Das Coronavirus und seine Auswirkungen auf die Pflege: Fragen & Antworten

FAQ zu Coronavirus und Pflege

Ende Januar 2020 wurde der erste COVID-19-Fall in Deutschland diagnostiziert. Mittlerweile hat das neuartige Coronavirus weitreichenden Einfluss auf unseren Alltag. Solange es keinen wirksamen Impfstoff gibt, wird das auch so bleiben.

Das Coronavirus stellt die Risikogruppe der Pflegebedürftigen vor große Herausforderungen – und mit ihnen auch pflegende Angehörige und professionell Pflegende. pflege.de gibt Antworten auf Fragen, die rund um das Thema Coronavirus im Pflege-Alltag entstehen und fasst Corona-Regelungen zusammen, die sich auf die Pflege auswirken.

Inhaltsverzeichnis

Corona-bedingte Sonderregelungen in der Pflege

Besonders Pflegebedürftige müssen vor einer Infektion mit dem Coronavirus geschützt werden. Vorerkrankungen, ein hohes Alter oder auch ein geschwächtes Immunsystem sind Risikofaktoren, die tendenziell einen schwereren Krankheitsverlauf begünstigen. Um das Infektionsrisiko gering zu halten, gelten vorerst veränderte Rahmenbedingungen in der ambulanten und stationären Pflege.

Pflegegrad-Begutachtungen vom MDK und MEDICPROOF in Corona-Zeiten

Der MDK und MEDICPROOF setzen die persönlichen Pflegebegutachtungen in der Häuslichkeit bzw. im Pflegeheim aus. Diese Regelung gilt vorübergehend bis zum 30.09.2020. Bis Ende September erfolgt die Einstufung auf Aktenbasis, die durch ein Telefoninterview mit dem Antragsteller und seinen pflegenden Angehörigen ergänzt wird (s. Quelle 1).

Verpflichtende Beratungsbesuche nach § 37.3 und Corona

Die Verpflichtung zu Beratungsbesuchen nach § 37.3 entfällt bis zum 30. September 2020. Sie müssen ausgefallene Besuche nicht nachholen. Das Pflegegeld wird in dieser Zeit nicht gekürzt. Es ist allerdings weiterhin sinnvoll, dass Sie sich beraten lassen – z. B. um dringende Pflege-Fragen zu klären. Auf Wunsch findet die Beratung dann per Telefon oder Videotelefonie statt.

Pflegeschulungen in Corona-Zeiten

Aufgrund der aktuellen Corona-Situation wird empfohlen, dass Pflegeschulungen nicht wie gewohnt im Zuhause des Pflegebedürftigen stattfinden. Damit pflegende Angehörige trotzdem notwendiges Pflege-Fachwissen vermittelt bekommen, finden derzeit „Schulungen aus der Ferne“ statt, z. B. per Telefon oder Video. Bis zum 30. September 2020 soll es Telefonschulungen geben, Videoschulungen bis zum 31.12.2020.

Entlastungsbetrag und Corona

Der Entlastungsbetrag kann von Versicherten mit Pflegegrad 1 bis zum 30.09.2020 auch abweichend vom geltenden Landesrecht genutzt werden, bspw. für haushaltsnahe Dienstleistungen. Für alle Versicherten mit anerkanntem Pflegegrad gilt eine Verlängerung von drei Monaten, den Entlastungsbetrag anzusparen. Das Ansparen ist möglich, wenn dieser in einem Monat nicht bzw. nicht vollständig genutzt wurde (s. Quelle 2, Stand 05.05.2020).

Erkrankte pflegende Angehörige: Verhinderungspflege im Coronafall

Wenn pflegende Angehörige z. B. am Coronavirus erkranken, können sie einen Antrag auf Verhinderungspflege stellen. Anspruch besteht, wenn sie die Person mindestens 6 Monate in häuslicher Umgebung gepflegt haben und die Person Pflegegrad 2 bis 5 hat. Die Pflegeversicherung übernimmt dann die Kosten von bis zu sechs Wochen (pro Kalenderjahr) für eine Ersatzpflege.

Hinweis: Beachten Sie, dass es derzeit zu erhöhter Nachfrage kommen kann.

Kurzzeitpflege in Corona-Zeiten

Können pflegende Angehörige ihren pflegebedürftigen Verwandten nicht zuhause pflegen, kann er in stationärer Kurzzeitpflege untergebracht werden. Vor der Corona-Pandemie zahlte die Pflegekasse bis zu 1612 Euro im Kalenderjahr für max. acht Wochen. Wegen höherer Vergütungssätze von stationären Reha- und Vorsorgeeinrichtungen erhalten Pflegebedürftige bis zum 30. September 2020 einen höheren Leistungsanspruch von der Pflegeversicherung.

Verfügen Einrichtungen über freie Kapazitäten, können Kurzzeitpflegeplätze auch zur Überbrückung von sog. quarantänebedingten Versorgungsengpässen beansprucht werden. Das ist bspw. dann der Fall, wenn pflegebedürftige Menschen nach einem Krankenhausaufenthalt aufgrund einer Quarantänepflicht nicht in die stationäre Pflegeeinrichtung zurückkehren können (s. Quelle 2, Stand 05.05.2020).

Ambulante Pflegedienste und Corona

Sind pflegebedürftige Personen auf die Versorgung durch einen Pflegedienst angewiesen, sollten sie diesen auch weiterhin in die Häuslichkeit lassen. Die Ansteckungsgefahr kann durch den Kontakt zu einem Pflegedienst, der auch Kontakt zu anderen Haushalten hat, erhöht werden. Im derzeitigen Corona-Alltag gelten auch für ambulante Pflegedienste strengere Hygienemaßnahmen.

Pflegebedürftige oder pflegende Angehörige sollten trotzdem darauf achten, dass die jeweilige Pflege- oder Betreuungskraft die Hygienestandards einhält. Fordern Sie sie im Zweifel auf, Mundschutz und Handschuhe zu nutzen. Tritt dies trotzdem nicht ein, wenden Sie sich an die entsprechende Pflegedienstleitung.

Hygienemaßnahmen: Corona-Wissen für pflegende Angehörige und Pflegebedürftige

Die Ansteckung mit COVID-19 findet vor allem über Tröpfcheninfektion statt. Gemeint ist damit die Übertragung durch Tröpfchen, die beim Husten und Niesen entstehen und vom Gegenüber über die Schleimhäute (z. B. Mund und Nase) aufgenommen werden. Übertragungen über die Luft oder Oberflächen spielen laut RKI wahrscheinlich eine geringe Rolle. Aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr sollten die umfassende Hygienemaßnahmen im (Pflege-)Alltag eingehalten werden (s. Quelle 3, Stand 15.04.2020).

  • Abstand halten: Halten Sie nach Möglichkeit 1,5-2 Meter Abstand zu Personen, mit denen Sie nicht in einem Haushalt leben.  Ob als pflegender Angehöriger, Pflegedienst- oder Pflegeheimmitarbeiter: In der Pflege lässt sich der direkte Körperkontakt meist nicht vermeiden. Beachten Sie hier weitere Schutzmaßnahmen. Tragen Sie Einmalhandschuhe, eine Maske und waschen bzw. desinfizieren Sie sich Ihre Hände, vor und nach dem Kontakt mit der pflegebedürftigen Person.
  • Gründliches Händewaschen: Waschen Sie sich häufig und gründlich die Hände. Es wird empfohlen, sich mindestens 20-30 Sekunden die Hände mit Wasser und Seife zu waschen (s. Quelle 4). Gerade nach dem Einkaufen oder Kontakt zu anderen sollten Sie daran denken.
  • Hust- und Niesetiquette: Husten oder niesen Sie in die Ellenbeuge und vermeiden Sie, sich in das Gesicht zu fassen. Putzen Sie sich die Nase mit einem Papiertaschentuch, das Sie nach Gebrauch im Mülleimer entsorgen. Waschen Sie sich danach gründlich die Hände.
  • Maske tragen: Um die Ansteckung anderer durch eine Tröpfcheninfektion zu verhindern, gilt derzeit eine Maskenpflicht. Die aktuellen Corona-Regelungen der Bundesländer lesen Sie auf der Seite der Bundesregierung nach.
Info

So reinigen und desinfizieren Sie Ihre Stoffmaske

Wiederverwendbare Stoffmasken sollten gewechselt und nach Gebrauch gereinigt werden. Beachten Sie dabei folgende Hinweise: 

  • Waschen Sie die Stoffmaske in der Waschmaschine mit Vollwaschmittel bei mindestens 60 Grad Celsius, noch besser als Kochwäsche bei 95 Grad Celsius.
  • Alternativ können Sie die Maske in siedendem Wasser auf dem Herd für 15 Minuten auskochen und anschließend trocknen.
  • Nachdem die Stoffmaske vollständig getrocknet ist, können Sie sie bügeln. Heißes Bügeln tötet zusätzlich hitzeempfindliche Viren ab. Achten Sie darauf, auch in den Falten zu bügeln. 

Hinweis: Medizinische Atemschutzmasken (FFP-Masken) oder Mund-Nasen-Schutzmasken sind Einwegprodukte und müssen nach dem Gebrauch entsorgt werden! 

Corona-Pandemie: Die Situation in Pflegeheimen

Besuche im Pflegeheim in Corona-Zeiten

Vorerkrankungen, hohes Alter und geschwächtes Immunsystem: Der Ausbruch einer Infektionskrankheit kann im Pflegeheim besonders gefährlich werden. Die Besuchsregeln für Pflegeheime sind auf Länderebene geregelt. Detaillierte Informationen zu der Situation im jeweiligen Bundesland hat das Pflegenetzwerk Deutschland zusammengetragen.

Letztendlich können Angehörige bei der Pflegeheimleitung erfragen, ob und unter welchen Hygienevorschriften ein Besuch im Heim möglich ist – denn je nach Situation vor Ort können abweichende Maßnahmen gelten.

Corona-Infektionsfall in Pflegeheimen

Sollte es trotz aller Präventionsmaßnahmen dazu kommen, dass sich eine Pflegekraft oder ein Pflegeheimbewohner mit dem Coronavirus infiziert, sind Maßnahmen wie die Quarantäne eines Einzelnen oder die Quarantäne der gesamten Pflegeeinrichtung möglich. Grundsätzlich legt das zuständige Gesundheitsamt im Einzelfall das konkrete Vorgehen fest, in Hinsicht auf Quarantäne- und Hygienemaßnahmen sowie auf die Dauer der Maßnahmen.

Wenn Pflegekräfte erkranken, bleiben sie – je nach Krankheitsverlauf – in häuslicher Quarantäne oder in ärztlicher Behandlung. Aktuell sollen auch Pflegekräfte aus weniger betroffenen Einrichtungen aushelfen. Bislang geltende Personalschlüssel sollen für gewisse Zeit ausgesetzt werden, sodass etwaige Sanktionen aktuell nicht greifen (s. Quelle 5).

Qualitätsprüfung von Pflegeheimen in der Corona-Zeit

Der MDK führt vorübergehend bis 30.09.2020 keine Prüfungen der Qualität in ambulanten, teil- und vollstationären Pflegeeinrichtungen durch. Mit dieser Maßnahme werden sowohl die gefährdeten Personengruppen geschützt als auch die Pflegeeinrichtungen entlastet. Diese fokussieren sich auf die pflegerische Versorgung (s. Quelle 1, Stand Mai 2020).

Vereinbarkeit von Pflege und Beruf in der Corona-Krise

Der Arbeitsmarkt erlebt durch die Corona-Pandemie erhebliche Einschränkungen. Sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer sind mit neuen Herausforderungen konfrontiert.

Arbeitsrecht von vorerkrankten Arbeitnehmern während der Corona-Pandemie

Für Arbeitnehmer mit Vorerkrankungen kann es zur Belastung werden, wenn sie trotz erhöhtem Infektionsrisiko ihren Arbeitsplatz aufsuchen müssen – gerade für Berufsgruppen, die den Kontakt zu anderen nicht meiden können. Grundsätzlich steht es ihnen nicht zu, aus Angst vor einer Infektion der Arbeit fernzubleiben. Jedoch können Maßnahmen getroffen werden, um das Infektionsrisiko so gut wie möglich zu reduzieren. Wenn Sie zu einer Risikogruppe gehören, ist es ratsam, mit Ihrem Arbeitgeber zu sprechen. Im persönlichen Gespräch können Sie Möglichkeiten finden, die Arbeitsbedingungen an die Situation anzupassen.

Um detailliert über Rechte von Arbeitnehmern in der Corona-Krise aufzuklären, haben wir im Interview mit Dr. Tobias Schommer, Anwalt für Arbeitsrecht, gesprochen.

Arbeitsrecht für berufstätige pflegende Angehörige

Berufstätige pflegende Angehörige stehen während der Corona-Pandemie vor besonderen Herausforderungen. Um Pflege und Beruf in der Corona-Krise vereinbaren zu können, gelten bis Ende September 2020 einige entlastende Sonderregelungen.

  • Corona-Sonderregelung: Kurzzeitige Arbeitsverhinderung

Die kurzzeitige Arbeitsverhinderung ist in einer akuten Pflegesituation möglich. Arbeitnehmer werden dann bis zu 10 Tage von der Arbeit freigestellt, um die Pflege des Angehörigen zu organisieren. Aufgrund der vielen Schließungen von stationären Pflegeeinrichtungen während der Pandemie können pflegende Angehörige nun bis zu 20 Tage der Arbeit fernbleiben, wenn der Antrag genehmigt wurde. Diese Sonderregelung gilt bis zum 30.09.2020 (s. Quelle 6).

  • Corona-Sonderregelung: Pflegeunterstützungsgeld

Bei kurzfristiger Arbeitsverhinderung durch die Organisation einer akuten Pflegesituation erhalten Arbeitnehmer Pflegeunterstützungsgeld als Lohnersatz.

Das Pflegeunterstützungsgeld kann bis Ende September 2020 auch genutzt werden, wenn eine Versorgungslücke entsteht, weil bspw. die Tagespflege geschlossen ist und die Pflege dadurch nur durch den Angehörigen erfolgen kann. Es soll nun auch möglich sein, das Pflegeunterstützungsgeld bis zu 20 Tage zu nutzen (s. Quelle 6).

  • Corona-Sonderregelung: Pflegezeit und Familienpflegezeit

Pflegende Angehörige, die eine Zeit aus dem Job aussteigen möchten, können eine Freistellung von bis zu sechs Monaten in Anspruch nehmen. Derzeit können pflegende Angehörige, die diese Freistellung noch nicht ausgeschöpft haben, kurzfristig die Restzeit der Freistellung nutzen. Diese darf einen Zeitraum von 24 Monaten nicht überschreiten und muss vom Arbeitgeber bestätigt werden.

Im Regelfall beträgt die Frist, eine Familienpflegezeit beim Arbeitgeber anzukündigen, 8 Wochen. Aktuell ist sie auf 10 Tage verkürzt.

Bei der Familienpflegezeit handelt es sich um das Recht, die Arbeitszeit für einen Zeitraum von 24 Monaten zu reduzieren. Die Mindestarbeitszeit beträgt in diesem Fall 15 Wochenstunden. Bis 30.09.2020 soll es nun auch möglich sein, im Falle einer Familienpflegezeit unter 15 Stunden pro Woche zu arbeiten (s. Quelle 6).

Tipp
Hilfreiche Anlaufstellen in der Corona-Zeit

Aktuelle Informationen zur Corona-Situation

  • Aktuelle Informationen der Bundesregierung zu Corona-Regelungen, die für die einzelnen Bundesländer gelten (z. B. zur Maskenpflicht), finden Sie hier zusammengefasst.
  • Fragen und Antworten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung rund um das Coronavirus, lesen Sie hier.
  • Weitere Informationen zum Coronavirus und die Pflege hat das Pflegenetzwerk Deutschland zusammengefasst. Die Seite führt u. a. Informationsangebote der Bundesländer auf.
  • Informationen zu Quarantäne-Maßnahmen hat das Robert Koch-Institut als Flyer auf seiner Seite veröffentlicht. 

Kostenlose Hotlines

  • Die kostenlose Rufnummer des ärztlichen Bereitschaftsdiensts lautet 116 117.
  • Das Bürgertelefon des Bundesministeriums für Gesundheit ist unter der Nummer 030 346 465 100 und 0800 011 77 22 erreichbar. Das Telefon ist von montags bis donnerstags 8 bis 18 Uhr und freitags von 8 bis 12 Uhr besetzt.
  • Eine Übersicht der Hotlines der Krankenkassen finden Sie beim GKV Spitzenverband.
  • Die bundesweiten, gebührenfreien Telefonnummern der Telefonseelsorge lauten 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.
  • Der Berufsverband deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) hat eine kostenlose Corona-Hotline eingerichtet, die von 8 bis 20 Uhr unter der Nummer 0800 777 22 44 erreichbar ist.

Austausch

Fragen & Antworten rund um das Coronavirus
Was ist das neuartige Coronavirus (COVID 19)?

COVID 19 ist eine akut auftretende Lungenerkrankung, die durch neuartige SARS-CoV-2 (Severe Acute Respiratory Syndrome) verursacht wird. Es handelt sich um eine Virus-Infektion.

Wie wird das Coronavirus übertragen?

Die Ansteckung mit COVID-19 findet vor allem über Tröpfcheninfektion statt. Gemeint ist damit die Übertragung durch Tröpfchen, die beim Husten und Niesen entstehen und vom Gegenüber über die Schleimhäute (z. B. Mund und Nase) aufgenommen werden. Übertragungen über die Luft oder Oberflächen spielen laut RKI wahrscheinlich eine geringe Rolle (s. Quelle 3).

Wie schütze ich mich vor einer Coronavirus-Infektion?

Halten Sie die vom Robert Koch-Institut empfohlenen Hygienemaßnahmen ein (s. Quelle 3, Stand 15.04.2020):

  • Halten Sie Abstand (1,5-2 Meter) zu Menschen aus anderen Haushalten.
  • Waschen Sie sich regelmäßig und gründlich die Hände.
  • Halten Sie Hygieneregeln beim Husten und Niesen ein, um andere vor einer Ansteckung zu schützen.
Wie lang dauert es zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit?

Die Inkubationszeit, also die Zeit zwischen einer Ansteckung und dem Ausbruch der Krankheit, kann bis zu 14 Tage andauern. Im Durchschnitt beträgt sie jedoch 5-6 Tage (s. Quelle 4).

Wie ist der Krankheitsverlauf?

Der Krankheitsverlauf kann von milden Symptomen wie einer Erkältung bis hin zu schweren Lungenentzündungen reichen. In einigen Fällen verläuft die Infektion tödlich. Maßgeblich für die Schwere des Verlaufs ist in aller Regel, wie gesund der Patient vor der Infektion war.

Häufig hat die Erkrankung einen milden Verlauf und es kommt zur Genesung. Dies ist gerade bei jungen Menschen ohne Vorerkrankung der Fall. In seltenen Fällen kann es aber auch bei jungen, gesunden Menschen zu einer COVID-19-Infektion mit schwerem Verlauf kommen (s. Quelle 3).

Für wen ist eine Infektion besonders gefährlich? Wer gehört zur Risikogruppe?

Risikogruppen, die besonders von einem schweren Verlauf betroffen sein können, sind die folgenden:

  • ältere Menschen (das Risiko steigt für Personen ab 50-60 Jahren)
  • Menschen mit Vorerkrankungen (z. B. des Herz-Kreislaufsystems, eine Atemwegserkrankung wie Asthma oder COPD, Diabetes Mellitus, Krebserkrankungen)
  • ggf. Raucher
  • stark übergewichtige Menschen (s. Quelle 7)
Was muss ich beim Verdacht auf eine Coronavirus-Infektion tun?

Setzen Sie sich beim Auftreten von Husten, Fieber oder Atemnot telefonisch mit einem Arzt in Verbindung. Alternativ können Sie, wenn Sie z. B. dringend eine Beratung am Wochenende benötigen, den ärztlichen Bereitschaftsdienst (Tel.: 116 117) kontaktieren. Auch wenn Sie Kontakt zu jemandem mit einer COVID-19-Diagnose hatten, sollten Sie sich mit einem Arzt in Verbindung setzen.

In bestimmten Fällen kann auch eine Quarantäne vom Gesundheitsamt angeordnet werden:

  • Sie hatten innerhalb der letzten 14 Tage engen Kontakt (mind. 15 Minuten, weniger als 2 Meter Abstand) zu einem Erkrankten mit einer laborbestätigten COVID-19-Diagnose und/oder
  • Sie waren in einem COVID-19- Risikogebiet.
Was ist bei der häuslichen Quarantäne zu beachten? Werde ich für Quarantäne krankgeschrieben?

Ordnet eine Gesundheitsbehörde eine häusliche Quarantäne an, müssen die folgenden Regeln eingehalten werden:

  • Bleiben Sie insgesamt 14 Kalendertage zuhause. Die Quarantäne endet nicht automatisch, sondern muss durch das Gesundheitsamt aufgehoben werden.
  • Sollten Sie eine medizinische Behandlung oder Medikamente benötigen, kontaktieren Sie Ihren Haus- oder Facharzt. Setzen Sie ihn über ihn darüber in Kenntnis, dass Sie sich in Quarantäne befinden.
  • Bitten Sie Freunde oder Familie, Sie mit Lebensmitteln zu versorgen. Die Einkäufe können vor der Tür abgestellt werden. Hilfsangebote gibt es auch von der Feuerwehr, dem technischen Hilfswerk oder Ehrenamtlichen Helfern (s. Quelle 8).
Was bedeutet die Maskenpflicht?

Die Maskenpflicht gilt i. d. R. beim Einkaufen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Auch für den Besuch beim Arzt oder Friseur gelten strengere Hygienevorschriften. Aktuelle Meldungen zur Maskenpflicht in den einzelnen Bundesländern lesen Sie bei der Bundesregierung.

Wie schaffe ich es, weiterhin mit Lebensmitteln versorgt zu werden, wenn ich nicht in den Laden gehen möchte?

Fragen Sie in Ihrem Bekanntenkreis nach Hilfe: Wenn Sie einer Risikogruppe angehören, fragen Sie in Ihrem Familien- und Freundeskreis, wer den Einkauf für Sie übernehmen könnte. Haben Sie keine Scheu, Ihre Kinder, Enkel, Freunde oder Nachbarn um Hilfe zu bitten.

Nutzen Sie Nachbarschaftshilfen: Informieren Sie sich ebenso über Angebote der Nachbarschaftshilfe. Es gibt zahlreiche Anlaufstellen, um Unterstützung zu finden (z. B. proud2help oder nebenan.de).

Nutzen Sie Lieferservices

  • Lieferservices durch Supermarktketten (z. B. REWE Lieferservice)
  • Getränkelieferanten (z. B. Flaschenpost, Durstexpress)
  • Essen auf Rädern (z. B. Apetito [Werbelink])
Wie kann ich dringend benötigte Medikamente kontaktlos erhalten?
  • Ortsansässige Apotheken: Viele Apotheken bieten einen Lieferservice. Kontaktieren Sie Ihre Apotheke und erkundigen Sie sich nach Liefermöglichkeiten.
  • Online bestellen, regional beziehen: aponow [Werbelink] ist ein Anbieter, der mit regionalen Apotheken vor Ort kooperiert. Kunden wählen Ihre regionale Apotheke aus und bekommen per Online-Bestellung Medikamente nach Hause geliefert.
  • Versand-Apotheke: Sie können sich Medikamente auch online bestellen und per Post liefern lassen. Versand-Apotheken sind beispielsweise die Shop Apotheke, DocMorris oder myCare.
  • Hilfe von Verwandten: Wenn Angehörige und Bekannte in der Nähe wohnen, die nicht zur Risikogruppe gehören, können auch sie unterstützen und Besorgungen für Sie erledigen.
Psychologische Unterstützung für pflegende Angehörige

Der andauernde Stress der Corona-Krise kann sich auf die Gesundheit und auf das seelische Wohlergehen auswirken. In dieser schweren Zeit gibt es verschiedene Möglichkeiten, bspw. folgende Hilfestellungen:

  • pflegen-und-leben: Von montags bis freitags steht pflegenden Angehörigen ein Team von Psychologen kostenfrei zur Verfügung. Die persönliche Beratung wird nach ihrem Belieben schriftlich oder auch im Video-Chat durchgeführt.
  • Berufsverband deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP): Weil die Corona-Pandemie für psychische Belastung sorgen kann, hat der Berufsverband eine kostenfreie Corona-Hotline eingerichtet. Sie erreichen den BDP von 8 bis 20 Uhr unter der Nummer 0800 777 22 44.
  • Telefonseelsorge: Die bundesweiten, gebührenfreien Telefonnummern der Telefonseelsorge lauten 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.
  • Selfapy Corona Online Kurs: Um Sie in der schwierigen Zeit zuhause zu unterstützen, bietet Selfapy einen kostenlosen psychologischen Online Kurs. Abhängig von Ihrer Stimmung werden Übungen aufgezeigt, die dabei helfen können, die Psyche zu stärken.

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Erstelldatum: 0202.30.71|Zuletzt geändert: 0202.50.02
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© Korn V. - stock.adobe.com
Quelle 1: Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS)
www.mds-ev.de/fileadmin/dokumente/Aktuelle_Meldungen/2020_03_27/_20-05-06_FIN_Fragen_und_Antworten_zu_Corona.pdf (letzter Abruf 20.05.2020)
Quelle 2: Bundesministerium für Gesundheit – BMG
www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/GuV/C/COVID-19-Bevoelkerungsschutz-2_BT.pdf (letzter Abruf 20.05.2020)
Quelle 3: Robert Koch-Institut – RKI
www.rki.de/SharedDocs/FAQ/NCOV2019/gesamt.html (letzter Abruf 20.05.2020)
Quelle 4: Bundesministerium für Gesundheit – BMG
www.zusammengegencorona.de/informieren/basiswissen-coronavirus/ (letzter Abruf 20.05.2020)
Quelle 5: Bundesregierung
www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/coronavirus-pflege-1732548 (letzter Abruf 20.05.2020)
Quelle 6: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
www.wege-zur-pflege.de/service/corona.html (letzter Abruf 20.05.2020)
Quelle 7: Robert Koch-Institut – RKI
www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html (letzter Abruf 20.05.2020)
Quelle 8: Robert Koch-Institut – RKI
www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Quarantaene/Flyer.pdf?__blob=publicationFile (letzter Abruf 20.05.2020)
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Interview

Deutsches Arbeitsrecht in der Corona-Krise

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Dr. Tobias Schommer
Im Interview
Dr. Tobias Schommer
Fachanwalt für Arbeitsrecht

Dr. Tobias Schommer befasst sich seit rund 25 Jahren mit dem Gebiet Arbeitsrecht. Seine Karriere begann er als Geschäftsführer bei einem deutschen Arbeitgeberverband. Er ist Partner in der Kanzlei ALTENBURG, wo er bis heute tätig ist, und Mitglied in diversen (internationalen) Fachgesellschaften und Vereinen.

Das neuartige Coronavirus stellt das alltägliche Leben, das wir kennen, auf den Kopf: Viele Betriebe melden Kurzarbeit an, andere Unternehmen stellen vorübergehend den Betrieb ein. Welche Rechte gelten für Arbeitnehmer, die weiterhin regulär arbeiten? Wie verhalten sich pflegende Angehörige arbeitsrechtlich korrekt? Dürfen Angehörige einer Risikogruppe aus Angst vor einer Infektion zuhause bleiben? Welche Möglichkeiten gibt es für berufstätige Angehörige, die die Pflege übernehmen müssen? Im Interview mit pflege.de beantwortet der Anwalt Dr. Tobias Schommer Ihre häufig gestellten Fragen zum deutschen Arbeitsrecht in der Corona-Krise.

Erstelldatum: 0202.40.1|Zuletzt geändert: 0202.40.3
Interview

COVID-19: Ein Epidemiologe schätzt die Corona-Krise ein

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Dr. med. Awi Wiesel
Im Interview
Dr. med. Awi Wiesel
Arzt & Epidemiologe

Dr. med. Awi Wiesel (Jahrgang 1969) ist epidemiologischer Leiter des Geburtenregisters Mainzer Modell zur Erforschung angeborener Fehlbildungen in der Universitätsmedizin Mainz.

Bis 1997 wurde er in Mainz und Frankfurt medizinisch ausgebildet. Nach seiner Dissertation im immunologischen Labor arbeitete er am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin in Mainz. Bis 2012 erfolgte seine epidemiologische Ausbildung mit dem Abschluss „European Master“.

Neuinfektionen, Geheilte, Verstorbene – die Corona-Situation verändert sich sehr dynamisch. Wie sich die Lage mit und ohne Maßnahmen entwickeln könnte, errechnen Epidemiologen in verschiedenen Szenarien. Im Interview mit pflege.de schätzt der Epidemiologe & Arzt Awi Wiesel die Corona-Pandemie ein.

Dr. Awi Wiesel, erklären Sie uns doch bitte einmal, was ein Epidemiologe überhaupt macht?

Die Epidemiologie leitet sich als Fachgebiet vom ersten im 19. Jahrhundert dokumentierten Fall ab, bei dem die Ausbreitung der Cholera identifiziert wurde. Die Ursache konnte durch das Zählen von Toten in den Stadtteilen Londons und auf die unterschiedlichen Wasserquellen zurückgeführt werden.

Ein Epidemiologe ist die Schnittstelle zwischen Medizin und Statistik. Das heißt, er findet statistische Antworten auf medizinische Fragen und sollte sich in beiden Bereichen entsprechend gut auskennen. Es gibt ganz unterschiedliche Bereiche, wie zum Beispiel Krebserkrankungen und deren Ursachen oder genetische Veränderungen.

Die mathematischen Methoden, die ein Epidemiologe anwendet, sind jedoch immer gleich. Er nimmt zum Beispiel Berechnungen vor, etwa zur Ausbreitung eines Virus wie aktuell beim neuartigen Coronavirus, und liefert Schätzungen zur Ausbreitung, aber auch Daten und Fakten. Diese sind umso genauer, je besser die Annahmen zur Ansteckungsgefahr, Inkubationszeit, Schwere der Erkrankung, Immunität, etc. sind. Gemeinsam mit der Medizin, der Politik und anderen Fachbereichen lassen sich dann Prognosen und Handlungsempfehlungen für die Bevölkerung ableiten.

Welche Aufgabe hat ein Epidemiologe in der aktuellen Corona-Situation?

Die allererste Maßnahme eines gewissenhaften Epidemiologen ist es, die Daten, auf Grundlage derer Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft handeln, zu überprüfen – so gut dies eben möglich ist. Nehmen wir zum Beispiel die Fallzahlen von 39.355 Infizierten und 222 Toten in Deutschland (Quelle 1: Johns Hopkins University, Stand 26.03.2020). Die Zahl der Verstorbenen kennen wir, die Todesursache vielleicht auch. Aber explizit die Zahl der Infizierten kennen wir nicht, sondern nur die der positiv getesteten Patienten.

Bereits eine minimale Änderung der Annahmen und die veränderte Datenlage haben große Auswirkungen auf sämtliche berechnete Zukunftsszenarien.
Dr. med. Awi Wiesel, Arzt & Epidemiologe

Entsprechend müssen wir Epidemiologen jeden Tag Daten neu bewerten und hoffen, die Annahmen zu präzisieren, damit Entscheidungsträger ihre Maßnahmen – zum Beispiel mit Blick auf die Risikogruppe der Pflegebedürftigen – entsprechend anpassen können. Diese Maßnahmen richten sich im Übrigen immer an einem sogenannten „Worst Case Szenario“ aus, also dem schlimmstmöglichen Fall. Entsprechend sind die verschiedensten fühlbaren Veränderungen für uns aktuell auch sehr gravierend.

Wie ist der aktuelle Stand, was Medikamente oder einen Impfstoff gegen das Coronavirus betrifft?

Derzeit werden mehrere Medikamente überprüft, aber es muss noch viel zur Wirkung auf die neue Erkrankung geforscht werden. Bei bekannten Medikamenten kennen wir die meisten unerwünschten Wirkungen. Neue Medikamente stellen uns dahingehend an den Anfang. Nachher treiben wir den Teufel mit dem „Belzebub“ aus und sind später noch mehr mit schweren Nebenwirkungen beschäftigt.

Die Entwicklung einer Impfung wird dadurch erschwert, dass sich der Erreger im Laufe seines Weges durch die Welt zunehmend stark verändert, also mutiert. Diese Mutation trifft explizit auf das Coronavirus in starkem Maße zu. Das bedeutet, für jeden einzelnen Strang, bräuchte es eventuell einen eigenen Impfstoff.

Es ist auch noch nicht klar, ob eine Impfung mit einem dann schon „älteren“ Impfstoff eine zukünftige Immunität gewährleistet – und über welchen Zeitraum. Unserer Erfahrung zeigt aber, genau wie bei der Grippe, dass eine Grundimmunisierung mit dem bekannten Virusstrang auch einen gewissen Schutz vor zukünftigen Infektionen bietet. Dafür braucht es aber nicht irgendeinem Impfstoff, sondern einen guten, der mindestens 70 Prozent der Infektionen verhindert. Dieser wird meiner Meinung nach in absehbarer Zeit nicht, zumindest nicht innerhalb der ersten massiven Infektionswelle der nächsten Monate, vorliegen.

Sind die aktuellen Maßnahmen wie das Kontaktverbot aus Ihrer Sicht ein sinnvoller Schritt?

Wir dürfen nicht wegschauen und einfach geschehen lassen! Es besteht einfach eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich sehr viele Menschen zeitnah mit dem Virus infizieren. Dann könnte das gesamte System überlasten und zu Chaos führen.

Wir sollten deshalb dafür sorgen, dass alle – vor allem die Risikogruppen – in einem bestmöglichen Zustand in diese Infektion hineingeraten, um diese wiederum bestmöglich zu überstehen. Zum derzeitigen Zeitpunkt gehen wir davon aus, dass ein erhöhtes Risiko besteht, schwerer zu erkranken, aber die weitaus meisten es überstehen.

Über die Isolierung aller erreichen wir zu diesem Zeitpunkt auch eine Isolation Erkrankter, von denen viele gar nicht erst dokumentiert sind. Das ist nun mal die einzige jetzt noch sinnvoll gangbare Methode zur Eindämmung des Virus.
Dr. med. Awi Wiesel, Arzt & Epidemiologe

Weitere Verschärfungen wie zum Beispiel gesetzliche Ausgangssperren können nur noch sehr wenig den medizinischen Outcome beeinflussen. Es sei denn, die Regeln werden zu sehr missachtet – also der Einzelne macht, was er will. Was sich mir jeden Tag in der Stadt präsentiert, weist aber eher auf umsichtige Bürger hin.

Wie ist Ihr persönlicher Blick auf das Gesundheitsrisiko durch COVID-19?

Ich selbst bin 50 Jahre alt, sozusagen in der ersten Stufe einer Risikogruppe. Ich sehe das Ganze aber auch für meine Mutter, die 80 Jahre alt und, wie die meisten, mit einigen Grunderkrankung diagnostiziert wurde, ziemlich entspannt – meine Mutter natürlich nicht. Für eine symptomatische Therapie sind wir in Deutschland bestens aufgestellt, mit mehr Möglichkeiten als nahezu überall in der Welt – mit einem System, in dem unabhängig von Finanzkraft oder anderen Filtern für alle eine gute Versorgung vorhanden ist.

Die Hochrechnungen für potenzielle COVID-19-Todesfälle erschrecken die Bevölkerung. Diese hohen Zahlen scheinen aber notwendig zu sein, um Politiker und Bevölkerungen bewegen zu können. Weiterhin haben wir eben mit dem Alter auch verschiedenste andere Gründe, zu versterben. Wir können also nicht nur an Corona versterben, sondern auch mit Corona. Ich gehe davon aus, in den nächsten Wochen und Monaten, spätestens Mitte des Sommers, mit belastbaren Zahlen realitätsnäher in die Zukunft prognostizieren zu können.

Wir alle sollten Vertrauen haben. Mein Vertrauen basiert zum einen auf aktuellen Annahmen und dem Wissen um das deutsche Gesundheitssystem, aber auch auf Zahlen schon bekannter Coronaviren und anderen uns bekannten, viralen Infektionen sowie all der Unterschiede in der Sterblichkeit bei den verschiedenen Risikogruppen – und nicht zuletzt auf meiner Erfahrung aus 20 Jahren Medizin und Epidemiologie.

Wir alle sollten unseren natürlichen Fähigkeiten vertrauen, aber auch in die Behandlungen und dem Willen aller Entscheidungsträger, das Richtige zu tun.
Dr. med. Awi Wiesel, Arzt & Epidemiologe

Was können wir Ihrer Ansicht nach aus der aktuellen Corona-Pandemie lernen? 

COVID-19 ist für uns als Menschheit, nicht nur in Europa, die Nagelprobe, wo wir als Gemeinschaft agieren müssen – genau wie in Klimafragen. Wir hoffen, für die Zukunft zumindest zwei Dinge ableiten zu können:

Zum einen braucht es eine medizinische Organisation (z. B. WHO) mit Ausnahmerechten über alle Grenzen hinweg. Dieser Organisation ist es möglich, ganz am Anfang einzugreifen und zu handeln, egal wo auf der Welt. Jedes Zögern ist unverantwortlich. Das ist politisch schwierig, aber für das Allgemeinwohl wesentlich.

Zum anderen sind viele Produktionsstätten – wie die für Schutzkleidung und Medikamente – sehr weit von den Einsatzgebieten, wie zum Beispiel von Krankenhäusern oder Pflegeheimen, entfernt und Abhängigkeiten sind im Zuge der Globalisierung und dem Wunsch auf mehr Wachstum entstanden. Gegebenenfalls lohnt es sich, darüber nachzudenken, diese Engpässe für die Zukunft zu beheben.

Was ist Ihr Fazit zur aktuellen Corona-Situation? Wie geht es weiter?

Unser Wissen wächst täglich. Eine valide, realitätsnahe Neueinschätzung erwarte ich aber frühestens nach der ersten Welle, vielleicht Ende Mai. Wir müssen jetzt am Anfang von einem schlimmstmöglichen Szenario ausgehen. Da sind die ergriffenen Maßnahmen, wie die Isolierung von Risikogruppen, absolut sinnvoll – zumal man sich auch als Angehöriger nicht vorwerfen möchte, am Tod eines geliebten und/oder schutzbefohlenen Menschen die Schuld zu tragen.

Erstelldatum: 0202.30.72|Zuletzt geändert: 0202.30.72
Quelle 1: Johns Hopkins University
coronavirus.jhu.edu/map.html (letzter Abruf 26.03.2020)
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