Definition: Was versteht man unter Immobilität?
Immobilität oder Unbeweglichkeit ist die stärkste Form der Bewegungseinschränkung. Betroffene verlieren ganz oder teilweise die Fähigkeit, sich selbstständig fortzubewegen oder sogar nur die eigene Körperposition zu verändern. Die Folgen sind Muskelabbau und ein zunehmender Verlust ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit, was häufig mit einem hohen Pflegebedarf einhergeht.(1)
Das letzte Stadium der Immobilität ist die Bettlägerigkeit. Maßnahmen, um eine Immobilität zu behandeln, werden unter dem Begriff Mobilisation zusammengefasst.
Formen der Immobilität
Immobilität kann akut oder dauerhaft auftreten, und sie kann sich über einen längeren Zeitraum ankündigen. Entsprechend kann man drei Formen der Immobilität unterscheiden:
- Drohende Immobilität geht mit einzelnen Mobilitätseinbußen einher, die Betroffenen sind aber noch nicht vollständig unbeweglich. Wird sie als solche erkannt, ist hier der richtige Zeitpunkt, um einer Immobilität vorzubeugen.
- Akute Immobilität tritt kurzfristig auf, etwa nach einer Operation, einem Knochenbruch oder während eines akuten Krankheitsschubs.
- Chronische beziehungsweise fortschreitende Immobilität bahnt sich schleichend an. Sie tritt häufig im Rahmen chronischer Erkrankungen sowie im höheren Lebensalter auf.
Ursachen für Immobilität und Einflussfaktoren
Meist ist Immobilität die Konsequenz aus verschiedenen Umständen, die zusammenkommen.
Ein Beispiel: Herr Meier ist 79 Jahre alt. Er erkrankt an einer schweren Grippe und ist gezwungen, im Bett zu bleiben. Bereits nach kurzer Liegezeit verliert er an Muskelkraft. Nach einer Woche sind seine Muskeln um ein Zehntel zurückgegangen. Obwohl die Grippe überstanden ist, fühlt sich Herr Meier zu schwach, um allein aufzustehen. Hinzu kommt, dass sich seine Gelenkarthrose meldet, die jede Bewegung schmerzhaft begleitet. In seinem Haushalt befindet sich außerdem keine Person, die ihn motiviert, das Bett zu verlassen. Das Alleinsein schlägt sich auch auf seine Stimmung nieder. Herr Meier zieht sich immer mehr zurück. Am Ende ist es keine Frage des Wollens mehr, er ist einfach nicht mehr in der Lage, aufzustehen.
Einflussfaktoren für eine zunehmend eingeschränkte Mobilität
Die Einflussfaktoren können körperlicher, seelischer und umgebungsbedingter Art sein. Sie treten akut auf oder bahnen sich über einen längeren Zeitraum an.
Akute Ereignisse:
- Krankenhausaufenthalte mit Bettruhe
- Nach Operationen, insbesondere nach Knochenbrüchen (wie einem Oberschenkelhalsbruch)
- Akute Schmerzen, die eine Schonhaltung oder Bewegungsvermeidung auslösen
- Nach einem Schlaganfall
Chronische oder altersbedingte Faktoren:
- Bei altersbedingtem Muskelabbau (Sarkopenie)
- Neurodegenerative Erkrankungen (wie Parkinson, fortgeschrittene Demenz)
- Chronische Schmerzsyndrome (wie Arthrose)
- Osteoporose mit erhöhtem Bruchrisiko
Psychische und soziale Faktoren:
- Sturzangst, insbesondere nach einem Sturz (Post-Fall-Syndrom)
- Depression mit Antriebsverlust
- Nicht vorhandene soziale oder räumliche Ressourcen (zum Beispiel fehlende Hilfsmittel, ungeeignete Wohnsituation, mangelnde Unterstützung)
Durch Medizin oder Pflege verursachte Faktoren:
- Übervorsichtige Bettruhe-Anordnungen ohne medizinische Notwendigkeit
- Fixierende Verbände oder Orthesen
- Sedierende Medikation
Frühe Warnzeichen einer Immobilität
Eine akute Immobilität ist unübersehbar, etwa wenn ein Unfall die Ursache dafür ist, dass ein Mensch sich nicht mehr selbstständig bewegen kann.
Bei der sich anbahnenden Immobilität ist der Prozess hingegen schleichend. Zunächst unternimmt die betroffene Person immer weniger. Sie reduziert die Aktivitäten des täglichen Lebens so weit, bis sie sich kaum mehr bewegen kann.
Um eine mögliche Immobilität frühzeitig zu erkennen, sollten Sie auf folgende Anzeichen achten:
- Verlangsamtes Gangbild
- Verkürzte Gehstrecke
- Vermehrte Ruhepausen
- Zunehmende Erschöpfung bei Bewegung
- Rückzug von Aktivitäten außer Haus bis hin zu depressiven Stimmungen
- Zunehmende Abhängigkeit beim Aufstehen oder Umsetzen
Folgen von Immobilität
Immobilität wirkt sich auf Ihren gesamten Körper nachteilig aus. Bleibt sie dauerhaft bestehen, ist Ihre Handlungsfähigkeit massiv eingeschränkt. Die Folgen sind in der Regel ein hoher Pflegebedarf und nicht selten auch die soziale Isolation.
Folgendes passiert in Ihrem Körper, wenn Sie über einen längeren Zeitraum inaktiv sind:(1)(3)
- Muskelabbau: Sie verlieren jeden Tag etwa ein bis drei Prozent Ihrer Muskelmasse. Innerhalb einer Woche Bettlägerigkeit können bis zu 15 Prozent der Muskelmasse verloren gehen.
- Kontrakturen: Muskeln, Bänder, Sehnen und Faszien werden ohne Bewegung nicht mehr gedehnt und verkürzen sich. Das kann bei langer Immobilität zu bleibenden Bewegungseinschränkungen führen.
- Knochendichteverlust: Auch Ihre Knochendichte sinkt messbar, weil Knochen sich nur unter Belastung aufbauen. Das Risiko für Knochenbrüche steigt.
- Herz-Kreislauf-Funktion: Ihr Herz-Kreislauf-System verliert seine Leistungsfähigkeit. Das Herzschlagvolumen nimmt ebenso ab wie das Herzminutenvolumen, also die Blutmenge, die das Herz pro Minute durch den Körper pumpt. Deshalb wird Ihnen schnell schwindelig, wenn Sie aufstehen wollen. Einige werden sogar ohnmächtig.
- Lungenfunktion: Ihre Atmung wird im Liegen langsamer und schwächer. Sie husten weniger und Sekret staut sich in den unteren Lungenabschnitten – ideale Bedingungen für Bakterien. Das Risiko für eine Lungenentzündung (Pneumonie) steigt.
- Thrombosegefahr: Die Muskelpumpe der Wadenmuskulatur, die das Blut aus unseren Beinen zurück zum Herzen pumpt, kommt zum Erliegen. Das Blut fließt langsamer und das Risiko für eine Thrombose steigt.
- Haut: Im Liegen besteht ein permanenter Druck auf Fersen, Steiß und Schulterblätter. Die Folge können Wundliegen (Dekubitus) sein. Besonders die dünne, schlecht durchblutete Haut älterer Menschen ist anfällig dafür.
- Ernährung und Verdauung: Wenn der Körper nicht arbeitet, geht meist auch der Appetit verloren. Die Folge ist oft eine Mangelernährung. Außerdem kann Bewegungsmangel zu Verstopfung führen.
- Kognition und Psyche: Wer sich nicht mehr bewegt, bekommt weniger Reize, was sich auch negativ auf das Gehirn auswirkt. Die kognitiven Fähigkeiten nehmen ab. Außerdem ist Immobilität eine große psychische Belastung für die Betroffenen. Das Risiko für Depression steigt.
Was kann man gegen Immobilität machen?
Um die Folgen so gering wie möglich zu halten, gilt bei Immobilität vor allem eins: Die Mobilität so gut wie möglich wieder herzustellen und zu erhalten. Dazu stehen Behandlungsteams verschiedene Maßnahmen zur Verfügung:
- Frühmobilisation: Um den Muskelabbau zu minimieren, den Kreislauf zu stabilisieren und Komplikationen vorzubeugen. Das bedeutet beispielsweise, dass Sie bereits einen Tag nach einer Hüft-OP aufgefordert werden, sich auf die Bettkante zu setzen und spätestens am dritten Tag erste begleitete Gehversuche zu machen.(2)
- Physiotherapie: Strukturiertes, möglichst professionell angeleitetes Bewegungs- und Krafttraining ist ein wichtiges Mittel gegen den Muskelabbau. Aber auch Gangschulung, Gleichgewichtstraining und Kontrakturprophylaxe sind Aufgabe der Physiotherapie.
- Ergotherapie: Das Training von Alltagsfähigkeiten wie Aufstehen, Gehen und Ankleiden – oft kombiniert mit Hilfsmitteln – kann Betroffenen helfen, ihre Autonomie und Lebensqualität so gut wie möglich zu fördern. Konzepte wie etwa die Kinästhetik fördern ihre Bewegungskompetenz bereits während der Pflege.
- Schmerzmanagement: Oft mögen sich Betroffene nicht bewegen, weil sie Schmerzen haben. In diesen Fällen ist eine individuelle Schmerztherapie sinnvoll.
- Behandlung der Grunderkrankung: Wichtig ist auch die Behandlung der für die Immobilität verantwortlichen Grunderkrankung.
- Psychosoziale Begleitung: Gerade wenn Ängste zunehmen, die Betroffenen sich immer mehr zurückziehen oder sogar depressiv sind, ist psychologische Unterstützung ein wichtiger Therapiebaustein.
- Ernährungstherapie: Weil der Appetit oft nachlässt, kann Immobilität zu einer Mangelernährung führen. Dabei brauchen die Betroffenen weiterhin alle wichtigen Nährstoffe. Außerdem ist strukturiertes Krafttraining in Kombination mit einer proteinreichen Ernährung wirksamer als Training allein. Ebenso wichtig ist ausreichend Flüssigkeit, um einer Dehydrierung vorzubeugen.(4)
Hilfsmittel bei Immobilität
Es gibt eine Vielzahl von medizinischen und pflegerischen Hilfsmitteln, die darauf abzielen, die Restmobilität zu fördern, Pflegende zu entlasten und Folgeerkrankungen wie etwa Dekubitus zu verhindern.
Dazu gehören zum Beispiel folgende:
- Rollstühle, Rollatoren und weitere Gehhilfen
- Transferhilfsmittel wie Rutschbretter, Gleitmatten, Drehscheiben oder Patientenlifter
- Pflegebetten mit Dekubitusmatratze, Positionierungskissen oder Bettgalgen
- Alltagshilfen wie Toilettenstühle oder Ess- und Trinkhilfen
Immobilität vorbeugen: Das können Sie tun
Sie merken, dass Ihre Mobilität immer schlechter wird? Dann ist es Zeit, aktiv zu werden. Es gibt einiges, das Sie tun können, um eine drohende Immobilität noch abzuwenden. Sie betreffen sowohl Ihren Körper und Ihre Seele als auch Ihre Umgebung.
1. Bewegen Sie sich!
Regelmäßige Bewegung und Krafttraining können auch im höheren Lebensalter dazu beitragen, Muskelmasse und Muskelfunktion möglichst lange zu erhalten. Ausreichende, proteinreiche Ernährung unterstützt den Muskelaufbau von innen. Auch die Balance sollten Sie trainieren, um das Sturzrisiko zu reduzieren.
Wenn Sie sich wegen Schmerzen weniger bewegen, sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin darüber. Eine individuell abgestimmte Schmerztherapie kann Ihnen helfen, wieder aktiver zu werden.
2. Bleiben Sie sozial aktiv!
Psychosozialer Rückzug steht in engem Zusammenhang mit körperlicher Inaktivität. Um zu vermeiden, dass Sie immer seltener das Haus verlassen oder sogar vereinsamen, ist es wichtig, dass Sie Ihre sozialen Aktivitäten so gut wie möglich beibehalten. Ein Alltagsbegleiter kann Sie beispielsweise dabei unterstützen, eingebunden zu bleiben.
3. Passen Sie Ihren Wohnraum an!
Um Stürze zu vermeiden, die zu einer Immobilität führen können, sollten Sie folgende Maßnahmen ergreifen:
- Barrieren im Wohnraum abbauen (Hilfsmittel, Haltegriffe, barrierearme Gestaltung)
- Stolperfallen beseitigen
- Geeignetes Schuhwerk tragen
Häufig gestellte Fragen
Was versteht man unter Immobilität?
Unter Immobilität versteht man die stark eingeschränkte oder vollständige Unfähigkeit, sich eigenständig zu bewegen. Sie ist die stärkste Form der Bewegungseinschränkung.
Was ist Immobilität im Alter?
Immobilität im Alter bezeichnet den weitgehenden oder vollständigen Verlust der Fähigkeit eines älteren Menschen, sich selbstständig fortzubewegen oder seine Körperposition eigenständig zu verändern.
Was sind die Ursachen für Immobilität?
Häufigste Ursachen für Immobilität – vor allem bei älteren Menschen – sind längere Krankenhausaufenthalte, akute oder chronische Erkrankungen sowie psychische Faktoren wie Sturzangst oder Depressionen.
Was passiert bei einer Immobilität?
Bei einer Immobilität kommt es innerhalb kürzester Zeit zum Muskelabbau. Bänder, Sehnen und Faszien verkürzen sich, was zu dauerhaften Bewegungseinschränkungen führen kann. Auch die Knochendichte wird geringer, was das Risiko für Brüche erhöht. Darüber hinaus wird das Herz-Kreislauf-System sowie die Lungenfunktion geschwächt. Auch steigt die Thrombosegefahr. Außerdem leidet die Psyche unter der Immobilität, bis hin zu Depressionen.
Welche Folgen hat Immobilität für den Menschen?
Die Folgen von Immobilität sind oftmals ein hoher Pflegebedarf und soziale Isolation.
Warum steigt das Pneumonie-Risiko bei Immobilität?
Bei sehr eingeschränkter Bewegung wird die Lunge teilweise schlechter belüftet und Sekret kann schwerer abgehustet werden. Dadurch kann das Risiko für eine Lungenentzündung (Pneumonie) steigen.
Was kann man gegen Immobilität machen?
Das A und O gegen Immobilität ist Bewegung. Regelmäßiges Bewegungs- und Krafttraining fördern Muskelaufbau und Muskelkraft, also die Motoren der Mobilität. Eine ausgewogene, proteinreiche Ernährung unterstützt den Muskelaufbau zusätzlich. Aber auch ein individuelles Schmerzmanagement ist hilfreich, um Bewegungsvermeidung entgegenzuwirken. Außerdem kann eine psychosoziale Begleitung dabei helfen, Ängste zu reduzieren und Depressionen vorzubeugen.
Welche Hilfsmittel gibt es bei Immobilität?
Es gibt Hilfsmittel, die die Mobilität fördern, zum Beispiel Rollstühle und Rollatoren. Andere Hilfsmittel, wie beispielsweise diverse Transferhilfen, entlasten die Pflegenden. Und schließlich ist das Pflegebett selbst mit entsprechender Ausstattung ein sinnvolles Hilfsmittel, sowohl um Pflegenden die Arbeit zu erleichtern, aber auch um die Positionierung zu optimieren, etwa um ein Wundliegen zu vermeiden.



