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Themenwelt Inkontinenz

Mehr als zehn Prozent der Deutschen sind betroffen, doch kaum jemand spricht darüber: Die Rede ist von Inkontinenz. Mehr als neun Millionen Bundesbürger sind inkontinent und haben Schwierigkeiten damit, ihre Blase oder – in selteneren Fällen – ihren Darm zu kontrollieren. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen, da sich laut Statistik nur vier von zehn Betroffenen einem Arzt anvertrauen. pflege.de klärt umfassend über die Krankheit Inkontinenz auf.

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Inkontinenz – Definition, Formen & Ursachen

Inhaltsverzeichnis


Aus Angst vor dem „peinlichen Missgeschick“ neigen Menschen mit Inkontinenz dazu, sich immer mehr zu Hause einzuigeln. Sie gehen nicht mehr ins Theater oder Kino, verzichten auf ihr Hobby und treffen sich immer seltener mit Freunden. Der soziale Rückzug führt zu Vereinsamung und erhöht neben dem körperlichen Leiden auch die psychische Belastung. Die Folgen reichen bis zu Angstzuständen und Depressionen.

 

Doch nicht nur Scham, sondern auch mangelnde Information beziehungsweise der Irrglaube, Inkontinenz sei eine unvermeidbare Krankheit im Alter, mit der man sich abzufinden habe, verhindern allzu oft eine erfolgreiche Behandlung. Dabei lässt sich in den meisten Fällen zumindest eine Besserung erzielen und durch geeignete Inkontinenzhilfsmittel die Lebensqualität der Betroffenen entscheidend verbessern. Da die Erfolgsaussichten umso höher sind, je früher die Inkontinenz behandelt wird, sind Früherkennung und Beratung die wichtigsten Schritte auf dem Wege zur Prävention und zur Verbesserung der Symptome.

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Definition: Was ist Inkontinenz?

Unter ‚Inkontinenz‘ versteht man die fehlende oder mangelnde Fähigkeit des Körpers, Harn oder Stuhl zu halten und kontrolliert abzugeben.

Wer unter Harninkontinenz oder Stuhlinkontinenz leidet, hat laut Definition Schwierigkeiten, seinen Urin oder Stuhl zu halten. Laut Experten beinhaltet das auch die Fähigkeit, Bedürfnisse zu kommunizieren, um Hilfestellungen zu erhalten, wenn Einschränkungen beim selbstständigen Toilettengang vorliegen.

Für Harninkontinenz hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch auch der Begriff „Blasenschwäche“ oder „schwache Blase“ etabliert. Harninkontinenz kann in allen Altersstufen auftreten – auch in jungen Jahren -, nimmt jedoch im Alter stark zu. In den meisten Fällen ist die Inkontinenz selbst keine Erkrankung, sondern ein Symptom einer Erkrankung der Harnorgane, der Nerven oder des Gehirns.

Aufbau und Funktion des Harnsystems

Um zu verstehen, wie es zu einer Inkontinenz kommt, muss man wissen, wie unser Harnsystem funktioniert: Unser Körper produziert über die Nieren, die unser Blut – ähnlich wie eine Kläranlage – filtern, reinigen und von überflüssigem Wasser befreien, fortlaufend Urin. Aufgabe unserer Blase ist es, diesen Harn im Zusammenspiel mit der Harnröhre und den Blasenschließmuskeln über mehrere Stunden zu sammeln, um ihn anschließend nach außen zu transportieren und so unseren Körper zu entgiften. Die Blase ist dehnbar wie ein Luftballon und fasst bis zu einem Liter Urin. Ist ein bestimmter Füllungszustand erreicht, steigt der Druck und die Blasenwand dehnt sich aus. Das registrieren die dort sitzenden sensiblen Rezeptoren und senden über die Nervenbahnen des Rückenmarks eine entsprechende Botschaft an unser Gehirn, das mit Harndrang reagiert. Anschließend bleibt noch genügend Zeit, um eine Toilette aufzusu­chen und die Entleerung der Blase willentlich einzuleiten. Bis dahin sendet unser Gehirn hemmende Signale. Gesunde können den Harndrang selbst bei maximal gefüllter Blase noch drei bis fünf Minuten unterdrücken. Bei einer Blasenschwäche hat der Betroffene hierüber allerdings keine Kontrolle mehr.

Ein starker Beckenboden unterstützt die Blase

Auch wenn man sie nicht sieht und die meisten Menschen sie nicht einmal spüren, spielt die Beckenbodenmuskulatur in unserem Körper eine wichtige Rolle. Denn sie trägt nicht nur die Blase und andere Organe des unteren Bauch­raums, sondern ist auch für eine einwandfreie Blasenfunktion wichtig. Die Beckenbodenmuskulatur formt den äußeren und bewusst kontrollierbaren Schließmuskel für die Blase. Zusammen mit dem inneren Schließmuskel am Blasenhals, welcher sich nicht bewusst steuern lässt, hält er das Speicherorgan im Bereich der Harnröhre dicht. Um die Blase zu entleeren, erteilt unser Gehirn der Blasenmuskulatur den Befehl, sich zusammenzuziehen, und dem Schließmuskel und der Blase den Befehl, sich zu entspannen. Die Muskulatur gibt daraufhin die Öffnung zur Harnröhre frei und die Blase entleert sich. Ist der komplexe Vorgang der bewussten Entleerung an nur einer Stelle gestört, funktioniert diese Kontrolle nicht mehr und es kommt zu einer Blasenschwäche.

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Das Wichtigste in Kürze

Die Aufgabe des Beckenbodens: Bei der Blasenentleerung nimmt der Beckenboden drei Aufgaben wahr:

  • Anspannen: Während sich der Urin in der Blase sammelt, verschließt die Beckenbodenmuskulatur die Harnröhre.
  • Entspannen: Damit sich die Blase entleeren kann, muss sich der Beckenboden entspannen. Nach der Entleerung nimmt die Spannung der Beckenbodenmuskulatur langsam wieder zu.
  • Gegenhalten: Der Beckenboden muss jedem Druck, der im Bauchraum entsteht, standhalten können. Zum Beispiel beim Niesen oder Tragen von schweren Lasten.
Info

Führen Sie ein Toiletten- und Trinkprotokoll

Hilfreich für die Diagnose einer Inkontinenz ist ein Trink- und Toilettentagebuch, auch Miktionsprotokoll genannt: Notieren Sie einige Tage lang, wann Sie Wasser lassen mussten, wie stark der Harndrang war, ob es zu einem unwillkürlichen Harnabgang kam und notieren Sie Ihre Trinkmengen. Ein kostenloses Muster zum Download bietet pflege.de.

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Inkontinenzformen und Inkontinenzarten

Ärzte unterscheiden, je nach Ursache, verschiedene Formen der Harninkontinenz. Die häufigsten sind:

Belastungsinkontinenz / Stressinkontinenz

Bei körperlicher Anstrengung, zum Beispiel beim Heben, Husten, Lachen und Niesen kommt es zum unkontrollierten Urinverlust. Dieser kündigt sich nicht durch Harndrang an. Ursache der Stressinkontinenz ist, dass die Beckenbodenmuskulatur geschwächt ist, sodass der Schließmuskel der Harnröhre nicht mehr richtig funktioniert. Betroffen sind mehr Frauen als Männer – rund 70 Prozent sind weiblich.

Ursachen bei Frauen: Bei Frauen sind die Haltebänder des Beckenbodens durch eine Schwangerschaft oder die Wechseljahre überdehnt oder erschlafft.

Ursachen bei Männern: Bei Männern sind häufig die äußeren Blasenschließmuskeln durch eine OP oder einen Unfall geschädigt.

TIPP: Bei einer Belastungsinkontinenz hilft regelmäßiges Beckenbodentraining. In schweren Fällen kommt auch eine Operation in Frage.

Dranginkontinenz

Die Betroffenen verspüren einen überfallartigen, nicht kontrollierbaren (imperativen) Harndrang, obwohl die Blase nur wenig gefüllt ist. Die Dranginkontinenz tritt bei Männern häufiger auf als bei Frauen.

Man unterscheidet zwei Formen der Dranginkontinenz:

1. Sensorische Dranginkontinenz („überempfindliche Blase“)
Ursachen:
Entzündungen an der Blase, Blasensteine, Harnwegsentzündung, Tumore, vergrößerte Prostata bei Männern oder Östrogenmangel bei Frauen

2. Motorische Dranginkontinenz („überaktive Blase“)

Ursachen: Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson, Multiple Sklerose, Schlaganfall

TIPP: Ist eine Entzündung die Ursache für eine Dranginkontinenz, sollte diese im Körper bekämpft werden. Trinken Sie daher viel und am besten Tees und Cranberry-Saft, der den Urin „ansäuert“.

Mischinkontinenz

Laut Definition der Internationalen Kontinenz-Gesellschaft bezeichnet man jede Inkontinenz, die sowohl Symptome einer Drang- als auch die einer Belastungsinkontinenz aufweist, als Mischinkontinenz. Sie tritt besonders in höherem Alter und bei Frauen auf. Betroffene leiden unter einem plötzlich auftretenden und starken Harndrang und unkontrolliertem Urinverlust in Folge von Lachen, Husten oder Treppensteigen.

TIPP: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt darüber, welche Ursachen und Symptome Sie zuerst behandeln können.

Reflexinkontinenz

Betroffene einer Reflexinkontinenz verlieren aufgrund unkontrollierbarer Nervenreflexe Urin, ohne einen Harndrang zu verspüren. Die Nervenbahn zwischen Blase und Gehirn ist unterbrochen, das Signal „Blase voll“ wird also nicht mehr an das Gehirn gesendet, so dass sich der Blaseninhalt ohne jegliche Vorwarnung entleert.

Man unterscheidet zwei Formen der Reflexinkontinenz:

  1. Spinale Reflexinkontinenz

Ursachen: Querschnittslähmung, Multiple Sklerose, Verletzungen im Rückenmark

2. Supraspinale Reflexinkontinenz

Ursachen: Alzheimer, Parkinson

Überlaufinkontinenz

Die Harnblase kann sich aufgrund einer blockierten Harnröhre oder durch eine schwache Muskulatur beim Toilettengang nicht mehr vollständig entleeren. Dadurch fühlt sie sich dauerhaft gefüllt an und kann „überlaufen“. An Überlaufinkontinenz leiden häufig Männer mit einer vergrößerten Prostata, die die Harnröhre abdrückt.

Ursachen: verengte Harnröhre, Verdickung der Blasenwand, Stoffwechselstörungen, Prostatavergrößerung bei Männern

Enuresis nocturna

Enuresis nocturna ist die medizinische Bezeichnung für nächtliches Einnässen. Bettnässen kommt nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen vor. Neue Studien zeigen, dass zwischen 1,5 und 5 Prozent der Männer und Frauen über 18 Jahren nachts Urin verlieren.

Funktionelle Inkontinenz

Die funktionelle Inkontinenz ist eine Form der Inkontinenz, bei der normalerweise kontinente Menschen nicht in der Lage sind, die Toilette rechtzeitig aufzusuchen. Diese Art der Inkontinenz liegt vor, wenn kognitive Einschränkungen (z. B. Demenz) oder Mobilitäts- und Orientierungsschwierigkeiten (in einer ungewohnten Umgebung, z. B. im Krankenhaus oder im Pflegeheim) bestehen, der Urogenital-Trakt aber nicht krankhaft verändert ist.
Neben der Harninkontinenz gibt es auch die Stuhlinkontinenz, d. h. die fehlende oder mangelnde Fähigkeit des Körpers, Stuhl zu halten oder kontrolliert abzugeben.

Stuhlinkontinenz
Ratgeber
Stuhlinkontinenz / Darminkontinenz

Stuhlinkontinenz

 

Wie bei der Harninkontinenz gibt es auch bei der Stuhlinkontinenz Fälle, bei denen der Betroffene zwar den Stuhlgang bemerkt, es aber nicht rechtzeitig zur Toilette schafft und solche, bei denen er nichts spürt und die Darmentleerung nicht bewusst steuern kann. Die Stuhlinkontinenz betrifft Männer und Frauen gleichermaßen.

TIPP: Wenn Sie oder ein Angehöriger zu den Betroffenen gehören, vertrauen Sie sich unbedingt einem Arzt an. Er kann herausfinden, welche Form der Inkontinenz vorliegt und so nicht nur der Ursache auf die Spur kommen, sondern auch die individuell beste Therapie für Sie finden.

Ursachen der Inkontinenz: eine Störung, viele Ursachen

Damit der Harndrang kontrolliert und reibungslos funktioniert, müssen Zentren in Gehirn und Rückenmark, beteiligte Muskeln und Nerven intakt sein und sinnvoll zusammenarbeiten. Eine ganze Reihe von Ursachen können dieses fein aufeinander abgestimmte System stören.

Inkontinenzmaterial
Ratgeber
Inkontinenzmaterial – Artikel zur Inkontinenzversorgung
  • Krankheiten der Organe und Nerven – Blasenschwäche ist oft ein Symptom

Häufig führen Krankheiten an den Organen wie eine Harnwegsentzündung, Blasensteine, eine Verengung der Harnröhre oder bei Männern eine vergrößerte Prostata zu einer Blasenschwäche. Die Folge ist oft eine Dranginkontinenz, bei der die Blase überaktiv ist.

Eine Inkontinenz kann aber auch auftreten, wenn Nervenimpulse zu schwach sind, so dass es Betroffenen nicht mehr gelingt, den Harndrang zu kontrollieren. Dies ist häufig der Fall bei Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson, Multipler Sklerose, infolge eines Schlaganfalls oder einer Querschnittslähmung nach einem Unfall.

Liegen neurologische Ursachen vor, wie eine Querschnittslähmung oder eine Erkrankung der Nerven, kann eine Inkontinenz schwer geheilt werden.

Info

Hilfreiche Tipps

  1. Informieren Sie sich ausführlich über die richtigen Hilfsmittel – sie sind eine große Hilfe im Alltag und sorgen dafür, dass Sie nicht in unangenehme Situationen kommen.
  2. Urin greift die Haut an. Reinigen Sie sich deshalb nach jedem ungewollten Harnverlust mit einer ölhaltigen Waschcreme, pflegen Sie Ihre Haut mit Emulsionen und wechseln Sie regelmäßig die Inkontinenzvorlagen, um zu vermeiden, dass es zu einer oberflächlichen Entzündung der Haut (inkontinenz-assoziierte Dermatitis) kommt. Für die Pflege helfen auch die zum Verbrauch bestimmten Pflegehilfsmittel wie z. B. Bettschutzeinlagen.
  • Arzneimittel – Inkontinenz als ungewollte Nebenwirkung

Es gibt verschiedene Medikamente und Wirkstoffe, die eine Inkontinenz fördern können. Hierzu zählen zum Beispiel Mittel wie Betarezeptorenblocker gegen hohen Blutdruck oder Cholinesterase-Hemmer gegen Alzheimer. Sie stimulieren die Blase und können so eine Dranginkontinenz herbeiführen oder verstärken. Wassertreibende Medikamente wie Diuretika können die Kontinenz ebenfalls beeinträchtigen. Nur ein Arzt kann herausfinden, ob der unfreiwillige Harnverlust eine Nebenwirkung Ihrer Medikamente ist. Setzen Sie diese auf keinen Fall eigenmächtig ab.

TIPP: Ziehen Sie immer einen Arzt zurate, um sich gegebenenfalls ein geeigneteres Präparat verschreiben zu lassen.

  • Eigenes Verhalten – regelmäßigen Toilettengang im Auge behalten

Gehen Sie zu selten oder zu oft zur Toilette? In einigen Fällen kann eine Inkontinenz auch durch das eigene Verhalten ausgelöst werden. Wer zu oft auf die Toilette geht, gewöhnt die Blase an kleine Urinmengen, so dass sie irgendwann nicht mehr in der Lage ist, auch größere Mengen zu halten. Wer zu selten zur Toilette geht, riskiert wiederum, dass die Blasenmuskulatur ständig überdehnt wird. Auch wer aus Angst vor Inkontinenz zu wenig trinkt, bewirkt das Gegenteil: Denn so werden die Nieren nicht mit ausreichend Flüssigkeit versorgt und produzieren einen hoch konzentrierten Urin, der die Blase reizt und den Harndrang verstärkt. Außerdem steigt das Risiko für Harnwegsinfektionen, wenn Nieren und Blase zu wenig gespült werden.

TIPP: Achten Sie auf einen regelmäßigen Toilettengang, der nicht zu oft und nicht zu selten stattfinden sollte und trinken Sie genug – aber möglichst nicht vor dem Schlafengehen.

Übergewicht – erhöhter Druck auf die Blase

Übergewicht fördert Bluthochdruck, erhöht den Cholesterinspiegel und begünstigt Diabetes – das ist hinlänglich bekannt. Wissen Sie aber auch, dass Fettleibigkeit oft die Ursache für eine Inkontinenz ist? Das zusätzliche Körpergewicht erhöht den Druck im Bauchraum und auf die Blase und schwächt obendrein die Beckenbodenmuskulatur. Daher kämpfen viele Übergewichtige mit einer Belastungsinkontinenz.

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Inkontinenz bei Kindern

Inkontinenz kann jedoch auch bei Kindern ein Thema sein. Mediziner unterscheiden zwischen reinem Bettnässen (Enuresis) und kindlicher Inkontinenz.

  • Enuresis

Bettnässen ist die häufigste Form des Einnässens bei Kindern. Sie liegt vor, wenn ein Kind nach seinem fünften Lebensjahr mindestens zwei Nächte im Monat im Schlaf Urin verliert, ohne dass es einen Harnwegsinfekt hat oder tagsüber in die Hose macht. Meist entwickelt sich bei den Betroffenen die Blasenkontrolle ganz einfach langsamer als bei anderen Kindern. Dies ist überwiegend genetisch bedingt. Nur in seltenen Fällen ist das Bettnässen von über Fünfjährigen ein Hinweis auf eine Störung der Niere oder der Blase.

  • Kindliche Inkontinenz

Die Inkontinenz bei Kindern ist seltener als die Enuresis und betrifft nur 15 bis 20 Prozent der einnässenden Kids. In diesen Fällen nässt das Kind nachts ein, hat aber auch tagsüber Schwierigkeiten mit dem Wasserlassen. Oftmals leiden die betroffenen Kinder unter einer meist anlagebedingten Dranginkontinenz. Mädchen sind häufiger betroffen als Jungs. Manche Kinder wollen ihr Spiel nicht unterbrechen und schieben daher den Toilettengang auf. Einige wollen auch die Toilette in bestimmten Situationen nicht aufsuchen. Irgendwann können sie den Urin dann nicht mehr halten und entleeren die Blase schließlich ungewollt. Dies nennt man Harninkontinenz bei Miktionsaufschub. Bei einigen Kindern öffnet sich der Schließmuskel bei der Blasenentleerung nicht vollständig (Detrusor-Sphinkter-Dyskoordination). Seltener liegt bei Kindern eine Belastungsinkontinenz oder eine überaktive Blase vor.

Therapie bei Inkontinenz

Es gibt keine pauschalen Therapieempfehlungen bei Inkontinenz. Die Behandlung muss individuell an die Ursache, die Art und das Ausmaß der Beschwerden angepasst werden, aber auch an die jeweilige Lebenssituation der Betroffenen. Lassen Sie sich von Ihrem Arzt über die Vor- Und Nachteile der infrage kommenden Behandlungsmöglichkeiten informieren.

Die Palette der Therapie bei Inkontinenz reicht von Beckenbodentraining, über Gewichtsabnahme und Verhaltensänderungen bis hin zu medikamentösen Therapien, operativen Verfahren und in einigen Fällen zur Nervenstimulation mit Hilfe eines implantierten Blasenschrittmachers. Und schließlich steht noch eine große Auswahl an speziellen Inkontinenzhilfsmitteln wie Vorlagen oder Inkontinenzslips zur Verfügung, die ab einem bestimmten Schweregrad der Inkontinenz auch ärztlich verordnet werden können. Die Inkontinenzhilfsmittel sind im Hilfsmittelverzeichnis gelistet. In den meisten Fällen werden bei der Behandlung mehrere der genannten Therapiebausteine zum Einsatz kommen.

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„Inkontinente Personen haben das Gefühl, dass sie stinken“

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Angelika Sonnenberg
Im Interview
Angelika Sonnenberg
Kontinenzfachkraft und Pflegetrainerin

Angelika Sonnenberg ist Kontinenzfachkraft und Pflegetrainerin. Sie hält Vorträge und Fortbildungen zum Thema Kontinenzförderung und leitet seit neun Jahren eine Kontinenz-Selbsthilfegruppe.

Wie kann ich meinen Angehörigen sensibel auf seine Inkontinenz ansprechen? Was erwartet mich in einer Kontinenz-Selbsthilfegruppe? Was sind wichtige Tipps für Betroffene, die sich auch unterwegs sicher fühlen wollen? „Inkontinenzvorlagen sollte man einmal längs in der Mitte knicken, damit sie wie ein Bötchen funktionieren. Auch sollte man sie nicht zu dicht am Körper tragen. Da muss immer ein wenig Platz sein, damit sich auch ein Schwung Urin verteilen kann“, meint Kontinenzberaterin Angelika Sonnenberg. Im Interview mit pflege.de verrät sie exklusive Praxistipps zur Versorgung einer Inkontinenz und berichtet über ihre Erfahrungen als Leiterin einer Kontinenz-Selbsthilfegruppe.

Frau Sonnenberg, Sie sind Fachkraft für Kontinenzförderung. Was bedeutet das und wie kann man sich Ihren Berufsalltag vorstellen?

Als Fachkraft zur Kontinenzförderung habe ich eine Weiterbildung zu Harn- und Stuhlinkontinenz und Stomaversorgung absolviert. Seitdem biete ich jeden Mittwoch einen sogenannten Kontinenztag an. Dabei berate ich Betroffene von „draußen“ sowie Patienten der Klinik über das Thema Inkontinenz. Außerdem berate ich Pflegefachkräfte auf den Stationen und biete Fortbildungen zu Inkontinenzhilfsmitteln und Inkontinenzformen für alle Mitarbeiter unseres Krankenhauses an.

Sie leiten zudem eine Kontinenz-Selbsthilfegruppe. Wie kam es dazu, dass Sie diese Selbsthilfegruppe für Betroffene ins Leben gerufen haben?

Die Selbsthilfegruppe wurde schon vor meiner Zeit ins Leben gerufen. Eine inkontinente Dame hat die Gruppe mit Unterstützung des paritätischen Wohlfahrtsverbandes gegründet. Dann hat sie jedoch aufgehört und mich gefragt, ob ich diese betreuen möchte. Ich bin damals noch in der urologischen Ambulanz beschäftigt gewesen, aber da sich die Gruppe sonst aufgelöst hätte, habe ich mich sozusagen breitschlagen lassen (lacht). Da ich als junge Frau nach der Schwangerschaft selbst über lange Zeit inkontinent war und mein Herzblut an dem Thema Kontinenzförderung hängt, mache ich das mittlerweile seit neun Jahren.

Inkontinenz ist in der Gesellschaft immer noch weitestgehend ein Tabuthema. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Die Betroffenen haben selber das Gefühl, dass sie stinken. Und dann ist die Scham so groß, dass man nicht über die Erkrankung spricht.
Angelika Sonnenberg

Inkontinent zu sein bedeutet einen Verlust der Autonomie, einen Kontrollverlust. Inkontinente Personen haben Probleme, ihren Urin oder Stuhl zu halten. Die Betroffenen haben selber das Gefühl, dass sie stinken. Und dann ist die Scham so groß, dass man nicht über die Erkrankung spricht. Daher sollten Personen mit einer Inkontinenz unbedingt den Mut haben und mit einem Arzt sprechen. Nur so kann eine Inkontinenz behandelt und können Symptome wie z. B. eine Geruchsbildung gemindert werden.

Ich bin froh, dass man jetzt schonmal in den Auslagen von Schaufenstern oder auf Rasthöfen Urinalkondome oder Vorlagen sieht und begonnen wird, Werbung für diese Produkte zu machen. Aber viele Betroffene und sogar auch Urologen wissen nicht, dass es eine Hilfsmittelverordnung für Inkontinenzmaterialien gibt und sie sich entsprechende Hilfsmittel verschreiben lassen können. Das zeigt, dass Inkontinenz immer noch ein Tabuthema ist und es auch bleiben wird bis die Erkrankung im Bewusstsein der Öffentlichkeit ankommt. Ich höre immer noch häufig von Fällen, bei denen Betroffene in der Innenstadt verzweifelt eine Toilette suchen. Dann fragen sie in Geschäften nach und werden dort einfach abgewiesen. Da kann man froh sein, wenn man in einer Stadt ist, die das Projekt „Die nette Toilette“ unterstützt.

Was genau ist das Projekt „Die nette Toilette“?

Bei diesem Projekt werden Bürgerinnen und Bürger mit Hilfe eines Flyers darüber informiert, wo sich die nächste Toilette befindet. Dort muss man weder bitten noch betteln, sondern kann die Toilette einfach nutzen. Das ist eine große Entlastung für Betroffene mit einer Inkontinenz. Viele Städte engagieren sich bereits in diesem Projekt, andere, wie auch die Stadt Köln, leider immer noch nicht. Ich frage mich, warum nicht einfach in jeder Stadt im Informationszentrum für Touristen ein Flyer zu den nutzbaren Toiletten ausliegt. Das wäre mal eine Idee! Dann wären inkontinente Personen automatisch unabhängiger und müssten sich nicht die Blöße geben und erst nach einer Toilette fragen. Und das würde wiederum fördern, dass sie aus dem Haus gehen und soziale Kontakte pflegen.

Hat sich das Ansehen der Inkontinenz in den letzten Jahren verändert? Ist das Thema noch tabubehafteter oder eher gesellschaftstauglicher geworden?

Es hat sich insgesamt schon vieles verbessert, aber von gut sind wir leider immer noch weit entfernt.
Angelika Sonnenberg

Ich bin seit 38 Jahren in der Pflege tätig und habe mich viel mit der Urologie, also mit harnbildenden und harnableitenden Organen, beschäftigt. Es hat sich insgesamt schon vieles verbessert, aber von gut sind wir leider immer noch weit entfernt. In Gesprächen stellt man fest, dass die Inkontinenz einfach nicht wahrgenommen wird. Immer wieder werde ich gefragt „Warum machst du überhaupt Kontinenzberatung? Gibt es überhaupt genug Kunden?“. Wenn man dann zu erzählen anfängt, fällt vielen ein, dass sie beim Lachen, Husten oder Niesen auch schon einmal Urin verloren haben. Das kommt zum Beispiel nach den Wechseljahren oder durch Übergewicht oder auch nach einer Schwangerschaft und Geburt vor. Daher habe ich auch schon häufiger kleine Vorträge bei verschiedensten Personengruppe gehalten. Anfangs sitzen die Teilnehmer dort oft teilnahmslos und hinterher entsteht dann doch ein reges Geplauder.

Aufgrund der Tabuisierung der Erkrankung schämen sich Betroffene oftmals für ihre Inkontinenz. Haben Sie einen Tipp, wie man als Angehöriger seine Mutter / seinen Vater sensibel auf das Thema ansprechen kann?

Gerade als Angehöriger muss man da ganz vorsichtig sein. Oft ist es anfangs leichter, über Fachliches und ganz konstruktive Dinge zu sprechen. Der Einstieg funktioniert oft gut mit einer Frage: „Wie kommst du mit der Toilette zurecht?“ oder „Braucht du vielleicht eine Toilettensitzerhöhung?“ oder auch „Soll ich dich zum Urologen begleiten?“. Angehörige können aber auch zum Beispiel sagen: „Du, ich war heute schon den ganzen Tag hier und mir ist aufgefallen, dass du gar nicht auf Toilette warst. Wie ist es denn bei dir mit dem Wasserlassen?“. Also ruhig konkret fragen, aber sensibel für die Gefühle des Anderen sein und freundlich bleiben. Ich gehe mit dem Thema sehr offen, aber behutsam um und das kann ich Angehörigen auch nur empfehlen. Es gibt aber auch einfach Betroffene, die wollen mit ihren Kindern oder ihrem Partner nicht über ihre Ausscheidung sprechen. Dann sollten sie direkt selbst zum Arzt gehen.

Aufklärung, Schulung und Beratung sind ganz wichtig!
Angelika Sonnenberg

Man muss aber auch berücksichtigen, dass sich nicht nur inkontinente Menschen für ihre Erkrankung schämen, sondern oft auch ihre Angehörigen. Daher sind Aufklärung, Schulung und Beratung ganz wichtig. Ich denke, dass jeder für sich überlegen sollte: Was würde ich denn zulassen? Wie würde ich auf eine Inkontinenz angesprochen werden wollen? Ich bin zum Beispiel 58 Jahre alt und mein Sohn ist 30. Ich würde es auch befremdlich finden, wenn er mir jetzt die Inkontinenzvorlagen wechseln würde – das würde ich schon noch selber machen wollen.

Betroffene leiden oft unter der Angst, dass ihre Krankheit „enttarnt“ wird. Welche Tipps haben Sie für Menschen mit Inkontinenz, damit sie sich auch unterwegs sicher fühlen?

Man sollte sich vom Arzt passendes Inkontinenzmaterial wie zum Beispiel Vorlagen, Einlagen, Pants und Slips verordnen lassen. Aber die Verordnung allein reicht nicht aus. Wichtig ist, dass Betroffene den Umgang mit diesen Hilfsmitteln lernen. Vorlagen sollte man beispielsweise einmal längs in der Mitte kurz knicken, damit sie wie ein Bötchen funktionieren. Auch sollte man Vorlagen nicht zu dicht am Körper tragen. Da muss immer ein wenig Platz sein, damit sich auch ein Schwung Urin verteilen kann. Außerdem würde ich nur ausgewiesene Vorlagen empfehlen, die dafür ausgelegt sind, Flüssigkeit aufzunehmen und einen Absorber beinhalten, der die Flüssigkeit nach unten wegsaugt.  Durch den Kontakt mit Urin bildet sich ein Gel und die Haut bleibt trocken. Solche praktischen Tipps sind sehr wichtig und werden von Ärzten aus Zeitgründen oft nicht gegeben. Dann ist es hilfreich eine Kontinenzberatung oder eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen.

Gibt es inzwischen praktische Hilfsmittel oder digitale Helfer, die den Umgang mit einer Inkontinenz erleichtern?

Es gibt bereits mehrere Apps für das Smartphone. Ich persönlich kann die kostenlose „WC-Finder-Deutschland“-App für Android sehr empfehlen. Mit dieser können sich inkontinente Menschen oder auch alle Interessierten den Weg zur nächsten Toilette anzeigen lassen. Das hilft auch in fremden Städten oder auf Reisen. Leider wird dieser Service von der älteren Generation um die 80 Jahre eher noch weniger in Anspruch genommen, da diese nicht alle ein Smartphone besitzen.

Kommen wir jetzt zu der Kontinenz-Selbsthilfegruppe, die Sie betreuen. Oft ist es als Betroffener hilfreich, sich mit anderen über die eigene Erkrankung auszutauschen. Können Sie uns kurz beschreiben, welche Personen Ihre Selbsthilfegruppe aufsuchen?

In unserer Kontinenz-Selbsthilfegruppe sind die Teilnehmer wirklich sehr gemischt. Es wird mir von anderen Gruppen berichtet, dass bei ihnen nur Frauen teilnehmen, aber ich habe in meiner Gruppe auch sehr viele Männer. Manche von denen kommen nur bis ihr Problem gelöst ist und sind dann wieder weg, andere kommen aber bereits seit zehn Jahren. Die Alterspanne reicht von 40 bis hin zu 80 Jahren. Man muss allerdings auch der Typ für eine Selbsthilfegruppe sein. Es gibt auch Menschen, die sich in einer Gruppe nicht richtig öffnen können oder outen wollen. Aber manchmal hilft es zu sehen, dass man nicht alleine mit seinem Problem dasteht. Man kann beim ersten Mal sonst auch einen Freund oder Angehörigen zur Verstärkung mitbringen.

Welche Themen besprechen Sie in Ihrer Kontinenz-Selbsthilfegruppe und wie kann man sich den groben Ablauf eines solchen Treffens vorstellen?

Wir treffen uns einmal im Monat für etwa eine bis anderthalb Stunden. Wenn dann nur acht Leute da sind, ist das schon wenig. Meist sind wir 17 bis 20 Teilnehmer. In der Regel gibt es anfangs immer etwas Organisatorisches zu besprechen. Letztes Mal habe ich beispielsweise über einen Tag der offenen Tür in einer Klinik gesprochen, an dem wir teilnehmen. Der Schwerpunkt des Treffens liegt jedoch immer auf einem Thema, das einer der Teilnehmer mitbringt. Zum Beispiel: „Sollen wir nicht noch einmal einen Brief an die Stadt schreiben, damit auch Köln das Projekt „Die nette Toilette“ umsetzt?“. Oder Mitglieder berichten über ihre Erfahrungen in einem Krankenhaus. Und jeder hat natürlich auch seine individuellen Probleme, von denen er berichtet. Dann erhält er von den anderen Mitgliedern, aber auch von mir als Fachkraft, Feedback.

Was sind die häufigsten Ängste und Fragen der Teilnehmer in der Selbsthilfegruppe?

Viele kommen mit Problemen mit der Krankenkasse. Zum Beispiel musste ein Herr ein Jahr lang kämpfen, um die richtigen Inkontinenzmaterialien zu erhalten. Wenn man nicht der Otto-Normalverbraucher mit der Standardvorlage ist, sondern größere oder andere Vorlagen benötigt, kann das schon zu Problemen führen. An sich bekommt jeder die Versorgung, die er braucht, aber manchmal muss man eben kämpfen. Dann heißt es dranbleiben und sich mit der Kasse zusammensetzen. Von diesen Erfahrungsberichten in unserer Gruppe haben sicher auch viele andere profitiert.

Von den Erfahrungsberichten in unserer Gruppe profitieren alle Teilnehmer.
Angelika Sonnenberg

Ein anderes Problem ist häufig die Aufklärung durch die behandelnden Ärzte. Viele nehmen sich dem Thema Inkontinenz leider nicht an, sodass die Patienten anschließend zu uns in die Gruppe kommen. Die Erkrankung ist ja sehr komplex. Man muss sich mit dem Trink- und Ausscheidungsverhalten auseinandersetzen und die Vorerkrankungen sowie Medikamente berücksichtigen. Da ist es für mich wichtig, die Betroffenen zu ermutigen, auch mal den Urologen zu wechseln. Sicherlich ist es dann auch hilfreich, das Problem in einer Gruppe offen besprechen zu können. Wenn einem dann zehn Leute den Rücken stärken und sagen „Komm! Mach dich nochmal auf den Weg und vertrau dich einem weiteren Arzt an!“ motiviert das ungemein.

Was war Ihr schönstes oder beeindruckendstes Erlebnis in der Kontinenz-Selbsthilfegruppe?

Sehr beeindruckt hat mich die Geschichte einer Dame, die ihr Haus aufgrund einer Stuhlinkontinenz drei Jahre lang nicht verlassen hat. Ihr behandelnder Arzt hatte leider keine Idee, wie man ihr helfen könnte und hat ihr auch keinen Lösungsweg, wie eine Beratung, aufgezeigt. Dann hat der Sohn der Betroffenen mich aufgrund der Selbsthilfegruppe und meiner Beratungstätigkeit gefunden und kontaktiert. Am Ende ließ sich das Problem relativ einfach durch eine Änderung der Ernährung in den Griff bekommen. Das war für die Dame natürlich erstmal eine große Umstellung, ermöglichte es ihr aber, wieder am Leben teilzunehmen. Einen großen Anteil hatte da sicher auch die Rückenstärkung durch die Gruppe.

Wo finde ich Selbsthilfegruppen in meiner Nähe? Sind diese Gruppen kostenlos oder muss ich sie bezahlen?

Am besten lassen sich diese Gruppen im Internet finden, wenn man einfach nach Selbsthilfegruppen zu Inkontinenz in der jeweiligen Stadt sucht. Falls man nicht über das Internet suchen möchte, kann man auch bei den paritätischen Wohlfahrtsverbänden nachfragen. Die haben meist einen Katalog, in dem alle Gruppen aufgelistet sind. Selbsthilfegruppen sind immer kostenlos. Wir sammeln Spenden und gehen dann meist einmal im Jahr ins Museum und trinken zusammen Kaffee.

Machen Sie sich auf den Weg! Es gibt Hilfe, die darf man suchen und die sollte man in Anspruch nehmen.
Angelika Sonnenberg

Haben Sie abschließend noch einen Tipp für unsere pflege.de-Leser?

Machen Sie sich unbedingt auf den Weg und gehen Sie raus! Sei es zu einer Beratungsstelle, zu einer Selbsthilfegruppe oder zu einem Arzt. Sie sollten sich nicht zuhause verstecken und mit Ihrer Inkontinenz alleine bleiben. Denn es wird keiner bei Ihnen klingeln und Sie rausholen. Machen Sie sich auf den Weg! Es gibt Hilfe, die darf man suchen und die sollte man in Anspruch nehmen.

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Bildquelle©istock.com/NADOFOTOS
Interview

Inkontinenz bei Männern

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Joachim Slota
Im Interview
Joachim Slota
Fachberater für Kontinenz

Joachim Slota ist examinierter Krankenpfleger und Fachberater für Kontinenz. Seit 2008 ist er für den Hersteller Attends tätig, sein Spezialgebiet ist die Inkontinenzversorgung bei Männern.

Eine Inkontinenz bei Männern ist – wie bei Frauen auch – ein großes Tabuthema in unserer Gesellschaft. Doch während Frauen zumindest an den Umgang mit Hygieneprodukten von ihrer Monatsblutung gewöhnt sind, tauchen dadurch bei Männern zusätzliche Herausforderungen, Unsicherheiten und Scham auf: Wie entsorge ich mein Inkontinenzmaterial auf öffentlichen Toiletten, wo es keine Mülleimer gibt? Wo transportiere ich meine Inkontinenzeinlagen, wenn ich unterwegs bin, aber keine Handtasche bei mir trage?

Dies und mehr klärt der Experte Joachim Slota im Interview mit pflege.de. Er gibt spannende Einblicke und verrät Tipps für einen offenen Umgang einer Inkontinenz bei Männern.

Herr Slota, meine erste Frage: Was unterscheidet eine Inkontinenz bei Männern grundlegend von einer Inkontinenz bei Frauen?

Grundsätzlich muss man erst einmal sagen: Inkontinenz ist eine Blasenschwäche. Man spürt nicht mehr, wenn man Harn verliert. Eine Inkontinenz bei Frauen und Männern ist daher erst einmal gleich in der Ausprägung, aber es gibt unterschiedliche Ursachen.

Bei Männern ist eine Inkontinenz am häufigsten durch die Prostatavergrößerung im Alter bedingt, bei Frauen eher durch eine Schwäche der Beckenbodenmuskulatur.

Studien behaupten „Jeder 4. Mann macht Erfahrungen mit Blasenschwäche, kaum einer redet darüber.“ Stimmt das?

Gerade Männer in jungen Jahren haben häufiger das Problem, dass es mal „nachtröpfelt“ – erste Zeichen einer leichten Inkontinenz.
Joachim Slota

Ja, ich würde sogar sagen, dass es noch mehr Männer betrifft als „nur“ jeden vierten. Gerade Männer in jungen Jahren haben häufiger das Problem, dass es mal „nachtröpfelt“ – erste Zeichen einer leichten Inkontinenz. Dass niemand darüber redet, liegt daran, dass Inkontinenz in der Gesellschaft einfach ein Tabuthema ist – bei Frauen wie bei Männern.

Lassen Sie uns noch einmal über die Ursachen für eine Inkontinenz bei Männern sprechen: Die wesentliche Ursache ist also eine Vergrößerung der Prostata?

Genau. Die Prostata ist ja die sogenannte Vorsteherdrüse und befindet sich unterhalb der Blase. Mit zunehmendem Alter vergrößert sie sich. Meistens tauchen die ersten Symptome einer Inkontinenz bei Männern im Alter von 55 bis 60 Jahren auf. Wobei ganz klar auch jüngere Männer betroffen sein können. Man kann schon ab 30 Jahren erste Veränderungen der Prostata beobachten, was aber nicht heißt, dass es gleich zu einer Inkontinenz kommen muss.

Gibt es weitere Ursachen für eine Inkontinenz bei Männern?

Ja. Eine Prostatavergrößerung muss häufig operiert werden. Durch diese OP kann sich der Schließmuskel der Blase absenken und das führt wiederum zu einer sog. Belastungsinkontinenz. Die kennt man sonst häufiger bei Frauen und zeichnet sich durch den Harnverlust bei Husten, Niesen usw. aus.

Weitere Ursachen für eine Inkontinenz sind unvorhergesehene Ereignisse wie z. B. ein Verkehrsunfall oder ein Schlaganfall, wo Nervenbahnen betroffen sind. Dadurch kann man auch in sehr jungem Alter mit einer Inkontinenz konfrontiert werden.

Welcher Arzt ist der richtige Ansprechpartner und die erste Anlaufstelle, wenn ich als Mann erste Anzeichen einer Inkontinenz erkenne?

Wenn Sie eine enge Bindung zu Ihrem Hausarzt haben und er Sie seit Jahren kennt, ist es sinnvoll, ihn als erstes zu kontaktieren. Er kennt Ihre Erkrankungen und weiß, welcher Typ Sie sind. Der Hausarzt überweist Sie dann an einen Psychologen, Urologen oder Internisten.

Wenn Sie keinen vertrauten Hausarzt haben, ist der Urologe als erste Anlaufstelle am sinnvollsten.

In den Medien wird oft thematisiert, dass die Scham einer Inkontinenz bei Männern viel größer ist als bei Frauen mit Inkontinenz. Warum soll das so sein?

Das ist leider in der Natur begründet. Die Frau hat die monatliche Regel und ist daher mit dem Gang, sich Einlagen zu kaufen und diese zu verwenden, vertraut. Frauen kennen das über einen längeren Zeitraum und gehen daher anders damit um.

Eine Inkontinenz wird nun mal immer noch als Schwäche wahrgenommen und daher fällt es Männern so schwer, damit umzugehen und darüber zu sprechen.
Joachim Slota

Aber auch die Medien spielen eine Rolle: Es gibt ganz viel Werbung für Hygieneprodukte zur Versorgung der Monatsblutung bei Frauen. Aber Männer sind halt logischerweise nicht mit dem Problem konfrontiert. Zudem sind sie vom Wesen her stolz und geben Schwächen ungerne zu. Eine Inkontinenz wird nun mal immer noch als Schwäche wahrgenommen und daher fällt es Männern so schwer, damit umzugehen und darüber zu sprechen.

Haben Männer auch ein anderes Schamgefühl als Frauen? Wird die Erkrankung bei Männern eher tabuisiert, da sie oft als „Frauenkrankheit“ abgestempelt wird?

Ja natürlich. Dadurch ist das Schamgefühl größer. Ich habe bei meinem Hausarzt aber letztens gesehen, dass in der Männertoilette Plakate hängen, dass man mit Inkontinenz nicht alleine ist.

Die Toilette ist ja ein Ort, an dem man für sich ist. Dort können solche Plakate durchaus ermutigen, dass man sie beim Arzt im Sprechzimmer direkt anspricht. Das finde ich schon mal eine gute Sache.

Wie schätzen Sie als Mann diese Problematik um das Schamgefühl ein? Was glauben Sie, welche Gefühle Sie hätten, wenn Sie durch einen Unfall, eine Krankheit oder im Alter inkontinent werden?

Ja, wie gesagt. Man sieht es einfach als Schwäche an, es ist einem unangenehm, es ist etwas, wo man sich halt schwach fühlt.

Man will mit diesem Problem einfach nicht heraus und da spricht man einfach nicht gerne darüber. Weder mit Freunden noch Bekannten und vor allem haben viele auch Probleme, mit dem Partner darüber zu sprechen.

Welche speziellen Produkte zur Versorgung einer Inkontinenz gibt es für Männer? Die Anatomie des Mannes macht die Inkontinenzversorgung an sich ja schon einmal schwieriger.

Inkontinenzmaterial für Männer ist anatomisch so geformt, dass man es gut in die Unterhose kleben kann. Es ist nach vorne hin auch etwas breiter und dennoch dünn und diskret.
Joachim Slota

Es gibt spezielle Männervorlagen für die unterschiedlichen Formen und Stärken einer Inkontinenz. Bei uns, bei der Firma Attends, sind die Produkte in die Saugstärken 0 („Nachtröpfeln“) bis 10 (sehr schwere Inkontinenz) eingeteilt. Alle Produkte haben eine aktive Geruchsbindung, die den Urin in Gel verwandeln und damit die Oberfläche trocken halten. Das verhindert auch Hautirritationen.

Inkontinenzmaterial für Männer ist anatomisch so geformt, dass man es gut in die Unterhose kleben kann. Es ist nach vorne hin auch etwas breiter und dennoch dünn und diskret.

Für schwerere Formen der Inkontinenz gibt es neben Inkontinenzeinlagen, die man in eine gut sitzende Unterhose klebt, auch Pants und Pull-ons. Das sind richtige Hosen, die man einfach rauf- und runterziehen kann.

Und wer kann zum ideal passenden Inkontinenzprodukt beraten? Das heißt: Wohin können Männer gehen, um herauszufinden, welches Produkt für die individuelle Form der Inkontinenz am besten geeignet ist?

Für ein erstes „Nachtröpfeln“ kann man zunächst normale Hygieneprodukte z. B. aus der Drogerie kaufen. Ab einer leichten Inkontinenz bekommt man vom Arzt ein sog. Inkontinenzrezept ausgestellt und erhält damit Inkontinenzprodukte auf Rezept kostenlos.

Mit diesem Rezept kann man entweder zu einem Leistungserbringer, der Apotheke vor Ort oder zum Sanitätshaus gehen und sich beraten lassen.

Sie beraten selbst viele Männer. Was sind Ihrer Erfahrung nach die größten Sorgen, die Männer haben? Geht es dabei vor allem um Fragen, wie man das richtige Inkontinenzprodukt für sich findet oder auch um Fragen, wie man sich im Alltag mit einer Inkontinenz organisiert?

Ich werde häufig gefragt ‚Haben Sie Produkte, die diskret sind?‘, ‚Riecht das auch, wenn man unterwegs ist?‘
Joachim Slota

Ich werde häufig gefragt „Haben Sie Produkte, die diskret sind?“, „Riecht das auch, wenn man unterwegs ist?“

Ich kann dann beruhigen und aufklären, dass es Produkte gibt, mit denen man unterwegs sicher ist und wo niemand sofort riecht, dass man harninkontinent ist.

Wie organisiert man sich als Mann unterwegs? Männer haben ja im Vergleich zu Frauen meist keine Handtasche dabei, in der sie Inkontinenzmaterial transportieren können.

Das ist natürlich so, dass Frauen ihre kleine Handtasche dabei haben, die weniger auffällt. Aber auch als Mann nehme ich ja häufig eine Tasche oder einen Rucksack mit oder ich hab durchaus eine Jacke an, wo ich meine Produkte in der Innentasche transportieren kann, so dass es keinem auffällt.

Wie ist das auf öffentlichen Herrentoiletten mit der Entsorgung von gebrauchten Einlagen? Während bei Frauen für Hygieneartikel bereits kleine Mülleimer in der Toilettenkabine stehen, dürfte das bei Männern ja eine weitere Problematik hervorrufen.

Das stimmt. Das ist bei Männern entsprechend schwieriger. Daher empfehle ich, dass man sich so kleine Müllbeutel mitnimmt, die nicht durchsichtig sind. So kann man diese Einlage in den Müllbeutel packen und kann den auch unterwegs z. B. auf einer Autobahnraststätte in einem Restmüllbehälter entsorgen. So muss man die benutzte Vorlage nicht unbedingt mit nach Hause nehmen.

Inzwischen hat der Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe eine Initiative für mehr Hygienebehälter in Herrentoiletten gestartet. Kennen Sie noch mehr Projekte, die sich für die Inkontinenz bei Männern stark machen?

Von diesem Projekt habe ich auch gehört. Das bedeutet für mich, dass dieses Problem auch erkannt wird. Genauso wie immer mehr Selbsthilfegruppen entstehen. Mögliche Anlaufstellen findet man etwa bei der Kontinenz Gesellschaft, bei Inkontinenz Selbsthilfe e.V. und beim Selbsthilfeverband Inkontinenz, wo man sich mit anderen Betroffenen austauschen kann und wo man entsprechende Infos bekommt, wie sich andere organisieren.

Aber grundsätzlich sehen Sie auch noch Bedarf, das Thema Inkontinenz bei Männern in der Öffentlichkeit noch stärker zu thematisieren? Sei es durch TV-Werbung, durch Plakate bei Ärzten usw.

Auf jeden Fall! Das wäre wichtig. Dass man auch einfach erwähnt, dass es entsprechende angenehme und diskrete Produkte gibt, die auch ganz besonders auf den Mann zugeschnitten sind. Da sollte in der Öffentlichkeit noch mehr Arbeit geleistet werden.

Von Apothekern haben wir schon ein paar mal gehört, dass häufig Frauen das Inkontinenzmaterial für ihre Männer kaufen, weil die sich so sehr schämen. Männer gehen in der Drogerie höchstens mit Inkontinenzmaterial für Frauen an die Kasse.

Es ist wirklich wichtig, sich als Mann mit Inkontinenz selbst zu äußern und es nicht durch die eigene Ehefrau organisieren zu lassen.
Joachim Slota

Ja, das habe ich auch schon häufiger beobachtet. Man muss ja nicht zwingend in die Apotheke, sondern kann sich auch telefonisch beraten lassen, z. B. bei Leistungserbringern wie Attends. Das Telefongespräch läuft dann anonym und man trifft – anders als in der Apotheke oder im Supermarkt – keine Bekannte, Nachbarn o.ä.

Es ist wirklich wichtig, sich als Mann mit Inkontinenz selbst zu äußern und es nicht durch die eigene Ehefrau organisieren zu lassen. Sie kann das Problem nicht schildern, sie weiß auch nicht, wie man sich als Mann fühlt und wie ausgeprägt die Inkontinenz ist. Dies alles ist nötig, um das richtige Produkt zu finden.

Gibt es auch die Möglichkeit, sich die Inkontinenzprodukte in einem diskreten Karton nach Hause schicken zu lassen?

Ja, man kann die Inkontinenzprodukte online bestellen und erhält sie diskret in einem Paket nach Hause gesendet. Dem Paket sieht man von außen nicht an, was drin ist.

Wenn man sein Rezept einlösen möchte, sollte man sich zuerst an seinen Inkontinenzversorger wenden.

Noch eine Frage zu den Hilfsangeboten speziell für Männer. Gibt es separate Angebote für betroffene Männer wie Foren oder Selbsthilfegruppen?

Angebote speziell für Männer sind leider sehr selten. Das ist durchaus so, dass man sich auch mal beim Urologen erkundigen kann, ob er regionale Angebote kennt.

Ansonsten gibt es viele Foren im Internet, wo man sich anonym mit anderen Betroffenen austauschen kann. Ich empfehle diese Foren auch durchaus. Die haben ja den weiteren Vorteil, dass man zu jeder Zeit schreiben kann und auch ortsunabhängig jeder darauf Zugriff hat.

Und welchen Tipp geben Sie unseren männlichen Lesern zum Umgang mit ihrer Inkontinenz?

Mein Tipp: Warten Sie nicht zu lange, bis Sie mit einem Arzt und Ihrem Partner über Ihre Inkontinenz sprechen!
Joachim Slota

Warten Sie nicht zu lange, bis Sie mit einem Arzt und Ihrem Partner über Ihre Inkontinenz sprechen!

Es lohnt sich wirklich, direkt zum Hausarzt oder zum Urologen zu gehen, weil es viele verschiedene Therapiemöglichkeiten gibt. Das kann einmal medikamentös sein, es kann auch durch Inkontinenzeinlagen sein. Es ist wichtig, sich anzuvertrauen und dieses Problem offen anzusprechen, damit entsprechende Maßnahmen ergriffen werden können.

Info
Keine medizinische Beratung

Wir machen darauf aufmerksam, dass die Aussagen des Interviews Hilfestellungen und Aufklärung bieten, jedoch keine medizinische Beratung beim Arzt ersetzen sollen.

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