Themenwelt

Inkontinenz

Bei einer Inkontinenz können Personen aus unterschiedlichen Gründen ihren Harn oder Stuhl komplett oder teilweise nicht mehr halten. Da Inkontinenz für die meisten Menschen ein sehr intimes Thema ist, verschweigen viele Betroffene ihre Beschwerden – auch vor ihrem Arzt. Doch gerade ein Arztbesuch ist wichtig, um die Beschwerden abzuklären. Mit der Diagnose Inkontinenz sind Behandlungsmaßnahmen möglich, die die Lebensqualität von Betroffenen deutlich verbessern können. Wenn Sie bei sich oder einer Person aus Ihrem Umfeld eine Inkontinenz vermuten, möchten wir Sie dazu ermutigen: Gehen Sie das Thema an.

pflege.de klärt umfassend über Inkontinenz auf. Wir informieren Sie zu den Symptomen, Ursachen, zur Behandlung und den verschiedenen Formen einer Inkontinenz.

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Inkontinenz: Formen, Ursachen & Therapie

Inhaltsverzeichnis

Inkontinenz: Definition

Inkontinenz bezeichnet die fehlende oder mangelnde Fähigkeit des Körpers, Urin oder Stuhl zu halten und kontrolliert abzugeben. Folglich kommt es zu einem ungewollten Urinverlust (Harninkontinenz) oder Stuhlabgang (Stuhlinkontinenz).(1)

Häufig tritt eine Inkontinenz als Nebenerscheinung einer Krankheit auf. In diesen Fällen gleicht die Inkontinenz eher einem Symptom als einer Krankheit.

Expertenmeinung

„Inkontinenz bringt dich nicht um, aber sie nimmt dir das Leben“ (J. Brown)

Dieses Zitat eines Betroffenen begleitet mich als Kontinenzfachkraft seit 15 Jahren. Vieles hat sich in den vergangenen Jahren verändert, nur das Thema Inkontinenz ist immer noch ein Tabu. Bei circa 9 bis 11 Millionen Betroffenen in Deutschland ist das erstaunlich. Wir alle müssen aufmerksam sein: hinschauen, hinhören, beobachten, erkennen, motivieren und helfen.

Angelika  Sonnenberg
Pflegetrainerin & Fachkraft zur Kontinenzförderung

Inkontinenz: Symptome

Nur, weil eine Person öfters die Toilette aufsucht, muss dies kein Anzeichen für eine Inkontinenz sein. Die Symptome bei einer Inkontinenz sind für Betroffene meistens sicht- und spürbar.

Bei einer Harninkontinenz verlieren Personen unwillkürlich Urin, zum Beispiel wenn sie lachen, husten, niesen oder schwer heben. In anderen Fällen verspüren Betroffene ganz plötzlich einen starken Harndrang und schaffen es nicht mehr rechtzeitig zur Toilette.(1)

Andere entdecken Stuhlschmieren oder flüssigen Stuhl in ihrer Unterwäsche, den sie nicht willentlich ausgeschieden haben. Dies könnte auf eine Stuhlinkontinenz hinweisen.(1)

Tipp
Sprechen Sie über Ihre Beschwerden

Inkontinenz ist ein tabuisiertes Thema, über das viele Betroffene aus Sorge und Scham schweigen. Falls Sie dazu gehören, führen Sie sich vor Augen: Sie sind nicht allein und es gibt verschiedene Methoden, mit denen sich Ihre Beschwerden bessern oder sogar heilen lassen. Haben Sie keine Hemmungen und wenden Sie sich an eine vertrauensvolle Person, mit der Sie über Ihre Symptome sprechen können. Das kann beispielsweise ein Familienmitglied, eine Person aus Ihrem engen Freundeskreis oder ein Arzt sein. Gemeinsam mit einem Arzt können Sie geeignete Therapiemaßnahmen finden, sodass Sie Ihren Alltag aktiv und sorgenfrei leben können.

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Erste Anzeichen von Inkontinenz erkennen

Viele Betroffene verschweigen ihre Inkontinenz-Beschwerden vor der Familie und dem Freundeskreis. Oft leidet darunter nicht nur das Selbstwertgefühl, sondern auch das Sozialleben. Denn viele betroffene Personen ziehen sich immer mehr zurück und verbringen ihre Zeit überwiegend zuhause. Damit es gar nicht erst so weit kommt, sollten Sie die Anzeichen von Inkontinenz kennen – und noch besser: erkennen.

Folgende Anzeichen können darauf hinweisen, dass eine Person inkontinent ist:

  • Die Person riecht nach Urin oder Stuhl und/oder in der Wohnung riecht es nach Urin oder Stuhl.
  • Die Person möchte nichts mehr unternehmen und zieht sich zurück.
  • Sie entdecken gelbliche oder braune Flecken auf der Kleidung oder Bettwäsche der Person.
  • Ihnen fällt auf, dass die Person oft ihre Kleidung wechselt und sehr wenig trinkt.
  • Ihnen fällt auf, dass die Person „prophylaktische“ Toilettengänge macht.
  • Sie beobachten im Badezimmer neuerdings oder vermehrt Slipeinlagen oder Menstruationsbinden.
Expertentipp

Falls solche Auffälligkeiten in Erscheinung treten, suchen Sie vorsichtig das Gespräch und machen Sie der Person Mut, mit einem Arzt darüber zu sprechen. Der respektvolle Umgang mit inkontinenten und pflegebedürftigen Menschen ist besonders wichtig. Begriffe aus der Kinder- und Säuglingspflege, wie etwa „Windeln“, sollten Sie vermeiden. Auch für Familie, Freunde und Vertrauenspersonen ist es schwer über die Inkontinenz zu sprechen. Aber der Hinweis auf kompetente Beratungsmöglichkeiten hilft den Betroffenen sehr. Es kann auch helfen, wenn Sie die betroffene Person darauf hinweisen, dass sie mit ihren Beschwerden nicht allein dasteht und es heutzutage eine Bandbreite an effektiven Möglichkeiten gibt, beispielsweise Vorlagen, Toilettentraining und Blasentraining.

Angelika  Sonnenberg
Pflegetrainerin & Fachkraft zur Kontinenzförderung

Inkontinenz: Formen und Arten

Es gibt unterschiedliche Inkontinenzformen. Je nachdem, ob Urin oder Stuhl unkontrolliert austritt, unterscheidet die Medizin zwischen einer Harninkontinenz und einer Stuhlinkontinenz.

Harninkontinenz

Harninkontinenz bezeichnet jeden ungewollten Urinverlust. Eine Harninkontinenz lässt sich, je nach Ursache, noch in weitere Arten unterteilen.(2)

Die häufigsten Arten der Harninkontinenz sind die Stressinkontinenz (auch Belastungsinkontinenz) und die Dranginkontinenz. Worin unterscheiden sie sich?

Stressinkontinenz (Belastungsinkontinenz)

Bei einer Stressinkontinenz verliert die betroffene Person ungewollt Urin durch körperliche Anstrengung, zum Beispiel beim Heben, Husten, Treppensteigen oder Niesen. Dabei verspürt sie keinen Harndrang. An einer Stress- beziehungsweise Belastungsinkontinenz leiden Frauen aufgrund ihrer Anatomie deutlich häufiger als Männer.

Dranginkontinenz

Bei einer Dranginkontinenz verspürt die betroffene Person bei gering gefüllter Blase einen überfallartigen, unkontrollierbaren Harndrang. Dieser kommt so plötzlich, dass es die Person nicht mehr rechtzeitig zur Toilette schafft und ungewollt Urin ablässt.

Stuhlinkontinenz

Stuhlinkontinenz (auch Darminkontinenz) ist der medizinische Begriff für den unwillkürlichen Verlust von Darminhalt. Wie bei der Harninkontinenz gibt es auch bei dieser Inkontinenzform Fälle, bei denen Betroffene zwar den Stuhldrang bemerken, es aber nicht rechtzeitig zur Toilette schaffen.

Darüber hinaus gibt es Fälle, in denen Betroffene gar keinen Stuhldrang verspüren und die Darmentleerung nicht bewusst steuern können. Nach dem Inkontinenz Selbsthilfe e. V. sind etwa fünf Prozent der Menschen in Deutschland von einer Stuhlinkontinenz betroffen.(4)

Inkontinenz: Ursachen und Risikofaktoren

Ein komplexes System in unserem Körper arbeitet zusammen, damit wir unsere Blasen- sowie unsere Darmentleerung kontrollieren können. Dazu müssen gewisse Zentren in unserem Gehirn und Rückenmark, beteiligte Muskeln sowie Nerven intakt sein.

Eine ganze Reihe von Ursachen kann dieses fein aufeinander abgestimmte System allerdings stören und dazu führen, dass wir die Kontrolle verlieren. Je nach Ursache liegt dann eine spezielle Inkontinenz-Form vor, die einer entsprechenden Behandlung bedarf. Nur ein Arzt kann die konkrete Ursache bestimmen.

Wir informieren Sie zu möglichen Ursachen und Risikofaktoren für eine Inkontinenz. Hierzu vorab ein schneller Überblick:

  • Inkontinenz durch Krankheiten der Organe und Nerven
  • Inkontinenz als ungewollte Nebenwirkung bei Arzneimitteln
  • Inkontinenz im Alter
  • Inkontinenz bei Frauen in der Schwangerschaft und nach einer Geburt
  • Inkontinenz bei Männern nach einer Prostatektomie
  • Inkontinenz durch psychische Ursachen
Info
Welcher Pflegegrad bei einer Inkontinenz?

Menschen mit einer Inkontinenz sind nicht automatisch pflegebedürftig. Ob und in welchem Ausmaß ein Mensch pflegebedürftig (nach SGB XI) ist, wird im Rahmen einer Pflegebegutachtung ermittelt. Es geht dabei vor allem darum, an welchen Stellen im Alltag die betroffene Person Unterstützung einer weiteren Person benötigt. Trägt die betroffene Person etwa Inkontinenzmaterial, das sie nicht allein wechseln kann und bekommt Unterstützung bei der Körperpflege, dann stehen die Chancen auf einen Pflegegrad sehr gut. Nutzen Sie gerne unseren kostenlosen Pflegegradrechner und ermitteln Sie den voraussichtlichen Pflegegrad.

Inkontinenz durch Krankheiten der Organe und Nerven

Häufig führen Beschwerden oder Krankheiten am unteren Urogenitaltrakt zu einer Harninkontinenz. Der Urogenitaltrakt umfasst alle Harnorgane sowie männliche und weibliche Geschlechtsorgane. Zu möglichen Erkrankungen an den Organen für die Urinausscheidung gehören beispielsweise Harnwegsentzündungen, Blasensteine oder Verengungen der Harnröhre. Bei Männern ist häufig eine vergrößerte Prostata die Ursache einer Dranginkontinenz, bei der die Blase überaktiv ist.

Eine Inkontinenz kann aber auch auftreten, wenn Nervenimpulse zu schwach sind. In diesem Fall gelingt es Betroffenen nicht mehr, den Harn- oder Stuhldrang zu kontrollieren. Dies ist häufig der Fall bei Multipler Sklerose (MS), nach einem Schlaganfall, bei Diabetes mellitus, Parkinson oder infolge einer Querschnittslähmung – ob angeboren oder nach einem Unfall.(1)

Eine Stuhlinkontinenz kann aber auch durch starkes Übergewicht und Darmprobleme, beispielsweise eine chronische Verstopfung, das Reizdarm-Syndrom oder Durchfall auftreten.(1)

Info
Inkontinenz bei Demenz

Inkontinenz ist eine häufige Begleiterscheinung bei Demenz. Denn eine Demenzerkrankung betrifft unmittelbar das Nervensystem sowie das Gehirn und kann dort verschiedene Störungen verursachen. Dazu zählen beispielsweise Störungen der Blasen- und/oder Darmentleerung, Orientierungsprobleme oder Gedächtnisverlust. So kann es im Zuge einer Demenz etwa dazu kommen, dass die betroffene Person vergisst, rechtzeitig zur Toilette zu gehen oder den Weg dorthin nicht findet. Infolge verliert der demenzerkrankte Mensch ungewollt Urin oder Stuhl.

Inkontinenz als ungewollte Nebenwirkung bei Arzneimitteln

Verschiedene Medikamente und Wirkstoffe können das Risiko für eine Inkontinenz erhöhen. Hierzu zählen Arzneimittel, wie beispielsweise:(2)

  • Diuretika, die in der Behandlung von Bluthochdruck, Herzinsuffizienz (Herzschwäche) und Wassereinlagerungen zum Einsatz kommen. Sie fördern die Flüssigkeitsausscheidung und können jede Form der Inkontinenz erzeugen.
  • ACE-Hemmer, die häufig bei einer Herzinsuffizienz eingenommen werden. Sie bewirken beispielsweise eine Stressinkontinenz (Unterform der Harninkontinenz).
  • Betarezeptorenblocker, die bei Bluthochdruck eingesetzt werden. Sie reizen die Blase und erhöhen somit das Risiko einer Dranginkontinenz (Unterform der Harninkontinenz).
  • Cholinesterase-Hemmer, die bei Demenz verabreicht werden. Auch sie reizen die Blase und erhöhen damit das Risiko einer Dranginkontinenz (Unterform der Harninkontinenz).

Inkontinenz im Alter

Laut der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) ist die Inkontinenz, insbesondere die Harninkontinenz, vor allem bei älteren Menschen ein Thema. Schätzungen nach sind etwa 40 Prozent der über 70-Jährigen in Deutschland harn-inkontinent.(5) Ein Grund dafür ist, dass unser Gewebe im Laufe des Lebens an Elastizität verliert. Dadurch senkt der Beckenboden ab und die natürlichen Öffnungen (Harnröhre, Vagina, After) werden aufgedehnt. Das kann die Verschlussmechanismen von Blase und Darm beeinträchtigen. In der Folge leiden Betroffene an einer Harn- oder Stuhlinkontinenz.(1)

Darüber hinaus gilt die Inkontinenz bei älteren Menschen weniger als Symptom einer Erkrankung, die unmittelbar den Urogenitaltrakt betrifft, wie etwa Nieren- oder Blasensteine. Vielmehr wird die Inkontinenz im Alter als Syndrom verstanden: ein Zusammenwirken verschiedener Faktoren, das mit dem Älterwerden einhergeht. So können altersbedingte Mobilitätseinschränkungen, die Einnahme von mehreren Medikamenten gleichzeitig oder kognitive Störungen eine Inkontinenz auslösen. Aus diesem Grund können sich die Behandlungsmethoden für ältere Inkontinenz-Patienten von denen für jüngere Betroffene unterscheiden.(2)

Inkontinenz bei Frauen in der Schwangerschaft und nach einer Geburt

In der Schwangerschaft drückt die wachsende Gebärmutter zunehmend auf die Blase. Viele werdende Mütter verspüren dann häufig einen starken Harndrang, vor allem im ersten und letzten Trimester.

Eine geschwächte Beckenbodenmuskulatur kann der Auslöser für eine Harn- und/oder Stuhlinkontinenz sein. Denn durch die Schwangerschaft und Entbindung werden der Bauchraum sowie der Beckenbereich stark beansprucht. Dabei kann eine Harninkontinenz durch Verletzungen der Beckenmuskulatur, des Bindegewebes oder einzelner Nerven entstehen. So haben Frauen auch noch nach einer Geburt ein erhöhtes Harninkontinenz-Risiko. In vielen Fällen stellt sich eine Harninkontinenz, die unmittelbar nach der Entbindung eingetreten ist, innerhalb eines Jahres wieder ein.

Darüber hinaus erleiden Frauen häufiger eine Stuhlinkontinenz als Männer. Auch dies ist vorwiegend Ursachen wie einer Geburt geschuldet. Denn beim Durchtritt des kindlichen Kopfes kann der Schließmuskel (Sphinkter) verletzt werden, sodass er nicht mehr einwandfrei funktioniert. Das kann eine spätere Stuhlinkontinenz bei der Frau auslösen.(6)

Info
Je mehr Geburten, desto höher ist das Inkontinenz-Risiko nach der Entbindung

Studien zeigen, dass die Anzahl der Geburten eine Rolle für die Entstehung einer Harninkontinenz spielt: Je mehr Kinder eine Frau bekommen hat, desto höher ist ihr Risiko, Inkontinenz-Symptome zu entwickeln. Nicht eindeutig ist, welche Rolle der Geburtsvorgang (vaginal oder Kaiserschnitt) spielt.

Inkontinenz bei Männern nach einer Prostatektomie

Eine Prostatektomie beschreibt die operative Entfernung der Prostata bei einer vergrößerten Prostata oder bei Prostatakrebs. Neben der Prostata muss der Arzt auch Teile der Harnröhre und des Schließmuskels entfernen.

Ist die Funktion des Harnblasenschließmuskels nicht mehr intakt, sollte der Harnröhrenschließmuskel mit einem angeleiteten Kontinenz-/Schließmuskeltraining trainiert werden.

Bei einem Großteil der Fälle bessert sich die Harninkontinenz innerhalb der ersten Wochen oder Monate nach der Prostata-Operation.(7)

Inkontinenz durch psychische Ursachen

Psychosoziale Belastungen in Folge von beruflichem oder privatem Stress können das Risiko für eine Harn- und Stuhlinkontinenz erhöhen. Denn Alltagssorgen, emotionale Anspannung sowie Aufregung belasten das Nervensystem des Menschen und können sich somit auf unsere Blasen- sowie Darmentleerung auswirken. Liegt eine Inkontinenz bereits vor, kann psychischer Stress diese auch verstärken.

Diagnose und Tests bei Inkontinenz

Eine Harninkontinenz sowie Stuhlinkontinenz können verschiedene Ursachen haben und sich als leichte oder schwere Inkontinenz herausstellen. Um die genauen Ursachen zu ermitteln und die Beschwerden zu lindern, braucht es ein ausführliches Arztgespräch (Anamnese) und körperliche Untersuchungen.

Daraufhin erwägt der Arzt die entsprechende Inkontinenz-Behandlung. Betroffenen steht eine Vielzahl von wirksamen Heil- und Hilfsmitteln zur Verfügung, mit denen sich eine Inkontinenz in vielen Fällen sogar erfolgreich behandeln lässt.

Info
Zu welchem Facharzt bei Inkontinenz-Beschwerden?

Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft (DKG) unterstützt Sie bei der Expertensuche zum Thema Inkontinenz: Hier geben Sie Ihre Postleitzahl an und bekommen die medizinische Unterstützung in Ihrer Nähe angezeigt. Grundsätzlich sind Sie mit einer Inkontinenz bei Arztpraxen folgender Fachrichtungen an richtiger Stelle:

  • Urologie (Fachgebiet: Krankheiten der harnbildenden und -ableitenden Organe sowie des männlichen Geschlechtsorgans)
  • Gynäkologie (Fachgebiet: Frauenheilkunde und Geburtshilfe)
  • Proktologie (Fachgebiet: Erkrankungen des Enddarms)
  • Neurologie (Fachgebiet: Erkrankungen des Nervensystems und der Muskulatur)
  • Geriatrie (Fachgebiet: Altersheilkunde)

Anamnese bei Inkontinenz-Beschwerden

Eine ausführliche Anamnese ist der erste Schritt, wenn Inkontinenz-Beschwerden abgeklärt werden sollen. Unter folgenden Kriterien sollte die Anamnese bei einem Arzt beziehungsweise bei einer Ärztin oder einer Kontinenzfachkraft erfolgen:

  • Dauer der Beschwerden und mögliche Ursachen
  • Erscheinungsbild der Inkontinenz
  • (Eventuell) relevante, erfolgte Therapie
  • Aktuelle Medikation
  • Vorerkrankungen
  • Trinkverhalten beziehungsweise Trinkgewohnheiten
  • Stuhlgewohnheiten
  • Art und Einsatz von Hilfsmitteln
  • Erwartungen der Betroffenen an eine Therapie
  • Kognitive Einflüsse auf die Kontinenzsituation
  • Einflüsse durch Mobilität auf die Kontinenzsituation
  • Einflüsse der Umgebung (Licht, Farben, et cetera) auf die Kontinenzsituation
  • Leidensdruck und psychosoziale Faktoren
Expertentipp

Zur Einschätzung der Kontinenzsituation ist es hilfreich, wenn die betroffene Person ein sogenanntes Miktionsprotokoll (drei Tage bei Verdacht auf eine Harninkontinenz) beziehungsweise ein Stuhltagebuch (mindestens eine Woche) führt. In diesen Dokumenten wird jede Urin- beziehungsweise Darmentleerung notiert.

Angelika  Sonnenberg
Pflegetrainerin & Fachkraft zur Kontinenzförderung
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Körperliche Untersuchungen bei Inkontinenz-Beschwerden

Um die genauen Ursachen einer Inkontinenz herauszufinden, folgt auf die Anamnese meist eine körperliche Untersuchung. Diese umfasst je nach Einzelfall verschiedene Maßnahmen:

  • Eine Hautinspektion, bei der der Bauch sowie äußere Geschlechtsorgane auf Auffälligkeiten wie Entzündungen, Hautirritationen oder Schleimhautveränderungen untersucht werden.
  • Einen Hustentest, der Aufschluss darüber gibt, ob die betroffene Person bei halb gefüllter Blase unter Belastung Urin verliert.
  • Eine Urin-Untersuchung, um eventuelle Blutbeimengungen, Eiweiß und Bakterien im Urin nachzuweisen und den pH-Wert zu ermitteln.
  • Eine sogenannte urodynamische Untersuchung, mit der der Blasendruck und die Aktivität der Beckenbodenmuskulatur ermittelt wird. Mit den gemessenen Werten können Ärzte den Grad einer Inkontinenz und die erforderlichen Therapieoptionen genauer bestimmen. Leidet die betroffene Person an einer neurologischen Harninkontinenz, wird die Blasendruckmessung in regelmäßigen Abständen durchgeführt.
  • Eine Überprüfung der mentalen sowie körperlichen Leistungsfähigkeit. Mit diesen Informationen können Ärzte besser einschätzen, inwieweit die betroffene Person physiotherapeutische Maßnahmen (zum Beispiel Beckenbodentraining) umsetzen oder Verhaltensänderungen vornehmen kann.

Inkontinenz: Folgen

Die Folgen von Inkontinenz können die Lebensqualität der Betroffenen zunehmend verschlechtern. Aus Angst vor einem peinlichen Missgeschick oder genereller Schamgefühle neigen viele Inkontinenz-Patienten dazu, sich immer mehr aus ihrem sozialen Umfeld zurückzuziehen. Sie verzichten beispielsweise auf ihre Hobbies und treffen sich immer seltener mit Freunden.

Dieser soziale Rückzug kann in vielen Fällen zur Vereinsamung führen. Die psychischen Folgen einer Inkontinenz reichen von Angstzuständen bis hin zu Depressionen.(1)

Hautschäden durch Inkontinenz

Hautschäden im Intimbereich bei einer Inkontinenz entstehen meist an den Stellen, die in ständiger Berührung mit Urin beziehungsweise Stuhl sind. Denn hierdurch ist die Haut gereizt und angreifbar. Entsprechende Risikozonen sind meistens der Damm, der Bereich um den Anus herum sowie die Pobacken.(8)

  • Menschen mit einer Inkontinenz haben ein erhöhtes Risiko für Rötungen, Entzündungen sowie Hautschäden im Intimbereich. Diese Beschwerden werden in der Medizin unter dem Begriff Inkontinenz-assoziierte Dermatitis, kurz IAD, zusammengefasst.(8)
  • Unkontrollierter Urinverlust beziehungsweise Stuhlverlust erhöht außerdem das Risiko für Dekubitus (Wundliegen) im Genitalbereich, insbesondere bei bettlägerigen Personen.(1)
  • Eine geschädigte Haut ist anfällig für Infektionen. So können bei einer Inkontinenz durch Hautschäden im Intimbereich beispielsweise Pilzerkrankungen und bakterielle Entzündungen entstehen.(8)

Daher ist es besonders wichtig, dass Betroffene und Pflegende auf eine sorgfältige Intimhygiene achten und den Hautzustand genau beobachten.

Harninfektionen und Inkontinenz

Häufig gehen auch Harnwegsinfektionen mit einer Inkontinenz einher, die Ursache einer Harnblasen- und/oder Nierenbeckenentzündung sein können. Hier ist eine fachärztliche Abklärung beim Urologen oder einer Gynäkologin erforderlich.(1)

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Therapie / Behandlung bei Inkontinenz

Es gibt keine pauschalen Therapie-Empfehlungen bei Inkontinenz. Der Behandlungsplan muss individuell nach der jeweiligen Inkontinenz-Ursache, der Inkontinenz-Form und dem Ausmaß der Beschwerden ausgerichtet sein. Die Erfolgsaussichten sind umso höher, je früher die Inkontinenz behandelt wird. Darum sind Früherkennung und Beratung wichtige Wegbereiter zur Prävention und Symptomkontrolle bei einer Inkontinenz.

Hier ein erster Überblick über mögliche Behandlungsmethoden bei einer Inkontinenz:

  • Verhaltenstherapie
  • Spezielle Trainings (Blasentraining, Toilettentraining, Beckenbodentraining)
  • Bestimmte Hilfsmittel
  • Medikamente
  • Operation (nur, wenn konservative Maßnahmen keine Besserung bewirken)
Tipp
Wenden Sie sich an Inkontinenz-Spezialisten

Der wichtigste Schritt kommt von Ihnen selbst: Suchen Sie sich aktiv Hilfe und verstecken Sie sich nicht. Nur so können sich Ihre Beschwerden bessern oder gar verschwinden. Eine gute Anlaufstelle sind zertifizierte Kontinenz- und Beckenbodenzentren. Denn diese beschäftigen sich eingehend mit dem Thema Inkontinenz und ihren unterschiedlichen Ursachen. Um geeignete Therapiemaßnahmen für Ihre individuelle Erkrankung zu finden, arbeiten hier Ärzte verschiedener Fachrichtungen sowie spezialisierte Kontinenzfachkräfte und Physiotherapeuten zusammen.

Verhaltenstherapie bei Inkontinenz

Eine Verhaltenstherapie umfasst Maßnahmen, die die Betroffenen selbst steuern können. Ziel dabei ist es, die Blase und den Darm besser zu kontrollieren. Eine ausgewogene Ernährung und ein gesunder Lebensstil können sich positiv auf eine gesunde Blasen- und Darmfunktion auswirken. Aus diesem Grund setzt die Verhaltenstherapie bei einer Inkontinenz bei den eigenen Gewohnheiten an.

Betroffene sollten dabei auf folgende Punkte achten:

  • Trinken Sie ausreichend Wasser über den Tag.
  • Verzichten Sie auf alkoholische, kohlensäurehaltige und koffeinhaltige Getränke.
  • Verzichten Sie auf Nikotin.
  • Bewegen Sie sich regelmäßig. Bauen Sie 30 Minuten Bewegung fünfmal die Woche ein, beispielsweise ein Spaziergang im Wald.
  • Trainieren Sie Ihre Blase mit unseren nachfolgenden Tipps.

Ergänzend dazu können Achtsamkeitsübungen Ihnen dabei helfen, ein besseres Gefühl für den Drang zu entwickeln und die Blase sowie den Darm kontrollieren zu können.

Blasentraining bei Harninkontinenz

Wussten Sie, dass Sie eine Harninkontinenz auch durch Ihr eigenes Verhalten auslösen können? Nämlich, wenn Sie zu oft oder zu selten zur Toilette gehen. Die goldene Mitte dazwischen ist der gesündere Weg.

  • Gehen Sie zu oft zur Toilette kann sich Ihre Blase an die kleineren Urinmengen gewöhnen, sodass sie irgendwann nicht mehr so gut fähig ist, größere Mengen zu halten.
  • Gehen Sie zu selten zur Toilette, riskieren Sie wiederum, dass Ihre Blasenmuskulatur ständig überdehnt wird. In bestimmten Berufen ist dies häufig der Fall, beispielsweise bei langen LKW-Fahrten, im Verkauf oder Lehramt. Hier hilft ein Ausscheidungsplan: Ausreichend trinken und alle zwei bis drei Stunden Wasser lassen.
Expertenmeinung

Mit diesen Strategien können Sie den ersten Harndrang unterdrücken und somit zu häufige Toilettengänge unterbinden:

  • Zählen Sie rückwärts.
  • Telefonieren Sie.
  • Atmen Sie tief ein und aus.
  • Sprechen Sie Gedichte laut aus.
  • Trainieren Sie Ihren Beckenboden. Durch die zusammengezogenen Muskeln (auch Kontraktion) können Sie Ihren Harndrang unterdrücken.
Angelika  Sonnenberg
Pflegetrainerin & Fachkraft zur Kontinenzförderung

Ausreichend trinken bei Blasentraining

Auch, wenn Sie aus Angst vor einem Malheur vorsorglich weniger trinken, bewirkt dies eher das Gegenteil: Denn so werden Ihre Nieren unzureichend mit Flüssigkeit versorgt und produzieren einen hoch konzentrierten Urin, der Ihre Blase reizt und den Harndrang nur umso verstärkt. Darum kann es sinnvoll sein, die Blase zu trainieren und gleichzeitig auf eine optimale Flüssigkeitszufuhr zu achten.

Zusammenfassend bedeutet das also: Gehen Sie weder „nochmal vorsorglich“ zur Toilette noch bewusst seltener und trinken Sie am Tag mindestens 1,5 bis 2 Liter Wasser.

Info
Wie viel Wasser am Tag trinken?

Je nach Alter liegt die Empfehlung bei 30 Milliliter Flüssigkeit pro Kilogramm Körpergewicht. So benötigt eine Person mit einem Gewicht von 70 Kilogramm 2,1 Liter Flüssigkeit am Tag – bevorzugt Wasser. Bei Hitze oder Sport ist der Bedarf höher.

Toilettentraining bei Inkontinenz

Das sogenannte Toilettentraining kann auf verschiedene Arten durchgeführt werden. So zählen beispielsweise feste Entleerungszeiten und Blasentraining zu möglichen Therapiemaßnahmen. Je nach Pflegesituation können Pflegefachkräfte und/oder pflegende Angehörige das Toilettentraining unterstützen.

Hierzu ein paar Beispiele:

  • Gemeinsam erstellen Sie einen Ausscheidungsplan, anhand dem die betroffene Person selbstständig zur Toilette geht.
  • Die Pflegeperson erinnert regelmäßig an den Toilettengang und die betroffene Person geht selbstständig zum WC.
  • Die Pflegeperson initiiert und begleitet den Toilettengang. Eventuell unterstützt sie die betroffene Person beim Weg zur Toilette und Lösen der Kleidung.
Info
Toiletten-Hilfsmittel für Senioren mit Inkontinenz-Beschwerden

Besonders für ältere Menschen mit Inkontinenz können bei einem Toilettentraining spezielle Toiletten-Hilfsmittel zum Einsatz kommen, wie zum Beispiel eine Toilettensitzerhöhung, Urinflasche, Urinschiffchen oder ein Toilettenstuhl. Der Vorteil des Toilettentrainings ist, dass Sie es in Krankenhäusern, Pflegeheimen und in Ihrer häuslichen Umgebung durchführen können.

Beckenbodentraining: Übungen für einen starken Beckenboden

Insbesondere das Beckenbodentraining hat sich als besonders wirksam für die Besserung oder Heilung einer Inkontinenz bewiesen. Der Grund: Die Beckenbodenmuskulatur spielt eine essenzielle Rolle für die einwandfreie Blasen- und Darmfunktion. Geeignete Übungen verhelfen Betroffenen dazu, ihre Beckenbodenmuskulatur zu spüren und damit ihren Beckenboden langfristig zu stärken.

Neben dem Beckenbodentraining, können sogenannte Biofeedback-Übungen Betroffene unterstützen, ihre Beckenbodenmuskulatur besser zu steuern. Dabei führen ausgebildete Therapeuten eine Sonde in die Vagina oder den Darm, die elektrische Reize abgibt. Durch diese Reize sollen die betroffenen Personen ihren Beckenboden besser spüren.

Tipp
Einfache Beckenbodenübungen für zuhause

Wir haben Ihnen einfache Beckenbodenübungen zusammengestellt, die Sie sich gerne ausdrucken können. Bevor Sie damit starten, können Sie sich von einem Physiotherapeuten mit einer speziellen Weiterbildung anleiten lassen. Eine Übersicht zu möglichen Physiotherapeuten in Ihrer Nähe bekommen Sie hier.

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Medikamente gegen Inkontinenz

Grundsätzlich lassen sich alle Formen der Harninkontinenz mit dem Wirkstoff Desmopressin medikamentös behandeln. Das Medikament mindert übermäßigen Durst, Harndrang und häufiges Wasserlassen. Das Medikament ist sowohl in Tablettenform als auch als Nasenspray erhältlich.

Bei einer Dranginkontinenz können sogenannte Anticholinergika wirksam sein, die Blasenfunktionsstörungen reduzieren sollen. Allerdings sollte das Medikament nur bedingt bei älteren Patienten eingesetzt werden. Denn manche Medikamente dieses Wirkstoffes können die Wahrnehmung beeinträchtigen und das Sturzrisiko erhöhen.

Zur medikamentösen Behandlung der Belastungsinkontinenz kommt vorrangig Duloxetin zum Einsatz. Duloxetin gilt als erstes speziell gegen die Belastungsinkontinenz wirkendes Medikament. Es soll die Funktion des Harnröhren-Schließmuskels stärken.

Liegt eine Stuhlinkontinenz vor, können Ärzte Medikamente mit dem Arzneistoff Loperamid verschreiben. Loperamid drosselt die Bewegung der Darmmuskulatur und dickt den Stuhl ein, wodurch sich die Kontinenz verbessern kann.

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Chirurgische Therapie: Inkontinenz-Operation

In Einzelfällen, besonders bei schwerwiegenden Beeinträchtigungen durch die Inkontinenz, können operative Eingriffe sinnvoll sein. Zu den chirurgischen Möglichkeiten zählt beispielsweise ein künstlicher Schließmuskel. Dieser besteht aus einer Verschlussmanschette, einer Pumpe und einem Reservoir, wo die Flüssigkeit gespeichert wird. Die Manschette wird kreisförmig um den Enddarm (bei Stuhlinkontinenz) oder um die Harnröhre (bei Harninkontinenz) gelegt.

Info
Die Operation bei einer Inkontinenz verläuft immer nach Einzelfall

Eine „Inkontinenz-Operation“ muss immer individuell auf die jeweilige Person abgestimmt sein. Medizinische Fachkräfte müssen vorab folgende Fragen klären, die in die Planung des Eingriffs mit einbezogen werden:

  • Wie sehr leidet die Person unter der Inkontinenz?
  • Wurde die Person bereits operiert?
  • Liegen Vorerkrankungen vor?

Inkontinenz-Hilfsmittel auf Rezept: Als Dauerverordnung

Wenn eine Inkontinenz bei Ihnen oder Angehörigen vorliegt, können spezielle Inkontinenzmittel helfen. Diese sollen Inkontinenzpatienten bestmöglich versorgen, Folgeerkrankungen vermeiden und die Lebensqualität verbessern. Je nach Bedarf können krankenversicherte Personen das Inkontinenzmaterial wählen, das ihrem Bedarf entspricht.

Hier finden Sie eine kurze Übersicht zu den besonders beliebten aufsaugenden Hilfsmitteln:

Gemäß Paragraf 33 SGB V haben Krankenversicherte mit einer Inkontinenz Anspruch auf die Versorgung mit Inkontinenzhilfen, sofern die Produkte im Hilfsmittelverzeichnis beziehungsweise Hilfsmittelkatalog gelistet sind. Um das Inkontinenzmaterial als Krankenkassenleistung zu erhalten, benötigt die versicherte Person ein Rezept für Inkontinenzmaterial. Dieses verschreibt ein Arzt, nachdem die Diagnose Inkontinenz vorliegt.

Müssen Betroffene auf längere Sicht mit Inkontinenzprodukten versorgt werden, empfiehlt es sich, dass sie sich eine Dauerverordnung für Inkontinenzmaterial ausstellen lassen.

Tipp
Ein Erfahrungsbericht aus der Inkontinenzberatung

Im Gespräch mit pflege.de erzählt die Kontinenzberaterin Franziska Baur von ihrer Erfahrung aus der Beratung. Sie berät täglich Patienten zu Kontinenz und hilft ihnen dabei, das passende Inkontinenzmaterial auf Rezept zu bekommen. Betroffene müssen sich auf das Beratungsgespräch nicht vorbereiten. Mehr dazu lesen Sie im Interview Inkontinenz: Erfahrungsbericht aus der Beratung.

Professionelle Pflegeplanung: Maßnahmen bei Inkontinenz

Harn- und Stuhlinkontinenz sind in der Pflege wichtige Themen. Besonders, weil es den Intimbereich betrifft, müssen Pflegepersonen ein hohes Maß an Professionalität sowie Einfühlungsvermögen mitbringen. Dazu hat das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) einen Expertenstandard zum Thema Förderung der Kontinenz entwickelt, welcher Ziele und Pflegemaßnahmen festhält.(9)

Natürlich werden die Maßnahmen individuell und bedarfsgerecht auf den pflegebedürftigen Patienten abgestimmt. Dahingehend muss die jeweilige Kontinenz-Situation anhand folgender Kriterien eingeschätzt werden:

  • Bestehen Risikofaktoren für eine Inkontinenz?
  • Zeigt die Person Anzeichen, die auf eine Inkontinenz hinweisen?

Anhand dieser Informationen erstellt die Pflegefachkraft ein sogenanntes Kontinenz-Profil. Das Kontinenz-Profil ermittelt die Pflegefachkraft mithilfe von bestimmten Kennzeichen, die in der folgenden Tabelle gelistet sind. Unterschieden wird zwischen einer unabhängigen, einer abhängigen sowie einer nicht kompensierten Inkontinenz.(10)

Folgende Fragen müssen dazu geklärt werden:

  • Kommt es zu unwillkürlichen Stuhl- oder Harnverlusten?
  • Wendet die Person bereits Maßnahmen der Kontinenz-Förderung an?
  • Benötigt die Person personelle Unterstützung?
Kontinenz-Profil  Kennzeichen
Unabhängige kompensierte Inkontinenz
  • Unfreiwilliger Stuhl- oder Harnverlust
  • Keine personelle Unterstützung bei der Versorgung mit Inkontinenz-Hilfsmitteln
Abhängige kompensierte Inkontinenz
  • Unfreiwilliger Stuhl- oder Harnverlust
  • Personelle Unterstützung bei der Inkontinenzversorgung ist notwendig
Nicht kompensierte Inkontinenz
  • Unfreiwilliger Stuhl- oder Harnverlust
  • Unversorgte Inkontinenz

Schließlich berät die Pflegefachkraft den Patienten und gegebenenfalls seine pflegenden Angehörigen zu geeigneten Maßnahmen zur Kontinenz-Förderung oder zum Umgang mit der Inkontinenz. Anschließend erstellt die Pflegefachkraft einen Maßnahmenplan und setzt diesen im Rahmen der ambulanten oder stationären Pflege kontinuierlich um.

Inkontinenzprophylaxe: Hilfen und Maßnahmen

Ziel der sogenannten Inkontinenzprophylaxe ist es, unkontrolliertem Stuhl- oder Harnverlust gezielt entgegenzuwirken. Eine geeignete Maßnahme hierbei ist beispielsweise das Beckenbodentraining. Denn dieses lindert nicht nur die Beschwerden einer bestehenden Inkontinenz, sondern kann auch vorbeugend wirken.

Darüber hinaus gibt es weitere Maßnahmen, die einer Inkontinenz vorbeugen können:

Tipp
Eine kurze und einfache Atemübung

Entspannungsübungen können Menschen mit Inkontinenz dabei helfen, Blase sowie Darm zu beruhigen. Die einfachste Entspannungstechnik ist die Bauchatmung. Im hektischen Alltag atmen viele in die Lungen und nicht in den Bauch hinein. Versuchen Sie, bewusst drei Minuten über die Nase in den Bauch langsam einzuatmen. So aktivieren Sie ebenfalls das vegetative Nervensystem und können zur Ruhe kommen.

Häufig gestellte Fragen

Was ist Inkontinenz?

Inkontinenz steht für einen ungewollten Urin- oder Stuhlverlust. Verliert die betroffene Person ungewollt Urin, liegt eventuell eine Harninkontinenz vor. Entleert sie ungewollt ihren Darm und verliert dabei Stuhl, liegt unter Umständen eine Stuhlinkontinenz vor. Je nach Ursache, kann eine Inkontinenz verschiedene Formen annehmen und Ausprägungen haben.

Was bedeutet Inkontinenz für die Betroffenen?

Aus Sorge und Scham verschweigen Menschen mit einer Inkontinenz ihre Beschwerden häufig über einen längeren Zeitraum. Oft ziehen sie sich zunehmend zurück und verbringen die meiste Zeit zuhause – in direkter Badezimmernähe. Darunter leidet auf Dauer nicht nur das soziale Leben, sondern auch der eigene Selbstwert. Das offene Gespräch über die Inkontinenz-Beschwerden ist der erste wichtige Schritt, damit beim Arzt die genauen Ursachen abgeklärt und entsprechende Behandlungsmöglichkeiten eingeleitet werden können.

Welche Inkontinenzformen gibt es?

Grundsätzlich gibt es zwei verschiedene Inkontinenzformen: die Harninkontinenz und die Stuhlinkontinenz. Harninkontinenz bezeichnet den ungewollten Urinverlust, während Stuhlinkontinenz den ungewollten Verlust von flüssigem oder festem Stuhl meint.

Harninkontinenz tritt deutlich häufiger auf und lässt sich noch weiter unterteilen:

  • Belastungsinkontinenz / Stressinkontinenz: Unfreiwilliger Abgang bei körperlicher Belastung
  • Dranginkontinenz: Urinverlust nach ausgeprägt starkem Harndrang
  • Mischinkontinenz: Unkontrollierter Urinabgang bei körperlicher Belastung verbunden mit einem starken Harndrang
  • Reflexinkontinenz: Harnverlust kann nicht vom Gehirn gesteuert werden und passiert reflexartig
  • Überlaufinkontinenz: Blase entleert sich nicht vollständig und „läuft über“

Wie wird man inkontinent?

Eine Inkontinenz kann ganz unterschiedliche Ursachen haben. Grundsätzlich nimmt das Risiko für eine Inkontinenz mit dem Alter zu. In diesem Ratgeber informieren wir Sie zu möglichen Inkontinenz-Ursachen & Risikofaktoren. Hierzu vorab eine schnelle Übersicht:

  • Inkontinenz durch Krankheiten der Organe und Nerven
  • Inkontinenz als ungewollte Nebenwirkung bei Arzneimitteln
  • Inkontinenz im Alter
  • Inkontinenz bei Frauen in der Schwangerschaft und nach einer Geburt
  • Inkontinenz bei Männern nach einer Prostatektomie
  • Inkontinenz durch psychische Ursachen

Was tun bei einer Inkontinenz?

Der wichtigste Schritt bei Inkontinenz-Beschwerden: Sprechen Sie offen darüber und suchen Sie aktiv nach Beratung und Unterstützung. Wenden Sie sich beispielsweise an Ihren Arzt des Vertrauens oder direkt an spezialisierte Kontinenz-Zentren.

Welcher Arzt hilft mir bei Inkontinenz?

Leiden Sie an Inkontinenz, wenden Sie sich bestenfalls an einen qualifizierten Facharzt wie den Urologen oder an das Personal eines Kontinenz-Zentrums. Ärzte mit folgenden Fachrichtungen können Ihnen helfen:

  • Urologie
  • Gynäkologie
  • Proktologie
  • Neurologie
  • Geriatrie

Was hilft wirklich bei Inkontinenz?

Die Maßnahmen in der Therapie einer Inkontinenz müssen individuell auf die Inkontinenz-Form und Ursache abgestimmt sein. Daher ist es wichtig, mit einem Arzt über die Symptome zu sprechen und gemeinsam geeignete Hilfen bei Inkontinenz zu besprechen.

Zu möglichen Hilfsmaßnahmen gehört beispielsweise das Beckenbodentraining bei Inkontinenz. Je nach Schweregrad steht der Person unterschiedliches Inkontinenzmaterial (aufsaugende oder ableitende Produkte) zur Verfügung, das eine Inkontinenz möglichst diskret versorgen soll.

Ein chirurgischer Eingriff sollte erst dann in Betracht gezogen werden, wenn alle nicht-operativen Therapiemaßnahmen erfolglos waren.

Was hilft gegen Harndrang?

Unsere Inkontinenz-Expertin Angelika Sonnenberg empfiehlt Ihnen folgende Strategien, um den ersten Harndrang zu unterdrücken:

  • Zählen Sie rückwärts.
  • Telefonieren Sie.
  • Atmen Sie tief ein und aus.
  • Sprechen Sie Gedichte laut aus.
  • Trainieren Sie Ihren Beckenboden. Durch die zusammengezogenen Muskeln (auch Kontraktion) können Sie Ihren Harndrang unterdrücken.

Ist eine Inkontinenz heilbar?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten und ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Ob eine Inkontinenz heilbar ist, hängt beispielsweise davon ab, welche Form der Inkontinenz vorliegt, welche Erkrankung ihr zugrunde liegt und wie stark sie ausgeprägt ist. Durch eine gezielte Therapie lassen sich die Beschwerden aber in vielen Fällen deutlich verbessern oder sogar heilen.

Grundsätzlich muss ein Arzt die Behandlung individuell an den Patienten und seine Lebenssituation anpassen.

Welche Inkontinenz-Hilfsmittel gibt es?

Inkontinenz-Hilfsmittel sollen in erster Linie die Lebensqualität der Betroffenen verbessern und Folgeerkrankungen vermeiden. Dazu stehen Patienten verschiedene Inkontinenzhilfen zur Verfügung. Zu den beliebtesten zählen aufsaugende Inkontinenzartikel, die am Körper getragen werden, den Urin aufnehmen und vor Hautreizungen schützen. Dazu zählen beispielsweise:

  • Inkontinenzeinlagen
  • Inkontinenzvorlagen in Kombination mit Fixierhose
  • Inkontinenzunterhosen (auch Inkontinenz-Pants genannt)
  • Inkontinenzslip mit wieder verschließbaren Klebebändern (umgangssprachlich auch Inkontinenzwindeln)
  • Bettschutzeinlagen

Darüber hinaus gibt es funktionell-anatomische Hilfsmittel, die sich der jeweiligen Geschlechtsanatomie anpassen und die Blasenfunktion unterstützen sollen. Erhältlich sind folgende Produkte:

  • Für Frauen: Inkontinenztampons, Ringpessare, Harnröhren-Plugs
  • Für Männer: Penisklemme, Penisbändchen

Neben Toilettenhilfen wie Urinflaschen oder Toilettenstühlen eignen sich in vielen Fällen auch ableitende Hilfsmittel, die die Flüssigkeit aus den Harnwegen in einen Behälter transportieren. Grundsätzlich sollten inkontinente Personen mit ihrem Arzt besprechen, welche Inkontinenzprodukte in ihrem individuellen Fall die geeignetsten sind.

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Erstelldatum: 6102.70.62|Zuletzt geändert: 3202.10.11
(1)
Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) (2021): Inkontinenz. Praxistipps für den Pflegealltag
www.zqp.de/wp-content/uploads/ZQP-Ratgeber-Inkontinenz.pdf (letzter Abruf am 28.11.2022)
(2)
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) e. V. (2019): S2e-Leitlinie Harninkontinenz bei geriatrischen Patienten, Diagnostik und Therapie
https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/084-001 (letzter Abruf am 28.11.2022)
(3)
Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ) (2021): Einnässen (Enuresis), Inkontinenz
www.kinderaerzte-im-netz.de/krankheiten/einnaessen-enuresis-inkontinenz/was-ist-enuresis-inkontinenz/ (letzter Abruf am 28.11.2022)
(4)
Inkontinenz Selbsthilfe e.V. (2021): Stuhlinkontinenz - Rat & Info
www.inkontinenz-selbsthilfe.com/stuhlinkontinenz (letzter Abruf am 28.11.2022)
(5)
Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) (2019): Aktualisierte DGG-Leitlinie zu Harninkontinenz veröffentlicht
www.dggeriatrie.de/ueber-uns/aktuelle-meldungen/1635-aktualisierte-dgg-leitlinie-zu-harninkontinenz-veroeffentlicht (letzter Abruf am 28.11.2022)
(6)
AOK (2022): Inkontinenz nach Geburt: Das können Sie tun
www.aok.de/pk/magazin/familie/geburt/inkontinenz-nach-geburt-das-koennen-sie-tun/ (letzter Abruf am 28.11.2022)
(7)
Prostata Hilfe e.V. (2022): Inkontinenz bei Prostatakrebs
www.prostata-hilfe-deutschland.de/wissen/inkontinenz-prostatakrebs-behandlung (letzter Abruf am 28.11.2022)
(8)
BibliomedPflege, Autorin: E. Kuno (2016): Hautschutz bei Inkontinenz: Sauer hält gesund
www.bibliomed-pflege.de/news/29603-hautschutz-bei-inkontinenz-sauer-haelt-gesund (letzter Abruf am 15.12.2022)
(9)
Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) (2014): Expertenstandard Förderung der Harnkontinenz in der Pflege
www.dnqp.de/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Expertenstandards/Foerderung_der_Harnkontinenz_in_der_Pflege/Kontinenz_Akt_Auszug.pdf (letzter Abruf am 28.11.2022)
(10)
Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) (ohne Jahr): Anwendung der Kontinenzprofile und ihre Bedeutung für die Kontinenzförderung (Workshop 1, Prof. Dr. Katja Boguth)
www.dnqp.de/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Veranstaltungen/16WS_AG1_Boguth.pdf (letzter Abruf am 28.11.2022)
(11)
Bildquelle
© Naeblys / Fotolia.com
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Interview

Inkontinenz bei Männern

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Joachim Slota
Im Interview
Joachim Slota
Fachberater für Kontinenz

Joachim Slota ist examinierter Krankenpfleger und Fachberater für Kontinenz. Seit 2008 ist er für den Hersteller Attends tätig, sein Spezialgebiet ist die Inkontinenzversorgung bei Männern.

Eine Inkontinenz bei Männern ist – wie bei Frauen auch – ein großes Tabuthema in unserer Gesellschaft. Doch während Frauen zumindest an den Umgang mit Hygieneprodukten von ihrer Monatsblutung gewöhnt sind, tauchen dadurch bei Männern zusätzliche Herausforderungen, Unsicherheiten und Scham auf: Wie entsorge ich mein Inkontinenzmaterial auf öffentlichen Toiletten, wo es keine Mülleimer gibt? Wo transportiere ich meine Inkontinenzeinlagen, wenn ich unterwegs bin, aber keine Handtasche bei mir trage?

Dies und mehr klärt der Experte Joachim Slota im Interview mit pflege.de. Er gibt spannende Einblicke und verrät Tipps für einen offenen Umgang einer Inkontinenz bei Männern.

Herr Slota, meine erste Frage: Was unterscheidet eine Inkontinenz bei Männern grundlegend von einer Inkontinenz bei Frauen?

Grundsätzlich muss man erst einmal sagen: Inkontinenz ist eine Blasenschwäche. Man spürt nicht mehr, wenn man Harn verliert. Eine Inkontinenz bei Frauen und Männern ist daher erst einmal gleich in der Ausprägung, aber es gibt unterschiedliche Ursachen.

Bei Männern ist eine Inkontinenz am häufigsten durch die Prostatavergrößerung im Alter bedingt, bei Frauen eher durch eine Schwäche der Beckenbodenmuskulatur.

Studien behaupten „Jeder 4. Mann macht Erfahrungen mit Blasenschwäche, kaum einer redet darüber.“ Stimmt das?

Gerade Männer in jungen Jahren haben häufiger das Problem, dass es mal „nachtröpfelt“ – erste Zeichen einer leichten Inkontinenz.
Joachim Slota

Ja, ich würde sogar sagen, dass es noch mehr Männer betrifft als „nur“ jeden vierten. Gerade Männer in jungen Jahren haben häufiger das Problem, dass es mal „nachtröpfelt“ – erste Zeichen einer leichten Inkontinenz. Dass niemand darüber redet, liegt daran, dass Inkontinenz in der Gesellschaft einfach ein Tabuthema ist – bei Frauen wie bei Männern.

Lassen Sie uns noch einmal über die Ursachen für eine Inkontinenz bei Männern sprechen: Die wesentliche Ursache ist also eine Vergrößerung der Prostata?

Genau. Die Prostata ist ja die sogenannte Vorsteherdrüse und befindet sich unterhalb der Blase. Mit zunehmendem Alter vergrößert sie sich. Meistens tauchen die ersten Symptome einer Inkontinenz bei Männern im Alter von 55 bis 60 Jahren auf. Wobei ganz klar auch jüngere Männer betroffen sein können. Man kann schon ab 30 Jahren erste Veränderungen der Prostata beobachten, was aber nicht heißt, dass es gleich zu einer Inkontinenz kommen muss.

Gibt es weitere Ursachen für eine Inkontinenz bei Männern?

Ja. Eine Prostatavergrößerung muss häufig operiert werden. Durch diese OP kann sich der Schließmuskel der Blase absenken und das führt wiederum zu einer sog. Belastungsinkontinenz. Die kennt man sonst häufiger bei Frauen und zeichnet sich durch den Harnverlust bei Husten, Niesen usw. aus.

Weitere Ursachen für eine Inkontinenz sind unvorhergesehene Ereignisse wie z. B. ein Verkehrsunfall oder ein Schlaganfall, wo Nervenbahnen betroffen sind. Dadurch kann man auch in sehr jungem Alter mit einer Inkontinenz konfrontiert werden.

Welcher Arzt ist der richtige Ansprechpartner und die erste Anlaufstelle, wenn ich als Mann erste Anzeichen einer Inkontinenz erkenne?

Wenn Sie eine enge Bindung zu Ihrem Hausarzt haben und er Sie seit Jahren kennt, ist es sinnvoll, ihn als erstes zu kontaktieren. Er kennt Ihre Erkrankungen und weiß, welcher Typ Sie sind. Der Hausarzt überweist Sie dann an einen Psychologen, Urologen oder Internisten.

Wenn Sie keinen vertrauten Hausarzt haben, ist der Urologe als erste Anlaufstelle am sinnvollsten.

In den Medien wird oft thematisiert, dass die Scham einer Inkontinenz bei Männern viel größer ist als bei Frauen mit Inkontinenz. Warum soll das so sein?

Das ist leider in der Natur begründet. Die Frau hat die monatliche Regel und ist daher mit dem Gang, sich Einlagen zu kaufen und diese zu verwenden, vertraut. Frauen kennen das über einen längeren Zeitraum und gehen daher anders damit um.

Eine Inkontinenz wird nun mal immer noch als Schwäche wahrgenommen und daher fällt es Männern so schwer, damit umzugehen und darüber zu sprechen.
Joachim Slota

Aber auch die Medien spielen eine Rolle: Es gibt ganz viel Werbung für Hygieneprodukte zur Versorgung der Monatsblutung bei Frauen. Aber Männer sind halt logischerweise nicht mit dem Problem konfrontiert. Zudem sind sie vom Wesen her stolz und geben Schwächen ungerne zu. Eine Inkontinenz wird nun mal immer noch als Schwäche wahrgenommen und daher fällt es Männern so schwer, damit umzugehen und darüber zu sprechen.

Haben Männer auch ein anderes Schamgefühl als Frauen? Wird die Erkrankung bei Männern eher tabuisiert, da sie oft als „Frauenkrankheit“ abgestempelt wird?

Ja natürlich. Dadurch ist das Schamgefühl größer. Ich habe bei meinem Hausarzt aber letztens gesehen, dass in der Männertoilette Plakate hängen, dass man mit Inkontinenz nicht alleine ist.

Die Toilette ist ja ein Ort, an dem man für sich ist. Dort können solche Plakate durchaus ermutigen, dass man sie beim Arzt im Sprechzimmer direkt anspricht. Das finde ich schon mal eine gute Sache.

Wie schätzen Sie als Mann diese Problematik um das Schamgefühl ein? Was glauben Sie, welche Gefühle Sie hätten, wenn Sie durch einen Unfall, eine Krankheit oder im Alter inkontinent werden?

Ja, wie gesagt. Man sieht es einfach als Schwäche an, es ist einem unangenehm, es ist etwas, wo man sich halt schwach fühlt.

Man will mit diesem Problem einfach nicht heraus und da spricht man einfach nicht gerne darüber. Weder mit Freunden noch Bekannten und vor allem haben viele auch Probleme, mit dem Partner darüber zu sprechen.

Welche speziellen Produkte zur Versorgung einer Inkontinenz gibt es für Männer? Die Anatomie des Mannes macht die Inkontinenzversorgung an sich ja schon einmal schwieriger.

Inkontinenzmaterial für Männer ist anatomisch so geformt, dass man es gut in die Unterhose kleben kann. Es ist nach vorne hin auch etwas breiter und dennoch dünn und diskret.
Joachim Slota

Es gibt spezielle Männervorlagen für die unterschiedlichen Formen und Stärken einer Inkontinenz. Bei uns, bei der Firma Attends, sind die Produkte in die Saugstärken 0 („Nachtröpfeln“) bis 10 (sehr schwere Inkontinenz) eingeteilt. Alle Produkte haben eine aktive Geruchsbindung, die den Urin in Gel verwandeln und damit die Oberfläche trocken halten. Das verhindert auch Hautirritationen.

Inkontinenzmaterial für Männer ist anatomisch so geformt, dass man es gut in die Unterhose kleben kann. Es ist nach vorne hin auch etwas breiter und dennoch dünn und diskret.

Für schwerere Formen der Inkontinenz gibt es neben Inkontinenzeinlagen, die man in eine gut sitzende Unterhose klebt, auch Pants und Pull-ons. Das sind richtige Hosen, die man einfach rauf- und runterziehen kann.

Und wer kann zum ideal passenden Inkontinenzprodukt beraten? Das heißt: Wohin können Männer gehen, um herauszufinden, welches Produkt für die individuelle Form der Inkontinenz am besten geeignet ist?

Für ein erstes „Nachtröpfeln“ kann man zunächst normale Hygieneprodukte z. B. aus der Drogerie kaufen. Ab einer leichten Inkontinenz bekommt man vom Arzt ein sog. Inkontinenzrezept ausgestellt und erhält damit Inkontinenzprodukte auf Rezept kostenlos.

Mit diesem Rezept kann man entweder zu einem Leistungserbringer, der Apotheke vor Ort oder zum Sanitätshaus gehen und sich beraten lassen.

Sie beraten selbst viele Männer. Was sind Ihrer Erfahrung nach die größten Sorgen, die Männer haben? Geht es dabei vor allem um Fragen, wie man das richtige Inkontinenzprodukt für sich findet oder auch um Fragen, wie man sich im Alltag mit einer Inkontinenz organisiert?

Ich werde häufig gefragt ‚Haben Sie Produkte, die diskret sind?‘, ‚Riecht das auch, wenn man unterwegs ist?‘
Joachim Slota

Ich werde häufig gefragt „Haben Sie Produkte, die diskret sind?“, „Riecht das auch, wenn man unterwegs ist?“

Ich kann dann beruhigen und aufklären, dass es Produkte gibt, mit denen man unterwegs sicher ist und wo niemand sofort riecht, dass man harninkontinent ist.

Wie organisiert man sich als Mann unterwegs? Männer haben ja im Vergleich zu Frauen meist keine Handtasche dabei, in der sie Inkontinenzmaterial transportieren können.

Das ist natürlich so, dass Frauen ihre kleine Handtasche dabei haben, die weniger auffällt. Aber auch als Mann nehme ich ja häufig eine Tasche oder einen Rucksack mit oder ich hab durchaus eine Jacke an, wo ich meine Produkte in der Innentasche transportieren kann, so dass es keinem auffällt.

Wie ist das auf öffentlichen Herrentoiletten mit der Entsorgung von gebrauchten Einlagen? Während bei Frauen für Hygieneartikel bereits kleine Mülleimer in der Toilettenkabine stehen, dürfte das bei Männern ja eine weitere Problematik hervorrufen.

Das stimmt. Das ist bei Männern entsprechend schwieriger. Daher empfehle ich, dass man sich so kleine Müllbeutel mitnimmt, die nicht durchsichtig sind. So kann man diese Einlage in den Müllbeutel packen und kann den auch unterwegs z. B. auf einer Autobahnraststätte in einem Restmüllbehälter entsorgen. So muss man die benutzte Vorlage nicht unbedingt mit nach Hause nehmen.

Inzwischen hat der Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe eine Initiative für mehr Hygienebehälter in Herrentoiletten gestartet. Kennen Sie noch mehr Projekte, die sich für die Inkontinenz bei Männern stark machen?

Von diesem Projekt habe ich auch gehört. Das bedeutet für mich, dass dieses Problem auch erkannt wird. Genauso wie immer mehr Selbsthilfegruppen entstehen. Mögliche Anlaufstellen findet man etwa bei der Kontinenz Gesellschaft, bei Inkontinenz Selbsthilfe e.V. und beim Selbsthilfeverband Inkontinenz, wo man sich mit anderen Betroffenen austauschen kann und wo man entsprechende Infos bekommt, wie sich andere organisieren.

Aber grundsätzlich sehen Sie auch noch Bedarf, das Thema Inkontinenz bei Männern in der Öffentlichkeit noch stärker zu thematisieren? Sei es durch TV-Werbung, durch Plakate bei Ärzten usw.

Auf jeden Fall! Das wäre wichtig. Dass man auch einfach erwähnt, dass es entsprechende angenehme und diskrete Produkte gibt, die auch ganz besonders auf den Mann zugeschnitten sind. Da sollte in der Öffentlichkeit noch mehr Arbeit geleistet werden.

Von Apothekern haben wir schon ein paar mal gehört, dass häufig Frauen das Inkontinenzmaterial für ihre Männer kaufen, weil die sich so sehr schämen. Männer gehen in der Drogerie höchstens mit Inkontinenzmaterial für Frauen an die Kasse.

Es ist wirklich wichtig, sich als Mann mit Inkontinenz selbst zu äußern und es nicht durch die eigene Ehefrau organisieren zu lassen.
Joachim Slota

Ja, das habe ich auch schon häufiger beobachtet. Man muss ja nicht zwingend in die Apotheke, sondern kann sich auch telefonisch beraten lassen, z. B. bei Leistungserbringern wie Attends. Das Telefongespräch läuft dann anonym und man trifft – anders als in der Apotheke oder im Supermarkt – keine Bekannte, Nachbarn o.ä.

Es ist wirklich wichtig, sich als Mann mit Inkontinenz selbst zu äußern und es nicht durch die eigene Ehefrau organisieren zu lassen. Sie kann das Problem nicht schildern, sie weiß auch nicht, wie man sich als Mann fühlt und wie ausgeprägt die Inkontinenz ist. Dies alles ist nötig, um das richtige Produkt zu finden.

Gibt es auch die Möglichkeit, sich die Inkontinenzprodukte in einem diskreten Karton nach Hause schicken zu lassen?

Ja, man kann die Inkontinenzprodukte online bestellen und erhält sie diskret in einem Paket nach Hause gesendet. Dem Paket sieht man von außen nicht an, was drin ist.

Wenn man sein Rezept einlösen möchte, sollte man sich zuerst an seinen Inkontinenzversorger wenden.

Noch eine Frage zu den Hilfsangeboten speziell für Männer. Gibt es separate Angebote für betroffene Männer wie Foren oder Selbsthilfegruppen?

Angebote speziell für Männer sind leider sehr selten. Das ist durchaus so, dass man sich auch mal beim Urologen erkundigen kann, ob er regionale Angebote kennt.

Ansonsten gibt es viele Foren im Internet, wo man sich anonym mit anderen Betroffenen austauschen kann. Ich empfehle diese Foren auch durchaus. Die haben ja den weiteren Vorteil, dass man zu jeder Zeit schreiben kann und auch ortsunabhängig jeder darauf Zugriff hat.

Und welchen Tipp geben Sie unseren männlichen Lesern zum Umgang mit ihrer Inkontinenz?

Mein Tipp: Warten Sie nicht zu lange, bis Sie mit einem Arzt und Ihrem Partner über Ihre Inkontinenz sprechen!
Joachim Slota

Warten Sie nicht zu lange, bis Sie mit einem Arzt und Ihrem Partner über Ihre Inkontinenz sprechen!

Es lohnt sich wirklich, direkt zum Hausarzt oder zum Urologen zu gehen, weil es viele verschiedene Therapiemöglichkeiten gibt. Das kann einmal medikamentös sein, es kann auch durch Inkontinenzeinlagen sein. Es ist wichtig, sich anzuvertrauen und dieses Problem offen anzusprechen, damit entsprechende Maßnahmen ergriffen werden können.

Info
Keine medizinische Beratung

Wir machen darauf aufmerksam, dass die Aussagen des Interviews Hilfestellungen und Aufklärung bieten, jedoch keine medizinische Beratung beim Arzt ersetzen sollen.

mehr
Erstelldatum: 8102.11.61|Zuletzt geändert: 2202.21.51
(1)
Bildquelle
© Hunor Kristo / Fotolia.com
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