepressionen. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen im Umgang mit dem Thema?

Die Altersdepression stellt keinen normalen Alterungsprozess dar, sondern sie ist eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung. Leider bleibt sie oft unerkannt und wird über viele Jahre nicht ausreichend behandelt. Mit Blick auf den demographischen Wandel stellt die Altersdepression eine große Herausforderung der alternden Gesellschaft dar. Körperliche Begleiterkrankungen und die Einnahme von Medikamenten gibt es oft im höheren Alter. Deshalb ist es uns so wichtig, die Ursachen ausführlich zu analysieren und zu erforschen. Depressionen im Alter sind behandelbar und eine adäquate Therapie der depressiven Erkrankung kann die Qualität des Lebens im Alter der Patienten wesentlich verbessern.

Sie haben im Oktober 2017 eine große klinische Studie begonnen, um psychotherapeutische Konzepte für Menschen mit Altersdepressionen zu erforschen. Was hat Sie dazu bewogen?

Die Studie CBTlate (englisch: cognitive behavioral therapy „late“, auf deutsch: kognitive Verhaltenstherapie „spät“) befasst sich mit dem medizinischen Problem, dass Altersdepressionen nur unzureichend behandelt werden. Im Vergleich zur Depression im frühen Erwachsenenalter sind die Behandlungsmöglichkeiten der Altersdepression begrenzt. Die Behandlung mit Medikamenten im höheren Lebensalter hat sich als weniger wirksam erwiesen als bei jüngeren Menschen, was auch mit den Nebenwirkungen und Wechselwirkungen der Medikamente zusammenhängt. Es lag hier also auf der Hand, dass wir alternative Behandlungsmöglichkeiten erforschen müssen.

Die Altersdepression stellt keinen normalen Alterungsprozess dar, sondern sie ist eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung.
Dr. Forugh Dafsari

Warum ist ein neues Konzept so wichtig?

Die Erfolge der Behandlung der Altersdepression mit Psychotherapie sind bisher nicht ausreichend gut wissenschaftlich erforscht. Deshalb haben wir in der Uniklinik Köln unter der Leitung von Prof. Frank Jessen gemeinsam mit Prof. Martin Hautzinger aus der Universität Tübingen das CBTlate-Projekt entwickelt.

Das ist ein speziell für die Altersdepression entworfenes 8-wöchiges kognitives Verhaltenstherapie-Programm, das wir im Vergleich zu einer unspezifischen unterstützenden Psychotherapie untersuchen. Diese vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte klinische Studie wird an sieben Zentren in Deutschland durchgeführt und schließt 248 ambulante Patienten im Alter von mindestens 60 Jahren mit mäßiger bis schwerer Depression ein.

Können Sie uns ein wenig genauer erklären, was die spezifisch für die Altersdepression entwickelte verhaltenstherapeutische Intervention ist?

Bei dem spezifischen Ansatz (CBT) bei Altersdepressionen handelt es sich um eine Therapieform, die gezielt auf Verhalten, Informationsverarbeitung, Denkprozesse und Erleben von Patienten mit einer Altersdepression zugeschnitten ist. Wir wollen damit erreichen, dass Patienten ihren Handlungsspielraum zu erweitern lernen. Der Patient entwickelt also Antworten auf die Fragen: „Was kann ich machen?“ „Wie kann ich es besser machen?“ oder „Was kann ich stattdessen machen?“

Zu diesen Bereichen gehört vor allem:

  • die Strukturierung des Alltags
  • die Verbesserung der Sozialkontakte
  • die Fertigkeit, Kommunikation zu führen und Probleme zu lösen
  • Fertigkeiten im Umgang mit den eigenen Gedanken (Erkennen, Hinterfragen und Verändern depressionstypischer Gedanken).

Der Ablauf der Einzelsitzungen ist strukturiert und zielt auf den Erwerb neuer, hilfreicher Fertigkeiten zur Bewältigung der Krankheit ab.

Welche sind die altersspezifischen Elemente und Vorgehensweisen der Therapie?

Zwischen den Therapiesitzungen bekommen die Patienten Aufgaben und werden zu Übungen angeleitet. Für die psychotherapeutische Arbeit mit älteren depressiven Patienten ist es ein zentrales Element, die Lebensgeschichte der Betroffenen mit einzubeziehen als eine Art Lebensrückblick. Ziele, die damit verbunden werden, sind:

  • Lebensbilanz: eine ausgewogene Bilanzierung positiver und negativer Erinnerungen zu fördern.
  • Sinnfindung: negativen Erfahrungen bzw. Erlebnissen nachträglich einen Sinn geben. Traumatische Erfahrungen (z. B. der Tod des Partners, Misserfolge) sollen angenommen und akzeptiert werden.
  • Festigung von Gedanken (Gedächtniskonsolidierung) zu ermöglichen, indem über traumatische Erfahrungen (z. B. Flucht, Krieg, Gewalt) gesprochen und die Erinnerungen aufgearbeitet werden. Betroffene sollen eine erinnerbare, eine erzählbare und weniger emotionale Geschichte daraus werden lassen.

Was passiert, wenn die Studie die Wirksamkeit von spezifischer Psychotherapie im Alter belegen kann? Wie schnell könnten die Ergebnisse dann in die Praxis übergehen, so dass die Patienten davon profitieren?

Sollte die Studie mit der bisher größten Fallzahl zur Untersuchung der Psychotherapie bei Altersdepression die Wirksamkeit bestätigen, würden die Ergebnisse zunächst in internationalen wissenschaftlichen Journalen veröffentlicht werden und dann in nationale und internationale Leitlinien einfließen können. In Deutschland wäre eine Implementierung in der Versorgung der Patienten unmittelbar möglich. Hierdurch würden die Behandlungsmöglichkeiten für die wachsende Zahl von Patienten mit Altersdepressionen wesentlich verbessert werden.

Wir wünschen Ihnen viel Erfolg für den weiteren Verlauf der Studie und hoffen auf gute Ergebnisse. Vielen Dank für das Gespräch.

 

Erstelldatum: .01.908102|Zuletzt geändert: .82.509102
BildquelleKatarzyna Bialasiewicz Photographee.eu
Interview

„Alter Junge“ – ein Kurzfilm über Einsamkeit im Alter

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Lars Smekal
Im Interview
Lars Smekal
Regisseur, Autor, Schauspieler
Lars Smekal ist 28 Jahre alt, Regisseur, Autor und Schauspieler. Er stammt gebürtig aus Regensburg und studiert derzeit Film in Mainz.

„Alter Junge“ – der aktuelle Kurzfilm von Lars Smekal, einem Regisseur aus Mainz, thematisiert die Einsamkeit im Alter. Laut eigener Aussage hat Lars Smekal sich mit dem Kurzfilm einen „persönlich tiefliegenden Wunsch erfüllt“, um für das Thema Einsamkeit im Alter zu sensibilisieren. Der Film enthält einige autobiografische Züge zu seinem Opa, der starb als Lars acht Jahre alt war. pflege.de sprach mit ihm über seine innige Bindung zu seinem Großvater, seine Erfahrungen mit Einsamkeit im Alter und seinen Film „Alter Junge“.

Lieber Lars, Du arbeitest aktuell an einem Kurzfilm über Einsamkeit im Alter mit dem Titel „Alter Junge“. Magst Du kurz beschreiben, worum es in Deinem Film geht?

Im Film „Alter Junge“ geht es um einen alten Mann namens Max, der alleine sein Dasein in seiner Wohnung fristet. Seine Frau ist verstorben und Kontakt zu seinen Kindern hat er nicht mehr. Sein Alltag besteht aus Kreuzworträtsel, Fernsehen, Briefmarken sortieren und dann geht es quasi wieder von vorne los – also relativ trostlos. Sein Enkel Martin ist sein ganzer Stolz, doch leider sehen sich die beiden viel zu selten. Eines Tages stirbt Opa Max und Martin findet bei der Haushaltsauflösung seines Opas ein kleines Büchlein: eine Art Tagebuch, das den letzten Lebensabschnitt seines Opas beschreibt.

Im Großen und Ganzen geht es um die Beschreibung der Einsamkeit im Alter.

Wie bist Du auf das Thema „Einsamkeit im Alter“ gekommen?

Alter Junge Film Smekal

Ausschnitt aus dem Film „Alter Junge“ mit den Hauptdarstellern Werner Steinmassl und Antonio Caserta

In dem Film habe ich sehr viele autobiografische Erlebnisse verarbeitet. Ich hatte als Kind eine sehr enge Beziehung zu meinem Opa. Der ist gestorben, als ich acht war und das hat mich schwer geprägt. Ich war damals wirklich ein Kind und hab es erst verstanden, als ich in seinem Haus und er nicht mehr da war. Da bin ich total zusammengebrochen.

Sein Tod beschäftigt mich bis heute. Vor zwei Jahren hat mein Vater mir so eine Art Taschenkalender meines Opas aus seinen letzten zwei Lebensjahren gegeben. Diese Kalender hat mein Opa eher als Art Tagebuch genutzt, relativ wenig Text für jeden Tag, und er hat reingeschrieben, was er erlebt hat und wie es ihm so ging. Er hat darin auch notiert, wenn man telefoniert hat und worüber man gesprochen hat. Ein Anruf war also ein Erlebnis, was auch wieder seine Einsamkeit und Trostlosigkeit spiegelt.

Warum haben Dich diese Taschenkalender bzw. Tagebücher Deines Opas so beschäftigt?

Ich habe als Kind gar nicht mitbekommen, wie es meinem Opa geht. Wenn ich ihn gesehen hab, war es immer toll. (…) Erst jetzt habe ich (…) verstanden, wie traurig und wie einsam mein Opa manchmal eigentlich war.
Lars Smekal

Ich habe als Kind gar nicht mitbekommen, wie es meinem Opa geht. Wenn ich ihn gesehen hab, war es immer toll, wir waren beste Freunde. Wir hatten Spaß miteinander gehabt. Und erst jetzt habe ich durch seine Aufzeichnungen verstanden, wie traurig und wie einsam mein Opa manchmal eigentlich war.

Erstelldatum: .11.218102|Zuletzt geändert: .82.509102
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