Beratungseinsatz nach § 37.3

Beratungseinsatz nach § 37.3 SGB XI

Wer zuhause gepflegt wird und Pflegegeld bezieht, erhält in regelmäßigen Abständen ein Beratungsgespräch zur Pflege. In vielen Fällen ist dieser auch verpflichtend. Der Beratungsbesuch ist eine Form der praktischen und pflegefachlichen Unterstützung, bei der die Qualität der Pflege zuhause gestärkt und gewährleistet werden soll. Während des Beratungseinsatzes nach § 37.3 SGB XI können Pflegepersonen hilfreiche Tipps für ihre persönliche Pflegesituation erhalten. pflege.de verrät Ihnen, wie Sie das Beratungsgespräch nach § 37.3 gewinnbringend für sich nutzen können.

Inhaltsverzeichnis

Info

Aktuelle Corona-Sonderregelungen für den Beratungseinsatz nach § 37.3

Für den Beratungseinsatz nach § 37.3 SGB XI gelten im Zuge der Corona-Pandemie zeitlich begrenzte Sonderregelungen. In unserem Corona-FAQ halten wir Sie dazu auf dem neuesten Stand.

Beratungseinsatz bei Pflegegeldbezug: Definition

Pflegebedürftige, die zuhause ohne Hilfe eines Pflegedienstes gepflegt werden und Pflegegeld erhalten, müssen nach § 37 Absatz 3 SGB XI in regelmäßigen Abständen eine Beratung zur Pflege durchführen lassen. Dies wird oft auch als (verpflichtender) „Beratungseinsatz“ oder „Beratungsbesuch“ bezeichnet.

Der Beratungsbesuch findet in der eigenen Häuslichkeit statt und wird meist von einem Mitarbeiter eines ambulanten Pflegedienstes oder eines durch die Pflegekasse beauftragten Unternehmens durchgeführt. Ziel ist es, die Qualität in der häuslichen Pflege zu sichern und die Pflegepersonen zu unterstützen. Der Beratungsbesuch ist ab Pflegegrad 2 verpflichtend.

Beratungseinsatz nach § 37.3: Ablauf & Inhalte der Beratung

In dem Beratungsbesuch wird die Pflege- und Betreuungssituation zum einen ganz allgemein eingeschätzt: Der Pflegeberater soll beurteilen, ob Pflege und Betreuung durch pflegende Angehörige sichergestellt sind. Hält der Berater die Situation für nicht gesichert, muss er dies begründen. Er kann außerdem Maßnahmen empfehlen, die die häusliche Situation verbessern. Dazu gehören z. B. der Bezug von Pflegesachleistungen, Kurzzeitpflege oder Wohnraumanpassungen zum Abbau von Barrieren.

Darüber hinaus werden u. a. folgende Themen besprochen:

Die Ergebnisse des Gesprächs werden in einem Formular festgehalten und vom Berater an die Pflegekasse übermittelt.

Vorteile des Beratungseinsatzes für die Pflege zuhause

Bei dem Beratungseinsatz haben Pflegebedürftige und Pflegepersonen die Möglichkeit, nach Tipps und Hinweisen zur Verbesserung der persönlichen Situation zu fragen. Durch die festgelegten Termine (alle drei bzw. alle sechs Monate) können Maßnahmen gemeinsam mit dem Pflegeberater in der Folgeberatung überprüft und ggf. angepasst werden.

Nachweis über Beratungseinsatz nach § 37.3 SGB XI

In der Regel schickt derjenige, der den Beratungsbesuch bei Ihnen durchführt, den Nachweis (s. Quelle 1) direkt an Ihre Pflegekasse. So rechnet er seine Beratungsleistung mit der Pflegekasse ab. Das bedeutet, dass Sie als Pflegebedürftiger bzw. dessen pflegender Angehörige den Beratungsbesuch nicht selbst nachweisen müssen. Dennoch ist es ratsam, wenn Sie das Vorgehen mit Ihrem Berater absprechen.

Beratungsbesuch: Kosten

Die Vergütungshöhe für eine Pflegeberatung wird zwischen den Pflegekassen und den Bundesländern vereinbart. Der Stundenlohn liegt zwischen ca. 30 und 80 Euro. Für den Versicherten ist das aber letztlich egal: Die Kosten für den Beratungsbesuch übernimmt nämlich die Pflegekasse. Das bedeutet, dass pflegebedürftige Personen nichts für den Beratungseinsatz nach § 37.3 SGB XI zahlen und auch nicht in Vorkasse treten müssen.

Pflegeberatung und Beratungseinsatz: Was ist der Unterschied?

Ist der Beratungseinsatz dasselbe wir die Pflegeberatung? Diese Frage wird oft gestellt und das ist auch nicht verwunderlich: Sowohl die Pflegeberatung nach § 7a SGB XI als auch der Beratungseinsatz nach § 37.3 SGB XI werden vielerorts als Pflegeberatung bezeichnet. Den Unterschied verdeutlicht folgende Tabelle:

Pflegeberatung nach § 7a SGB XI Eine Pflegeberatung nach § 37.3 SGB XI („Beratungseinsatz“ oder „Beratungsbesuch“)
Die Pflegeberatung nach § 7a SGBXI hat die Organisation von Pflege zum Ziel und wird i. d. R. am Anfang der Pflege durchgeführt. Der Ratsuchende erhält zum einen Informationen zu
Unterstützungsmöglichkeiten wie Entlastungsangebote, Sozialleistungen und Hilfsangebote. Außerdem wird ein individueller Versorgungsplan im Sinne eines sog. Fallmanagements ausgearbeitet.
Der Beratungseinsatz nach § 37.3 SGB XI soll die Qualität in der häuslichen Pflege sicherstellen und wird durchgeführt, wenn die Pflege bereits stattfindet. Dies geschieht, indem die Pflege zuhause durch regelmäßige Besuche begleitet wird. Diese Beratungsbesuche sind ab Pflegegrad 2 verpflichtend für Pflegegeldempfänger, die keine Unterstützung durch einen Pflegedienst erhalten.
Tipp
Nehmen Sie Bezug auf den Paragrafen, um Verwechslungen zu vermeiden

Um sicherzugehen, von welcher Art Pflegeberatung gesprochen wird, sollten Sie sich immer auf die gesetzliche Grundlage beziehen. Geben Sie also stets den Paragrafen an, wenn Sie von Pflegeberatungen sprechen: „Pflegeberatung nach § 7a SGB XI“ oder „Pflegeberatung nach § 37.3 SGB XI“ (auch „Beratungseinsatz“ oder „Beratungsbesuch“ genannt). Pflegeschulungen und Pflegekurse beziehen sich auf § 45 SGB XI.

Pflicht zum Beratungseinsatz nach § 37.3 SGB XI

Wenn Sie als Pflegebedürftiger Pflegegeld für die häusliche Pflege beziehen und keine Hilfe von einer professionellen Pflegekraft erhalten (z. B. durch einen ambulanten Pflegedienst), sind Sie verpflichtet, regelmäßig eine Beratung durchführen zu lassen. In welchem Intervall die Beratung stattfinden muss, hängt vom erteilten Pflegegrad ab.

Pflicht zum Beratungseinsatz bei Bezug von Pflegegeld

  • Bei Pflegegrad 2 und Pflegegrad 3: halbjährlich 1 x, d. h. 2 x im Jahr
  • Bei Pflegegrad 4 und Pflegegrad 5: vierteljährlich 1 x, d. h. 4 x im Jahr

Personen, die zuhause gepflegt werden und Pflegegrad 1 haben, sind nicht verpflichtet, den Beratungseinsatz nach § 37.3 durchführen zu lassen. Sie haben aber das Recht, einmal im Jahr eine Beratung zu erhalten, wenn sie dies wünschen. Dazu können sie bei ihrer Pflegekasse nachfragen.

Beratungseinsatz nach § 37.3: Diese Fristen müssen Pflegegeldempfänger einhalten

Von Ihrer Pflegekasse werden Sie per Brief darauf hingewiesen, dass Sie zur Pflegeberatung nach § 37.3 SGB XI verpflichtet sind. Die Beratung muss bei der Pflegekasse nachgewiesen werden. In den meisten Fällen übernimmt das der Pflegeberater. Sollte Ihr Berater den Nachweis (siehe Quelle 1) nicht rechtzeitig einreichen, werden Sie schriftlich erinnert. Wenn Sie die Frist versäumen, droht Ihnen zunächst eine Kürzung Ihres Pflegegeldes um 50 Prozent. Geschieht das ein weiteres Mal, kann Ihnen im schlimmsten Fall das Pflegegeld sogar komplett gestrichen zu werden. Achten Sie daher auf die für Sie geltenden Fristen:

Fristen für den Beratungseinsatz nach § 37.3 SGB XI

Pflegegeldempfänger mit Pflegegrad Beratungseinsatz nach § 37.3 Fristen
Pflegegrad 1 Nicht vorgeschrieben, 1 x pro Halbjahr möglich keine
Pflegegrad 2 1 x pro Halbjahr 30.06, 31.12
Pflegegrad 3 1 x pro Halbjahr 30.06, 31.12
Pflegegrad 4 1 x pro Vierteljahr 31.03, 30.06, 30.09, 31.12
Pflegegrad 5 1 x pro Vierteljahr 31.03, 30.06, 30.09, 31.12

 

Pflegeberatung Paragraph 37.3
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Zugelassene Berater für Beratungseinsatz

Pflegegeldempfänger haben die Möglichkeit, sich den Berater für den Beratungsbesuch selbst auszusuchen. Der Berater muss eine entsprechende Qualifizierung vorweisen können. Folgende Personen dürfen die Pflegeberatung nach § 37.3 durchführen:

  • ein qualifizierter Mitarbeiter eines nach § 72 SGB XI zugelassenen Pflegedienstes
  • ein Pflegeberater, der die Pflegeberatung nach § 7a durchführen darf, und zum Beispiel in einem Beratungsunternehmen arbeitet
  • eine von der Pflegekasse beauftragte Pflegefachkraft, die aber nicht von ihr beschäftigt ist

Beratungseinsatz: Corona-bedingte Änderungen

Um Pflegebedürftige und ihre Angehörigen vor Infektionen zu schützen, sollen persönliche Kontakte in Zeiten der Pandemie weitestgehend reduziert werden. Dies betrifft auch den Beratungseinsatz nach § 37.3 SGB XI.

Ein voraussichtlich im Januar 2021 in Kraft tretendes Gesetz sieht vor, dass Beratungsbesuche bis mindestens Ende März 2021 nicht mehr nur in der Häuslichkeit stattfinden, sondern darüber hinaus auch telefonisch, digital oder durch den Einsatz von Videotechnik ermöglicht werden sollen (siehe Quelle 2). Pflegegeldempfänger, die einen Beratungsbesuch verpflichtend in Anspruch nehmen müssen, sollten bei Bedarf direkt bei ihrem Beratungsanbieter nach diesen Möglichkeiten fragen.

Wenn die Beratung nicht möglich ist, weil der Pflegegeldempfänger keine fremde Person in die Wohnung lassen möchte oder weil es keine Beratungskapazitäten gibt, wird der Pflegebedürftige nicht benachteiligt. Der Beratungseinsatz darf dann laut Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) im Jahr 2021 nachgeholt werden.

Corona-bedingte Nachholtermine für den Beratungseinsatz § 37.3 SGB XI

Pflegegrad 2 & Pflegegrad 3: 30. Juni 2021

Pflegegrad 4 & Pflegerad 5: 31. März 2021 

Sollten diese Fristen verstreichen, wird das Pflegegeld gekürzt.

Chronik zur Regelung des Beratungsbesuch während der Pandemie

17.03.2020 bis zum 30.09.2020: Beratungen wurden ausgesetzt. In diesem Zeitraum wurde das Pflegegeld ohne Durchführung des eigentlich vorgeschriebenen Beratungsbesuchs weitergezahlt.

01.10.2020 bis zum 02.11.2020: Beratungen wurden im vorgeschriebenen Rhythmus wiederaufgenommen.

Seit 02.11.2020: Beratungen finden seit der von der Bundesregierung ausgesprochenen Empfehlung, Kontakte zu reduzieren, nicht mehr nur in der Häuslichkeit, sondern auch telefonisch und digital statt.

Tipp: Im Corona-FAQ von pflege.de halten wir Sie auf dem Laufenden über Sonderregelungen und Fristen in der Pflege während der Pandemie.

Infektionsschutz bei Beratungseinsatz nach § 37.3 SGB XI

Wenn der Beratungseinsatz persönlich in Ihrem Zuhause stattfindet, können Sie folgende Maßnahmen zum Schutz vor Infektionsübertragungen ergreifen:

  • Frische Luft: Öffnen Sie die Fenster und sorgen Sie für die Zeit der Beratung für ausreichend Belüftung. Am besten erreichen Sie dies, wenn Sie zwei Fenster öffnen, die einander gegenüberliegen.
  • Mund-Nasen-Schutz: Alle Beteiligten sollten nach Möglichkeit einen Mund-Nasen-Schutz tragen, wenn möglich mit guter Filterleistung (FFP2).
  • Abstand: Halten Sie nach Möglichkeit den Mindestabstand von 1,50 Meter ein.
  • Berührung vermeiden: Fassen Sie sich nicht ins Gesicht, nachdem Sie Gegenstände wie Dokumente oder Stifte berührt haben.
  • Hygiene: Waschen Sie sich vor und nach dem Besuch die Hände und desinfizieren Sie benutzte Oberflächen.
Info

Kostenlose Pflegehilfsmittel bei Pflegegrad und Pflege zuhause

Pflegebedürftige mit anerkanntem Pflegegrad, die zuhause gepflegt werden, haben Anspruch auf Pflegehilfsmittel zum Verbrauch im Wert von bis zu 40 Euro im Monat. Da durch die Pandemie der Bedarf an Desinfektions- und Hygienemitteln gestiegen ist, ist auch die Pauschale auf 60 Euro erhöht worden. Medizinische Desinfektionsmittel für Hände und Flächen, Mund-Nasen-Schutze oder Einmalhandschuhe erhalten Pflegebedürftige damit kostenlos. Mit der curabox von pflege.de bekommen Pflegebedürftige ihre persönlich zusammengestellte Box mit Pflegehilfsmitteln jeden Monat bequem nach Hause geschickt.

Häufig gestellte Fragen

Was ist ein Beratungseinsatz nach § 37.3 SGB XI?

Der Beratungseinsatz (auch „Beratungsbesuch“ genannt) ist eine Pflegeberatung, die Pflegegeldempfänger in regelmäßigen Abständen in Anspruch nehmen müssen, wenn sie zuhause gepflegt werden. Durch den Beratungsbesuch sollen die Qualität der häuslichen Pflege gesichert und Pflegende unterstützt werden.

Wie lange dauert ein Beratungseinsatz?

Ein Beratungseinsatz nach § 37.3 SGB XI dauert in der Regel etwa 25 bis 45 Minuten. Die Dauer hängt u. a. davon ob, in welchem Bereich die Pflege überprüft wird.

Ich habe den Beratungseinsatz nach § 37.3 SGB XI vergessen: Was kann ich tun?

Melden Sie sich umgehend bei Ihrer Pflegekasse und erklären Sie dem Sachbearbeiter Ihre Situation. Bieten Sie ihm an, den Beratungsbesuch schnellstmöglich nachzuholen, um die Kürzung des Pflegegeldes zu vermeiden.

Wer führt den Beratungsbesuch nach § 37.3 SGB XI durch?

Der Beratungsbesuch kann von ambulanten Pflegediensten oder Pflegeberatern, die nach § 7 a SGB XI zertifiziert sind, durchgeführt werden. Auch von der Pflegekasse beauftragte, jedoch nicht von ihnen angestellte Pflegefachkräfte können den Beratungsbesuch nach § 37.3 durchführen.

Was kostet der Beratungseinsatz nach § 37.3 SGB XI?

Die Pflegekasse übernimmt die Kosten für den Beratungsbesuch und rechnet i. d. R. direkt mit dem Anbieter der Pflegeberatung ab. Für Versicherte ist die Beratung kostenlos und sie müssen auch nicht in Vorkasse treten.

Wie oft wird der Beratungseinsatz nach § 37.3 SGB XI durchgeführt?

Der Beratungseinsatz wird bei Pflegegrad 2 und Pflegegrad 3 einmal im Halbjahr durchgeführt (= alle 6 Monate). Bei Pflegegrad 4 und Pflegegrad 5 wird der Beratungsbesuch einmal im Vierteljahr durchgeführt (= alle 3 Monate).

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Erstelldatum: 0202.21.51|Zuletzt geändert: 1202.10.41
(1)
Quelle 1: GKV Spitzenverband
https://gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/pflegeversicherung/richtlinien__vereinbarungen__formulare/formulare/nachweis/2019_10_17_Pflege_Nachweis_Beratungseinsatz_37_Abs3_SGBXI.pdf
(2)
Quelle 2: Bundesgesundheitsministerium
www.bundesgesundheitsministerium.de/versorgungsverbesserungsgesetz.html
(3)
Bildquelle
© istock.com/AJ_Watt
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Interview

„Sehen Sie den Beratungseinsatz nach § 37.3 niemals als Prüfung oder Überprüfung!“

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Marcello Ciarrettino
Im Interview
Marcello Ciarrettino
Gesundheitswissenschaftlicher Leiter WDS.care

Marcello Ciarrettino ist examinierter Fachkrankenpfleger für Intensivpflege, Lehrer für Pflegeberufe und Dipl. Pflegepädagoge. Heute arbeitet er als Gesundheitswissenschaftlicher Leiter bei WDS.care, einer Division der WDS GmbH, in Essen.

Sofern Pflegebedürftige von Angehörigen zuhause versorgt werden und Pflegegeld beziehen, müssen Sie ab Pflegegrad 2 Beratungsbesuche gemäß § 37.3 SGB XI wahrnehmen. Dabei steht die pflegefachliche Beratung der pflegenden Angehörigen im Vordergrund und soll die Qualität der häuslichen Pflege sicherstellen und stärken. Warum sind diese Beratungsbesuche so wichtig, was sollten pflegende Angehörige vor dem Termin wissen und was passiert, wenn diese Beratungseinheiten versäumt werden? pflege.de sprach im Interview mit Marcello Ciarrettino über Chancen und Vorteile der Beratungseinsätze nach § 37.3 SGB XI.

Lieber Herr Ciarrettino. Sie sind Diplom Pflegepädagoge. Wie kann man sich Ihren Beruf vorstellen?

Mein Antrieb und meine Profession sind, mir immer zu überlegen, wie ich Menschen helfen kann und wie ich Menschen fortbilden kann, damit sie sich weiterentwickeln. Damit sind wir auch schon bei den Beratungseinsätzen nach § 37.3 SGB XI und der Förderung und Schulung von pflegenden Angehörigen, aber dazu gleich im Folgenden mehr.

Genau. Ganz kurz noch: Sie arbeiten als Gesundheitswissenschaftlicher Leiter bei WDS.care. Was leistet WDS.care?

WDS.care ist ein unabhängiger Dienstleister und bietet Hilfestellungen sowie Assistenzdienste an. Darunter fällt z. B. die Vermittlung von Pflegeleistungen oder aber eben auch erst einmal die Information und Beratung von Versicherten und ihren pflegenden Angehörigen über die Möglichkeit, dass Pflegeleistungen genutzt werden können. Zum Beispiel im Rahmen des Beratungseinsatzes nach § 37.3 und Pflegeschulungen nach § 45 aus dem SGB XI.

Der Paragraph 37.3 definiert die notwendigen regelmäßigen Beratungseinsätze bei Bezug von Pflegegeld, Paragraph 45 beschreibt die Pflegekurse und Schulungen in der Häuslichkeit für pflegende Angehörige. Was ist der größte Unterschied zwischen Beratungseinsätzen nach § 37.3 SGB XI und Pflegekursen nach § 45 SGB XI?

Die Pflegeschulungen und Pflegekurse nach § 45 SGB XI stehen unter dem Merkmal „Anleitung und Schulung“, der Beratungseinsatz nach § 37.3 unter dem Merkmal „Information und Beratung“. Darunter fällt: Was kann der pflegende Angehörige noch an Unterstützung erhalten und nutzt er wirklich schon alle Leistungen, die das SGB XI hergibt? Um sicherzugehen, dass der pflegende Angehörige, der auch Pflegegeld-Bezieher ist, regelmäßig informiert und selbst entlastet wird, ist ein Beratungseinsatz nach § 37.3 für alle Pflegegeldempfänger ab Pflegegrad 2 verpflichtend.

Ein Beratungstermin nach § 37.3 ist KEIN Begutachtungstermin und KEINE Überprüfung des Pflegegrads!
Marcello Ciarrettino

Was mir gleich zu Beginn wichtig ist: Ein Beratungstermin nach § 37.3 ist KEIN Begutachtungstermin und KEINE Überprüfung des Pflegegrads o. ä. Er ist eine Leistung der Pflegeversicherung an pflegende Angehörige zu ihrem eigenen Schutz und zur Sicherung der Qualität der häuslichen Pflege. Beobachtet der Pflegeberater im Rahmen des Termins nach § 37.3, dass der pflegende Angehörige noch Unterstützung und Weiterbildung benötigen könnte, so organisiert er für ihn eine Schulung – und das ist dann die Pflegeschulung nach § 45.

Beratungseinsätze nach § 37.3 und Schulungseinheiten nach § 45 sind demnach eng miteinander verknüpft. Wir von WDS.care bieten sie z. B. aus einer Hand und auf Wunsch auch an ein und demselben Termin an.

Ok. Sie hatten betont, dass Beratungseinsätze nach § 37.3 verpflichtend sind. Bedeutet das im Umkehrschluss, dass Schulungskurse nach § 45 freiwillig sind?

Genau, richtig. Pflegekurse und individuelle Schulungen nach § 45 SGB XI sind keine Verpflichtung, sondern ein freiwilliges Angebot an Pflegende. Meiner Meinung nach sollten sie aber von jedem Pflegenden genutzt werden.

Gut, dann gehen wir einmal genauer auf die Beratungseinsätze nach § 37.3 SGB XI ein. Welche Begriffe werden dafür im Volksmund genutzt? Es kursieren ja mehrere Bezeichnungen wie „Beratungseinsatz“, „Beratungsbesuch“ oder sogar „Pflegegutachten“.

Also, an allererster Stelle muss man sagen, dass § 37.3 niemals ein Pflegegutachten ist. Dieser Begriff ist einfach völlig falsch, auch von der Bedeutung her. Der offizielle Begriff für die Beratungen nach § 37.3 ist „Beratungseinsatz für pflegende Angehörige, die Pflegegeld beziehen“.

Wer hat Anspruch auf die Beratungseinsätze nach § 37.3 und für wen sind sie verpflichtend?

Verpflichtend sind die Beratungseinsätze nach § 37.3 für alle, die aufgrund von Pflegegrad 2, Pflegegrad 3, Pflegegrad 4 oder Pflegegrad 5 Pflegegeld beziehen. Diejenigen mit Pflegegrad 2 und 3 müssen einen solchen Beratungseinsatz einmal im Halbjahr durchführen, diejenigen mit Pflegegrad 4 und 5 einmal im Quartal. Dabei ist wichtig zu wissen: Die Beratungseinsätze müssen nicht nach einem halben Jahr oder nach drei Monaten durchgeführt werden, sondern einmal im Halbjahr bzw. einmal im Quartal.

Seit 01.01.2017 können auch Angehörige eines Pflegebedürftigen mit Pflegegrad 1 und pflegende Angehörige, die Pflegesachleistungen und kein Pflegegeld beziehen, diese Beratungseinsätze freiwillig in Anspruch nehmen.

Haben auch Versicherte ohne einen anerkannten Pflegegrad Anspruch auf diese Leistung?

Nein, Versicherte ohne Pflegegrad haben keinen Anspruch auf die Leistung „Beratungseinsatz nach § 37.3“.

Für sie gibt es aber den sog. § 7 SGB XI (nicht zu verwechseln mit dem § 7a), der beschreibt, dass jeder Versicherte und seine Angehörigen von Anfang an, also auch noch vor Antrag auf Pflegegrad, „in verständlicher Art und Weise informiert werden müssen“. Das ist ein Originalzitat und steht so wirklich im Gesetz. Und so können diejenigen, die noch keinen Pflegegrad besitzen, § 7 für Beratungseinsätze nutzen.

Beratungseinsätze nach § 37.3 sind für Pflegegeld-Bezieher ab Pflegegrad 2 verpflichtend. Was passiert, wenn Familien diese Beratungseinsätze nicht nutzen?

Nehmen pflegende Angehörige diese Termine nicht wahr, wird das Pflegegeld von der Pflegekasse einbehalten und nicht mehr ausbezahlt.
Marcello Ciarrettino

Nehmen pflegende Angehörige diese Termine nicht wahr, wird das Pflegegeld von der Pflegekasse einbehalten und nicht mehr ausbezahlt. Bevor die Pflegekasse das Pflegegeld einbehält, erinnert sie Versicherte aber noch einmal daran, dass der Termin vergessen wurde. Zudem sind Pflegekassen dazu verpflichtet, nachzuprüfen, warum die Beratungseinsätze von pflegenden Angehörigen nicht wahrgenommen wurden und ob es vielleicht sogar krisenhafte Situationen gibt, in der Familien beraten und unterstützt werden müssen. Pflegekassen haben so eine Garantenverpflichtung, die Umstände zu prüfen, bevor das Pflegegeld tatsächlich einbehalten wird.

Werden Familien an den Termin erinnert oder müssen sie sich selbst um diesen Termin kümmern und eine verantwortliche Institution dafür „einladen“?

Im Prinzip muss sich der pflegende Angehörige selbst darum kümmern und diese Beratungseinsätze nach § 37.3 selbst organisieren, ja. Manche Institutionen erinnern Versicherte regelmäßig an diese Beratungseinsätze.

Auch wir von WDS.care erinnern alle Versicherten selbstverständlich daran, damit das Pflegegeld auch tatsächlich gesichert ist. Das setzt aber voraus, dass wir für die pflegenden Angehörigen bereits einen Beratungseinsatz durchgeführt haben oder durch den Angehörigen beauftragt werden.

Müssen Versicherte einen Nachweis an die zuständige Pflegekasse liefern, dass der Beratungseinsatz nach § 37.3 stattgefunden hat?

Ja, es muss ein Nachweis erfolgen, dass der Termin stattgefunden hat. Der pflegende Angehörige muss dieses Formular nicht selbst an die Pflegekasse senden, das übernimmt der Pflegeberater bzw. die Institution, die diesen Beratungseinsatz durchführt.

Wenn Pflegedienste oder andere Institutionen – wie WDS.care – dafür akkreditiert sind, füllen sie während des Beratungseinsatzes ein Formular aus, das es in dreifacher Ausführung gibt: Ein Exemplar ist für den Versicherten, eins behält der durchführende Pflegeberater und ein Exemplar schickt der Pflegeberater an die zuständige Pflegekasse des Versicherten.

Welche berechtigten Institutionen bieten diese Beratungseinsätze an? Ambulante Pflegedienste, WDS.care und auch Pflegestützpunkte?

Genau. Pflegeberater, die den Beratungseinsatz nach § 37.3 SGB XI durchführen, kommen entweder von einem ambulanten Pflegedienst oder von uns als WDS.care.

Auch Pflegestützpunkte könnten diese Beratungseinsätze rein theoretisch durchführen, allerdings sind das ja eher Stellen, die vor Ort ansässig sind und zu denen der pflegende Angehörige geht. Hausbesuche sind jetzt nicht unbedingt die Regel für Pflegestützpunkte und für den Beratungseinsatz nach § 37.3 ist es aber zwingend erforderlich, dass der natürlich da stattfindet, wo auch der Versicherte lebt. Daher wäre eine Beratung durch einen Pflegestützpunkt eher ungewöhnlich.

Info
Muss der ambulante Dienst immer den Beratungseinsatz übernehmen?

Falls bereits ein ambulanter Dienst die (teilweise) Pflege Ihres Angehörigen übernimmt, ist es möglich, einen anderen ambulanten Dienst oder eine andere Institution mit dem Beratungseinsatz nach § 37.3 zu beauftragen.

ausklappen

Wir hören sehr oft von Fällen, in denen sich pflegende Angehörige für die Pflege ihres Familienmitglieds so stark aufopfern, bis sie selbst nicht mehr können und krank werden. Besteht mit einem Beratungseinsatz nach § 37.3 SGB XI auch die Chance, dass pflegende Angehörige früher professionelle Hilfe mit in die häusliche Pflege integrieren und früher in Kontakt mit professionellen Pflegekräften kommen?

Viel zu häufig wird professionelle Pflege erst sehr spät in die häusliche Versorgung integriert. Das kann § 37.3 ändern.
Marcello Ciarrettino

Ja, das ist durchaus wünschenswert. Viel zu häufig wird professionelle Pflege ja erst sehr spät in die häusliche Versorgung integriert. Diese Aufklärung über Möglichkeiten der Versorgung und vor allem Unterstützung und Entlastung des pflegenden Angehörigen ist eine zentrale Aufgabe des Beratungseinsatzes nach § 37.3.

Beim Beratungstermin achten die Pflegeberater stark darauf, wie pflegende Angehörige noch unterstützt werden können und ob sie schon alle möglichen Leistungen aus der Pflegeversicherung ausschöpfen. Familien können dann bspw. über Kombinationsleistungen aus Pflegegeld und Pflegesachleistungen informiert werden, um pflegende Angehörige zu entlasten und zu unterstützen.

Welche weiteren Ziele verfolgt ein Beratungseinsatz nach § 37.3 SGB XI?

  1. Das Hauptziel ist erst mal, den pflegenden Angehörigen zu stärken, ihn zu fördern und ihn davor zu bewahren, sich zu überlasten. Das gelingt durch Information des pflegenden Angehörigen, damit er umfassend über alle Möglichkeiten informiert ist.
  2. Zudem sollen Angehörige Angebote bekommen, um sich selber weiterzubilden. Das können wiederum individuelle Pflegeschulungen in der Häuslichkeit nach § 45 SGB XI sein, um Pflegetechniken zu lernen und mit besonderen Pflegesituationen fach- und sachgerecht umzugehen.
  3. Ein weiteres Ziel des Beratungseinsatzes ist es, den pflegenden Angehörigen auch Wertschätzung entgegenzubringen, sie zu stärken und ihnen aufzuzeigen, was sie alles richtig machen. Das ist ein Auftrag von uns. Wir wollen pflegende Angehörige sozusagen motivieren und anerkennen, was sie gut machen, und aufzeigen, was sie in letzter Zeit erlernt haben.

Viele Familien fragen uns regelmäßig, ob Beratungseinsätze nach § 37.3 auch dafür genutzt werden, um den aktuellen Pflegegrad zu überprüfen. Stimmt das?

Es wird auf keinen Fall der Pflegegrad überprüft oder Hinweise an die Pflegekasse weitergegeben.
Marcello Ciarrettino

Auf gar keinen Fall! Das kann man ganz klar und deutlich unterstreichen. Es wird auf keinen Fall der Pflegegrad überprüft und es werden auch keine Hinweise an die Pflegekasse weitergegeben.

In der erforderlichen Rückmeldung an die Pflegekasse steht nur, dass der Termin stattgefunden hat. Es werden keinerlei inhaltliche Angaben zum Zustand des Pflegebedürftigen übermittelt. Das ist datenschutzrechtlich gar nicht erlaubt. In dem Formular, das nach dem Beratungseinsatz an die Pflegekasse übermittelt wird, steht nur

  • dass der Termin stattgefunden hat,
  • wo es noch Unterstützungsbedarf für den pflegenden Angehörigen gibt und
  • welche Schulungen empfohlen werden.

Nur wenn der Pflegeberater vor Ort wirklich schlimme und dramatische Situationen bis hin zu Gefahr in Verzug erlebt oder eine Situation als sehr gefährlich einschätzt, kann er auch ohne Zustimmung des pflegenden Angehörigen etwas unternehmen. Allerdings schaltet er dann eine Behörde wie das Ordnungsamt oder bei Gefahr des Lebens des Versicherten das Gesundheitsamt ein. An die Pflegekasse wird diese Information jedoch nicht übermittelt. Da muss keiner Sorge haben.

Kann durch einen solchen Einsatz der Pflegegrad aberkannt oder herabgestuft werden?

Nein, auf gar keinen Fall!

Wir hören von Familien auch immer wieder, dass sie Angst haben, dass ihr pflegebedürftiger Angehöriger nach einem Beratungsbesuch nach § 37.3 in ein Heim einquartiert wird. Etwa wenn z. B. festgestellt wird, dass in der Häuslichkeit defizitäre Zustände herrschen. Ist diese Angst begründet?

Auf gar keinen Fall ist diese Angst begründet. Der Pflegeberater übermittelt wie gesagt keine inhaltlichen Daten zu dem Pflegebedürftigen an die Pflegekasse, sondern nur die Information, dass der Termin stattgefunden hat und ob der pflegende Angehörige weitere Unterstützung benötigt.

Eine Ausnahme ist, wenn die Situation in der Häuslichkeit eine Gefahr für den Pflegebedürftigen darstellt. Dann muss der Pflegeberater sogar (auch ohne Zustimmung der Familie) im Rahmen der Garantenverpflichten bzw. im Rahmen der ersten Hilfe akut tätig werden und das Ordnungs- oder Gesundheitsamt einschalten.

Ok, das heißt also: Beobachtet ein Pflegeberater Pflegemängel oder eine starke psychische Belastung des pflegenden Angehörigen, spricht er in erster Linie einmal mit dem Angehörigen und zeigt mögliche Lösungen und Hilfsangebote auf. Nach dem Motto „Scheinbar benötigen Sie als pflegender Angehöriger noch mehr Unterstützung. Wir helfen Ihnen dabei und zeigen Ihnen praktische Handgriffe oder geben Ihnen noch einmal eine Schulung zu speziellem Pflegewissen, um so die Pflege in der Häuslichkeit zu stärken.“

Genau das ist das Ziel. Die Beratung und Information zu weiteren Schulungen und Hilfsangeboten steht an erster Stelle.

Die immense Überlastung von pflegenden Angehörigen ist ja kein Geheimnis. Achten Pflegeberater bei einem Beratungseinsatz nach § 37.3 auch auf die psychische Verfassung von pflegenden Angehörigen?

Erstelldatum: 8102.20.12|Zuletzt geändert: 0202.21.81
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Bildquelle
Matthias Groppe
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