Themenwelt Inkontinenzmaterial

Inkontinenz kann für viele Betroffene eine große Herausforderung im Alltag sein und ihr Sozialleben beeinträchtigen. Da das Thema nach wie vor mit Scham verbunden ist, leben inkontinente Personen ständig mit der Sorge, Außenstehende könnten ihre Inkontinenz bemerken. Das führt in einigen Fällen dazu, dass sie sich aus Scham immer mehr zurückziehen. Dabei gibt es neben modernen Therapieverfahren verschiedene Inkontinenzmaterialien, die Folgeerkrankungen vermeiden und die Lebensqualität der Betroffenen verbessern können.

pflege.de stellt unterschiedliche Inkontinenzartikel vor und erklärt, welches Hilfsmittel bei Inkontinenz im individuellen Fall das richtige sein kann.

Inkontinenzmaterial: Artikel & Produkte zur Inkontinenzversorgung

Inhaltsverzeichnis

Wichtiger Hinweis Inkontinenzprodukte zur Ergänzung

Bedenken Sie bitte, dass Inkontinenzhilfsmittel eine Behandlung nur ergänzen und niemals ersetzen sollten.

Das richtige Inkontinenzprodukt für jeden Zweck

Neben der ärztlichen Behandlung und physiotherapeutischen Maßnahmen, kann Inkontinenzmaterial (umgangssprachlich auch “Inkomaterial“ genannt) Betroffenen dabei helfen, ihr Leben trotz Inkontinenz unbeschwert zu genießen. Für jede Form und jede Ursache von Inkontinenz gibt es verschiedene Inkontinenzprodukte. Auch Artikel speziell für Männer oder Frauen stehen Patienten zur Verfügung. Alle Inkontinenzhilfsmittel verfolgen dabei das gleiche Ziel: Betroffenen eine möglichst unbeschwerte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

Bei der Auswahl ist es sinnvoll, dass der Betroffene seinen Inkontinenzartikel nicht nur nach der Leistungsfähigkeit auswählt. Das Produkt sollte in erster Linie seinen individuellen Bedürfnissen entsprechen. Patienten sollten demnach Inkontinenzhilfen suchen, die am besten zu seinen Aktivitäten im Alltag passen.

Bei der Suche nach Inkontinenzmaterialien spielen folgende Faktoren eine Rolle:

  • Wie viel Sicherheit wünscht sich der Betroffene?
  • Welche Art der Inkontinenz liegt vor: Harninkontinenz und/oder Stuhlinkontinenz?
  • Wie viel Harn wird unkontrolliert ausgeschieden?
  • Wann tritt die Inkontinenz auf (zum Beispiel nur nachts)?
  • Ist der Betroffene noch mobil und beweglich?
  • Kann der Betroffene aufgrund seiner geistigen und körperlichen Verfassung die Inkontinenzversorgung selbst vornehmen?
  • Wie empfindlich sind die umliegenden Hautpartien (Hautreizungen, Wunden, Druckstellen)?

Inkontinenzartikel im Überblick

Für jeden Schweregrad, für unterschiedliche Bedürfnisse und für Tag und Nacht, stehen Inkontinenz-Patienten verschiedene Inkontinenzprodukte zur Verfügung. In manchen Fällen kann aufsaugendes oder funktionell-anatomisches Inkontinenzmaterial genügend Sicherheit bieten. Zu den funktionell-anatomischen Hilfsmitteln gehören Produkte, die sich der Anatomie, also der Körperform des Patienten anpassen und das natürliche Haltevermögen des Harn- und Geschlechtstrakts verbessern.

Für bewegungseingeschränkte Personen, die konventionelle Toiletten nicht mehr nutzen können, eignen sich Toilettenhilfen wie beispielsweise Toilettensitze oder Urinflaschen. Haben Betroffene keine Kontrolle mehr über ihre Harnfunktion, können ableitende Hilfsmittel wie Katheterverfahren in Frage kommen.

Grundsätzlich sollten alle Inkontinenzhilfen den Patienten genügend Sicherheit, Diskretion und Unterstützung bieten. Denn dann können Betroffene ihren Alltag mit Inkontinenz weiterhin möglichst selbstbestimmt meistern und müssen nicht auf gesellschaftliche Ereignisse verzichten.

Die folgende Übersicht zeigt die verschiedenen Inkontinenzhilfsmittel, ihre Funktion und Anforderungen, welche das jeweilige Produkt bestenfalls erfüllen sollte:

Hilfsmittel Funktion Anforderungen
Aufsaugende Inkontinenzhilfsmittel saugen die Flüssigkeit auf und binden den Geruch in ihrem Gewebe
  • genügend Saugfähigkeit
  • gute Hautverträglichkeit
  • optimaler Sitz
Funktionell-anatomische Hilfsmittel unterstützen die natürliche Haltefunktion
  • einfache Handhabung
  • guter Sitz
  • gute Hautverträglichkeit
Toilettenhilfen helfen eingeschränkt beweglichen Menschen
  • einfache Montage
  • einfache Handhabung
Ableitende Hilfsmittel leiten die Flüssigkeit aus den Harnwegen in einen Behälter
  • geringe Infektionsgefahr
Wichtiger Hinweis Monatsbinden sind keine Alternative zu Inkontinenzartikeln

Manche Frauen versuchen, ihr Inkontinenzproblem mithilfe von Monatsbinden in den Griff zu bekommen. Obwohl Artikel zur Menstruationshygiene grundsätzlich ähnlich aufgebaut sind wie Inkontinenzprodukte, sollten Sie von dieser Lösung Abstand nehmen. Denn Monatsbinden sind für die Aufnahme von wenigen Millilitern Blut optimiert. Für Urin ist ihre Saugleistung daher zu gering. Damit sind sie keine verlässliche Hilfe bei Inkontinenz.

1. Aufsaugende Inkontinenzhilfsmittel

Ein Großteil der Inkontinenz-Patienten entscheidet sich für aufsaugende Hilfsmittel. Dazu gehören:

Diese Pflegehilfsmittel bei Inkontinenz werden wie folgt unterteilt:

  1. Einteilige Systeme: zum Beispiel Inkontinenzunterhosen oder Windeln zum Kleben
  2. Zweiteilige Systeme: beispielsweise bestehend aus Vorlage und Netzhose

Außerdem können Betroffene in der Regel zwischen Einweg- oder Mehrwegprodukten wählen. All diese Hilfsmittel für Inkontinenz saugen dank moderner Materialien nicht nur Feuchtigkeit auf, sondern verhindern auch unangenehme Gerüche und Hautreizungen. Für die Nacht können neben Windeln, Einlagen und Vorlagen auch Inkontinenzauflagen für die Matratze eine hilfreiche Ergänzung sein.

Aufsaugende Inkontinenzmaterialien: Aufbau

Alle aufsaugenden Inkontinenzhilfsmittel sind ähnlich aufgebaut:

Auf der körperabgewandten Seite besitzen sie eine Außenfolie, zum Beispiel aus Polyethylen, die Wäsche und Kleidung vor Verschmutzung schützt. Auf der körperzugewandten Seite sorgt ein weiches Oberflächenvlies für ein angenehmes Hautgefühl und leitet die Flüssigkeit rasch an den Saugkern weiter. Dieser besteht aus einem Gemisch aus Zellstoff und einem speziellen Flüssigkeitsbinder, dem Superabsorber. Ihm ist es zu verdanken, dass Windeln seit Anfang der 80iger Jahre um mehr als die Hälfte dünner und leichter wurden. Denn der Superabsorber, der den Urin in Gel verwandelt, kann ein Vielfaches seines eigenen Volumens an Flüssigkeit binden und gibt sie auch bei Druck nicht wieder ab. Eltern werden das Wirkprinzip von Babywindeln kennen. Bei Inkontinenzhosen verhindern zusätzlich elastische und nässeabweisende Innenbündchen am Beinabschluss das Auslaufen.

Info

Der Superabsorber

Der Superabsorber (kurz: SAP) hat aber noch eine weitere Aufgabe: Er stoppt die Zersetzung des Harnstoffs durch Bakterien. Dadurch unterdrückt er nicht nur die Geruchsbildung, sondern schont auch den Säureschutzmantel der Haut. Hautirritationen oder -erkrankungen lassen sich auf diese Weise vermeiden. Dies macht die Anwendung aufsaugender Hilfsmittel für die Betroffenen deutlich angenehmer, weniger belastend und ermöglicht ihnen, weiterhin am sozialen Leben teilzuhaben.

Aufsaugende Hilfsmittel: Das passende Produkt finden

Um eine Inkontinenz optimal zu versorgen, reichen in einigen Fällen schon dünne Einlagen aus. In anderen Fällen empfehlen sich hingegen saugstärkere Produkte, je nach Schweregrad der Inkontinenz. Dann können zum Beispiel Inkontinenzvorlagen mit einer speziellen Fixierhose zum Einsatz kommen. Für die Nacht sowie für bettlägerige oder besonders unruhige Patienten, etwa bei einer Demenz, helfen möglicherweise Windeln und Inkontinenz-Pants. Solche größeren, umschließenden Systeme eignen sich zudem bei schwereren Formen einer Stuhlinkontinenz. Speziell an den Männerkörper angepasst sind beispielsweise verschiedene Penistaschen oder V-förmige Einlagen.

Tipp
Versorgen Sie Ihre Inkontinenz mit verschiedenen Produkten

Ein Produkt allein wird nur selten allen Ansprüchen des Alltags gleichermaßen gerecht werden. Legen Sie sich daher besser ein Sortiment aus verschiedenen Inkontinenzartikeln zu. So stehen eventuell tagsüber Faktoren wie Geruchssicherheit und Tragekomfort im Vordergrund, während nachts Einlagen mit größerer Saugkraft nötig sind.

Zudem können Hygiene-Hilfsmittel wie Pflegehilfsmittel zum Verbrauch Sie und Ihren pflegenden Angehörigen unterstützen. Zwar zählen solche Hygiene- und Qualitätshilfsmittel nicht zu den unmittelbaren Inkontinenzhilfen, jedoch können sie dabei helfen, die Folgen von unkontrolliertem Harnverlust zu behandeln. So schützen sie beispielsweise die Haut und vermeiden Infektionen.

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2. Funktionell-anatomische Hilfsmittel bei Inkontinenz

Einige Betroffene spüren ihren Harndrang zwar noch selbst, können den Urin aber nicht mehr zuverlässig einhalten. Als möglicher Grund hierfür kommt zum Beispiel eine schwache Beckenbodenmuskulatur, bei Frauen auch eine durch Schwangerschaft abgesenkte Gebärmutter in Frage.

Bestimmte Krankheiten oder Operationen im Unterleib können ebenfalls dazu führen, dass Blasenschließmuskel oder Harnröhre nicht mehr optimal funktionieren. Für diese Fälle stehen verschiedene funktionell-anatomische Hilfsmittel zur Verfügung, welche die normale Blasenfunktion unterstützen.

Inkontinenzprodukte für Frauen

Für Frauen, die beispielsweise unter einer Stressinkontinenz leiden, werden neben Inkontinenztampons aus speziellem Kunststoffschaum auch Ringpessare aus Silikon angeboten, welche unter dem Blasenhals liegen. Diese können in der Regel maximal 29 Tage getragen, anschließend gereinigt und erneut verwendet werden. Eine weitere Möglichkeit bieten Harnröhren-Plugs („Harnröhrenstöpsel“). Bei diesem Einwegartikel wird ein individuell angepasster Schlauch aus Silikon mit einer Einführhilfe in die Harnröhre eingebracht. An seinem Ende befindet sich ein Ballon, der sich über die Einführhilfe entfalten lässt, um die Entleerung der Blase zu verhindern.

Inkontinenzprodukte für Männer

Inkontinenzprodukte können auch auf die männliche Anatomie abgestimmt sein. Je nach Bedarf und Schweregrad kann verschiedenes Inkontinenzmaterial für Männer zum Einsatz kommen.

Für Männer mit milder bis moderater Inkontinenz

Das Inkontinenzprodukt Penisklemme ist speziell für Männer mit leichter bis moderater Inkontinenz entwickelt worden. Dabei wird ungewollter Harnverlust verhindert, ohne jedoch die Durchblutung im Penis zu beeinträchtigen. Die Penisklemme besteht aus einem flexiblen Kunststoffring, der ein elastisches Klettband in Position hält und auf die Harnröhre drückt.

Für Männer mit leichter bis mittelschwerer Inkontinenz

Leidet ein Mann unter leichter bis mittelschwerer Inkontinenz hilft möglicherweise das Hilfsmittel Penisbändchen gegen ungewollten Harnverlust. Es besteht aus einem schmalen Klettband, welches durch einen kleinen Ballon leichten Druck auf die Harnröhre ausübt und diese dadurch verschließt. Zum Wasserlassen wird der Ballon vorsichtig entleert, um den Druck wieder abzubauen.

3. Toilettenhilfen bei Inkontinenz

Nicht alle Patienten mit Inkontinenz sind noch so mobil, dass sie eigenständig eine gewöhnliche Toilette aufsuchen können. In diesem Fall kann eine Toilettenhilfe von Vorteil sein, für die Betroffene meist die Unterstützung ihrer Angehörigen brauchen.

Je nachdem, ob die Betroffenen noch in der Lage sind, das Bett zu verlassen und ihren Harndrang zu spüren oder zu kontrollieren, können folgende Hilfsmittel zum Einsatz kommen:

  • Toilettenstühle
  • Urinflaschen
  • Steckbecken
  • Toilettensitzerhöhung

4. Ableitende Hilfsmittel bei Inkontinenz

Wenn Betroffene die Kontrolle über ihren Harndrang vollständig verloren haben, können Toilettenhilfen oder funktionell-anatomische Hilfsmittel keine ausreichende Entlastung mehr bieten. Kommen auch aufsaugende Hilfsmittel im individuellen Fall nicht in Frage, sind harnableitende Hilfsmittel eine mögliche Alternative zur Inkontinenzversorgung. Dazu zählen nicht nur invasive Systeme, die in den Körper eingeführt werden müssen, sondern auch nicht-invasive Hilfsmittel, die von außen am Körper getragen werden.

Unter den ableitenden Hilfsmitteln sind Katheter beliebt, denn sie stellen sicher, dass die Blase vollständig entleert wird. Eine leere Blase gibt dem Betroffenem genügend Sicherheit, das Haus zu verlassen, weil sie nicht Gefahr laufen, dass unterwegs etwas schiefgeht.

Katheter

Katheter gibt es sowohl als Einmal- wie auch als Dauerkatheter, der längerfristig in der Harnröhre und -blase verbleibt oder durch die Bauchdecke den Harn ableitet. Letzterer kann bei pflegebedürftigen und bettlägerigen Personen mit Inkontinenz zum Einsatz kommen, deren Blasenentleerung dauerhaft von außen gesteuert werden soll. Im Falle einer Katheterversorgung, ist ein hygienischer Umgang mit dem Katheter besonders wichtig. Eine spezielle Katheterpflege sollte unbedingt durchgeführt werden.

Wegen der Infektionsgefahr eignen sich Dauerkatheter allerdings auch nur für den zeitlich begrenzten Einsatz und sind bei Inkontinenz nur dann sinnvoll, wenn andere Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

Nicht-invasives Hilfsmittel: Das Urinalkondom

Das Urinalkondom stellt eine nicht-invasive Option für Männer mit Inkontinenz ohne Kontrolle über ihren Harndrang dar. Hierbei wird ein kondomartiger Überzieher über den Penis gestreift und mit einem hautfreundlichen Kleber fixiert. Das Urinalkondom ist am Ende mit einem Schlauch versehen, welcher den ablaufenden Urin in einen Beutel leitet. Moderne Produkte können bis zu 48 Stunden getragen werden, ohne Hautirritationen zu verursachen.

Urinbeutel

Der Urinbeutel dient als Auffangbehältnis, wenn bei der Anwendung eines Katheters oder eines Urinalkondoms der Urin nicht in die Toilette abgeleitet wird. Der Urinbeutel wird meist mit einer Manschette um den Oberschenkel oder an der Hüfte unter der Kleidung getragen. Es gibt aber auch Bettbeutel mit Tropfkammer für bettlägerige Patienten. Je nach Produkt sind unterschiedliche maximale Tragezeiten zu beachten (24 Stunden bis 14 Tage).

Tipp
Testen Sie die verschiedenen Inkontinenzhilfsmittel

Sie sind unsicher, welches Inkontinenzprodukt das richtige für Sie oder Ihr pflegebedürftiges Familienmitglied ist? Viele Hersteller bieten Patienten kostenlose Testpakete an. Nutzen Sie solche Angebote und probieren Sie verschiedene Pflegehilfsmittel aus. So können Sie besser Ihren individuellen Bedarf ermitteln und das passende Produkt dafür finden. 

Inkontinenzmaterial auf Rezept: Kostenübernahme

Gemäß § 33 des Fünften Sozialgesetzbuches (SGB V) können gesetzlich Krankenversicherte mit Inkontinenz einen Zuschuss ihrer Krankenkasse für Inkontinenz-Artikel erhalten, sofern die Produkte im Hilfsmittelverzeichnis & Hilfsmittelkatalog gelistet sind. (1) Inkontinenzhilfsmittel sind darin als Produktgruppe 15 aufgeführt.

Wichtiger Hinweis Kostenträger der Inkontinenzversorgung

Für die Kostenübernahme von Inkontinenzmaterialien ist nicht die Pflegekasse, sondern die Krankenkasse zuständig.

Voraussetzungen für die Kostenübernahme durch die Krankenkasse

Um den Zuschuss zu erhalten, benötigen Versicherte eine ärztliche Verordnung für Inkontinenzmaterial. Müssen Betroffene auf längere Sicht mit Inkontinenzhilfsmitteln versorgt werden, ist es sinnvoll, sich eine Dauerverordnung für Inkontinenzmaterial ausstellen zu lassen.

Grundsätzlich muss das Attest folgende Informationen enthalten:

  • Diagnose einer mindestens mittleren Harn- und/oder Stuhlinkontinenz
  • monatlicher Bedarf an Inkontinenzprodukten
  • Bezeichnung der Inkontinenzmaterialien
  • voraussichtlicher Behandlungszeitraum
  • medizinische Notwendigkeit der Verwendung von Inkontinenzhilfen
  • Grund, warum das Hilfsmittel erforderlich ist (Beispiel: Vermeidung von Folgeerkrankungen)

Rezept für Inkontinenzmaterial: Muster

Die folgende Abbildung zeigt beispielhaft ein Rezept, welches für einen aufsaugenden Inkontinenzartikel ausgestellt wurde:

Inkontinenzartikel auf Rezept – So funktioniert‘s

Damit die Krankenkasse die Kosten für Inkontinenzmaterial übernimmt, sind folgende Schritte erforderlich:

  1. Rezept erstellen lassen: Versicherte sollten zunächst mit ihrem Arzt offen über ihre Beschwerden sprechen. Daraufhin wird er ihnen ein Rezept für Inkontinenzmaterial ausstellen. Auf dem Rezept müssen, wie oben beschrieben, Art und Schweregrad der Inkontinenz, der voraussichtliche Behandlungszeitraum, der monatliche Bedarf sowie die Bezeichnung des Inkontinenzmaterials vermerkt sein. Außerdem müssen die medizinische Notwendigkeit und der Grund für die Hilfsmittel-Versorgung ersichtlich werden.
  2. Rezept einreichen: Versicherte reichen das Rezept in der Apotheke oder einem Sanitätshaus ein. Viele Krankenkassen haben feste Vertragspartner, mit denen sie zusammenarbeiten. Daher ist es wichtig, dass Betroffene vorab bei ihrer Krankenkasse fragen, bei welchen Leistungserbringern das Rezept eingelöst werden sollte. Andernfalls kann die Kasse den Zuschuss verweigern.
  3. Inkontinenzartikel erhalten: Versicherte erhalten das Inkontinenzprodukt entweder direkt in der Apotheke, im Sanitätshaus oder bekommen die Ware nach Hause geliefert. Dabei leistet der Versicherte seine gesetzliche Zuzahlung direkt an den Versorger. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten der Regelversorgung mit Inkontinenzmaterial.
Expertentipp
Franziska  Baur
Franziska Baur
Examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin

Inkontinenz ist leider immer noch ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Wenn sich Betroffene einem Arzt anvertrauen, können sie sich ein Rezept für Inkontinenzmaterial ausstellen lassen. Die Materialkosten übernimmt die Krankenkasse, wodurch Betroffene finanziell entlastet werden. Gegebenenfalls fällt dann lediglich die gesetzliche Zuzahlung an. Wenn ein komfortableres Produkt gewünscht wird, muss der Patient aufzahlen. Es wissen relativ wenige Betroffene von der Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenversicherung, weil sie auch nicht mit ihren Familien oder einem Arzt über ihre Inkontinenz sprechen.

Kostenübernahme der Krankenkasse: Zuzahlung

Inkontinenzmaterialien zählen zu den sogenannten Verbrauchshilfsmitteln. Daher erhalten Versicherte medizinisch erforderliche Inkontinenzhilfen grundsätzlich von der Krankenkasse erstattet. Versicherte ab 18 Jahren müssen jedoch eine gesetzlich vorgeschriebene Zuzahlung leisten. Das bedeutet: Versicherte müssen zehn Prozent der Kosten für Inkontinenzartikel selbst tragen, jedoch maximal zehn Euro pro Monat.(2)

Info

Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz sichert Beratungsanspruch für Versicherte

Gemäß Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz (HHVG) haben Versicherte neben der Kostenerstattung durch die Krankenkasse die Möglichkeit,

  • dass Inkontinenzhilfen auf den jeweiligen Schweregrad der Inkontinenz angepasst werden.
  • mindestens so lange eine telefonische Beratung und die kostenlose Erprobung unterschiedlicher Einzelprodukte zu erhalten, bis die Inkontinenzartikel gefunden sind, die perfekt zur individuellen Situation des Versicherten passen.
  • persönliche Einweisung und Beratung zum Inkontinenzmaterial zu erhalten, auf Wunsch auch im Rahmen eines Hausbesuchs in der Häuslichkeit des Versicherten. (4)

Zuzahlungsbefreiung

Grundsätzlich müssen alle Versicherten ab 18 Jahren die gesetzliche Zuzahlung leisten. Kinder und Jugendliche sind von der Zuzahlung befreit. Für Erwachsene gibt es die Möglichkeit, im laufenden Jahr von der Zuzahlung befreit zu werden, sofern sie ihre persönliche Belastungsgrenze überschritten haben. Diese Belastungsgrenze liegt bei zwei Prozent des jährlichen Bruttoeinkommens abzüglich der Freibeträge für Kinder und Ehe- oder Lebenspartner. Für Patienten mit einer schwerwiegenden chronischen Erkrankung liegt die Belastungsgrenze bei einem Prozent.(3)

Eine Befreiung von gesetzlichen Zuzahlungen muss schriftlich bei der Krankenkasse beantragt werden. In der Regel sind dazu Belege der bisher geleisteten Zuzahlungen, Kopien der Einkommensnachweise sowie eine Bescheinigung des Arztes über eine chronische Erkrankung erforderlich. Details erhalten Sie auf Nachfrage bei Ihrer Krankenkasse.

Wichtiger Hinweis Mehrkosten bei höherwertigen Produkten

Bei einer Bestellung über das notwendige Maß hinaus (ob aufgrund einer größeren Menge oder besseren Qualität als verordnet) tragen Versicherte die entsprechenden Mehrkosten selbst. Diese Aufzahlung durch den Versicherten ist nicht zu verwechseln mit der gesetzlichen Zuzahlung. Dementsprechend entbindet die Befreiung den Versicherten nicht von den Mehrkosten, wenn er sich für eine höherwertige Versorgung entscheidet. 

Häufig gestellte Fragen

Was ist Inkontinenzmaterial?

Zum Inkontinenzmaterial zählen Produkte, die inkontinenten Personen dabei helfen sollen, ihre Lebensqualität auf einfache Art zu steigern und Folgeerkrankungen zu vermeiden. Von gelegentlicher Blasenschwäche bis hin zu schwerster Inkontinenz – je nach Schweregrad und individuellen Bedürfnissen gibt es ein vielfältiges Sortiment auf dem Markt, auf das Inkontinenz-Patienten zurückgreifen können. Meist werden Inkontinenzmaterialien als Ergänzung zur ärztlichen Behandlung eingesetzt. Umgangssprachlich wird Inkontinenzmaterial auch „Inkomaterial“ genannt.

Welche Inkontinenzmaterialien gibt es?

Je nach Schweregrad der Erkrankung und individuellem Bedarf der Betroffenen, stehen unterschiedliche Inkontinenzartikel zur Verfügung. Grundsätzlich werden folgende Produkte unterschieden:

  • Aufsaugende Hilfsmittel saugen die Flüssigkeit auf und binden ihn in ihrem Gewebe.
  • Funktionell-anatomische Hilfsmittel unterstützen die natürliche Haltefunktion.
  • Toilettenhilfen eignen sich für eingeschränkt bewegliche Menschen.
  • Ableitende Hilfsmittel leiten die Flüssigkeit aus den Harnwegen in einen Behälter.

Wo bekomme ich Inkontinenzmaterial?

Das kommt auf das Material und Ihren Bedarf an. Haben Sie eine leichte Blasenschwäche, reichen möglicherweise Inkontinenzeinlagen, beispielsweise aus Drogeriemärkten, aus. In anderen Fällen erhalten Sie die Produkte in Apotheken oder Sanitätshäusern. Zudem stellen auch viele Online-Händler ein Sortiment an verschiedenen Inkontinenzartikeln zur Verfügung.

Haben Sie ein ärztliches Attest, erstattet Ihnen die Krankenkasse in der Regel die Kosten. Dazu müssen Sie das Inkontinenzmaterial allerdings von einem Vertragspartner Ihrer Krankenkasse beziehen. Sprechen Sie daher vorab mit Ihrer Krankenkasse, mit welchen Anbietern sie zusammenarbeitet. Daraufhin können Sie zwischen den möglichen Leistungserbringern wählen, das Rezept einreichen und Ihre gewünschten Produkte erhalten.

Wer bezahlt Inkontinenzmaterial?

Vorausgesetzt der Versicherte hat eine ärztliche Verordnung für die Versorgung mit Inkontinenzmaterial, trägt die zuständige Krankenkasse die Kosten für medizinisch notwendige Produkte. Das SGB V garantiert dem Versicherten also eine kostenlose Grundversorgung. Sofern der Versicherte eine ärztliche Verordnung hat und über 18 Jahre alt ist, muss er die gesetzliche Zuzahlung in Höhe von zehn Prozent, maximal jedoch zehn Euro im Monat übernehmen. Hinzu können die Mehrkosten kommen, falls der Versicherte sich für ein Produkt entscheidet, das über den medizinisch notwendigen Bedarf hinausgeht. Diese Mehrkosten werden als wirtschaftliche Aufzahlung bezeichnet.

Wird Inkontinenzmaterial von der Krankenkasse bezahlt?

Nach dem SGB V haben gesetzlich Krankenversicherte einen Anspruch auf die Versorgung mit Inkontinenzhilfen. Voraussetzung ist, dass die ausgewählten Produkte im Hilfsmittelverzeichnis / Hilfsmittelkatalog gelistet sind und der Arzt dem Betroffenen ein Attest ausgestellt hat. Für eine Kostenübernahme der Regelversorgung muss die ärztliche Verordnung folgende Informationen enthalten:

  • Diagnose einer mindestens mittleren Harn- und/oder Stuhlinkontinenz
  • monatlicher Bedarf an Inkontinenzmaterial
  • Bezeichnung der Inkontinenzartikel
  • voraussichtlicher Behandlungszeitraum
  • medizinische Notwendigkeit der Verwendung von Inkontinenzhilfen
  • Grund, warum das Hilfsmittel erforderlich ist (Beispiel: Vermeidung von Folgeerkrankungen)

Falls Versicherte eine ärztliche Verordnung für Inkontinenzprodukte erhalten haben, sollten sie vorab unbedingt bei ihrer Krankenkasse nachfragen, ob es Vertragspartner gibt, bei denen das Rezept eingelöst werden muss. Andernfalls kann die Kasse den Zuschuss verweigern.

Wann zahlt die Krankenkasse Inkontinenzmaterial?

Inkontinenz-Patienten haben nach dem SGB V einen Anspruch auf die Versorgung mit Inkontinenzhilfen, sofern Betroffene eine ärztliche Verordnung vorweisen können. Die ärztliche Verordnung muss folgende Informationen enthalten:

  • Diagnose einer mindestens mittleren Harn- und/oder Stuhlinkontinenz
  • monatlicher Bedarf an Inkontinenzmaterial
  • Bezeichnung der Inkontinenzartikel
  • voraussichtlicher Behandlungszeitraum
  • medizinische Notwendigkeit der Verwendung von Inkontinenzhilfen
  • Grund, warum das Hilfsmittel erforderlich ist (Beispiel: Vermeidung von Folgeerkrankungen)

Was zahlt die Krankenkasse an Inkontinenzmaterial?

Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen Versicherten die tatsächlich medizinisch notwendigen Produkte, die zuvor vom Arzt verordnet wurden. Dabei handelt es sich um Inkontinenzartikel, die zur Grundversorgung dienen. Den Aufpreis beziehungsweise die Mehrkosten für höherwertige Produkte, die über die medizinische Notwendigkeit hinausgehen und sich durch beispielsweise angenehmeres Material kennzeichnen, muss der Versicherte selbst tragen. Hinzu kommt für Versicherte ab 18 Jahren die gesetzliche Zuzahlung in Höhe von zehn Prozent, maximal zehn Euro im Monat.

Wer bezahlt Inkontinenzmaterial im Pflegeheim?

Grundsätzlich stellt das Pflegeheim in der Regel gleich für mehrere Heimbewohner einsetzbare Hilfsmittel. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten für medizinisch notwendige Hilfen, die im individuellen Einzelfall nötig sind.

Beispiel: Kosten für Inkontinenzhilfen übernimmt üblicherweise die Krankenkasse. Ist das Inkontinenzmaterial allerdings medizinisch nicht notwendig, sondern wird zur Erleichterung der Pflege eingesetzt, muss das Pflegeheim die Kosten tragen. Das gilt auch für Toilettenhilfen. Sie ermöglichen die Grundpflege (Ausscheidung, Körperpflege und Hygiene) und gehören somit zur Ausstattung eines Pflegeheims.

Dennoch ist das in der Praxis nicht immer eindeutig, denn die Leistungspflicht für Hilfsmittel bei Heimbewohnern kann nicht allgemeinverbindlich und für jede Hilfsmittelart pauschal bestimmt werden. Manche stationäre Einrichtungen sind auf die Pflege bestimmter Personengruppen spezialisiert, wie etwa Pflegeheime für Demenzkranke oder für beatmungspflichtige Wachkomapatienten. Es wird also immer individuell geprüft, ob das Pflegeheim oder die Krankenkasse die Kosten für (Inkontinenz) Hilfsmittel übernimmt. Viele Pflegeeinrichtungen vereinbaren daher die sogenannte Inkontinenzpauschale mit den Krankenkassen. Damit muss nicht für jeden einzelnen Bewohner das Inkontinenzmaterial beantragt werden.

Wieviel Inkontinenzmaterial steht mir zu?

Das ist individuell. Ihre Krankenkasse garantiert Ihre medizinisch notwendige Versorgung mit Inkontinenzprodukten. Dazu bedarf es einem Rezept, auf dem der Arzt vermerkt, wie viel Inkontinenzmaterial pro Monat benötigt wird. Die Kosten für diese sogenannte Grundversorgung übernimmt die Krankenkasse.

Wieviel Inkontinenzmaterial benötigt man pro Tag?

Wie viel Inkontinenzmaterial Sie pro Tag benötigen, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Dazu gehören beispielsweise Form und Schweregrad Ihrer Inkontinenz, aber auch die Hilfsmittelart ist entscheidend. Sprechen Sie am besten mit Ihrem Arzt über Ihre Beschwerden, sodass er Ihnen eine Verordnung mit Ihrem individuellen Bedarf an Inkontinenzmaterialien ausstellen kann.

Wie oft muss Inkontinenzmaterial gewechselt werden?

Wie oft Betroffene ihr Inkontinenzmaterial (umgangssprachlich: Inkomaterial) wechseln müssen, ist von dem Artikel, ihrem Bedarf und dem Schweregrad der Inkontinenz abhängig. Um Hautreizungen zu vermeiden, wird bei einem aufsaugenden Inkontinenzprodukt empfohlen, es mindestens alle drei bis vier Stunden am Tag zu wechseln. Im Falle einer Stuhlinkontinenz sollten Betroffene das Produkt unmittelbar nach dem Stuhlgang wechseln.

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Erstelldatum: 6102.70.82|Zuletzt geändert: 1202.11.81
(1)
Sozialgesetzbuch (SGB) Fünftes Buch (V) § 33 Hilfsmittel
www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/__33.html (letzter Abruf: 14.05.2021)
(2)
Sozialgesetzbuch (SGB) Fünftes Buch (V) § 61 Zuzahlungen
www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/__61.html (letzter Abruf: 14.05.2021)
(3)
Sozialgesetzbuch (SGB) Fünftes Buch (V) § 62 Belastungsgrenze
https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/__62.html (letzter Abruf: 14.05.2021)
(4)
Bundesgesetzblatt: Gesetz zur Stärkung der Heil- und Hilfsmittelversorgung 2017
www.bgbl.de/xaver/bgbl/start.xav?startbk=Bundesanzeiger_BGBl&jumpTo=bgbl117s0778.pdf#__bgbl__%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27bgbl117s0778.pdf%27%5D__1622533399520 (letzter Abruf: 14.05.2021)
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Franziska Baur
Im Interview
Franziska Baur
Examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin

Als Fachberaterin für Kontinenz berät und betreut sie seit mehreren Jahren die Kunden der PAUL HARTMANN AG zum Thema Inkontinenz und hilft Betroffenen, das optimale Produkt für ihre Inkontinenzversorgung zu finden.

Für viele Menschen ist das Sprechen über Inkontinenz ein Tabuthema. Leider führt das dazu, dass Betroffene nicht wissen, wie sie mit der Krankheit umgehen sollen und viele Tricks zum Umgang mit Inkontinenz nicht kennen. Im Gespräch mit pflege.de verrät Kontinenzberaterin Franziska Baur, wie Betroffene ihre Situation verbessern können.

Frau Baur, Inkontinenz kann sich in unterschiedlichen Arten äußern. Wann genau spricht man eigentlich von einer Harninkontinenz?

Harninkontinenz ist der medizinische Ausdruck für eine Blasenschwäche. Eine Blasenschwäche besteht, wenn Urin unwillkürlich austritt – unabhängig von der Menge. Der Schweregrad der Erkrankung kann von ein paar Tropfen bis hin zu permanentem Harnverlust reichen.

Viele Menschen im höheren Alter haben Probleme damit, den Stuhl zu halten. Wie äußert sich das?

Genau. Die zweite Inkontinenzform ist die Stuhlinkontinenz. Betroffene können bei dieser Form Stuhl und Gase nicht voneinander unterscheiden, diese nur schwer zurückhalten und kontrolliert ausscheiden.

Viele inkontinente Menschen versuchen, ihre Inkontinenz zu verheimlichen, weil sie sich schämen. Wieso sollten sich Betroffene einem Arzt anvertrauen?

Zum einen ist das ganz klar ein gesundheitlicher Aspekt: Durch das Gespräch und ggf. eine Untersuchung kann der Arzt die Ursachen ausfindig machen und ggf. behandeln. So kann Inkontinenz als Symptom gelindert werden oder sogar ganz verschwinden. Beispielsweise dann, wenn sich bei Männern mit zunehmendem Alter die Prostata vergrößert, was eine sog. Dranginkontinenz hervorruft.

Und bei Stressinkontinenz kann fachgerecht angeleitetes Beckenbodentraining helfen, wieder kontinenter zu werden.

Und damit wird sicher auch die Lebensqualität von Betroffenen verbessert, nicht wahr?

Richtig. Eine erfolgreiche Therapie steigert maßgeblich die Lebensqualität. Wir haben 2019 eine „Breaking the Silence“-Studie zu Inkontinenz durchgeführt und herausgefunden, dass Betroffene viele Situationen meiden – wie Schwimmen, Sport, Reisen oder Ausgehen. Damit es gar nicht erst soweit kommt, sollten sich Betroffene frühzeitig einem Arzt anvertrauen.

Der Besuch beim Arzt lohnt sich: Neben dem gesundheitlichen Faktor, der mit der Lebensqualität einhergeht, gibt es außerdem eine finanzielle Entlastung.
Franziska Baur

Denn Betroffene, die an Inkontinenz leiden, können sich vom Arzt Inkontinenzmaterial auf Rezept verordnen lassen und so, je nach Versorgung, Geld sparen.

Insbesondere zu Beginn versorgen sich viele Betroffene mit Inkontinenzmaterial aus dem Drogeriemarkt. Warum raten Sie von dieser Selbstinitiative ab?

Im Drogeriemarkt gibt es keine fachkundige und individuelle Beratung. Besonders zu Beginn haben Betroffene keinen Überblick über die große Bandbreite an Versorgungsmöglichkeiten. Es gibt viele verschiedene Arten, von Vorlagen bis zu Pull-Up-Hosen. Das fehlende Wissen um die Möglichkeiten führt häufig zu einer Unter- oder Überversorgung. Bei der Unterversorgung fühlt man sich unterwegs nicht ausreichend sicher und bei der Überversorgung gibt man tendenziell zu viel Geld aus.

Neben der optimalen Produktauswahl ist die Hautpflege besonders wichtig, um Folgeerkrankungen wie bspw. Hautrötungen und Hautreizungen zu vermeiden. Auch die Beratung zu Hautpflege und Hautgesundheit fehlt im Drogeriemarkt.

Worauf sollten Betroffene bei der Auswahl von Inkontinenzmaterial achten?

Die Produktwahl hängt von ganz vielen Faktoren ab:

  • Für welche Anwendung benötige ich ein Produkt, wie bspw. zuhause, unterwegs, beim Sport, im Büro?
  • Wie häufig möchte ich das Produkt wechseln?
  • Mit welcher Produktart – also bspw. Einlagen, Slips, Pants – komme ich am besten zurecht?

Grundsätzlich ist es ratsam, dass Betroffene verschiedene Produkte ausprobieren. Nur so können sie die Lösung finden, die zu ihren persönlichen Bedürfnissen und Anforderungen passt. Aus diesem Grund bieten viele Hersteller von Inkontinenzmaterial, so wie wir bei MoliCare, Gratisproben an.

Wissen Ihrer Erfahrung nach viele Menschen nicht darüber Bescheid, dass die Krankenkasse die Kosten für eine Inkontinenzversorgung übernimmt?

Ja, viele Betroffene bzw. deren Angehörige wissen es tatsächlich nicht oder scheuen den Aufwand, die Krankenkasse danach zu fragen.

Welche Produkte werden durch die Krankenkasse übernommen? Wonach richtet sich die Verordnung?

Die Krankenkasse übernimmt eine sog. wirtschaftliche, medizinisch notwendige und zweckmäßige Versorgung. Das bedeutet, die Krankenkasse zahlt für den Patienten zweckmäßige, wirtschaftliche und ausreichende Produkte. Die zweckmäßige Versorgung ist u.a. vom Schweregrad und der Inkontinenzart abhängig.

Wird eine höherwertigere Versorgung oder eine Mehrmenge gewünscht, so fällt eine sog. wirtschaftliche Aufzahlung für den Versicherten an.

Wie sieht die Zahlung dann konkret aus?

Gesetzlich Versicherte zahlen die sog. gesetzliche Zuzahlung, die 10 % der Pauschale und max. 10 Euro pro Monat beträgt. Das heißt, dass sie mit einem Rezept pro Monat max. 10 Euro für Inkontinenzversorgung zahlen. Abhängig vom Einkommen ist eine Befreiung von der gesetzlichen Zuzahlung bei der Krankenkasse möglich.

Die wirtschaftliche Aufzahlung sind Mehrkosten, die aus eigener Tasche gezahlt werden müssen. Mehrkosten können nicht an die gesetzliche Krankenkasse weitergegeben oder an einer Befreiung der gesetzlichen Zuzahlung angerechnet werden.

Sie haben die finanzielle Entlastung als Vorteil genannt. Wie viel Geld können Betroffene monatlich sparen, wenn sie sich ein Rezept vom Arzt ausstellen lassen?

Das kommt auf die konkrete Versorgung an. Reicht das medizinisch notwendige Material aus und ist der Versicherte von der Zuzahlung befreit, bezahlt er im günstigsten Fall nichts für die Versorgung.

Angenommen, ein Patient hat den Entschluss gefasst und geht wegen der Inkontinenz zum Arzt. Zu welchem Arzt geht er typischerweise?

Üblicherweise geht ein Betroffener zum Hausarzt. Aber auch der Besuch beim Gynäkologen oder Urologen ist nicht untypisch.

Ob Hausarzt, Gynäkologe oder Urologe – per se kann jeder der genannten Ärzte die Hilfsmittelverordnung ausstellen.
Franziska Baur

Worauf kann sich ein Patient bei diesem Arztbesuch einstellen? Wird er vom Arzt auf Inkontinenz untersucht?

Um eine Inkontinenz erfolgreich behandeln zu können, ist eine genaue Diagnose erforderlich. Dafür sollten Betroffene offen über ihre Beschwerden sprechen und Krankheitssymptome genau beschreiben. Beispielsweise ist es wichtig zu wissen, ob es Vorerkrankungen wie Herzinsuffizienz oder Schilddrüsenerkrankungen gibt, ob Medikamente eingenommen werden und wann der Harnverlust auftritt bzw. wie stark er ist. Wenn der Arzt es als zielführend erachtet, wird er den Patienten je nach Diagnose im Anschluss untersuchen.

Ist es sinnvoll, dass Betroffene ihren Harnverlust dokumentieren?

Ja. Möglicherweise wird der Arzt empfehlen, ein sog. Miktionstagebuch zu führen. Darin notiert der Patient, wann er wie viel getrunken bzw. anderweitig Flüssigkeit (z. B. Suppe) zu sich genommen hat, wann er Harndrang gespürt und wie oft die Toilette besucht hat. Mit dieser Dokumentation kann der Arzt rückschließen, ob eine individuelle Trink- oder Toilettengewohnheit die Inkontinenz hervorruft.

Welche Voraussetzungen muss ein Patient mitbringen, damit er ein Rezept für Inkontinenzmaterial vom Arzt erhält?

Viele denken, Inkontinenz ist eine „Alte-Leute-Krankheit“. Das stimmt nicht. Auch jüngere Menschen können an Inkontinenz leiden und zum Arzt gehen. Es gibt also keine Voraussetzung in Bezug auf das Alter. Ebenso wenig z. B. auf einen Pflegegrad.

Jeder, der unkontrolliert Urin oder Stuhl verliert, kann sich ein Rezept für Inkontinenzmaterial vom Arzt ausstellen lassen.
Franziska Baur

Was steht auf dem Rezept, das der Arzt ausstellt?

Das Rezept enthält die Diagnose „Stuhl- und/oder Urininkontinenz“ und den Vermerk „Inkontinenzversorgung“. Im Idealfall steht allgemein „aufsaugendes Inkontinenzprodukt“ auf dem Rezept. Zusätzlich muss der Zeitraum der Versorgung festgehalten werden. In vielen Fällen ist eine Dauerversorgung sinnvoll. Patienten sollten unbedingt im Kopf behalten, dass Rezepte bei Ausstellung ihre Gültigkeit verlieren, wenn sie älter als 28 Tage sind.

Services
Rezept für Inkontinenzmaterial

Auf dem Rezept wird kein Produkt oder Hersteller genannt. Wer entscheidet darüber, welches Material der Patient erhält?

Das entscheidet der Patient mehr oder weniger selbst. Ich rate jedem gesetzlich Versicherten, sich als erstes an seine Krankenkasse zu wenden. Dort erhält er eine Liste mit sog. Leistungserbringern seiner Krankenkasse. Das können Apotheken, Sanitätshäuser oder Hersteller sein. Er kann sich auch gegen die gelisteten Leistungsträger entscheiden, muss das Material dann aber privat zahlen.

Wir notieren z. B. beim telefonischen Erstgespräch die Daten des Patienten. Anhand dieser Daten verschicken wir dann ein Musterpaket mit Produktproben. Das sind Produkte mit und ohne wirtschaftliche Aufzahlung, damit er den Vergleich hat. Und am Ende entscheidet der Patient, welches Produkt er wünscht.

Nehmen wir an, der Patient hat sich für ein Produkt entschieden. Muss er sich jedes Mal, wenn er neues Material braucht, ein neues Rezept ausstellen lassen?

Ich rate dazu, sich eine Dauerverordnung ausstellen zu lassen. Die tatsächliche Dauer variiert – je nach Krankenkasse – zwischen sechs und 36 Monaten. In diesem Zeitraum kann der Versicherte seine Produkte bedarfsgerecht bestellen.

Wie häufig muss ein Patient oder ein Angehöriger damit rechnen, neues Inkontinenzmaterial zu organisieren?

Das lässt sich kaum pauschalisieren, weil der Bedarf unterschiedlich sein kann. Leidet eine Person mit Stuhlinkontinenz für eine Woche an Durchfall, wird er in dieser Zeit mehr Inkontinenzmaterial benötigen.

Sollten Betroffene Inkontinenzmaterialien auf Vorrat zuhause haben?

Generell ist meine Empfehlung, eine Woche, bevor das Material zu Ende geht, nachzubestellen. Liegt eine Verordnung für einen längeren Zeitraum vor, kann das Material für zwei oder drei Monate abgerufen werden, z. B. auch als automatische Belieferung. Das ist für die Angehörigen eine Entlastung, weil sie sich über die Beschaffung der Inkontinenz-Versorgung keine Gedanken machen müssen. Diese automatische Belieferung erfolgt nach vorheriger Abstimmung mit dem Versicherten bzw. deren Angehörigen.

Welche Tipps haben Sie, worauf Patienten bei der Beschaffung achten sollten?

Tipp 1: Betroffene sollten sich am besten zu Inkontinenzmaterial beraten lassen und im Beratungsgespräch offen über ihre Symptome sprechen. Ich frage z. B. nach der Art der Inkontinenz. Handelt es sich um Urin- und/oder Stuhlinkontinenz? Wie groß sind die Mengen an unkontrolliert verlorenem Urin? Ist die Inkontinenz immer gleich, bspw. während der Einnahme von Medikamenten? Ist der Patient mobil und selbständig oder von einer Pflegeperson abhängig? Ich frage auch danach, welche Erkrankungen vorliegen. Mit diesem Hintergrund kann ich Produktempfehlungen machen, die dann individuell passen.

Tipp 2: Betroffene sollten ihren Bedarf kennen: Für leichte Inkontinenz, z. B. bei einer Stressinkontinenz, reichen kleinere bis mittlere Einlagen völlig aus. Bei Männern sind Einlagen in vielen Fällen ausreichend, bspw. nach einer Prostata-OP.

Tipp 3: Um die Haut zu schonen, sollten Betroffene darauf achten, pH-hautneutrale Produkte zu verwenden. Sie verhindern, dass es zu Folgeerkrankungen wie Hautschädigungen oder Harnwegsinfekte kommt.

Wie unterscheiden sich Inkontinenzmaterialien für Männer von denen für Frauen? Warum gibt es auch unisex-Produkte?

Der größte Teil der Produkte ist für beide Geschlechter konzipiert. Am Ende ist es sozusagen eine Frage des persönlichen Geschmacks. Männerprodukte sind auf die männliche Anatomie abgestimmt und haben eine erhöhte Saugkapazität im vorderen Bereich. Die Einlagen und Vorlagen für Männer haben höher geschnittene Innenbündchen, die Penis und Hoden fixieren und somit unangenehmes Verrutschen vermeiden.

Wenn sich der Bedarf eines Patienten ändert, was muss er dann machen? Geht er dafür erneut zum Arzt, um ein neues Rezept zu erhalten?

Nein, das braucht er nicht zu machen. Die meisten Krankenkassen rechnen über Pauschalen ab. Deshalb wird bei Veränderungen kein neues Rezept benötigt, solange das vorliegende Rezept noch gültig ist. Wenn sich der Bedarf ändert, sollte sich der gesetzlich Versicherte zur Beratung an seinen Leistungserbringer wenden.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Baur.

Erstelldatum: 0202.10.6|Zuletzt geändert: 1202.11.51
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