Vaskuläre Demenz: Morbus Binswanger (SAE), Multi-Infarkt-Demenz und Co.

Vaskuläre Demenz

Die vaskuläre Demenz ist nach der Alzheimer-Demenz die häufigste Demenzform. Es kommt bei ihr aufgrund von kleinen Durchblutungsstörungen zu Schädigung des Hirngewebes. Die häufigsten Unterformen der vaskulären Demenz sind der Morbus Binswanger (SAE) und die Multi-Infarkt-Demenz. Eine Heilungschance gibt es nicht – jedoch kann durch konsequente Behandlung der Risikofaktoren einer vaskulären Demenz vorgebeugt beziehungsweise das weitere Voranschreiten verhindert werden. Inwiefern sich die vaskuläre Demenz von anderen Demenzformen unterscheidet und was mögliche Ursachen und typische Symptome sind, erklärt pflege.de im großen Überblick.

Inhaltsverzeichnis

Vaskuläre Demenz: Definition

Der Begriff vaskulär bedeutet so viel wie „die Blutgefäße betreffend“. Daher sind „vaskuläre Demenzen“ der Überbegriff für alle Demenzformen, die durch Störungen der Blutversorgung im Gehirn verursacht werden. Aus unterschiedlichen Gründen wie Ablagerungen, Verengungen oder Verstopfungen können die Blutgefäße ihrem Auftrag, Blut zu transportieren, nicht mehr ausreichend nachkommen. Die Folge: Nervenzellen werden beschädigt oder sterben sogar ab. Ein Bluthochdruck ist häufig die zugrundeliegende Ursache.(1)

Zudem spielen auch andere kardiovaskuläre Risikofaktoren für die Demenzentwicklung eine wichtige Rolle. Die vaskulären Demenzen machen rund 15 Prozent aller Demenzerkrankungen aus und sind demzufolge nach Alzheimer die häufigste Demenzform.(2)

Das Wichtigste in Kürze

  • Vaskuläre Demenzen sind nach der Alzheimer-Demenz die zweithäufigste Demenzform.(3)
  • Ursache für vaskuläre Demenzen sind kleine Durchblutungsstörungen, wodurch Teile des Gehirns unterversorgt werden und sich Narben bilden.
  • Symptome: Gedächtnis-, Sprach-, Denk- und Bewegungsstörungen, Orientierungsschwierigkeiten, Stimmungsauffälligkeiten
  • Der Verlauf der Krankheit hängt von der Anzahl, Schwere und Lokalisation der Schädigungen ab.

Symptome der vaskulären Demenz

Die Symptome einer vaskulären Demenz können sich unterschiedlich darstellen. Sie können schleichend oder abrupt auftreten. Ausschlaggebend für den Verlauf sind die Anzahl und Schwere der Gefäßverschlüsse und/oder Hirnblutungen. Damit zeigen sich auch Symptome unterschiedlich rasch verlaufend und ausgeprägt, je nachdem, an welchen Stellen des Gehirns sich die Durchblutungsstörungen ereignen.

Zu den typischen Symptomen einer vaskulären Demenz zählen:

  • Denkstörungen
    Beispiel: Eine Routineaufgabe, wie der wöchentliche Umgang mit dem Rasenmäher wird zur Herausforderung.
  • Orientierungsschwierigkeiten
    Beispiel: Bekannte Wege und Routen, die mit dem Auto in der Vergangenheit gefahren wurden oder zu Fuß bestens vertraut sind, können nicht mehr abgerufen werden.
  • Gedächtnisstörungen
    Beispiel: Im Laufe der Erkrankung kann sich der Betroffene immer weniger an Ereignisse erinnern, die erst kurze Zeit zurückliegen.
  • Sprachstörungen beziehungsweise Wortfindungsstörungen
    Beispiel: Betroffene finden nicht mehr die richtigen Worte. Die sonst so unterhaltsamen Erzähler werden immer einsilbiger.
  • Bewegungsstörungen, Schwindelgefühl und häufiges Stürzen
    Beispiel: Ein ursprünglich sportlicher Senior geht immer häufiger in kleinen Schritten. Gewohnte Bewegungsabläufe wirken verlangsamt, unbeholfen und nicht ausbalanciert. Auch Lähmungen können auftreten.
  • Sehstörungen
    Beispiel: Die betroffene Person erkennt teilweise einzelne Gegenstände oder Gesichter nicht mehr.
  • Blasenstörungen (bis zur Inkontinenz)
    Beispiel: Die betroffene Person hat ständigen Harndrang und muss auffällig oft auf die Toilette.
  • Stimmungsauffälligkeiten und Stimmungsschwankungen
    Beispiel: Die sonst immer gut gelaunte Person beginnt vermehrt unkontrolliert zu lachen oder zu weinen (Affektlabilität). Manchmal kann es zu Aggressionen bei Demenz kommen.
  • Vermehrte Müdigkeit
    Beispiel: Gerade noch hellwach und im nächsten Moment kurz eingenickt. Wer sonst tagsüber nicht geschlafen hat, entwickelt eine ausgeprägte Tagesmüdigkeit.

All diese Symptome können selbstverständlich auch andere Ursachen haben wie zum Beispiel Vitamin- oder Flüssigkeitsmangel, Stoffwechselstörungen, Erkrankungen wie die Parkinson-Krankheit oder Infektionen. Die Durchblutungsstörungen, welche zur vaskulären Demenz führen, können überall im Gehirn auftreten und damit verschiedene Symptome hervorrufen. Sollten Sie akut neue Auffälligkeiten bei Angehörigen oder Bekannten beobachten, so sollte schnellstmöglich eine ärztliche Abklärung erfolgen.

Info
Symptome treten plötzlich auf

Im Gegensatz zur Alzheimer-Demenz können die Symptome bei einer vaskulären Demenz ganz plötzlich auftreten – je nachdem wo sich ein Blutgefäß im Gehirn verschlossen hat. Gerade die Multi-Infarkt-Demenz verläuft über lange Phasen nahezu unauffällig. Mal ist der Betroffene deutlich eingeschränkt, findet beispielsweise Worte nicht oder hat Schwierigkeiten, sich zu erinnern, dann ist er wieder klar. Daher gilt: Auch kleine Symptome sollten ernst genommen werden. 

MRT macht Veränderungen in Kopf & Gehirn bei vaskulärer Demenz sichtbar

Bei der vaskulären Demenz kommt es durch Durchblutungsstörungen oder kleine Blutungen zur Unterversorgung von Hirngewebe. Durch den Sauerstoffmangel werden die Gehirnzellen an der Stelle geschädigt und sterben ab. Veränderungen im Gehirn können durch eine Computertomographie (CT) oder eine Magnetresonanztomographie (MRT) festgestellt werden – wobei die MRT die Hirnstruktur und Veränderungen im Kopf detaillierter darstellen kann.(4) Allerdings stellt das bildgebende Verfahren für eine Diagnose erst den zweiten Schritt dar. Zuvor wird vom behandelnden Arzt eine genaue Anamnese erhoben und der Patient untersucht.

Experten-Info

Je nachdem, welche Hirnregion betroffen ist, können ganz unterschiedliche funktionelle Störungen auftreten. Häufig äußern sich diese über die typischen Symptome bei vaskulärer Demenz. Ist beispielsweise das Wernicke-Areal betroffen, also das Sprachzentrum in der linken Gehirnhälfte, haben die Betroffenen Schwierigkeiten mit der Wortfindung und mit dem Verstehen der Wörter.

Dr. med. Christian  Saß
Facharzt für Neurologie

Vaskuläre Demenz: Ursachen & Risikofaktoren

Die Ursachen einer vaskulären Demenz können vielfältig sein. Meist stecken eine oder mehrere kleine oder große Durchblutungsstörungen im Gehirn dahinter. Es kann aber auch ein Blutgerinnsel oder Ablagerungen an den Gefäßwänden sein, die dann zur Verstopfung der Arterien führen. Wird ein Bereich des Gehirns nicht mehr durchblutet, kommt es zu einer Schädigung der Hirnzellen.

Die Symptome bei einer vaskulären Demenz sind nicht immer eindeutig zuzuordnen. Deshalb ist es sinnvoll, andere Erkrankungen wie beispielsweise einen Tumor auszuschließen. Eine vaskuläre Demenz ist zwar nicht heilbar, es gibt aber gute Chancen, gegen ihre Ursache, die Durchblutungsstörungen, vorzugehen. Wichtig ist, dass die Demenz möglichst früh erkannt und behandelt wird.

Risikofaktoren für vaskuläre Demenzen sind:

All diesen Risikofaktoren ist eines gemeinsam: Sie können zu Schädigungen der Blutgefäße, zu Ablagerungen (Arteriosklerose), zu Durchblutungsstörungen und zu Schlaganfällen führen. Sollte keiner der Risikofaktoren zutreffen, so können auch familiäre Krankengeschichten eine vaskuläre Demenz begünstigen. Demnach besteht ein erhöhtes Risiko einer vaskulären Demenz, wenn Vorfahren, Eltern oder nahe Verwandte häufiger Schlaganfälle erlitten haben und wenn Familienmitglieder zu Bluthochdruck neigen.

Tipp
So können Sie das Demenz-Risiko mindern

Das Risiko, an einer vaskulären Demenz zu erkranken, lässt sich nicht völlig ausschließen. Dennoch kann man durch gezielte Maßnahmen versuchen, das Risiko zu senken.
So können Sie einer Erkrankung entgegenwirken:

  • Achten Sie auf einen normalen oder gut eingestellten Blutdruck
  • Verzichten Sie wenn möglich auf Nikotin
  • Ernähren Sie sich ausgewogen
  • Bewegen Sie sich regelmäßig
  • Prüfen Sie Ihre Blutfett- und Blutzuckerwerte
  • Bleiben Sie weiterhin in Kontakt mit anderen und nehmen aktiv am Leben teil
  • Mäßigen Sie Ihren Alkoholkonsum
  • Vermeiden Sie Übergewicht beziehungsweise reduzieren Sie Ihr Gewicht

Diagnose bei vaskulärer Demenz

Um eine eindeutige Diagnose zur vaskulären Demenz zu erhalten, wird der behandelnde Arzt zunächst die genaue Krankenvorgeschichte erfragen. Dabei gilt es herauszufinden, ob vielleicht Bluthochdruck vorliegt oder der Patient bereits einen oder mehrere Schlaganfälle erlitten hat. Er wird viele Fragen stellen, wie zu Verhaltensauffälligkeiten, Bewegungsstörungen und vieles mehr, um sich einen Gesamteindruck zu verschaffen.

Vaskulärer Demenz-Test

In vielen Fällen wird ein Arzt kognitive Screening-Tests einsetzen, zum Beispiel den Mini-Mental-Status-Test (MMST). Das ist ein einfacher Fragebogen („Welcher Tag ist heute?“), der dem Arzt dabei hilft, die kognitiven Fähigkeiten eines Patienten einzuschätzen. Neben dem MMST gibt es weitere Demenz-Tests wie den Uhrentest, den DemTect-Test oder den MoCa-Test.

Bildgebende Verfahren und medizinische Untersuchungen

Hinzu kommen bildgebende Untersuchungen wie etwa Computer- oder Magnetresonanztomografie (CT oder MRT). Selbstverständlich gehören zur Untersuchung auch eine ganze Reihe von Laborwerten, die der Arzt erheben muss. Ein Elektrokardiogramm (EKG) ist ebenso notwendig wie eine Doppler-Sonografie der Hals- und Hirngefäße. Diese schmerzfreie Ultraschalluntersuchung kann einem Arzt erste Hinweise auf den Zustand der Blutgefäße geben.

Vaskuläre Demenz: Verlauf, Stadien und Dauer

Im Gegensatz zu einer Demenz vom Typ Alzheimer, die normalerweise langsam beginnt und sich kontinuierlich verschlechtert, kann sich eine vaskuläre Demenz relativ rasch entwickeln, sich abrupt verschlechtern, zum Stillstand kommen oder sich sogar leicht bessern. Die „Dauer der Erkrankung“ gestaltet sich sehr unterschiedlich und hängt damit zusammen, in welchem Alter die Erkrankung auftritt.

Eine vaskuläre Demenz kann, wenn sie schwer verläuft, dazu führen, dass die Betroffenen ihren Alltag nicht mehr selbstständig bewältigen können, sie bettlägerig werden und eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung benötigen. Eine weit fortgeschrittene vaskuläre Demenz unterscheidet sich in ihrem Verlauf nicht mehr von einer Demenz vom Typ Alzheimer. Häufig sind auch Mischformen zwischen der Alzheimer- und der vaskulären Demenz.

Tipp
Kostenlos den Pflegegrad ermitteln

Im Laufe einer dementiellen Erkrankung benötigen die Betroffenen immer mehr Unterstützung im alltäglichen Leben, die auch Geld kostet. Deshalb ist es wichtig, frühzeitig bei der Pflegekasse einen Antrag auf Pflegeleistungen zu stellen. Denn ab einem bestimmten Grad der Hilfsbedürftigkeit haben Sie Anspruch darauf. Informieren Sie sich rechtzeitig, ob möglicherweise bereits jetzt schon ein Anspruch auf einen Pflegegrad besteht. Mit dem kostenlosen Pflegegradrechner von pflege.de können Sie prüfen, ob bei Ihnen oder Ihrem Angehörigen ein Pflegegrad vorliegt.

Entstehung & Beginn

Der genaue Zeitpunkt bzw. den Beginn einer vaskulären Demenz festzulegen, ist in den meisten Fällen nicht mehr nachvollziehbar. Manche Menschen können ihre Beeinträchtigung länger kompensieren und finden Strategien, den Alltag gut zu bewältigen, wohingegen andere Menschen rasch Auffälligkeiten zeigen und früh Hilfe im Alltag benötigen. Welche Gehirnzellen von der Erkrankung betroffen sind, kann mit einem CT oder MRT festgestellt werden.

Schübe bei vaskulärer Demenz

Typisch für die vaskuläre Demenz ist, dass sie in Schüben auftreten kann – das heißt, dass sich Symptome stufenartig verschlechtern können. Es kann sein, dass die Erkrankung eine Zeit lang zum Stillstand kommt, und dann plötzlich wieder eine Verschlechterung eintritt. Jeder Schub bei einer vaskulären Demenz bedeutet den weiteren Verlust von Fähigkeiten.

Lebenserwartung

Eine vaskuläre Demenz verkürzt das Leben. Durchschnittlich haben Menschen mit vaskulärer Demenz nach Diagnosestellung eine mittlere Lebenserwartung von drei bis fünf Jahren. Je nach körperlicher Gesamtverfassung kann das entsprechend variieren. Der Grund für die geringere Lebenserwartung bei Menschen mit einer vaskulären Demenz liegt zum einen in der Gefahr eines weiteren Schlaganfalls oder auch Herzinfarktes und zum anderen daran, dass eine Demenz im Endstadium immer Komplikationen verursacht, zum Beispiel Lungenentzündungen durch Verschlucken oder Druckgeschwüre (Dekubitus) durch Bettlägerigkeit. (5)

Umso wichtiger sind eine gute und wertschätzende Pflege, Betreuung und Aktivierung, die den Betroffenen dabei helfen, so lange wie möglich selbstbestimmt am Leben teilzunehmen, unter Menschen zu sein, an Aktivitäten teilzunehmen und auch Neues kennenzulernen.

Tipp
Lassen Sie die Krankheit nicht zum Tabu werden

Bedenken Sie, dass eine Demenz zwar eine ernsthafte, schwere und sehr herausfordernde Erkrankung ist, aber die Betroffenen sind Menschen wie die Gesunden auch. Sie sind nicht ihre Krankheit, sondern sie haben eine Erkrankung – und deshalb haben sie auch ein Recht darauf, sich möglichst frei zu bewegen, sich Wünsche zu erfüllen und so selbstständig wie möglich zu leben. Das geht am besten, wenn pflegende Angehörige und Familienmitglieder die Erkrankung offen und klar kommunizieren. So haben auch andere (zum Beispiel Nachbarn oder Freunde) die Chance, offen und ehrlich mit dem Erkrankten umzugehen.

Endstadium

Das Endstadium bei einer vaskulären Demenz wie beispielsweise Morbus Binswanger unterscheidet sich kaum von anderen Demenzerkrankungen. Meist sind die Erkrankten rund um die Uhr bettlägerig, können sich kaum mehr bewegen und benötigen Hilfe beim Essen und Trinken. Die Sprache ist völlig versiegt und eine Kommunikation ist so gut wie nicht mehr möglich. Meist sterben demenzerkrankte Menschen an einer Infektion wie beispielsweise einer Lungenentzündung in Folge einer Schluckstörung.

Verschiedene Arten der vaskulären Demenz

Unter den vaskulären Demenzen sind Morbus Binswanger und die Multi-Infarkt-Demenz die häufigsten Klassifizierungen. Wie sie insgesamt in alle Demenzformen eingeordnet werden, erkennen Sie an der folgenden Infografik:

Multi-Infarkt-Demenz

Bei jeder vaskulären Demenz ist die Durchblutung des Gehirns gestört. Manchmal ist ein einzelner, schwerer Schlaganfall dafür verantwortlich, oft aber sind es mehrere, sogenannte Multi-Infarkte.

Morbus Binswanger / SAE-Krankheit

Bei der häufigsten Form der vaskulären Demenz sind Wandverdickungen in kleinen Blutgefäßen des Gehirns (Arteriosklerose) die Ursache.(1) Diese sogenannte „subkortikale arteriosklerotische Enzephalopathie (SAE)“, auch Morbus Binswanger genannt, wurde zuerst von dem deutschen Nervenarzt Otto Ludwig Binswanger (1852-1929) beschrieben. Manchmal wird auch der Begriff „subkortikale Demenz“ oder „subkortikale vaskuläre Demenz“ verwendet. Bluthochdruck ist der bedeutendste Risikofaktor.(1)

 

Info
Mischform aus Alzheimer-Demenz & vaskulärer Demenz

Übrigens ist es gar nicht so selten, dass Patienten an einer Mischform aus Alzheimer-Demenz und vaskulärer Demenz erkranken. Gerade bei älteren Menschen sind solche Mischformen häufig. Umso wichtiger ist es, dass die Art der Demenz genau eingeordnet wird. Nur dann können die Ärzte auch die richtige Therapie verordnen – so werden zum Beispiel bestimmte Medikamente (sogenannte Antidementiva) zwar bei der Alzheimer-Demenz, jedoch nicht bei einer vaskulären Demenz eingesetzt. Umso wichtiger sind hier eine detaillierte Diagnose und eine entsprechende ärztliche Behandlung.

Behandlung und Therapie der vaskulären Demenz

Eine Behandlung bei einer vaskulären Demenz kann die Erkrankung selbst zwar nicht heilen, aber dazu führen, dass geistige Fähigkeiten länger erhalten bleiben oder körperliche Defizite möglichst gering bleiben. Bei einer Therapie der vaskulären Demenz unterscheidet man zwischen einer medikamentösen Therapie und einer nicht-medikamentösen Therapie.

Behandlung einer vaskulären Demenz ohne Medikamente

Es gibt nicht-medikamentöse Behandlungsmethoden, die im frühen und im mittleren Stadium hilfreich sein können. Mithilfe einer Ergotherapie können die Erkrankten vorhandene Fähigkeiten trainieren, um sie möglichst lange zu erhalten. Auch eine Musik- oder Tanztherapie hilft die Sinne zu trainieren und die so wichtige Lebensfreude zu erhalten. Erkrankte mit Gangunsicherheiten sollten ein regelmäßiges Gehtraining absolvieren. Weitere Möglichkeiten bietet der pflege.de Ratgeber zum Thema Behandlung und Therapie von Demenz.

Weitere Möglichkeiten, einer vaskulären Demenz entgegenzuwirken

Um den Verlauf möglichst zu verlangsamen, können folgende Maßnahmen ergriffen werden:

  1. Auf Nikotin verzichten und Gewicht abnehmen
    Übergewicht kann eine vaskuläre Demenz begünstigen.
  2. Blutverdünnende Medikamente einnehmen
    Wer schon einmal einen Schlaganfall erlitten hat oder zur Risikogruppe zählt, sollte seinen Arzt auf blutverdünnende Medikamente ansprechen. So können möglicherweise weitere Schlaganfälle verhindert werden.
  3. Herzschwäche und Herzrhythmusstörungen behandeln
    Wer zugrundeliegende Erkrankungen wie Herzschwäche oder Herzrhythmusstörungen behandeln lässt, kann damit das Risiko eines Schlaganfalls senken.
  4. Empfohlen wird auch eine Umstellung der Ernährung und weniger tierische Fette zu sich zu nehmen.

Behandlung einer vaskulären Demenz mit Medikamenten

Ob und wann eine medikamentöse Behandlung Sinn macht, hängt von der Ursache der vaskulären Demenz ab und wird Ihr Arzt mit Ihnen entscheiden. Tatsache ist jedoch, dass es keine spezifische Zulassung für ein Medikament gegen die vaskuläre Demenz gibt.

Allerdings werden bei entsprechender Indikation Medikamente wie beispielsweise zur Gerinnungshemmung oder gegen hohen Blutdruck eingesetzt. Damit sollen weitere Gefäßschädigungen oder Infarkte vermieden werden.

Um Symptome wie Wahn, Angst, Depression oder Schlafstörungen zu lindern, werden auch Psychopharmaka eingesetzt.

Info
Einsatz von Psychopharmaka bei vaskulärer Demenz

In den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie e. V. (DGN) wird empfohlen, dass vor einer medikamentösen Gabe von Psychopharmaka geprüft wird, ob ein innerer Auslöser besteht, der behoben werden kann. Beispiele für mögliche innere Auslöser sind unter anderem Schmerz, Hunger, Dehydratation, Schlafstörung, Abführprobleme, internistische Erkrankungen, zwischenmenschliche Konflikte, ungeeignete Medikamente et cetera.

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Tipps für pflegende Angehörige

Der „richtige“ Umgang mit Demenz ist gerade für Angehörige der erkrankten Person nicht immer leicht. Nicht nur, dass sich einige Verhaltensweisen ihres vertrauten Familienmitglieds ändern können, im späteren Verlauf kann sich auch die Persönlichkeit eines Menschen völlig verwandeln. War beispielsweise die Person bisher immer geduldig und ausgeglichen, kann sie plötzlich sehr ungeduldig und fordernd werden.

Die so eine und andere Veränderung stellen für Angehörige oft eine besondere Herausforderung dar. Gerade emotionale Ausbrüche, wie etwa Wut und Aggressionen bei Demenz, können den Pflegealltag für alle Beteiligten erschweren. Wenn Sie ein Familienmitglied mit Demenz pflegen, machen Sie sich immer wieder bewusst: Hinter dieser Erkrankung steckt immer noch derselbe Mensch mit einer Lebensgeschichte und eigenem Willen. So schwer es Ihnen teilweise auch fallen kann, versuchen Sie möglichst einfühlsam zu sein. Ein fürsorglicher Umgang gibt demenzerkrankten Menschen ein sicheres Gefühl und kann Stresssituationen entgegenwirken.

Für Sie als Angehöriger ist es wichtig, dass Sie weiterhin Kontakt halten und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Vermeiden Sie es, sich vor Scham zurückzuziehen.

  • Informieren Sie sich über die Erkrankung und holen Sie Unterstützung ein.
    Beispielsweise bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V..
  • Gibt es eine Nachbarschaftshilfe in der Nähe, die Sie stundenweise entlasten kann?
  • Nehmen Sie Kontakt zu einer Alzheimer-Angehörigengruppe auf.
  • Schauen Sie nach Einrichtungen in der Nähe wie Kurzzeitpflege oder Tagespflege, die Sie zur Entlastung nutzen können.
Tipp
Verhalten von Demenzerkrankten besser verstehen

Nutzen Sie Schulungsangebote für pflegende Angehörige. Dort lernen Sie Verhaltensweisen im Umgang mit einem Demenzerkrankten. Diese Schulungen sind für Sie kostenfrei und werden von der Pflegekasse bezahlt. 

Tipp
Podcast: Entlastungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige

In unserem Podcast sprechen wir mit der Pflegeexpertin Isabella Schüling über die Entlastungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige von dementiell erkrankten Menschen. 

Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet eine vaskuläre Leukenzephalopathie?

Mit dem Begriff Leukenzephalopathie sind Veränderungen der weißen Substanz des Gehirns gemeint. In dieser weißen Substanz liegen hauptsächlich Nervenzellfasern, die für den Transport von Informationen zuständig sind. Der Begriff vaskulär, weist auf eine gefäßbedingte Erkrankung hin. Übersetzt heißt vaskulär „die Gefäße betreffend“.

Was ist vaskuläre Demenz?

Eine vaskuläre Demenz ist eine Form der Demenzerkrankung, deren Ursache gefäßbedingt sind. Aufgrund von Durchblutungsstörungen werden Gehirnzellen nicht mehr gut versorgt und sterben ab. Je nachdem, welche Teile des Gehirns betroffen sind, wirkt sich das für die Betroffene auf ihr tägliches Leben aus und geht mit dem Verlust einer Fähigkeit einher.

Was bedeutet SAE?

Eine subkortikale arteriosklerotische Enzephalopathie, kurz SAE-Krankheit, wird auch als Morbus Binswanger bezeichnet und ist eine Unterform der vaskulären Demenz.

Wie hoch ist die Lebenserwartung bei vaskulärer Demenz?

Eine genaue Zahl dafür gibt es nicht. Wie lange ein Mensch mit einer vaskulären Demenz leben wird, hängt auch mit der eigenen körperlichen Konstitution zusammen. Die durchschnittliche Lebenserwartung für Menschen mit vaskulärer Demenz liegt bei drei bis fünf Jahren nach Diagnosestellung. (5)

Was ist eine vaskuläre Enzephalopathie?

Unter einer vaskulären Enzephalopathie versteht man eine Hirnschädigung aufgrund gefäßbedingter Prozesse. Meist entwickelt sich aus dieser Erkrankung dann auch eine Demenz.

Wie entsteht eine vaskuläre Demenz?

Durchblutungsstörungen führen zur Unterversorgung von Hirnarealen mit Sauerstoff. Hirnzellen werden nicht mehr richtig versorgt und sterben ab. Ursache dafür können Blutgerinnsel, Ablagerungen oder Infarkte sein.

Wie äußert sich eine vaskuläre Demenz?

Der Beginn einer vaskulären Demenz geht meist mit erschwerten Denkprozessen einher. Komplizierte Zusammenhänge werden nicht mehr oder nur schwer verstanden. Auch die Sprache kann im weiteren Verlauf der Erkrankung gestört sein. Die betroffene Person findet nicht mehr die passenden Wörter und hat Probleme beim Sprechen. Hinzu kommen Schwierigkeiten beim Gehen und der Koordination.

Wie verläuft eine vaskuläre Demenz?

Typisch für einen Verlauf der vaskulären Demenz sind die Schübe, die stufenweise eine Verschlechterung bewirken. Verantwortlich dafür sind kleine oder größere Hirninfarkte, die Teile des Gehirns zerstören.

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Erstelldatum: 6102.11.61|Zuletzt geändert: 2202.40.91
(1)
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz
www.deutsche-alzheimer.de/demenz-wissen/andere-demenzformen (letzter Abruf am 29.07.2021)
(2)
Alzheimer Forschung Initiative e.V.
www.alzheimer-forschung.de/alzheimer/wasistalzheimer/alzheimer-demenz/vaskulaere-demenz/ (letzter Abruf am 29.07.2021)
(3)
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V.
www.deutsche-alzheimer.de/fileadmin/Alz/pdf/BildgebendeVerfahrenalz-1-05_01.pdf (letzter Abruf am 29.10.2021)
(4)
Stiftung der privaten Krankenkasse
https://www.stiftung-gesundheitswissen.de/wissen/vaskulaere-demenz/hintergrund (letzter Abruf am 29.10.2021)
(5)
Nature Reviews Disease Primers (Nat Rev Dis Primers), Autoren: W. M. van der Flier, I. Skoog, J. A. Schneider, L. Pantoni, V. Mok, C. L. H. Chen & P. Scheltens: Vascular cognitive impairment (2018) [Englisch-sprachige Quelle]
https://doi.org/10.1038/nrdp.2018.3 (letzter Abruf am 12.01.2022)
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Interview

Vaskuläre Demenz – Erfahrungen einer Angehörigen

Kirstin Puchner
Im Interview
Kirstin Puchner
Pflegende Angehörige, Mitglied im Netzwerk Pflege zuhause von pflege.de

Erfahrungen als pflegende Angehörige sammelt Kirstin Puchner seit 1986. Als sie sich zeitgleich um zwei Familienangehörige kümmerte, gab sie ihren Beruf 2014 für die Pflege auf. Heute pflegt Kirstin ihren Ehemann, der an vaskulärer Demenz erkrankt ist. Ihr Wissen und ihre Erfahrungen teilt sie als Mitglied im Netzwerk Pflege zuhause von pflege.de. Sie selbst leidet an Fibromyalgie.

Was mit unpassenden Worten anfing, wurde Jahre später über einige Umwege als vaskuläre Demenz diagnostiziert. Seit 2018 wissen Kirstin und ihr Mann, dass er an vaskulärer Demenz leidet – einer Demenzform, die meist ausgelöst wird durch kleine Durchblutungsstörungen im Gehirn. Als er die Diagnose erhält, ist Kirstins Mann 61 Jahre alt. Im Interview erzählt Kirstin Puchner, welche Anzeichen sie stutzig werden ließen, was sich verändert hat und wie sie heute den gemeinsamen Umgang mit der Erkrankung ihres Mannes meistern.

pflege.de: Hallo Kirstin, du bist Mitglied im Netzwerk Pflege zuhause von pflege.de. Wir wissen daher, dass du langjährige Erfahrung als pflegende Angehörige hast. Zuerst hast du deinen Vater gepflegt, dann deine Mutter und Schwiegermutter und jetzt deinen Ehemann. Mit vaskulärer Demenz hattest du zuvor noch keine Berührungspunkte. Was waren deine ersten Verdachtsmomente, dass dein Mann von einer Demenz betroffen sein könnte?

Kirstin Puchner: Angefangen hat es eigentlich damit, dass mein Mann unpassende Worte beim Sprechen benutzt hat. Wenn ich gesagt habe, „bringe bitte den Brotkorb mit“, dann war seine Reaktion darauf zum Beispiel „Brottüte“. Zu Beginn waren es noch verwandte Wörter, die nicht ganz treffend waren. Zuerst dachte ich, er wäre einfach erschöpft von der Arbeit. Als LKW-Fahrer musste er sich den ganzen Tag konzentrieren. Auch in Gesprächen hat er immer häufiger nach Worten gesucht, was die Unterhaltung ins Stocken geraten ließ. Das kam in der Vergangenheit natürlich schon mal vor und geht sicherlich jedem mal so, aber bei ihm wurde es über die Zeit immer häufiger. Das hat mich dann stutzig gemacht.

pflege.de: Wann und wie wurde die Diagnose „Vaskuläre Demenz“ bei deinem Mann gestellt?

Kirstin Puchner: Der Weg zur Demenz-Diagnose war recht lang und nicht gerade unbeschwerlich. Von den ersten Anzeichen bis zur Diagnose hat es gut drei Jahre gedauert. Außerdem wollte mein Mann nicht direkt zum Arzt – da musste ich schon einiges an Tricks anwenden, damit er sich untersuchen lässt. Als wir beim Arzt waren, wurden erst einmal Herz-Rhythmus-Störungen festgestellt. Da waren die Wortfindungsstörungen fürs Erste vergessen.

Als dann seine rechte Hand zu zittern anfing, haben wir einen Neurologen aufgesucht. Der erste Verdacht, er könnte an Parkinson erkrankt sein, wurde von weiteren Tests widerlegt. Beim Neurologen wollten wir dann auch die Wortfindungsstörungen abklären lassen. Der Arzt hat uns zu Beginn aber nicht ernst genommen. Er habe die Wortfindungsstörungen während der Untersuchung nicht als so schlimm empfunden. Ich habe ihm klar gemacht, dass er nur einen Ausschnitt von meinem Mann sieht, einen kurzen Moment, in dem er sich stark konzentriert. Ich hingegen sah das Gesamtbild meines Mannes, das sich verändert hat. Im Anschluss wurden Demenz-Tests gemacht, die auch nicht sonderlich auffällig waren. Allerdings bestand ich darauf, dass eine MRT (Anmerkung der Redaktion: Magnetresonanztomographie, bildgebendes Verfahren) vom Kopf gemacht wird. Der Radiologe hat uns im Befundgespräch darauf aufmerksam gemacht, dass bereits Veränderungen im Gehirn sichtbar sind, die durch Durchblutungsstörungen ausgelöst wurden. Nach dem Ausschlussverfahren wurde also eine vaskuläre Demenz festgestellt.

pflege.de: Wie hat dein Mann die Diagnose aufgenommen? Und wie seid ihr vor allem zu Beginn mit der neuen Situation umgegangen?

Kirstin Puchner: In der ersten Zeit war es schon schwierig. Dazu haben viele Dinge beigetragen: Nach einem Schlaganfall konnte er von heute auf morgen nicht mehr arbeiten, hatte einen Pflegegrad und bekam aufgrund seiner Beeinträchtigungen einen Schwerbehindertenausweis. Darüber hat er sich anfänglich schon aufgeregt und geschimpft. Ich habe versucht, ihm daraufhin zwei wesentliche Dinge klarzumachen. Erstens, er bleibt weiterhin derselbe Mensch. Und zweitens, es ist doch erleichternd, einen Nachteilsausgleich in der Gesellschaft zu bekommen. Nach und nach haben sich diese positiven Gedanken gefestigt.

Der Umgang hat sich verbessert, als er gelernt hat, die Erkrankung zu akzeptieren und wir haben uns im neuen Alltag eingespielt. Und natürlich helfen auch die Maßnahmen wie Ergotherapie, eine Ernährungsumstellung und viel mehr Bewegung. Mit diesen Maßnahmen haben wir die Erkrankung aktuell gut im Griff.

pflege.de: Zu einer neuen Situation kann ja auch gehören, Außenstehende zu informieren. Wie habt ihr die Diagnose im Freundes- und Bekanntenkreis kommuniziert?

Kirstin Puchner: Für mich war das zu Beginn schwierig. Ich war darauf bedacht, ihn nicht bloßzustellen. Bei einigen Freunden habe ich am Telefon erklärt, wie er sich verhält und was es mit der Diagnose auf sich hat. Ich finde es nämlich wichtig, die Berührungsängste vor der Erkrankung zu nehmen.

Inzwischen gehen wir beide damit lockerer um, sind ein eingespieltes Team. Jetzt frage ich ihn zum Beispiel am Tisch, ob ich es Freunden, die wir lange nicht gesehen haben, vor ihm sagen darf. Dabei kommt es aber immer auf die Leute und die Situation an.

pflege.de: Du ziehst schon einen Vergleich von früher zu heute. Haben sich die Symptome heute verschlimmert?

Kirstin Puchner: Selbst mit vielen Übungen sind eine vaskuläre Demenz und ihre Folgen nicht rückgängig zu machen. Ja, die Erstanzeichen haben sich mit der Zeit verstärkt: Heute kann er Gesprächen mit tieferem Inhalt nicht mehr weit folgen. Werden die Zusammenhänge zu komplex, schaltet er ab und zieht sich dann in sich zurück, ohne Ankündigung. Oder er macht im Gespräch Anmerkungen, die in der Situation nicht so richtig passen.

Wenn wir irgendwo eingeladen sind, wo mehrere Leute sind, beteiligt er sich von sich aus nicht mehr an Gesprächen. Er muss dann explizit angesprochen werden.

pflege.de: Wie hat sich mittlerweile euer Alltag mit vaskulärer Demenz eingependelt?

Kirstin Puchner: Wir haben inzwischen eine feste Tagesstruktur – für ihn und für mich. Für meinen Mann sind die gewohnten Abläufe besonders wichtig, weil er sich daran orientieren kann – und das gibt ihm ein sicheres Gefühl. Aber auch mir erleichtert der feste Tagesablauf beispielsweise die Planung von Arztterminen.

pflege.de: Möchtest du einen Einblick in euren Alltag geben? Habt ihr beispielsweise auch besondere Rituale, die du anderen betroffenen Familien empfehlen kannst?

Kirstin Puchner: Ja, sehr gerne. Menschen, die an vaskulärer Demenz leiden, sollen sich viel bewegen. Jeden Morgen steht mein Mann vor mir auf und geht mit dem Hund eine Stunde lang Gassi. Vielleicht könnte ich eher sagen, dass der Hund sein Herrchen Gassi führt, denn unser Hund hat seinen Weg, den er morgens immer läuft. In der Zwischenzeit bereite ich das Frühstück vor. Wenn er zurück ist, folgt eine liebevolle Begrüßung, mit der ich ihm zeige, dass er mir wichtig ist und ich für ihn da bin. Nach dem gemeinsamen Frühstück setzt er sich in seinen Sessel und liest Zeitung.

Wir beide haben die Ernährung umgestellt, um die vaskuläre Demenz im Zaum zu halten, sage ich mal. Viel Obst und Gemüse, viel weniger Fleisch als früher.

Ich binde meinen Mann beim Kochen ein, indem er bei den Vorbereitungen hilft: Er putzt Gemüse, schneidet Zutaten und deckt den Tisch. Ich muss ihm auch nicht sagen, wie viele Teller wir brauchen, weil es so routiniert ist.
Kirstin Puchner

Nach dem Essen machen wir Mittagspause. Dann hat mein Mann seine Serien, die er schaut. Wenn er dem nicht mehr folgen kann, begibt er sich in eine andere Situation und nimmt sich zum Beispiel eine Zeitung. Ob er sie dann wirklich liest oder nur so tut, kann ich nicht sagen.

Nach der Pause machen wir gemeinsam den Abwasch in der Küche. Er hilft mir bei allem bereitwillig. Ich bin für ihn da und er für mich. Nachmittags können wir gemeinsam etwas unternehmen. Meist gehen wir mit dem Hund raus und fahren zum Spazieren zum See oder beschäftigen uns mit unseren Enkelkindern. Oder mein Mann macht zuhause seine Ergotherapie-Übungen. Abends gehen wir nochmal gemeinsam eine Stunde mit dem Hund raus – auch bei Wind und Wetter, denn die Bewegung tut uns allen gut. Im Anschluss bereiten wir gemeinsam das Abendessen vor.

Wegen seiner Medikamente ist er abends früh müde. Zwischen 20:00 und 20:30 Uhr verabschiedet er sich ins Bett und dann habe ich meine freie Zeit, in der ich mir meinen Ausgleich schaffe.

Orientierungshilfe
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pflege.de: Welche Vorkehrungen trefft ihr, um diesen Alltag so zu ermöglichen?

Kirstin Puchner: Wenn mein Mann morgens mit dem Hund unterwegs ist, hat er sein Handy immer dabei. Es ist alles so eingestellt, dass er nicht viel klicken muss. Im Portemonnaie hat er eine Karte, auf der seine Erkrankungen gelistet sind mit Hinweisen, was im Notfall zu beachten ist. Also zum Beispiel wer zu informieren ist, welche lebensnotwendigen Medikamente er nimmt. Wenn er das Handy anschaltet, kommt ein Hinweis darauf.

Zuhause haben wir einen Kalender mit einer Markierung an der Tür, die zeigt, welcher Tag ist. Es hat sich routiniert, dass er nach dem Aufstehen erst einmal darauf schaut. So kann er sich zeitlich orientieren.

Ich würde sagen, eine wichtige Vorkehrung kann sein, frühzeitig demenzgerechte Routinen im Alltag zu schaffen, die zu Automatismen werden. Damit erleichtern wir uns den Alltag.

pflege.de: Du hast erzählt, dass dein Mann verschiedene Medikamente nehmen muss. Wie läuft die Medikamentengabe bei euch ab?

Kirstin Puchner: Mein Mann nimmt am Tag 10 Tabletten. Ich bereite seine Medikamente einmal in der Woche vor und lege sie in Medikamentendosen, auf denen „morgens, mittags, abends, nachts“ steht. Die Tabletten für den Tag liegen eigentlich immer auf dem Esstisch und er weiß, dass er sie nehmen muss. Das läuft ganz unkompliziert. Ich glaube, auch das ist eine Sache der Routine.

Wenn man zu Beginn der Erkrankung damit anfängt, Wiederkehrendes im Alltag zu schaffen, erleichtert man sich dadurch einiges. Zumindest kann ich das für unseren Alltag so sagen.
Kirstin Puchner

Wenn die Medikamente nicht auf dem Tisch liegen, merkt mein Mann auch, dass etwas fehlt. Er benennt dann nicht, was es ist, aber er merkt eben, dass etwas anders ist. Abends kontrolliere ich dann aber schon noch einmal, ob er die Tabletten genommen hat und erinnere ihn unter Umständen noch einmal daran.

Was ich außerdem noch wichtig finde, ist, das Vertrauensverhältnis und die Wertschätzung aufrechtzuerhalten. Wenn er ein neues Medikament bekommt, sage ich ihm das. Außerdem bedanke ich mich bei ihm, dass er so gut mitmacht. Ich zeige ihm, dass ich ihn noch genauso liebe wie vorher.

pflege.de: Das klingt alles sehr harmonisch und liebevoll. Gibt es aber auch Momente, in denen es mal nicht so gut läuft?

Kirstin Puchner: So gut der gemeinsame Alltag mit der Erkrankung auch funktioniert – natürlich gibt es auch herausfordernde Momente. Ich bin selbst krank. Wenn ich Schübe habe, Medikamente nehme und versuche, den Anforderungen Stand zu halten, verliere ich manchmal die Geduld. Wenn meinem Mann in dieser Phase zum Beispiel etwas einfällt, das er zusammenhangslos und unverständlich erzählt. Das, was ihm gerade in den Kopf kommt und ich ihm dann nicht folgen kann – ja, da passiert es manchmal, dass ich ungeduldig und etwas lauter werde. Im nächsten Augenblick merke ich sofort, dass ich das nicht hätte machen sollen und ich spüre, wie er sich zurückzieht. Das tut mir dann sehr leid, weil ich es zu schätzen weiß, wenn er sich selbst darum bemüht, ein Gespräch mit mir anzufangen. Mit meiner Reaktion unterbinde ich dann diesen Versuch. Wir mussten am Anfang aber auch erst einmal lernen, damit umzugehen. Ich entschuldige mich dann direkt bei ihm, suche dann körperlichen Kontakt und nehme ihn in den Arm. Danach ist es auch wieder gut.

pflege.de: Was hat sich durch die vaskuläre Demenz verändert?

Kirstin Puchner: Durch die Erkrankung riecht und schmeckt mein Mann nichts mehr. Wenn er im Keller mit Verdünnung hantiert und ich das durch das Treppenhaus rieche, dann muss ich da manchmal auch rennen. Ich muss den ganzen Tag um ihn herum sein. Das war früher nicht so.

Während er früher nicht auf Hilfe angewiesen sein wollte und den starken Mann gemimt hat, steht er heute dazu und gibt mir Bescheid, wenn ich ihn unterstützen soll. Dass er sich mir jetzt unter diesen Bedingungen so öffnet, ist ein Puzzlestück von vielen gewesen. Es passiert nicht in einem langen Gespräch, dass man die gesamte Situation reflektiert und von jetzt auf gleich alles akzeptiert. Es ist vielmehr ein großes Puzzle mit vielen Teilen, das sich nach und nach zusammenfügt. Heute sind wir beide an einem Punkt, an dem wir gut damit leben können. Ich übernehme die Verantwortung für ihn und er lässt das zu. Er wehrt sich nicht mehr gegen die Diagnose, sondern versucht, das Beste daraus zu machen.

pflege.de: Wird es mit der Zeit also leichter, mit der Diagnose zu leben und umzugehen?

Kirstin Puchner: Ich würde sagen, wenn man sich mit der Erkrankung beschäftigt, wird es leichter. Es ist wichtig, nicht die Augen zu verschließen oder die Erkrankung zu fürchten.

Mein Mann und ich haben ein großes Vertrauensverhältnis. Er weiß, dass ich immer den Menschen im Blick habe, den Respekt bewahre und ihn nicht vor anderen lächerlich mache, weil er sich verändert. Dadurch kann ich ihn sehr gut leiten und lenken, was uns die Situation ungemein erleichtert.

pflege.de: Inwiefern hat sich eure Ehe mit der Erkrankung verändert?

Kirstin Puchner: Ich würde sagen, alles in allem hat uns die Erkrankung näher zusammengebracht. Im Gegensatz zu früher koordiniere ich heute seinen Alltag – und ich bin jetzt seine Begleitperson, die nahezu überall mit dabei ist. Aber ich weiß, dass er noch derselbe Mensch ist. Wir haben uns die Zärtlichkeit bewahrt, auch wenn Sexualität wegen der vielen Medikamente jetzt keine Rolle mehr spielt. Wir sind ein starkes Team und führen eine harmonische Ehe. Wenn ich mich in meinem Freundeskreis unter den Paaren umschaue, die gesund sind, bin ich trotzdem glücklich, wie die Ehe mit meinem kranken Mann verläuft. Wir versuchen, das Beste daraus zu machen. Natürlich weiß ich nicht, wie schlimm es irgendwann noch einmal wird. Momentan befinden wir uns auf einer guten Basis.

pflege.de: Erhältst du in der Pflege deines Mannes auch Unterstützung?

Kirstin Puchner: Mein Mann hat Pflegegrad 3. Die Höhe des Pflegegrads hängt aber nicht nur mit der vaskulären Demenz zusammen. Darüber beziehen wir das Pflegegeld der Pflegeversicherung. Ich bin nicht mehr berufstätig und kann mich darauf konzentrieren, meinen Mann zu pflegen. Wenn es mir aufgrund meiner eigenen Erkrankung nicht gut geht, unterstützt uns unsere Tochter, die im selben Haus wohnt.

pflege.de: Welche Tipps hast du für Betroffene und ihre Angehörigen, die deinen Erfahrungsbericht lesen?

Kirstin Puchner: Betroffenen und Angehörigen möchte ich raten, erste Anzeichen ernst zu nehmen. Wenn Ärzte euch abwimmeln, ohne Antworten zu liefern, bleibt dran. Es geht um eure Gesundheit. Pflegende und Gepflegte müssen lernen, mit der neuen Situation umzugehen. Das Wichtigste dabei ist, sich gut zu informieren und zu handeln. Betroffene sollten sich nicht in die Opferrolle drängen.

Angehörigen möchte ich gern an die Hand geben, dass sie Betroffenen trotz Erkrankung weiterhin zeigen, dass sie noch genauso viel Wert sind wie vorher. Über die Erkrankung zu reden, was sie mit sich bringt, worin Ängste liegen, kann helfen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Gespräche nach und nach stattfinden, die sich wie Puzzleteile zusammenfügen und eine Basis von Vertrauen und Verständnis schaffen. Auch der Austausch im Familien- und Freundeskreis kann wichtig sein, um Berührungsängste zu nehmen.

Pflegende Angehörige sollten auch auf sich achten und einen Ausgleich schaffen. Es gibt außerdem Hilfsangebote, die über Pflegeleistungen finanziert werden können. Es gibt Hilfe durch ambulante Dienste, stundenweise Demenzbetreuung und vieles mehr. Es ist wichtig, sich zu informieren und die Hilfe anzunehmen, die benötigt wird.

Ratgeber
Demenzbetreuung » Möglichkeiten & Finanzierung im Überblick
Erstelldatum: 2202.10.42|Zuletzt geändert: 2202.60.31
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