Themenwelt Inkontinenz

Bei einer Inkontinenz haben Betroffene Schwierigkeiten damit, ihre Blase oder – in selteneren Fällen – ihren Darm zu kontrollieren. Da Inkontinenz nach wie vor ein intimes und zugleich sensibles Thema ist, verschweigen viele Betroffene ihre Beschwerden. Dabei sind sie nicht allein: Laut der Deutschen Kontinenz Gesellschaft seien mehr als neun Millionen Bundesbürger inkontinent. Zudem dürfte die Dunkelziffer weitaus höher liegen, da sich nur wenige an einen Arzt wenden.(1)

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Inkontinenz – Definition, Formen & Ursachen

Inhaltsverzeichnis

Inkontinenz: Definition

Inkontinenz bezeichnet die fehlende oder mangelnde Fähigkeit des Körpers, Urin oder Stuhl zu halten und kontrolliert abzugeben. Folglich kommt es zu einem unwillkürlichen Urinverlust oder Stuhlabgang.

Scham, mangelnde Information sowie der Irrglaube, Inkontinenz sei eine unvermeidbare Krankheit im Alter, mit der sich Betroffene abzufinden haben, verhindern allzu oft eine erfolgreiche Behandlung. Dabei lässt sich in den meisten Fällen zumindest eine Besserung erzielen. Außerdem kann die Lebensqualität der Betroffenen durch geeignete Inkontinenz-Hilfsmittel entscheidend verbessert werden. Die Erfolgsaussichten sind umso höher, je früher die Inkontinenz behandelt wird. Darum sind Früherkennung und Beratung die wichtigsten Schritte auf dem Weg zur Prävention und zur Verbesserung der Symptome.

Inkontinenz-Symptome

Eine vermeintlich schwache Blase, weil eine Person öfters die Toilette besucht als eine andere, muss kein Anzeichen für eine Inkontinenz sein. Im Zuge einer Harninkontinenz verlieren Betroffene unwillkürlich Urin, zum Beispiel wenn sie husten oder schwer heben. In anderen Fällen verspüren Betroffene ganz plötzlich einen ausgeprägten Harndrang, sodass sie es nicht mehr bis zur Toilette schaffen. Andere entdecken flüssigen Stuhl in ihrer Unterwäsche, den sie nicht willentlich ausgeschieden haben. Dies könnte auf eine Stuhlinkontinenz hinweisen.

Grundsätzlich ist die Inkontinenz selbst eher als ein Symptom als eine Krankheit anzusehen. Denn häufig tritt Inkontinenz als Nebenerscheinung einer Krankheit auf.

Tipp
Sprechen Sie über Ihr Leid

Das Thema Inkontinenz ist ein sehr intimes Thema, über das viele Betroffene aus Sorge und Scham schweigen. Falls Sie dazu gehören, führen Sie sich vor Augen: Sie sind nicht allein und es gibt verschiedene Methoden, mit denen sich Ihre Beschwerden bessern oder sogar heilen lassen. Haben Sie keine Hemmungen und suchen Sie sich eine vertrauensvolle Person, mit der Sie über Ihre Symptome sprechen können. Das kann beispielsweise ein Familienmitglied oder der Arzt sein. Mit der Hilfe eines Arztes, können Sie geeignete Therapiemaßnahmen finden, sodass Sie Ihren Alltag aktiv und sorgenfrei leben können.

Bei anderen: Erste Anzeichen von Inkontinenz erkennen

Inkontinenz kann zur sozialen Isolation führen und das Selbstwertgefühl mindern. Sollten Sie erste Hinweise bei einem Familienmitglied oder Freund entdecken, gilt es daher zu handeln.

Folgende Anzeichen können darauf hinweisen, dass Ihr Angehöriger inkontinent ist:

  • Die Person riecht nach Urin.
  • Der betroffene Angehörige möchte nichts mehr unternehmen und zieht sich zurück.
  • Sie entdecken Flecken auf der Kleidung des Betroffenen.
  • Die Person nutzt ungewöhnlicherweise Slipeinlagen oder Menstruationsbinden.
  • Ihnen fällt auf, dass Ihr Angehöriger oft seine Kleidung wechselt und sehr wenig trinkt.

Falls solche Auffälligkeiten in Erscheinung treten, suchen Sie vorsichtig das Gespräch und machen Sie Ihrem Angehörigen Mut. Zwar handelt es sich um keine leichte Situation, allerdings kann ein Gespräch nicht nur Sie, sondern Ihren Angehörigen oder Ihren Freund entlasten und auf lange Sicht helfen. Womöglich hilft der Hinweis, dass Ihr Vertrauter mit dem Problem nicht allein dasteht.

Inkontinenz-Ursachen

Damit Menschen Stuhlgang sowie Harndrang kontrollieren können, müssen Zentren in ihrem Gehirn und Rückenmark, beteiligte Muskeln und Nerven intakt sein und sinnvoll zusammenarbeiten. Eine ganze Reihe von Ursachen können dieses fein aufeinander abgestimmte System stören.

Diese unterschiedlichen Ursachen können zugleich verschiedene Formen der Inkontinenz auslösen. Das gilt es, besonders im Hinblick auf die Behandlung, zu beachten.

Erhöhtes Risiko durch Krankheiten der Organe und Nerven

Häufig führen Beschwerden oder Krankheiten am unteren Urogenialtrakt zu einer Harninkontinenz. Der Urogenialtrakt umfasst alle Harnorgane sowie männliche und weibliche Geschlechtsorgane. Zu möglichen Erkrankungen an den Organen für die Urinausscheidung gehören beispielsweise Harnwegsentzündungen, Blasensteine oder Verengungen der Harnröhre. Bei Männern ist häufig eine vergrößerte Prostata Ursache einer Dranginkontinenz, bei der die Blase überaktiv ist.

Eine Inkontinenz kann aber auch auftreten, wenn Nervenimpulse zu schwach sind, sodass es Betroffenen nicht mehr gelingt, den Harn- oder Stuhldrang zu kontrollieren. Dies ist häufig der Fall bei Krankheiten wie Multipler Sklerose oder infolge einer Querschnittslähmung nach einem Unfall.

Inkontinenz im Alter

Laut der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) ist die Inkontinenz vor allem bei älteren Menschen ein Thema. Anhand von Schätzungen seien etwa 40 Prozent der über 70-Jährigen in Deutschland inkontinent. Sie verlieren ungewollt Urin. Ein Grund dafür ist, dass die Elastizität des Gewebes im Laufe des Lebens nachlässt. Dadurch tritt der Beckenboden tiefer und die natürlichen Öffnungen (Harnröhre, Scheide, After) werden aufgedehnt. Das kann die Verschlussmechanismen von Blase und Darm beeinträchtigen. In der Folge leiden Betroffene an einer Harn- oder Stuhlinkontinenz.

Darüber hinaus gilt die Inkontinenz bei älteren Patienten nicht unbedingt als Symptom einer Erkrankung, die unmittelbar den Urogenitaltrakt betrifft wie etwa Nieren- oder Blasensteine. Vielmehr wird die Inkontinenz im Alter als Syndrom verstanden, welches durch das Zusammenwirken verschiedener Faktoren ausgelöst wird, die mit dem Älterwerden einhergehen. So können altersbedingte Mobilitätseinschränkungen, die Einnahme von mehreren Medikamenten gleichzeitig oder kognitive Störungen eine Inkontinenz auslösen. Demnach können sich die Behandlungsmethoden für ältere Inkontinenz-Patienten von denen für jüngere Betroffene unterscheiden.(2) (3)

Inkontinenz bei Demenz

Inkontinenz ist eine häufige Begleiterscheinung bei Demenz, denn die Demenzerkrankung kann zum einen die körperliche Mobilität beeinträchtigen. Zum anderen betrifft die Demenz unmittelbar das Nervensystem und Gehirn und kann dort verschiedene Störungen verursachen. Dazu zählen beispielsweise Störungen der Blasenentleerung, Orientierungsprobleme oder Gedächtnisverlust. So kann es im Zuge der Demenzerkrankung beispielsweise dazu kommen, dass der Betroffene vergisst, rechtzeitig zur Toilette zu gehen oder den Weg dorthin nicht findet. Infolge verliert der Demenzerkrankte ungewollt Urin oder Stuhl.

Folgende Tipps können Angehörigen beim Umgang mit ihrem demenzkranken Familienmitglied helfen:

  1. Erinnern Sie den Betroffenen höflich an den Toilettengang oder gewöhnen Sie ihn an feste Zeiten, das WC aufzusuchen.
  2. Räumen Sie Hindernisse zur Toilette aus dem Weg.
  3. Kennzeichnen Sie die Toilettentür und lassen Sie sie in der Nacht auf.
  4. Sorgen Sie für eine ausreichende Beleuchtung in der Toilette und für den Weg dorthin.
  5. Zeigen Sie dem Demenzerkrankten den Weg zur Toilette in ungewohnter Umgebung wie etwa beim Arzt.
  6. Achten Sie auf Signale wie etwa unruhiges Sitzen, die auf Harndrang hinweisen könnten und reagieren Sie entsprechend.
  7. Helfen Sie ihm beim Auskleiden, falls er Schwierigkeiten hat, den Harn so lange zu halten.
  8. Toilettenhilfen wie Haltegriffe oder eine Toilettensitzerhöhung geben dem Patienten Sicherheit.

Arzneimittel – Inkontinenz als ungewollte Nebenwirkung

Verschiedene Medikamente und Wirkstoffe können ebenso das Risiko erhöhen, inkontinent zu werden. Hierzu zählen zum Beispiel Arzneimittel wie Diuretika, die jede Form der Inkontinenz erzeugen können, da sie eine vermehrte Flüssigkeitsausscheidung fördern. Ebenso können Betarezeptorenblocker gegen hohen Blutdruck oder Cholinesterase-Hemmer, die bei Demenz angewendet werden, eine Dranginkontinenz begünstigen oder verstärken. Solche Präparate reizen die Blase. ACE-Hemmer, die häufig im Falle einer Herzschwäche zum Einsatz kommen, können beispielsweise eine Stressinkontinenz bewirken.(4)

Info
Sind Ihre Medikamente Grund für Ihre Inkontinenz?

Das kann nur ein Arzt herausfinden. Daher sollten Sie zunächst Ihren Arzt aufsuchen und ihm Ihre Beschwerden schildern. Ist Ihre Inkontinenz tatsächlich eine Nebenwirkung Ihres Medikaments, kann Ihnen Ihr Arzt gegebenenfalls ein geeigneteres Präparat verschreiben. Setzen Sie Ihre Medikamente auf keinen Fall eigenmächtig ab.

Inkontinenz bei Frauen nach der Schwangerschaft

Frauen sind nach Geburten einem höheren Inkontinenz-Risiko ausgesetzt. So werden der Bauchraum sowie der Beckenbereich durch die Schwangerschaft und Entbindung stark beansprucht. Es ist möglich, dass die Beckenmuskulatur und das Bindegewebe beschädigt oder die Nerven während der Wehen und Entbindung verletzt werden. Epidemiologische Studien zeigen, dass die Anzahl der Geburten eine Rolle für die Entstehung einer Inkontinenz spielt. Je mehr Kinder die Frau bekommen hat, desto höher ist ihr Risiko, Inkontinenz-Symptome zu entwickeln. Nicht eindeutig ist, welche Rolle der Geburtsmodus (vaginal oder per Kaiserschnitt) spielt. In vielen Fällen stellt sich die Harninkontinenz, die unmittelbar nach der Entbindung eingetreten ist, innerhalb eines Jahres wieder ein.(4)

Inkontinenz bei Männern nach der Prostatektomie

Neben der Prostata, muss der Arzt auch Teile der Harnröhre und des Schließmuskels entfernen, welcher für das Öffnen und Schließen der Harnblase zuständig ist. Ist die Funktion des Harnblasenschließmuskels nicht mehr intakt, kann die Harnröhre möglicherweise nicht mehr richtig schließen. Folglich verliert der Mann ungewollt Urin und wird inkontinent.(5) In einem Großteil der Fälle bessert sich die Harninkontinenz innerhalb der ersten Wochen oder Monate nach der Prostata-Operation.

Psychische Ursachen

Psychosoziale Belastungen in Folge von beruflichem oder privatem Stress können ebenso das Risiko für eine Inkontinenz-Entstehung erhöhen. Alltagssorgen, emotionale Anspannung und Aufregung belasten das Nervensystem des Menschen.

Inkontinenz: Formen / Arten

Je nachdem, ob Urin oder Stuhl unkontrolliert austritt, unterscheiden Mediziner zwischen einer Harninkontinenz und Stuhlinkontinenz. Unter einer Stuhlinkontinenz leiden insgesamt weniger Menschen in Deutschland. Nach dem Inkontinenz Selbsthilfe e. V. seien etwa fünf Prozent der Deutschen von einer leichten bis schweren Stuhlinkontinenz betroffen.(6)

Harninkontinenz

Harninkontinenz bezeichnet den ungewollten Verlust von Urin. Betroffene können in dem Fall nicht kontrollieren, wann die Blase geleert werden soll. Für Harninkontinenz haben sich im allgemeinen Sprachgebrauch auch die Begriffe Blasenschwäche oder schwache Blase etabliert. Jedoch ist nicht immer die Blase für die Entstehung einer Harninkontinenz verantwortlich. Die Ursachen reichen von einer schwachen Beckenbodenmuskulatur, über Störungen im Nervensystem bis hin zu ernsten Erkrankungen. Harninkontinenz kann in allen Altersstufen auftreten, auch in jungen Jahren. Das Risiko nimmt jedoch im Alter stark zu.

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Eine Harninkontinenz lässt sich, je nach Ursache, noch weiter in folgende Arten unterteilen:

Die häufigsten Arten der Harninkontinenz sind Belastungsinkontinenz und Dranginkontinenz. An einer Belastungsinkontinenz leiden aufgrund ihrer Anatomie deutlich mehr Frauen als Männer.

Stressinkontinenz / Belastungsinkontinenz Dranginkontinenz
Körperliche Anstrengung, zum Beispiel beim Heben, Husten, Treppensteigen oder Niesen erhöht den Druck im Inneren des Bauchraumes und führt zu einem unkontrollierten Urinverlust. Dieser kündigt sich nicht durch Harndrang an.(7) Die Betroffenen verspüren bei geringer Füllmenge einen überfallartigen, nicht kontrollierbaren Harndrang, der keine Zeit für den Toilettengang lässt.
Info
Mischinkontinenz

Die Mischinkontinenz umfasst die charakteristischen Symptome, die jeweils bei einer Dranginkontinenz und bei einer Belastungsinkontinenz auftreten.(1) Betroffene verspüren in Folge von körperlicher Anstrengung einen plötzlich auftretenden und starken Harndrang, der zu unkontrolliertem Urinverlust führt.

Inkontinenz bei Kindern

Inkontinenz kann in jedem Alter auftreten und sogar bei Kindern ein Thema sein. Mediziner unterscheiden zwischen reinem Bettnässen (Enuresis) und kindlicher Inkontinenz:

Enuresis

Bettnässen ist die häufigste Form des Einnässens bei Kindern. Die sogenannte Enuresis liegt vor, wenn ein Kind nach seinem fünften Lebensjahr mindestens zwei Nächte im Monat im Schlaf Urin verliert, ohne dass es einen Harnwegsinfekt hat oder tagsüber in die Hose macht. Meist entwickelt sich bei den betroffenen Kindern die Blasenkontrolle ganz einfach langsamer als bei anderen Kindern. Dies ist überwiegend genetisch bedingt.

Kindliche Inkontinenz

Die Inkontinenz bei Kindern tritt seltener auf als die Enuresis. In diesen Fällen nässt das Kind nachts ein, hat aber auch tagsüber Schwierigkeiten mit dem Wasserlassen. Oftmals leiden die betroffenen Kinder unter einer anlagebedingten Dranginkontinenz. Manche Kinder wollen ihr Spiel nicht unterbrechen und schieben daher den Toilettengang auf. Einige wollen auch die Toilette in bestimmten Situationen nicht aufsuchen. Irgendwann können sie den Urin dann nicht mehr halten und entleeren die Blase schließlich ungewollt. Dann wird von einer Harninkontinenz bei Miktionsaufschub gesprochen.

Expertenmeinung

Inkontinenz ist nicht bloß eine „kleine-Kinder-Krankheit“. Viele Betroffene schämen sich, dass sie inkontinent sind, scheuen den Besuch beim Arzt und distanzieren sich von ihrem sozialen Umfeld. So weit muss es gar nicht erst kommen. Wir sollten als Gesellschaft viel offener über das Thema Inkontinenz sprechen, weil es viele Menschen betrifft. Sich einem Arzt anzuvertrauen, ist durchaus sinnvoll. Er kann die Ursache der Inkontinenz ausfindig machen und diese gegebenenfalls behandeln. Damit Patienten dann das passende Material auf Rezept bekommen, berate ich tagtäglich zu Kontinenz. Betroffene brauchen sich übrigens nicht auf das Gespräch vorbereiten. Gemeinsam klären wir in lockerer Atmosphäre wichtige Fragen, die für das passende Material wichtig sind, wie zum Beispiel welche Inkontinenzart vorliegt und wie aktiv der Alltag des Patienten ist. Weitere häufig gestellte Fragen und Tipps lesen Sie im Interview Inkontinenz: Erfahrungsbericht aus der Beratung.

Franziska  Baur
Franziska Baur
Examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin

Stuhlinkontinenz

Stuhlinkontinenz ist der Begriff für den unwillkürlichen Verlust von Darminhalt. Wie bei der Harninkontinenz gibt es auch bei der Stuhlinkontinenz Fälle, bei denen der Betroffene zwar den Drang bemerkt, es aber nicht rechtzeitig zur Toilette schafft. Darüber hinaus gibt es Fälle, in denen der Betroffene gar keinen Drang verspürt und die Darmentleerung nicht bewusst steuern kann.

Das Risiko, unter einer Stuhlinkontinenz zu leiden, nimmt im Alter zu. Grund dafür ist die nachlassende Gewebeelastizität, vor allem im Bereich des Beckenbodens. Zu den häufigen Ursachen einer Stuhlinkontinenz gehören zudem Erkrankungen des Darmes oder Übergewicht.(9)

Darüber hinaus erleiden Frauen häufiger eine Stuhlinkontinenz als Männer. Das hat anatomische Ursachen und hängt vor allem mit dem Geburtsvorgang zusammen. Denn beim Durchtritt des kindlichen Kopfes kann der Schließmuskel verletzt werden, sodass er nicht mehr einwandfrei funktioniert. Das kann eine spätere Stuhlinkontinenz bei der Frau auslösen.

Diagnose / Test bei Inkontinenz

Harninkontinenz sowie Stuhlinkontinenz können verschiedene Ursachen haben und sich als leichte oder schwere Inkontinenz herausstellen. Um die Ursachen zu ermitteln und die Beschwerden zu lindern, bedarf es daher einer ärztlichen Inkontinenz-Behandlung. Betroffenen steht eine Vielzahl von wirksamen Heil- und Hilfsmitteln zur Verfügung, mit denen sich eine Inkontinenz in vielen Fällen erfolgreich behandeln lässt.

Anamnese

In einem Erstgespräch mit dem behandelnden Arzt, wird er dem Betroffenem detaillierte Fragen stellen. Hilfreich ist es, dass Menschen mit Inkontinenz-Beschwerden ihre Symptome genau beobachten und festhalten.

Tipp
Führen Sie ein Miktionstagebuch

Ein sogenanntes Miktionsprotokoll oder Stuhlgangsprotokoll kann Sie dabei unterstützen, Ihr eigenes Miktions- und Stuhlgangsverhalten im Alltag zu ermitteln und zu dokumentieren. Im Idealfall sollten Sie das Tagebuch an zwei bis drei Tagen über 24 Stunden führen. So können Sie gemeinsam mit Ihrem Arzt Unregelmäßigkeiten aufdecken. Anhand der Informationen, kann der Arzt eine eindeutige Diagnose stellen und passende Therapiemöglichkeiten einleiten. Ein kostenloses Muster zum Download bietet pflege.de.

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Körperliche Untersuchung

Um herauszufinden, warum der Betroffene inkontinent wurde, folgt auf die Anamnese in der Regel eine klinische Untersuchung. In dem Rahmen untersucht der Arzt den Bauch sowie äußere Geschlechtsorgane auf Auffälligkeiten wie Entzündungen, Hautirritationen oder Schleimhautveränderungen. Außerdem kann ein Hustentest Aufschluss geben. Damit überprüft der Arzt, ob der Betroffene bei mittlerer Blasenfüllung unter Belastung Urin verliert. Darüber hinaus ist eine Urin-Untersuchung sinnvoll, um Blutbeimengungen, Eiweiß und Bakterien im Urin nachzuweisen und den pH-Wert zu ermitteln.

Damit der Arzt gezielte Therapiemaßnahmen vorschlagen kann, ist es außerdem sinnvoll, die mentale sowie körperliche Leistungsfähigkeit zu überprüfen. So kann er besser einschätzen, inwieweit der Patient physiotherapeutische Maßnahmen (zum Beispiel Beckenbodentraining) umsetzen oder Änderungen an seinem Verhalten vornehmen kann.(3)

Inkontinenz-Folgen

Die Folgen von Inkontinenz können drastisch sein, vor allem für die Lebensqualität des Betroffenen. Aus Angst vor einem peinlichen Missgeschick neigen Inkontinenz-Patienten dazu, sich immer mehr aus ihrem sozialen Umfeld zurückzuziehen. Weil sie inkontinent sind, verzichten sie beispielsweise auf ihr Hobby und treffen sich immer seltener mit Freunden. Der soziale Rückzug führt in vielen Fällen zu Vereinsamung. Die Folgen einer Inkontinenz reichen von Angstzuständen bis hin zu Depressionen.

Abgesehen von den Auswirkungen auf die Lebensqualität, kann eine Inkontinenz ebenso gesundheitliche Folgen haben. Unkontrollierter Urinverlust erhöht das Risiko für die Entstehung eines Dekubitus oder Hautentzündungen im Intimbereich. Häufig gehen Harnwegsinfektionen mit einer Inkontinenz einher, die Ursache einer Nierenbeckenentzündung sein können. Meist lassen sich diese Folgen durch gezielte Pflegemaßnahmen vermeiden.(4)

Therapie / Behandlung bei Inkontinenz

Es gibt keine pauschalen Therapie-Empfehlungen bei Inkontinenz. Die Behandlung muss individuell an die Inkontinenz-Ursache, die Art und das Ausmaß der Beschwerden angepasst werden.

Die Palette der Therapie bei Inkontinenz reicht von Beckenbodentraining, über Gewichtsabnahme und Verhaltensänderungen bis hin zu operativen Verfahren. In den meisten Fällen werden bei der Behandlung mehrere der genannten Therapiebausteine parallel zum Einsatz kommen.

Übungen / Training für einen starken Beckenboden

Insbesondere das sogenannte Beckenbodentraining hat sich als besonders wirksam für die Besserung oder Heilung einer Inkontinenz bewiesen, da die Beckenbodenmuskulatur eine wesentliche Rolle für die einwandfreie Blasen- und Darmfunktion spielt. Geeignete Übungen verhelfen dem Betroffenen dazu, seine Beckenbodenmuskulatur zu spüren und damit seinen Beckenboden langfristig zu stärken.

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Ein starker Beckenboden unterstützt die Blasen- und Darmfunktion

Die Beckenbodenmuskulatur spielt in unserem Körper eine wichtige Rolle. Denn sie trägt nicht nur die Organe des unteren Bauchraums, sondern ist auch für eine einwandfreie Funktion dieser Organe wichtig. Die Beckenbodenmuskulatur sorgt dafür, dass die Schließmuskeln von Blase und Darm funktionieren.

Bei der Blasen- und Darmentleerung nimmt der Beckenboden drei Aufgaben wahr:

  1. Anspannen: Während sich der Urin in der Blase oder der Stuhl im Darm sammelt, verschließt die Beckenbodenmuskulatur die Harnröhre oder den Enddarm.
  2. Entspannen: Damit sich die Blase oder der Darm entleeren kann, muss sich der Beckenboden entspannen. Nach der Entleerung nimmt die Spannung der Beckenbodenmuskulatur langsam wieder zu.
  3. Gegenhalten: Der Beckenboden muss jedem Druck, der im Bauchraum entsteht, standhalten können. Zum Beispiel beim Niesen oder Tragen von schweren Lasten. 

Verhaltenstherapie bei Inkontinenz

Eine Verhaltenstherapie umfasst Maßnahmen, die die inkontinente Person selbst steuern kann. Laut einer Studie aus den USA stellt sich eine Verhaltenstherapie, ob in Kombination mit anderen Maßnahmen oder ohne, als wirksamer heraus als manches Inkontinenz-Medikament.(10) Ziel der Verhaltenstherapie ist es, die Blase und den Darm besser kontrollieren zu können. Die Therapie beginnt bei den eigenen Gewohnheiten. Eine ausgewogene Ernährung und ein gesunder Lebensstil können sich positiv auf eine gesunde Blasen- und Darmfunktion auswirken. Betroffene sollten daher auf folgende Punkte achten:

  • Trinken Sie ausreichend.
  • Verzichten Sie auf alkoholische, kohlensäurehaltige Getränke und Kaffee.
  • Bewegen Sie sich regelmäßig.
  • Trainieren Sie Ihre Blase.
  • Verzichten Sie auf Nikotin.

Ergänzend dazu können Achtsamkeitsübungen dabei helfen, das Gefühl für den Drang zu verbessern und seine Blase sowie den Darm zu kontrollieren. Neben dem Beckenbodentraining, können sogenannte Biofeedback-Übungen Betroffene unterstützen, die Beckenbodenmuskulatur besser zu steuern.

Toilettentraining bei Inkontinenz

Das Toilettentraining kann auf verschiedene Arten durchgeführt werden. So zählen beispielsweise feste Entleerungszeiten und Blasentraining zu möglichen Therapiemaßnahmen. Besonders für ältere Inkontinenz-Patienten können dafür geeignete Toiletten-Hilfsmittel (zum Beispiel Urinflasche oder Toilettenstuhl) zum Einsatz kommen. Der Vorteil des Toilettentrainings ist, dass es keine Geräte erfordert und in Krankenhäusern, Pflegeheimen und auch in der häuslichen Umgebung durchgeführt werden kann.(3)

Medikamente gegen Inkontinenz

Grundsätzlich lassen sich alle Formen der Harninkontinenz mit dem Wirkstoff Desmopressin medikamentös behandeln. Das Medikament mindert übermäßigen Durst, Harndrang und häufiges Wasserlassen. Das Medikament ist sowohl in Tablettenform als auch als Nasenspray erhältlich.

Bei einer Dranginkontinenz können die sogenannten Anticholinergika wirksam sein, die Blasenfunktionsstörungen reduzieren sollen. Allerdings sollte das Medikament nur bedingt bei älteren Patienten eingesetzt werden. Denn manche Medikamente dieses Wirkstoffes können die Kognition beeinträchtigen und zu einem erhöhten Sturzrisiko führen. Zur medikamentösen Behandlung der Belastungsinkontinenz kommt vorrangig Duloxetin zum Einsatz. Duloxetin gilt als erstes speziell gegen Belastungsinkontinenz wirkendes Medikament. Es soll die Funktion des Harnröhren-Schließmuskels erhöhen.(3)

Chirurgische Therapie: Inkontinenz-Operation

In Einzelfällen, besonders bei schwerwiegenden Beeinträchtigungen durch die Inkontinenz, können operative Eingriffe sinnvoll sein. Das operative Verfahren muss individuell auf den Patienten abgestimmt sein. Folgende Fragen müssen vorab geklärt und in die Planung des Eingriffs mit einbezogen werden:

  • Wie sehr leidet der Patient unter der Inkontinenz?
  • Wurde der Betroffene bereits einmal operiert?
  • Unter welchen Vorerkrankungen leidet der inkontinente Patient?

Zu den chirurgischen Möglichkeiten zählt beispielsweise ein künstlicher Schließmuskel. Dieser künstliche, sogenannte Sphinkter besteht aus einer Verschlussmanschette, einer Pumpe und einem Reservoir, wo die Flüssigkeit gespeichert wird. Die Manschette wird kreisförmig um den Enddarm (bei Stuhlinkontinenz) oder um die Harnröhre (bei Harninkontinenz) gelegt.(3)

Inkontinenz-Hilfsmittel auf Rezept: Als Dauerverordnung

Um eine Inkontinenz bestmöglich zu versorgen und Folgeerkrankungen zu vermeiden, steht Betroffenen eine Reihe an speziellen Inkontinenzmitteln wie Vorlagen oder Inkontinenz-Pants zur Verfügung. Gemäß § 33 SGB V haben inkontinente Krankenversicherte einen Anspruch auf die Versorgung mit Inkontinenzhilfen, sofern die Produkte im Hilfsmittelverzeichnis und Hilfsmittelkatalog gelistet sind. Zudem benötigt der Versicherte zur Inkontinenzversorgung ein Rezept für Inkontinenzmaterial, um die Krankenkassenleistung zu erhalten. Müssen Betroffene auf längere Sicht mit Inkontinenz-Hilfsmitteln versorgt werden, empfiehlt es sich, dass sie sich eine Dauerverordnung für Inkontinenzmaterial ausstellen lassen.

Tipp
Finden Sie die passenden Hilfsmittel

Informieren Sie sich ausführlich über die richtigen Hilfsmittel – sie sind eine große Hilfe im Alltag und sorgen dafür, dass Sie nicht in unangenehme Situationen kommen.

Urin greift die Haut an. Reinigen Sie sich deshalb nach jedem ungewollten Harnverlust mit einer ölhaltigen Waschcreme, pflegen Sie Ihre Haut mit Emulsionen und wechseln Sie regelmäßig die Inkontinenzvorlagen, um zu vermeiden, dass es zu einer oberflächlichen Entzündung der Haut (inkontinenz-assoziierte Dermatitis) kommt. Für die Pflege helfen auch die zum Verbrauch bestimmten Pflegehilfsmittel wie beispielsweise Bettschutzeinlagen. Um Bettschutzeinlagen jeden Monat kostenfrei zu erhalten, benötigen Sie einen Pflegegrad.

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Pflegemaßnahmen bei Inkontinenz

Harninkontinenz gilt als pflegerelevantes Thema. Da es zugleich ein sensibles Thema ist, weil es den Intimbereich betrifft, bedarf es im Hinblick auf die Pflegeplanung professionellem Handeln und einer Menge Einfühlungsvermögen der Pflegefachkraft. Dazu hat das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) einen Expertenstandard zum Thema Förderung der Kontinenz entwickelt, welcher Ziele und Pflegemaßnahmen festhält.(11)

Natürlich werden die Maßnahmen individuell und bedarfsgerecht auf den pflegebedürftigen Patienten abgestimmt. Dahingehend muss die Kontinenz-Situation des Betroffenen anhand folgender Kriterien eingeschätzt werden:

  • Bestehen Risikofaktoren für eine Inkontinenz?
  • Zeigt er Anzeichen, die auf eine Inkontinenz hinweisen?

Anhand dessen erstellt die Pflegefachkraft ein sogenanntes Kontinenz-Profil. Das Kontinenz-Profil ermittelt die Pflegefachkraft mithilfe von bestimmten Kennzeichen, die sich der folgenden Darstellung entnehmen lassen. Unterschieden wird zwischen einer unabhängigen und abhängigen sowie nicht kompensierten Inkontinenz.(12) Folgende Fragen müssen dazu geklärt werden:

  • Kommt es zu unwillkürlichen Stuhl- oder Harnverlusten?
  • Wendet die Person bereits Maßnahmen der Kontinenz-Förderung an?
  • Benötigt die Person personelle Unterstützung?
Kontinenz-Profil  Kennzeichen
Unabhängige kompensierte Inkontinenz
  • Unfreiwilliger Stuhl- oder Harnverlust
  • Keine personelle Unterstützung bei der Versorgung mit Inkontinenz-Hilfsmitteln
Abhängige kompensierte Inkontinenz
  • Unfreiwilliger Stuhl- oder Harnverlust
  • Personelle Unterstützung bei der Inkontinenzversorgung ist notwendig
Nicht kompensierte Inkontinenz
  • Unfreiwilliger Stuhl- oder Harnverlust
  • Unversorgte Inkontinenz

Schließlich berät die Pflegefachkraft den Patienten und gegebenenfalls seine Angehörigen über pflegerische Maßnahmen zur Förderung seiner Kontinenz oder zum Umgang mit seiner Inkontinenz. Anschließend erstellt die Pflegefachkraft einen Maßnahmenplan und setzt diesen kontinuierlich um.

Inkontinenzprophylaxe: Hilfen und Maßnahmen

Die Inkontinenzprophylaxe hat zum Ziel, mit Hilfe verschiedener Maßnahmen, unkontrolliertem Stuhl- oder Harnverlust entgegenzuwirken. Ein Mittel ist beispielsweise das Beckenbodentraining. Denn Beckenbodentraining trägt nicht nur zur Heilung einer bestehenden Inkontinenz bei, sondern kann auch präventiv zum Einsatz kommen.

Darüber hinaus gibt es weitere Maßnahmen, die einer Inkontinenz vorbeugen können:

  • Blasentraining
  • Übergewicht vermeiden
  • Entspannungsübungen

Blasentraining

In einigen Fällen kann eine Inkontinenz auch durch das eigene Verhalten ausgelöst werden. Wer zu oft auf die Toilette geht, gewöhnt die Blase an kleine Urinmengen, sodass sie irgendwann nicht mehr fähig ist, auch größere Mengen zu halten. Wer zu selten zur Toilette geht, riskiert wiederum, dass die Blasenmuskulatur ständig überdehnt wird. Auch wer aus Angst vor Inkontinenz zu wenig trinkt, bewirkt das Gegenteil: Denn so werden die Nieren nicht mit ausreichend Flüssigkeit versorgt und produzieren einen hoch konzentrierten Urin. Hochkonzentrierter Urin reizt die Blase und verstärkt den Harndrang. Darum kann es sinnvoll sein, die Blase zu trainieren und gleichzeitig auf eine optimale Flüssigkeitszufuhr zu achten.

Übergewicht vermeiden

Übergewicht gehört zu den Risikofaktoren für die Entstehung einer Inkontinenz, vor allem für die Entstehung einer Belastungsinkontinenz. Das zusätzliche Körpergewicht erhöht den Druck im Bauchraum und auf die Organe und schwächt obendrein die Beckenbodenmuskulatur. Um eine Inkontinenz gar nicht erst entstehen zu lassen, ist eine Gewichtsreduktion sinnvoll, sofern der Patient übergewichtig ist. Leidet die Person schon an Inkontinenz, kann eine Gewichtsreduktion bei stark Übergewichtigen auch für die Inkontinenz-Therapie in Erwägung gezogen werden.(1)

Entspannungsübungen

Da psychosoziale Belastungen in Folge von beruflichem oder privatem Stress ebenfalls das Risiko für eine Inkontinenz erhöhen, können Betroffene Übungen zur Entspannung durchführen. Entspannungsübungen helfen inkontinenten Personen dabei, das vegetative Nervensystem zu entspannen und folglich Blase und Darm zu beruhigen.

Häufig gestellte Fragen

Was ist Inkontinenz?

Unter einer Inkontinenz leiden Personen, die unkontrolliert Urin oder Stuhl verlieren. Im ersten Fall wird von einer Harninkontinenz oder auch Blasenschwäche gesprochen. Kann der Betroffene Stuhl nicht mehr zurückhalten, lautet der Begriff Stuhlinkontinenz. Stuhlinkontinenz tritt deutlich seltener aus als Harninkontinenz. Grundsätzlich können sowohl jüngere Menschen als auch Senioren unter einer Inkontinenz leiden. Dabei ist Inkontinenz weniger eine Krankheit, sondern vielmehr ein Symptom, welches auf verschiedene Ursachen zurückzuführen sein kann.

Je nach Ursache, kann eine Inkontinenz verschiedene Formen annehmen und Ausprägungen haben.

Welche Inkontinenzformen gibt es?

Insbesondere im Hinblick auf geeignete Therapiemaßnahmen, gilt es, die verschiedenen Inkontinenz-Formen zu kennen. Zunächst werden Harninkontinenz und Stuhlinkontinenz voneinander unterschieden. Harninkontinenz bezeichnet den ungewollten Abgang von Urin, während Stuhlinkontinenz den unkontrollierbaren Verlust von flüssigem oder festem Stuhl meint. Harninkontinenz tritt deutlich häufiger auf und lässt sich noch weiter unterteilen. Am Verbreitesten sind die folgenden Arten der Inkontinenz:

  • Belastungsinkontinenz / Stressinkontinenz: Unfreiwilliger Abgang bei körperlicher Belastung
  • Dranginkontinenz: Urinverlust nach ausgeprägt starkem Harndrang
  • Mischinkontinenz: Unkontrollierter Urinabgang bei körperlicher Belastung verbunden mit einem starken Harndrang
  • Reflexinkontinenz: Harnverlust kann nicht vom Gehirn gesteuert werden und passiert reflexartig
  • Überlaufinkontinenz: Blase entleert sich nicht vollständig und „läuft über“

Wie wird man inkontinent?

Wie Personen inkontinent werden, kann unterschiedliche Ursachen haben. Grundsätzlich nimmt das Risiko, Symptome einer Inkontinenz zu entwickeln, mit dem Alter zu. Darüber hinaus unterscheiden sich die Auslöser, je nach Inkontinenz-Form. Während bei einer Dranginkontinenz Nervenschäden infolge einer OP oder neurologische Erkrankungen Ursache sein können, wird eine Belastungsinkontinenz häufig durch eine schwache Beckenbodenmuskulatur ausgelöst. Eine Reflexinkontinenz ist häufig auf ein gestörtes Nervensystem zurückzuführen, welches zum Beispiel mit einer Querschnittslähmung oder neurologischen Erkrankung (Parkinson / Multiple Sklerose / Demenz) einhergeht.

Was verursacht Inkontinenz?

Die Ursachen einer Inkontinenz können sehr unterschiedlich sein. Inkontinenz-Ursachen reichen von einer geschwächten Beckenbodenmuskulatur bei der Belastungsinkontinenz bis hin zu einer vergrößerten Prostata (beim Mann) bei der Überlaufinkontinenz reichen. Daher sollten sich Betroffene vertrauensvoll an einen Arzt wenden, der die Ursache mittels geeigneter Diagnoseverfahren finden so verschiedene Therapiemöglichkeiten vorschlagen kann.

Was hilft wirklich bei Inkontinenz?

Viele Inkontinenz-Patienten tendieren dazu, sich zu verstecken oder mit ungeeigneten Hilfsmitteln wie Menstruationsbinden selbst zu helfen. Schamgefühl und Unsicherheit halten sie davon ab, mit dem Arzt zu sprechen. Dabei lassen sich die Beschwerden in einem Großteil der Fälle bessern. Die Maßnahmen müssen allerdings individuell auf die Inkontinenz-Form und Ursache abgestimmt sein. Daher ist es zuallererst wichtig, mit einem Arzt über die Symptome zu sprechen und gemeinsam geeignete Hilfen bei Inkontinenz zu besprechen.

Zu möglichen Hilfsmaßnahmen gehört beispielsweise das Beckenbodentraining bei Inkontinenz, da in einigen Fällen die geschwächte Beckenbodenmuskulatur Auslöser der Inkontinenz ist. Außerdem können Inkontinenz-Hilfsmittel zu mehr Lebensqualität beitragen. Je nach Schweregrad stehen der Person verschiedene aufsaugende oder ableitende Produkte zur Verfügung, die eine Inkontinenz möglichst diskret versorgen sollen.

Ein chirurgischer Eingriff sollte erst dann in Betracht gezogen werden, wenn alle nicht-operativen Therapiemaßnahmen keine Erfolge erzielt haben.

Welcher Arzt hilft mir bei Inkontinenz?

Leiden Sie an Inkontinenz, wenden Sie sich bestenfalls an einen qualifizierten Facharzt wie den Urologen oder an das Personal eines Kontinenz-Zentrums. Ärzte mit folgenden Fachrichtungen können Ihnen helfen:

  • Urologie
  • Gynäkologie
  • Proktologie
  • Chirurgie
  • Neurologie
  • Geriatrie

Zertifizierte Kontinenz- und Beckenbodenzentren beschäftigen sich eingehend mit dem Thema Inkontinenz und ihren unterschiedlichen Ursachen. Um geeignete Therapiemaßnahmen für Ihre individuelle Erkrankung zu finden, arbeiten hier Ärzte verschiedener Fachrichtungen sowie spezialisierte Pflegekräfte und Physiotherapeuten zusammen.

Das Wichtigste ist: Suchen Sie aktiv Hilfe und verstecken Sie sich nicht. Nur so können sich Ihre Beschwerden bessern oder gar verschwinden.

Ist die Inkontinenz heilbar?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten und ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Ob eine Inkontinenz heilbar ist, hängt beispielsweise davon ab, welche Form der Inkontinenz vorliegt, welche Erkrankung ihr zugrunde liegt und wie stark sie ausgeprägt ist. Durch eine gezielte Therapie lassen sich die Beschwerden aber in vielen Fällen deutlich verbessern oder sogar heilen.

Grundsätzlich muss ein Arzt die Behandlung individuell an den Patienten und seine Lebenssituation anpassen.

Welche Inkontinenz-Hilfsmittel gibt es?

Inkontinenz-Hilfsmittel sollen in erster Linie die Lebensqualität der Betroffenen verbessern und Folgeerkrankungen vermeiden. Dazu stehen Patienten verschiedene Inkontinenzhilfen zur Verfügung. Zu den beliebtesten zählen aufsaugende Inkontinenzartikel, die am Körper getragen werden, den Urin aufnehmen und vor Hautreizungen schützen. Dazu zählen beispielsweise:

  • Inkontinenzeinlagen
  • Inkontinenzvorlagen in Kombination mit Fixierhose
  • Inkontinenzunterhosen (auch Inkontinenz-Pants genannt)
  • Windeln mit Klebeverschluss
  • Bettschutzeinlagen

Darüber hinaus gibt es funktionell-anatomische Hilfsmittel, die sich der jeweiligen Geschlechtsanatomie anpassen und die Blasenfunktion unterstützen sollen. Erhältlich sind folgende Produkte:

  • Für Frauen: Inkontinenztampons, Ringpessare, Harnröhren-Plugs
  • Für Männer: Penisklemme, Penisbändchen

Neben Toilettenhilfen wie Urinflaschen oder Toilettenstühlen eignen sich in vielen Fällen auch ableitende Hilfsmittel, die die Flüssigkeit aus den Harnwegen in einen Behälter transportieren. Grundsätzlich sollten inkontinente Personen mit ihrem Arzt besprechen, welche Inkontinenzprodukte in ihrem individuellen Fall die geeignetsten sind.

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Erstelldatum: 6102.70.62|Zuletzt geändert: 2202.50.2
(1)
Deutsche Kontinenz Gesellschaft
www.kontinenz-gesellschaft.de/fileadmin/user_content/startseite/patienten/krankheiten_therapien/harninkontinenz/DKG_H-uS_07-19.pdf (letzter Abruf am 29.06.2021)
(2)
Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG)
www.dggeriatrie.de/ueber-uns/aktuelle-meldungen/1635-aktualisierte-dgg-leitlinie-zu-harninkontinenz-veroeffentlicht (letzter Abruf am 29.06.2021)
(3)
S2e-Leitlinie - Harninkontinenz bei geriatrischen Patienten, Diagnostik und Therapie 2019
www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/084-001l_S2e_Harninkontinenz_geriatrische_Patienten_Diagnostik-Therapie_2019-01.pdf (letzter Abruf am 03.11.2021)
(4)
ROBERT KOCH INSTITUT
www.gbe-bund.de/pdf/heft_39_und_wertetabellen.pdf (letzter Abruf am 03.11.2021)
(5)
Prostata Hilfe e.V.
www.prostata-hilfe-deutschland.de/wissen/inkontinenz-prostatakrebs-behandlung (letzter Abruf am 03.11.2021)
(6)
Inkontinenz Selbsthilfe e.V.
www.inkontinenz-selbsthilfe.com/stuhlinkontinenz (letzter Abruf am 03.11.2021)
(7)
Stiftung Gesundheitswissen
www.stiftung-gesundheitswissen.de/wissen/harninkontinenz/hintergrund (letzter Abruf am 29.06.2021)
(8)
Stiftung Gesundheitswissen
www.stiftung-gesundheitswissen.de/wissen/dranginkontinenz/hintergrund (letzter Abruf am 29.06.2021)
(9)
Deutsche Kontinenz Gesellschaft
www.kontinenz-gesellschaft.de/fileadmin/user_content/startseite/patienten/krankheiten_therapien/stuhlinkontinenz/DKG_Stuhlink_05-14.pdf (letzter Abruf am 03.11.2021)
(10)
Annals of Internal Medicine: Forschungsartikel
www.acpjournals.org/doi/pdf/10.7326/M18-3227 (letzter Abruf am 03.11.2021)
(11)
Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege
www.dnqp.de/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Expertenstandards/Foerderung_der_Harnkontinenz_in_der_Pflege/Kontinenz_Akt_Auszug.pdf (letzter Abruf am 03.11.2021)
(12)
Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege
www.dnqp.de/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Veranstaltungen/16WS_AG1_Boguth.pdf (letzter Abruf am 03.11.2021)
(13)
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© Naeblys / Fotolia.com
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Interview

„Inkontinente Personen haben das Gefühl, dass sie unangenehm riechen“

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Angelika Sonnenberg
Im Interview
Angelika Sonnenberg
Kontinenzfachkraft und Pflegetrainerin

Angelika Sonnenberg ist Kontinenzfachkraft und Pflegetrainerin. Sie hält Vorträge und Fortbildungen zum Thema Kontinenzförderung und leitet seit neun Jahren eine Kontinenz-Selbsthilfegruppe.

Wie kann ich meinen Angehörigen sensibel auf seine Inkontinenz ansprechen? Was erwartet mich in einer Kontinenz-Selbsthilfegruppe? Was sind wichtige Tipps für Betroffene, die sich auch unterwegs sicher fühlen wollen? „Inkontinenzvorlagen sollte man einmal längs in der Mitte knicken, damit sie wie ein Bötchen funktionieren. Auch sollte man sie nicht zu dicht am Körper tragen. Da muss immer ein wenig Platz sein, damit sich auch ein Schwung Urin verteilen kann“, meint Kontinenzberaterin Angelika Sonnenberg. Im Interview mit pflege.de verrät sie exklusive Praxistipps zur Versorgung einer Inkontinenz und berichtet über ihre Erfahrungen als Leiterin einer Kontinenz-Selbsthilfegruppe.

Frau Sonnenberg, Sie sind Fachkraft für Kontinenzförderung. Was bedeutet das und wie kann man sich Ihren Berufsalltag vorstellen?

Als Fachkraft zur Kontinenzförderung habe ich eine Weiterbildung zu Harn- und Stuhlinkontinenz und Stomaversorgung absolviert. Seitdem biete ich jeden Mittwoch einen sogenannten Kontinenztag an. Dabei berate ich Betroffene von „draußen“ sowie Patienten der Klinik über das Thema Inkontinenz. Außerdem berate ich Pflegefachkräfte auf den Stationen und biete Fortbildungen zu Inkontinenzhilfsmitteln und Inkontinenzformen für alle Mitarbeiter unseres Krankenhauses an.

Sie leiten zudem eine Kontinenz-Selbsthilfegruppe. Wie kam es dazu, dass Sie diese Selbsthilfegruppe für Betroffene ins Leben gerufen haben?

Die Selbsthilfegruppe wurde schon vor meiner Zeit ins Leben gerufen. Eine inkontinente Dame hat die Gruppe mit Unterstützung des paritätischen Wohlfahrtsverbandes gegründet. Dann hat sie jedoch aufgehört und mich gefragt, ob ich diese betreuen möchte. Ich bin damals noch in der urologischen Ambulanz beschäftigt gewesen, aber da sich die Gruppe sonst aufgelöst hätte, habe ich mich sozusagen breitschlagen lassen (lacht). Da ich als junge Frau nach der Schwangerschaft selbst über lange Zeit inkontinent war und mein Herzblut an dem Thema Kontinenzförderung hängt, mache ich das mittlerweile seit neun Jahren.

Inkontinenz ist in der Gesellschaft immer noch weitestgehend ein Tabuthema. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Inkontinente Personen haben das Gefühl, dass sie unangenehm riechen. Und dann ist die Scham so groß, dass man nicht über die Erkrankung spricht.
Angelika Sonnenberg

Inkontinent zu sein bedeutet einen Verlust der Autonomie, einen Kontrollverlust. Inkontinente Personen haben Probleme, ihren Urin oder Stuhl zu halten. Inkontinente Personen haben das Gefühl, dass sie unangenehm riechen. Und dann ist die Scham so groß, dass man nicht über die Erkrankung spricht. Daher sollten Personen mit einer Inkontinenz unbedingt den Mut haben und mit einem Arzt sprechen. Nur so kann eine Inkontinenz behandelt und können Symptome wie z. B. eine Geruchsbildung gemindert werden.

Ich bin froh, dass man jetzt schonmal in den Auslagen von Schaufenstern oder auf Rasthöfen Urinalkondome oder Vorlagen sieht und begonnen wird, Werbung für diese Produkte zu machen. Aber viele Betroffene und sogar auch Urologen wissen nicht, dass es eine Hilfsmittelverordnung für Inkontinenzmaterialien gibt und sie sich entsprechende Hilfsmittel verschreiben lassen können. Das zeigt, dass Inkontinenz immer noch ein Tabuthema ist und es auch bleiben wird bis die Erkrankung im Bewusstsein der Öffentlichkeit ankommt. Ich höre immer noch häufig von Fällen, bei denen Betroffene in der Innenstadt verzweifelt eine Toilette suchen. Dann fragen sie in Geschäften nach und werden dort einfach abgewiesen. Da kann man froh sein, wenn man in einer Stadt ist, die das Projekt „Die nette Toilette“ unterstützt.

Was genau ist das Projekt „Die nette Toilette“?

Bei diesem Projekt werden Bürgerinnen und Bürger mit Hilfe eines Flyers darüber informiert, wo sich die nächste Toilette befindet. Dort muss man weder bitten noch betteln, sondern kann die Toilette einfach nutzen. Das ist eine große Entlastung für Betroffene mit einer Inkontinenz. Viele Städte engagieren sich bereits in diesem Projekt, andere, wie auch die Stadt Köln, leider immer noch nicht. Ich frage mich, warum nicht einfach in jeder Stadt im Informationszentrum für Touristen ein Flyer zu den nutzbaren Toiletten ausliegt. Das wäre mal eine Idee! Dann wären inkontinente Personen automatisch unabhängiger und müssten sich nicht die Blöße geben und erst nach einer Toilette fragen. Und das würde wiederum fördern, dass sie aus dem Haus gehen und soziale Kontakte pflegen.

Hat sich das Ansehen der Inkontinenz in den letzten Jahren verändert? Ist das Thema noch tabubehafteter oder eher gesellschaftstauglicher geworden?

Es hat sich insgesamt schon vieles verbessert, aber von gut sind wir leider immer noch weit entfernt.
Angelika Sonnenberg

Ich bin seit 38 Jahren in der Pflege tätig und habe mich viel mit der Urologie, also mit harnbildenden und harnableitenden Organen, beschäftigt. Es hat sich insgesamt schon vieles verbessert, aber von gut sind wir leider immer noch weit entfernt. In Gesprächen stellt man fest, dass die Inkontinenz einfach nicht wahrgenommen wird. Immer wieder werde ich gefragt „Warum machst du überhaupt Kontinenzberatung? Gibt es überhaupt genug Kunden?“. Wenn man dann zu erzählen anfängt, fällt vielen ein, dass sie beim Lachen, Husten oder Niesen auch schon einmal Urin verloren haben. Das kommt zum Beispiel nach den Wechseljahren oder durch Übergewicht oder auch nach einer Schwangerschaft und Geburt vor. Daher habe ich auch schon häufiger kleine Vorträge bei verschiedensten Personengruppe gehalten. Anfangs sitzen die Teilnehmer dort oft teilnahmslos und hinterher entsteht dann doch ein reges Geplauder.

Aufgrund der Tabuisierung der Erkrankung schämen sich Betroffene oftmals für ihre Inkontinenz. Haben Sie einen Tipp, wie man als Angehöriger seine Mutter / seinen Vater sensibel auf das Thema ansprechen kann?

Gerade als Angehöriger muss man da ganz vorsichtig sein. Oft ist es anfangs leichter, über Fachliches und ganz konstruktive Dinge zu sprechen. Der Einstieg funktioniert oft gut mit einer Frage: „Wie kommst du mit der Toilette zurecht?“ oder „Braucht du vielleicht eine Toilettensitzerhöhung?“ oder auch „Soll ich dich zum Urologen begleiten?“. Angehörige können aber auch zum Beispiel sagen: „Du, ich war heute schon den ganzen Tag hier und mir ist aufgefallen, dass du gar nicht auf Toilette warst. Wie ist es denn bei dir mit dem Wasserlassen?“. Also ruhig konkret fragen, aber sensibel für die Gefühle des Anderen sein und freundlich bleiben. Ich gehe mit dem Thema sehr offen, aber behutsam um und das kann ich Angehörigen auch nur empfehlen. Es gibt aber auch einfach Betroffene, die wollen mit ihren Kindern oder ihrem Partner nicht über ihre Ausscheidung sprechen. Dann sollten sie direkt selbst zum Arzt gehen.

Aufklärung, Schulung und Beratung sind ganz wichtig!
Angelika Sonnenberg

Man muss aber auch berücksichtigen, dass sich nicht nur inkontinente Menschen für ihre Erkrankung schämen, sondern oft auch ihre Angehörigen. Daher sind Aufklärung, Schulung und Beratung ganz wichtig. Ich denke, dass jeder für sich überlegen sollte: Was würde ich denn zulassen? Wie würde ich auf eine Inkontinenz angesprochen werden wollen? Ich bin zum Beispiel 58 Jahre alt und mein Sohn ist 30. Ich würde es auch befremdlich finden, wenn er mir jetzt die Inkontinenzvorlagen wechseln würde – das würde ich schon noch selber machen wollen.

Betroffene leiden oft unter der Angst, dass ihre Krankheit „enttarnt“ wird. Welche Tipps haben Sie für Menschen mit Inkontinenz, damit sie sich auch unterwegs sicher fühlen?

Man sollte sich vom Arzt passendes Inkontinenzmaterial wie zum Beispiel Vorlagen, Einlagen oder Pants verordnen lassen. Aber die Verordnung allein reicht nicht aus. Wichtig ist, dass Betroffene den Umgang mit diesen Hilfsmitteln lernen. Vorlagen sollte man beispielsweise einmal längs in der Mitte kurz knicken, damit sie wie ein Bötchen funktionieren. Auch sollte man Vorlagen nicht zu dicht am Körper tragen. Da muss immer ein wenig Platz sein, damit sich auch ein Schwung Urin verteilen kann. Außerdem würde ich nur ausgewiesene Vorlagen empfehlen, die dafür ausgelegt sind, Flüssigkeit aufzunehmen und einen Absorber beinhalten, der die Flüssigkeit nach unten wegsaugt.  Durch den Kontakt mit Urin bildet sich ein Gel und die Haut bleibt trocken. Solche praktischen Tipps sind sehr wichtig und werden von Ärzten aus Zeitgründen oft nicht gegeben. Dann ist es hilfreich eine Kontinenzberatung oder eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen.

Gibt es inzwischen praktische Hilfsmittel oder digitale Helfer, die den Umgang mit einer Inkontinenz erleichtern?

Es gibt bereits mehrere Apps für das Smartphone. Ich persönlich kann die kostenlose „WC-Finder-Deutschland“-App für Android sehr empfehlen. Mit dieser können sich inkontinente Menschen oder auch alle Interessierten den Weg zur nächsten Toilette anzeigen lassen. Das hilft auch in fremden Städten oder auf Reisen. Leider wird dieser Service von der älteren Generation um die 80 Jahre eher noch weniger in Anspruch genommen, da diese nicht alle ein Smartphone besitzen.

Kommen wir jetzt zu der Kontinenz-Selbsthilfegruppe, die Sie betreuen. Oft ist es als Betroffener hilfreich, sich mit anderen über die eigene Erkrankung auszutauschen. Können Sie uns kurz beschreiben, welche Personen Ihre Selbsthilfegruppe aufsuchen?

In unserer Kontinenz-Selbsthilfegruppe sind die Teilnehmer wirklich sehr gemischt. Es wird mir von anderen Gruppen berichtet, dass bei ihnen nur Frauen teilnehmen, aber ich habe in meiner Gruppe auch sehr viele Männer. Manche von denen kommen nur bis ihr Problem gelöst ist und sind dann wieder weg, andere kommen aber bereits seit zehn Jahren. Die Alterspanne reicht von 40 bis hin zu 80 Jahren. Man muss allerdings auch der Typ für eine Selbsthilfegruppe sein. Es gibt auch Menschen, die sich in einer Gruppe nicht richtig öffnen können oder outen wollen. Aber manchmal hilft es zu sehen, dass man nicht alleine mit seinem Problem dasteht. Man kann beim ersten Mal sonst auch einen Freund oder Angehörigen zur Verstärkung mitbringen.

Welche Themen besprechen Sie in Ihrer Kontinenz-Selbsthilfegruppe und wie kann man sich den groben Ablauf eines solchen Treffens vorstellen?

Wir treffen uns einmal im Monat für etwa eine bis anderthalb Stunden. Wenn dann nur acht Leute da sind, ist das schon wenig. Meist sind wir 17 bis 20 Teilnehmer. In der Regel gibt es anfangs immer etwas Organisatorisches zu besprechen. Letztes Mal habe ich beispielsweise über einen Tag der offenen Tür in einer Klinik gesprochen, an dem wir teilnehmen. Der Schwerpunkt des Treffens liegt jedoch immer auf einem Thema, das einer der Teilnehmer mitbringt. Zum Beispiel: „Sollen wir nicht noch einmal einen Brief an die Stadt schreiben, damit auch Köln das Projekt „Die nette Toilette“ umsetzt?“. Oder Mitglieder berichten über ihre Erfahrungen in einem Krankenhaus. Und jeder hat natürlich auch seine individuellen Probleme, von denen er berichtet. Dann erhält er von den anderen Mitgliedern, aber auch von mir als Fachkraft, Feedback.

Was sind die häufigsten Ängste und Fragen der Teilnehmer in der Selbsthilfegruppe?

Viele kommen mit Problemen mit der Krankenkasse. Zum Beispiel musste ein Herr ein Jahr lang kämpfen, um die richtigen Inkontinenzmaterialien zu erhalten. Wenn man nicht der Otto-Normalverbraucher mit der Standardvorlage ist, sondern größere oder andere Vorlagen benötigt, kann das schon zu Problemen führen. An sich bekommt jeder die Versorgung, die er braucht, aber manchmal muss man eben kämpfen. Dann heißt es dranbleiben und sich mit der Kasse zusammensetzen. Von diesen Erfahrungsberichten in unserer Gruppe haben sicher auch viele andere profitiert.

Von den Erfahrungsberichten in unserer Gruppe profitieren alle Teilnehmer.
Angelika Sonnenberg

Ein anderes Problem ist häufig die Aufklärung durch die behandelnden Ärzte. Viele nehmen sich dem Thema Inkontinenz leider nicht an, sodass die Patienten anschließend zu uns in die Gruppe kommen. Die Erkrankung ist ja sehr komplex. Man muss sich mit dem Trink- und Ausscheidungsverhalten auseinandersetzen und die Vorerkrankungen sowie Medikamente berücksichtigen. Da ist es für mich wichtig, die Betroffenen zu ermutigen, auch mal den Urologen zu wechseln. Sicherlich ist es dann auch hilfreich, das Problem in einer Gruppe offen besprechen zu können. Wenn einem dann zehn Leute den Rücken stärken und sagen „Komm! Mach dich nochmal auf den Weg und vertrau dich einem weiteren Arzt an!“ motiviert das ungemein.

Was war Ihr schönstes oder beeindruckendstes Erlebnis in der Kontinenz-Selbsthilfegruppe?

Sehr beeindruckt hat mich die Geschichte einer Dame, die ihr Haus aufgrund einer Stuhlinkontinenz drei Jahre lang nicht verlassen hat. Ihr behandelnder Arzt hatte leider keine Idee, wie man ihr helfen könnte und hat ihr auch keinen Lösungsweg, wie eine Beratung, aufgezeigt. Dann hat der Sohn der Betroffenen mich aufgrund der Selbsthilfegruppe und meiner Beratungstätigkeit gefunden und kontaktiert. Am Ende ließ sich das Problem relativ einfach durch eine Änderung der Ernährung in den Griff bekommen. Das war für die Dame natürlich erstmal eine große Umstellung, ermöglichte es ihr aber, wieder am Leben teilzunehmen. Einen großen Anteil hatte da sicher auch die Rückenstärkung durch die Gruppe.

Wo finde ich Selbsthilfegruppen in meiner Nähe? Sind diese Gruppen kostenlos oder muss ich sie bezahlen?

Am besten lassen sich diese Gruppen im Internet finden, wenn man einfach nach Selbsthilfegruppen zu Inkontinenz in der jeweiligen Stadt sucht. Falls man nicht über das Internet suchen möchte, kann man auch bei den paritätischen Wohlfahrtsverbänden nachfragen. Die haben meist einen Katalog, in dem alle Gruppen aufgelistet sind. Selbsthilfegruppen sind immer kostenlos. Wir sammeln Spenden und gehen dann meist einmal im Jahr ins Museum und trinken zusammen Kaffee.

Machen Sie sich auf den Weg! Es gibt Hilfe, die darf man suchen und die sollte man in Anspruch nehmen.
Angelika Sonnenberg

Haben Sie abschließend noch einen Tipp für unsere pflege.de-Leser?

Machen Sie sich unbedingt auf den Weg und gehen Sie raus! Sei es zu einer Beratungsstelle, zu einer Selbsthilfegruppe oder zu einem Arzt. Sie sollten sich nicht zuhause verstecken und mit Ihrer Inkontinenz alleine bleiben. Denn es wird keiner bei Ihnen klingeln und Sie rausholen. Machen Sie sich auf den Weg! Es gibt Hilfe, die darf man suchen und die sollte man in Anspruch nehmen.

Erstelldatum: 8102.60.72|Zuletzt geändert: 2202.90.82
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Bildquelle
©istock.com/NADOFOTOS
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