Was bedeutet Gangunsicherheit?
Gangunsicherheit beschreibt ein unsicheres, unregelmäßiges oder schwankendes Gangbild. Es handelt sich hierbei um keine eigenständige Erkrankung, sondern um ein Symptom, hinter dem verschiedene Ursachen stehen können.(1)
In diesem Ratgeber sprechen wir bewusst von Gangunsicherheit, weil Betroffene und Angehörige diesen Begriff am häufigsten verwenden, wenn sie nach Informationen suchen. Fachlich gesehen gehört ein unsicherer Gang zur größeren Gruppe der Gangstörungen.(2)
Gangunsicherheit erkennen: Symptome
Gangunsicherheit äußert sich nicht bei jedem Menschen gleich. Es gibt aber typische Anzeichen, an denen Sie einen unsicheren Gang erkennen können:(3)(4)
- Der Gang wirkt unsicher oder schwankend
- Die Beine werden auffällig weit auseinander gesetzt
- Die Schritte sind kürzer und langsamer als sonst
- Auch im ruhigen Sitzen oder bei schlechter Beleuchtung fühlt sie die betroffene Person unsicher
- Besonders beim Aufstehen, Drehen oder auf unebenem Boden besteht ein erhöhtes Sturzrisiko
- Teilweise tritt Gangunsicherheit gemeinsam mit Schwindel oder Muskelschwäche auf
Achten Sie im Pflegealltag darauf, ob sich der Gang Ihres Angehörigen verändert. Schon kleine Beobachtungen wie „hält sich neuerdings öfter an Möbeln fest“ helfen Ihnen und dem Arzt später bei der Einordnung.

So kann Gangunsicherheit aussehen
Gangunsicherheit kann plötzlich auftreten oder sich schleichend über längere Zeit entwickeln. Tritt ein unsicherer Gang plötzlich auf, etwa zusammen mit Sprachstörungen, halbseitigen Lähmungserscheinungen oder Sehstörungen, rufen Sie den Notarzt unter der 112, da dahinter auch ein Schlaganfall stecken kann.(5)
Ursachen für Gangunsicherheit kennen und verstehen
Die möglichen Auslöser für einen unsicheren Gang sind vielfältig. Im Alter kommen häufig mehrere Faktoren zusammen. Fachleute sprechen dann von multifaktorieller Gangunsicherheit:
- Altersbedingte Veränderungen
- Erkrankungen der Wirbelsäule
- Polyneuropathie
- Nährstoffmangel
- Neurologische Erkrankungen
- Psychische Ursachen und Sturzangst
- Medikamente
Altersbedingte Veränderungen
Mit zunehmendem Alter lassen Muskelkraft, Beweglichkeit der Gelenke und die Fähigkeit, das Gleichgewicht schnell auszugleichen, natürlicherweise nach.
Auch das Sehvermögen und die Tiefensensibilität, also das Gefühl dafür, wie die eigenen Beine und Füße gerade stehen, werden schwächer. Diese Veränderungen können dazu beitragen, dass der Gang im Alter unsicherer wird. Häufig kommen jedoch weitere Ursachen hinzu.
Im Pflegealltag zeigt sich das oft schleichend: Ihr Angehöriger, der bisher gut zu Fuß war, geht plötzlich zögerlicher oder braucht beim Aufstehen mehr Zeit.
Erkrankungen der Wirbelsäule (HWS und LWS)
Verschleiß, ein Bandscheibenvorfall oder eine Verengung des Wirbelkanals (Spinalkanalstenose) an der Hals- oder Lendenwirbelsäule können Nerven einengen, die die Beinmuskulatur und das Gleichgewicht steuern.
Der Gang wird dann oft schmerzhaft und die Gehstrecke verkürzt sich, teils begleitet von Kribbeln, Taubheits- oder Schwächegefühlen in den Beinen.(1)(6)
Polyneuropathie
Bei einer Polyneuropathie sind bestimmte Nerven geschädigt, häufig als Folge von Diabetes mellitus, Alkoholkonsum oder einem Vitaminmangel.(7)
Da die Nerven in den Füßen und Beinen dem Gehirn weniger genaue Informationen über den Untergrund liefern, wird der Gang unsicherer. Besonders im Dunkeln oder auf unebenem Boden, wenn das Auge diesen Ausfall nicht mehr ausgleichen kann.(8)
Nährstoffmangel
Fehlen bestimmte Vitamine, kann das die Nerven- und Knochenfunktion beeinträchtigen. Und das wiederum das kann eine Gangunsicherheit mit auslösen. Häufig genannt werden:
- Vitamin B12: Ein Mangel kann die Nerven schädigen und so eine Polyneuropathie auslösen.
- Vitamin D: Ist wichtig für einen gesunden Knochenstoffwechsel.
Ob tatsächlich ein Mangel vorliegt, zeigt zuverlässig nur eine Blutuntersuchung. Nehmen Sie deshalb nicht auf Verdacht Nahrungsergänzungsmittel. Sprechen Sie das vorher mit Ihrem Arzt ab.(7)(8)(9)
Neurologische Erkrankungen
Verschiedene Erkrankungen des Nervensystems können das Gangbild verändern, etwa:
- Schlaganfall: Je nach betroffener Hirnregion kann eine halbseitige Schwäche oder Koordinationsstörung zurückbleiben, die den Gang unsicher macht.(10)
- Multiple Sklerose (MS): Entzündungsherde im zentralen Nervensystem können Kraft, Koordination und Gefühlsempfinden in den Beinen beeinträchtigen.(11)
- Demenz: Im Verlauf demenzieller Erkrankungen verändert sich häufig auch das Gangbild, unter anderem durch nachlassende Aufmerksamkeit und Koordination.(12)
- Parkinson: Typisch sind kleinschrittiges Gehen, vornübergebeugte Haltung und Startschwierigkeiten beim Losgehen.(13)(14)
Psychische Ursachen und Sturzangst
Gangunsicherheit kann auch psychische Ursachen haben oder durch sie verstärkt werden. Nach einem Sturz entwickeln viele Menschen eine ausgeprägte Sturzangst, die dazu führt, dass sie sich beim Gehen anspannen, kleinschrittiger und vorsichtiger werden. Dadurch wirkt der Gang noch unsicherer.(15)(16)
Auch Angststörungen und depressive Erkrankungen (beispielsweise Altersdepressionen) können sich in Form einer sogenannten funktionellen Gangstörung auf den Gang auswirken.(1)(17)
Beobachten Sie im Pflegealltag deshalb den Gang nicht nur rein optisch, sondern auch, ob sich Ihr Angehöriger nach einem Sturz zunehmend zurückzieht oder das Gehen meidet. Das kann ein Hinweis auf Sturzangst sein.
Medikamente als Auslöser
Manche Medikamente lösen als Nebenwirkung Schwindel, einen raschen Blutdruckabfall oder eine verlangsamte Reaktion aus und erhöhen dadurch das Sturzrisiko.(18)
Bei neu aufgetretener Gangunsicherheit lohnt sich daher immer auch ein Blick auf den aktuellen Medikamentenplan. Ändern Sie die Einnahme aber nicht selbst, sondern besprechen Sie mögliche Anpassungen immer zuerst mit Ihrem Arzt.
Ab wann zum Arzt bei Gangunsicherheit?
Suchen Sie einen Arzt oder eine Ärztin auf, wenn die Gangunsicherheit neu auftritt, sich verschlechtert oder bereits zu Stürzen geführt hat.
Erste Anlaufstelle ist meist die Hausarztpraxis. Je nach vermuteter Ursache erhalten Sie dort eine Überweisung zu einer Facharztpraxis. Zuständige Fachrichtungen sind beispielsweise die Neurologie, Orthopädie, Rheumatologie oder Geriatrie.(1)(7)

Wann zum Arzt bei Gangunsicherheit?
So läuft die Diagnostik ab
Um der Ursache auf den Grund zu gehen, werden verschiedene Untersuchungen durchgeführt:(4)(8)(6)
- Anamnese: Sie sprechen mit einem Arzt ausführlich über Ihre aktuellen Beschwerden, Krankengeschichte und Medikamente.
- Körperliche und neurologische Untersuchungen: Zum Beispiel spezielle Gang- und Standtests sowie Sehtests.
- Laboruntersuchungen: Eine Blutabnahme kann auf Nährstoffmängel oder Stoffwechselerkrankungen hinweisen.
- Bildgebende Verfahren: Je nach Verdacht folgt zum Beispiel ein MRT der Wirbelsäule oder des Kopfes.
Gangunsicherheit angehen: Das können Sie tun
Was am besten hilft, hängt immer von der jeweiligen Ursache ab. Deshalb steht der Arztbesuch immer an erster Stelle, wenn Sie das Problem angehen wollen. Gemeinsam können Sie dann mit Ihrem Arzt besprechen, welche Maßnahmen in Ihrem Fall sinnvoll sind.
Für einen ersten Überblick stellen wir Ihnen verschiedene Maßnahmen vor, die in Betracht kommen können.
Geeignete Hilfsmittel bei Gangunsicherheit
Verschiedene Hilfsmittel können die Sicherheit beim Gehen deutlich erhöhen und helfen, aktiv und mobil zu bleiben. Dazu gehören vor allem sogenannte Gehhilfen wie:
- Gehstock für zusätzliche Standsicherheit auf kurzen Strecken
- Unterarmgehstütze zur Entlastung von Beinen und Gelenken
- Vierpunktgehstock für mehr Stabilität bei stärkerer Gangunsicherheit
- Rollator für mehr Stand- und Gangsicherheit auf längeren Strecken
- Gehgestell für zusätzliche Standsicherheit in der Wohnung
Darüber hinaus können (je nach Bedarf) weitere Hilfsmittel in Frage kommen:
- Haltegriffe und Aufrichthilfen für sicheres Aufstehen, Hinsetzen und Stehen im Bad
- Duschhocker oder Duschstuhl für mehr Sicherheit beim Duschen
- Toilettensitzerhöhung für ein leichteres Hinsetzen und Aufstehen
- Hausnotrufsystem für schnelle Hilfe im Notfall
- Sehhilfen, sofern eine Sehschwäche vorliegt
Welches Hilfsmittel in Ihrem speziellen Fall geeignet ist, können Sie am besten gemeinsam mit Ihrem Arzt, Physiotherapeuten oder einem Sanitätshaus abstimmen.(19)

Praktische Hilfsmittel bei Gangunsicherheit
Wohnraumanpassung bei Gangunsicherheit
Auch Umbau-Maßnahmen der Wohnraumanpassung können die Sicherheit zu Hause deutlich erhöhen. Sie unterstützen Sie dabei, trotz Gangunsicherheit möglichst lange selbstständig zu bleiben.
Dazu zählen zum Beispiel:
- Ein Treppenlift, um Treppen ohne Sturzrisiko zu überwinden
- Ein barrierefreier Badumbau, etwa mit bodengleicher Dusche und rutschfestem Boden
- Die Beseitigung von Schwellen und Stufen im Wohnbereich
- Eine bessere Beleuchtung von Fluren und Treppenhäusern
Praktische Übungen bei Gangunsicherheit
Ein regelmäßiges, gezieltes Training kann Gleichgewicht, Muskelkraft und Koordination spürbar verbessern. Bewährte Methoden sind zum Beispiel:(20)(21)
- Balance-Übungen
- Krafttraining für die Beine
- Koordinationstraining
Im Pflegealltag lassen sich solche Übungen unter Umständen gut in feste Routinen einbauen. Wichtig ist, dass die betroffene Person sich dabei sicher fühlt und bei Bedarf Unterstützung erhält.
Therapien im Überblick: Gangunsicherheit behandeln
Je nach Ursache und Beschwerdebild kommen unterschiedliche Therapieansätze infrage, die auch miteinander kombiniert werden können:(7)(22)
- Behandlung der Grunderkrankung: Je nach Ursache kann es zum Beispiel helfen, einen Diabetes gut einzustellen, einen Nährstoffmangel auszugleichen oder die Medikamente anzupassen.
- Physiotherapie: Sie trainieren unter fachlicher Anleitung individuell – besonders nach Stürzen oder bei neurologischen Grunderkrankungen empfehlenswert.
- Ergotherapie: Verschiedene Übungen unterstützen Sie dabei, Alltagsbewegungen sicherer auszuführen und Ihren Wohnraum bedarfsgerecht anzupassen.
Pflege-Tipps Tipps für den Pflegealltag mit Gangunsicherheit
Für pflegende Angehörige und pflegebedürftige Menschen steht im Alltag vor allem die Sturzprophylaxe im Vordergrund. Hilfreich sind zum Beispiel:
- Beseitigen Sie Stolperfallen wie lose Teppiche, Kabel oder Türschwellen.
- Sorgen Sie für gute Beleuchtung in Fluren, Treppenhäusern und im Bad.
- Bringen Sie Haltegriffe an Toilette, Dusche, Pflegebett und Treppen an.
- Tragen Sie auch in der Wohnung festes, geschlossenes Schuhwerk statt Socken oder offene Hausschuhe.
- Halten Sie Hilfsmittel wie Rollator oder Gehstock griffbereit und in gutem Zustand.
- Denken Sie bei Bedarf über einen Hausnotruf oder ein technisches Sturzerkennungssystem nach.
- Fördern Sie regelmäßige Bewegung im Alltag, etwa durch kurze gemeinsame Spaziergänge.
Häufig gestellte Fragen
Was ist Gangunsicherheit?
Gangunsicherheit beschreibt ein unsicheres, unregelmäßiges oder schwankendes Gangbild. Sie ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom, dem unterschiedliche Auslöser zugrunde liegen können.
Wie äußert sich Gangunsicherheit?
Typisch sind ein schwankender oder breitbeiniger Gang, häufiges Straucheln, verlangsamtes Gehen sowie eine erhöhte Sturzneigung – teils begleitet von Schwindel oder Taubheitsgefühlen in den Beinen.
Was löst Gangunsicherheit aus?
Mögliche Auslöser reichen von altersbedingtem Muskelabbau über Erkrankungen der Wirbelsäule, Polyneuropathie und Nährstoffmangel bis hin zu neurologischen Erkrankungen, psychischen Ursachen oder Medikamenten-Nebenwirkungen. Häufig kommen mehrere Faktoren zusammen.
Kann Gangunsicherheit psychisch sein?
Ja. Nach einem Sturz entwickeln viele Menschen eine ausgeprägte Sturzangst, die den Gang selbst noch unsicherer macht. Auch Angststörungen und depressive Erkrankungen können sich auf den Gang auswirken.
Welches Vitamin fehlt bei Gangunsicherheit?
Am häufigsten werden Vitamin B12 und Vitamin D genannt. Ein B12-Mangel kann die Nerven schädigen und so eine Polyneuropathie auslösen, ein Vitamin-D-Mangel wirkt sich auf den Knochenstoffwechsel aus. Ob wirklich ein Mangel vorliegt, zeigt nur eine Blutuntersuchung beim Arzt.
Warum verstärkt sich Gangunsicherheit im Dunkeln?
Im Dunkeln fehlen dem Auge wichtige Informationen zur Orientierung. Wenn zusätzlich die Nerven in den Beinen geschädigt sind, etwa durch eine Polyneuropathie, kann der Körper diesen Ausfall schlechter ausgleichen – der Gang wird dann besonders im Dunkeln unsicherer.
Was macht der Neurologe bei Gangunsicherheit?
Neurologen führen eine körperliche und neurologische Untersuchung durch, unter anderem Gang- und Standtests. Je nach Verdacht folgen Blutuntersuchungen oder bildgebende Verfahren wie ein MRT.
Welche Übungen helfen bei Gangunsicherheit?
Bewährt haben sich Balanceübungen wie kurzzeitiges Stehen auf einem Bein, Krafttraining für die Beine sowie Koordinationsübungen mit Richtungswechseln. Solche Übungen sollten idealerweise individuell abgestimmt und zunächst mit Sicherung durchgeführt werden.
Was kann man gegen Gangunsicherheit tun?
Neben einem Arztbesuch zur Ursachen-Abklärung können passende Hilfsmittel, regelmäßiges Training sowie Maßnahmen zur Sturzprophylaxe im Alltag helfen.
Was tun bei Gangunsicherheit durch Polyneuropathie?
Wichtig ist zuerst, die Ursache der Nervenschädigung zu behandeln, etwa einen Diabetes gut einzustellen oder einen Vitaminmangel auszugleichen. Zusätzlich können weitere Maßnahmen in Frage kommen, wie zum Beispiel verschiedene Hilfsmittel, gezielte Übungen sowie Physiotherapie.
Welche Hilfsmittel gibt es bei Gangunsicherheit?
Geeignete Hilfsmittel sind unter anderem Gehstöcke, Unterarmgehstützen und Rollatoren sowie Haltegriffe im Wohnbereich.



