Tagespflege und Nachtpflege: Entlastung für pflegende Angehörige

Tagespflege Nachtpflege

Wer Pflegebedürftige Angehörige mit einem hohen Pflegebedarf betreut, der stößt schnell an seine Belastungsgrenzen. Die Tages- oder Nachtpflege, beides Formen der teilstationären Pflege, können dann sehr entlastend sein. Das Angebot ist im Sozialgesetzbuch (SGB XI) in Paragraf 41 geregelt. pflege.de erklärt, für wen diese beiden Formen der Pflege geeignet sind, was sie kosten und wie Sie eine gute Tages- und Nachtpflege finden.

Inhaltsverzeichnis

Tages- und Nachtpflege: Definition

Die Tagespflege für Senioren ist ein Angebot, bei dem pflegebedürftige Menschen tagsüber betreut werden und die Nacht zu Hause verbringen. In Einrichtungen der Nachtpflege wiederum werden die Senioren die Nacht über betreut – wenn sie etwa Medikamentengaben brauchen oder einen gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus haben – damit die pflegenden Angehörigen schlafen können. Tages- und Nachtpflege sind beides Formen der teilstationären Pflege.

Info
Tages- und Nachtpflege laut Gesetz

Der Anspruch auf Tagespflege oder Nachtpflege ist im Elften Buch Sozialgesetzbuch (SGB XI) in Paragraf 41 geregelt.: „(1) Pflegebedürftige der Pflegegrade 2 bis 5 haben Anspruch auf teilstationäre Pflege in Einrichtungen der Tages- oder Nachtpflege, wenn häusliche Pflege nicht in ausreichendem Umfang sichergestellt werden kann oder wenn dies zur Ergänzung oder Stärkung der häuslichen Pflege erforderlich ist. Die teilstationäre Pflege umfasst auch die notwendige Beförderung des Pflegebedürftigen von der Wohnung zur Einrichtung der Tagespflege oder der Nachtpflege und zurück.“

Kosten und Finanzierung der teilstationären Pflege

Ebenso wie der Leistungsumfang einer Pflegeeinrichtung fallen auch die Kosten für Tages- oder Nachtpflege unterschiedlich aus – je nach Einrichtung, Region und Leistungspaket. Pro Tag beziehungsweise pro Nacht können Sie mit 50 bis 95 Euro rechnen. Die darin enthaltenen Kosten für die pflegerische Grundversorgung und den Fahrdienst übernimmt bis zu einer bestimmten Summe die Pflegeversicherung. Was darüber hinaus anfällt, zum Beispiel fürs Essen und die Betreuung, müssen Sie als Pflegebedürftiger selbst zahlen.

Kostenträger für Tages- und Nachtpflege: Wer zahlt was?

Die nachfolgende Tabelle gibt Ihnen einen schnellen Überblick über die zusammengesetzten Kosten für die Tages- und Nachtpflege und welcher Kostenträger hierfür jeweils aufkommen muss.

Kosten für Tages- und Nachtpflege Wer zahlt?
Pflegerische Versorgung und Fahrdienst Pflegekasse: allerdings nur bis zu einer bestimmten Summe, abhängig vom Pflegegrad
Verpflegung, Unterkunft, Betreuung Pflegebedürftiger
Investitionskosten Pflegebedürftiger
Info
Investitionskosten

Auch die Investitionskosten, also die Kosten für Modernisierung oder Instandhaltung des Gebäudes, stellen die Einrichtungen und ihre Träger dem Besucher der Tages- oder Nachtpflege in Rechnung. Informieren Sie sich im pflege.de Ratgeber, wie Pflegeheim-Kosten zusammengesetzt werden.

Kostenübernahme: Das zahlt die Pflegekasse zur Tages- und Nachtpflege

Die Höhe der Kosten, die die Pflegeversicherung für Tages- und Nachtpflege übernimmt, ist abhängig vom Pflegegrad:

  • Tages- oder Nachtgäste mit Pflegegrad 1 können ihren Entlastungsbetrag für die Tages- oder Nachtpflege einsetzen.
  • Wer Pflegeleistungen der Pflegegrade 2 bis 5 erhält, der rechnet die pflegerische Versorgung direkt über die Pflegekasse ab.(1)

Die nachfolgende Tabelle gibt Ihnen einen Überblick über die finanzielle Unterstützung der Pflegekasse, die Ihnen bei den einzelnen Pflegegraden für die teilstationäre Pflege zusteht (Stand: 12.12.2022).(2)

Pflegegrad Maximale Leistung der Pflegekasse pro Monat
Pflegegrad 1 125 Euro über den Entlastungsbetrag
Pflegegrad 2 689 €
Pflegegrad 3 1.298 €
Pflegegrad 4 1.612 €
Pflegegrad 5 1.995 €

Rechenbeispiel

Sabines Vater hat Pflegegrad 3. Sie sucht ihm für montags bis freitags einen Platz in der Tagespflege. Für die pflegerische Versorgung bei Pflegegrad 3 nimmt die Einrichtung pro Tag 70,75 Euro, also 1.415 Euro im Monat. Davon übernimmt die Pflegekasse 1.298 Euro. Zusammen mit Unterkunft, Verpflegung und Investitionskosten, die die Tagespflegeeinrichtung mit 350 Euro im Monat berechnet, muss Sabines Vater die monatlich verbleibenden Restkosten von 467 Euro aus eigener Tasche zahlen.

Info
Tages- und Nachtpflege: Zusätzliche Leistung der Pflegeversicherung

Das Geld der Pflegeversicherung für die Tagespflege oder die Nachtpflege steht pflegebedürftigen Versicherten ab Pflegegrad 2 zusätzlich zu ihrem Pflegegeld, den Pflegesachleistungen und ihrem Entlastungsbetrag zu. pflege.de gibt Ihnen eine Übersicht zu den Pflegeleistungen der Pflegeversicherung. Auch Kurzzeit- und Verhinderungspflege bleiben hiervon unberührt.

Formen der Tagespflege

Tagespflege wird von extra dafür geschaffenen Einrichtungen, von Pflegediensten mit Extraräumen und von speziell geschaffenen Tagespflege-Einrichtungen angeboten. Dabei gibt es verschiedene Formen von Tagespflege.

  • Solitäre Tagespflege findet meistens in dafür geschaffenen Einrichtungen statt. Die Stärke dieser Einrichtungen ist, dass es oft ein umfangreiches Beschäftigungsangebot gibt.
  • Eingestreute Tagespflege ist typisch für viele Pflegeheime mit zusätzlicher Tagespflege. Im Vordergrund steht hier vor allem der Austausch zwischen Heimbewohnern und Tagespflege-Gästen.(3)
Info
Mobile Tagespflege? Möglichkeiten der professionellen Pflege im eigenen Zuhause

Wer eine Tagesbetreuung für zuhause sucht, hat dafür verschiedene Möglichkeiten: Ambulante Pflegedienste bieten beispielsweise eine Kombination aus Pflegeleistungen und Seniorenbetreuung an. Benötigen Sie eine Rundum-Unterstützung in Ihrem Pflegealltag, kann auch eine sogenannte 24-Stunden-Betreuung in Frage kommen. Über die entsprechenden Leistungen, Kosten und Finanzierungsmöglichkeiten informiert Sie pflege.de im jeweiligen Ratgeber.

Konzept Tagespflege für Senioren: Diese Leistungen bieten Einrichtungen an

Eine gute Tagespflege bietet nicht nur Entlastung für pflegende Angehörige, sondern soll zeitgleich auch die Lebensqualität Pflegebedürftiger anheben und in vielen Fällen auch vorhandene Fähigkeiten erhalten und andere Fähigkeiten schulen. Zum klassischen Konzept einer Tagespflege gehören:

  • stunden- oder tageweise Betreuung: in Gruppen von jeweils 10 bis 12 Tagesgästen.
  • mehrere Mahlzeiten: Frühstück, Mittagessen, Nachmittagskaffee, manchmal auch ein Abendessen.
  • Pflege und Betreuung: Leistungen der Grundpflege wie Hilfe beim Essen oder Toilettengang und oft auch spezielle Betreuung bei bestimmten Krankheiten wie zum Beispiel Demenz.
  • Freizeit- und Beschäftigungsprogramm: Gymnastik, Gedächtnistraining, gemeinsames Zeitunglesen, Kochen, Spiele & Beschäftigung, Singen, Spaziergänge, Ausflüge.

Wann ist eine Tagespflege sinnvoll?

Beruf, Familie und Pflege miteinander zu vereinbaren ist nicht immer einfach. Die Tages- oder Nachtpflege kann für pflegende Angehörige eine Entlastung schaffen und im Idealfall für den Pflegebedürftigen eine Bereicherung sein. Die Tagespflege richtet sich vor allem an folgende Menschen:

  • Pflegebedürftige, die alleine leben. Ohne soziale Kontakte können Menschen vereinsamen. Besonders ältere Betroffene entwickeln dabei oft eine Altersdepression, vernachlässigen sich und ihren Haushalt und verlieren ohne regelmäßigen Austausch mit Gleichgesinnten viele wichtige Fähigkeiten, die für ein selbstständiges Leben notwendig sind. Hierunter fällt etwa die zeitliche Orientierung oder die Fähigkeit, den Tag zu strukturieren.
  • Personen, die das Essen und Trinken vergessen. Vor allem ältere Menschen verspüren oftmals weniger Hunger und Durst. Schwächeanfälle durch etwa Mangelernährung können das Risiko für Stürze erhöhen. Ein Flüssigkeitsmangel kann zu Verwirrung und Orientierungslosigkeit führen.
  • Personen mit kognitiven Einschränkungen oder geistigen Behinderungen. Menschen mit Demenz zum Beispiel vergessen oft, den Wasserhahn zuzudrehen oder die Herdplatte auszuschalten. Dies kann fatale Folgen haben, wie etwa Schäden oder Unfälle im eigenen zuhause. Junge und alte Menschen mit geistigen Behinderungen sind nicht immer in der Lage, Gefahren im Haushalt richtig einzuschätzen oder für sich alleine zu sorgen.
  • Körperlich eingeschränkte oder behinderte Personen. Manche Menschen sind körperlich so eingeschränkt, dass sie ihren Alltag nicht mehr ohne Unterstützung meistern können. Sie brauchen oft auch Hilfe bei alltäglichen Dingen wie dem Toilettengang. Auch hier kann eine Tagespflege Angehörige stundenweise entlasten.

Besondere Leistungen der Tagespflege für Demenzerkrankte

Viele Tagespflegeeinrichtungen sind auf die besonderen Bedürfnisse von demenzerkrankten Menschen ausgerichtet: Die demenzerkrankten Tagesgäste sollen nicht nur in Sicherheit sein, sondern Geselligkeit und ein anregendes Umfeld genießen.

Ihre kognitiven Fähigkeiten werden durch geschulte Betreuungskräfte trainiert. Zudem gibt es Angebote für die Motorik oder einen geschützten Außenbereich, in dem sie ihrem Bewegungsdrang nachgehen können. Manche Einrichtungen setzen ein spezielles Lichtkonzept ein, um ihren demenzerkrankten Tagesgästen die räumliche und die zeitliche Orientierung zu erleichtern, andere nutzen sogenannte Farbleitsysteme.

Info
Tagespflege bei Demenz

Menschen mit Demenz brauchen zunehmend Betreuung über einen größeren Zeitraum am Tag. Mit fortschreitender Erkrankung müssen sie lückenlos beaufsichtigt werden, weil sie sonst zum Beispiel den Herd an- und nicht wieder ausmachen oder weglaufen, ohne den Weg nach Hause zu finden. Sie gefährden dadurch sich und unter Umständen auch andere. Die Tagespflege als Demenzbetreuung kann pflegende Angehörige entlasten.

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Tagespflege finden: Drei Tipps für pflegende Angehörige

  1. Informationen sammeln: Im Internet gibt es Portale, die neben Pflegeheimen auch Tagespflege-Angebote vorstellen. Auch die Kommunen informieren online über Tagespflegen. Die Einrichtungen selbst haben meist eine Internetseite, auf der sie Konzept und Angebote ihrer Tagespflege vorstellen.
  2. Beratungsgespräch vereinbaren: Noch bevor Sie mit Ihrem pflegebedürftigen Angehörigen darüber sprechen, sollten Sie sich selbst ein Bild von der Pflegeeinrichtung machen. Vereinbaren Sie einen Gesprächstermin, zu dem Sie ohne Ihren pflegebedürftigen Angehörigen gehen. Lassen Sie sich ausführlich über Angebote und Kosten informieren. Schauen Sie sich die Einrichtung an: Gefallen Ihnen die Räume und die Atmosphäre? Gehen die Mitarbeiter angemessen mit den Tagesgästen um?
  3. Schnuppertag ausmachen: Beim Testbesuch in der Einrichtung kann der Pflegebedürftige selbst erleben, was ihn in der Tagespflege erwartet. Das Personal ist erfahren genug, um neue Gäste so freundlich und charmant in die Tagespflege-Gruppe zu integrieren, dass sie sich schnell wohlfühlen.
Tipp
So beantragen Sie die Tagespflege bei der Pflegekasse

Grundvoraussetzung für die finanzielle Unterstützung bei den Kosten für die Tagespflege ist ein anerkannter Pflegegrad. Der Antrag auf Leistungen der Pflegeversicherung für teilstationäre Pflege wird bei der Pflegekasse des pflegebedürftigen Versicherten gestellt. Das Vorgehen ist das Gleiche wie beim Antrag auf ambulante Pflege oder stationäre Pflege.

Tagespflege: Vor- und Nachteile

Teilstationäre Tagespflege bietet viele Vorteile, sie ist jedoch nicht für jeden Pflegebedürftigen die passende Pflegeform. Wer zum Beispiel besonders den eigenen Garten liebt, wird vielleicht nicht glücklich sein, wenn er im Winter erst in der Dunkelheit nach Hause kommt. Hier bekommen Sie einige Vor- und Nachteile der Tagespflege im Überblick.

  • Der Pflegebedürftige ist tagsüber gut versorgt.
  • Der Pflegedienst kann zusätzlich die Pflege am Morgen und Abend übernehmen.
  • Der Pflegebedürftige knüpft neue soziale Kontakte.
  • Der pflegende Angehörige wird entlastet.
  • Die kognitiven Fähigkeiten des Pflegebedürftigen werden gefördert.
  • Der Pflegebedürftige ist für gewisse Zeit in einer fremden Umgebung.
  • Der Pflegebedürftige muss sich auf wechselnde Betreuung einstellen.
  • Der Wechsel zwischen unterschiedlichen Umgebungen kann beim Pflegebedürftigen Stress verursachen.
  • Der Hin- und Rücktransport zur Einrichtung kann bei dem Pflegebedürftigen sowie auch seinem Angehörigen Stress auslösen.

Nachtpflege: Betreuung in der Nacht

Nachtpflege ist für die pflegebedürftigen Personen gedacht, die auch nachts eine intensive Pflege brauchen. Das kann medizinische Gründe haben oder zum Beispiel durch die Nachtaktivität einer demenzkranken Person begründet sein.

Pflegeheime bieten für Pflegebedürftige, die zu Hause leben und versorgt werden, teilstationäre Nachtpflege an, um pflegerische Leistungen wie Grundpflege und Krankenpflege auch in der Nacht fortzusetzen. Intensivpflege-Patienten oder Patienten im Rahmen einer Palliativpflege sowie deren Angehörige profitieren ebenfalls von einer Nachtpflege.

Nachtpflege bei Demenz

Für pflegende Angehörige, die einen Pflegebedürftigen mit Demenz betreuen, kommt die Nachtpflege als Leistung der Pflegekasse besonders häufig zum Tragen. Je weiter die Krankheit fortschreitet, desto lückenloser muss der Betroffene beaufsichtigt und betreut werden. Viele Demenzerkrankte haben einen gestörten Tag-Nacht-Rhythmus und sind nachts sehr aktiv. Pflegenden Angehörigen raubt dies oft den so wichtigen Schlaf.

Im Rahmen der Nachtpflege verbringen Pflegebedürftige die Nacht im Pflegeheim. Das Personal übernimmt die Betreuung beim Zu-Bett-Gehen sowie Aufstehen und die jeweils erforderliche Pflege. Einrichtungen, die sich auf die besonderen Bedürfnisse von Personen mit Demenz spezialisiert haben, bieten zum Beispiel für die Betreuung von nachtaktiven Personen ein Demenz-Nachtcafé.

Info
Nachtpflege zuhause

Für Menschen mit Palliativ-Pflegebedarf oder schwerst-Pflegebedürftige kann es oft angenehmer sein, im eigenen Zuhause nachts gepflegt zu werden. In diesen Fällen kann eine 24-Stunden-Pflege oder eine polnische Pflegekraft eine Alternative sein.

 

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Häufig gestellte Fragen

Was ist eine Tagespflege?

Eine Tagespflege ist eine Einrichtung, in der Pflegebedürftige tagsüber betreut werden. Den Abend und die Nacht verbringen sie zu Hause. Das ermöglicht pflegenden Angehörigen, ihrem Beruf nachzugehen, und hilft alleinlebenden Senioren, ihren Tag zu bewältigen.

Wie funktioniert die Tagespflege?

Die Pflegebedürftigen werden morgens in die Einrichtung gebracht, entweder von ihren Angehörigen oder einem Fahrdienst, und nachmittags wieder abgeholt. In der Tagespflege bekommen sie Frühstück, Mittagessen und Nachmittagskaffee und das Maß an Pflege, das sie gemäß ihres Pflegegrades brauchen. Außerdem macht die Einrichtung Beschäftigungsangebote wie Basteln, Spaziergänge oder Gedächtnistraining.

Was kostet die Tagespflege?

Die Kosten der Tagespflege setzen sich aus den Kosten für Pflege, Unterkunft, Verpflegung, Betreuung, Investitionskosten und Fahrtkosten zusammen. Sie variieren je nach Pflegegrad des zu Betreuenden. Bei Pflegegrad 5 übernimmt die Pflegekasse maximal 1.995 € pro Monat. Dieses Geld wird ausschließlich für den Fahrdienst und die pflegerische Versorgung angewendet. Unterkunft, Verpflegung und Beschäftigung zahlen Pflegebedürftige aus eigener Tasche. Die jeweiligen Kosten hierfür erfahren Sie bei den entsprechenden Einrichtungen.

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Erstelldatum: 6102.10.02|Zuletzt geändert: 2202.21.12
(1)
Quelle 1: Elftes Buch Sozialgesetzbuch (SGB XI) (2021)
https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_11/BJNR101500994.html (letzter Abruf am 12.12.2022)
(2)
Quelle 2: Bundesministerium für Gesundheit (BMG) (2022)
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/tagespflege-und-nachtpflege.html (letzter Abruf am 12.12.2022)
(3)
Quelle 3: Alters-Institut (2020)
https://alters-institut.de/wp-content/uploads/2020/03/Ergebnisbericht-Eval-ITP.pdf (letzter Abruf am 12.12.2022)
(4)
Bild 1: © Monkey Business / Fotolia.com
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Interview

Ein Tag in einer Tagespflege-Einrichtung

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Stephanie Götze
Im Interview
Stephanie Götze
Altenpflegerin & Gedächtnistrainerin

Stephanie Götze ist examinierte Altenpflegerin und Gedächtnistrainerin. Nach ihrer Ausbildung zur Altenpflegerin hat sie zunächst neun Jahre im stationären Bereich in einem Pflegeheim gearbeitet. Seit mehreren Jahren betreut sie überwiegend Menschen mit Demenz in einer Tagespflegeeinrichtung in Norddeutschland.

Die Tagespflege als teilstationäre Pflegeform soll die Pflegesituation in der Häuslichkeit stabilisieren und entlasten: Betreuungs- und Pflegebedürftige verbringen den Tag meist vom Frühstück bis zum späten Nachmittag in der Tagespflege-Einrichtung. Aus diesem Grund ist diese Form der Betreuung v. a. für Menschen mit Demenz sinnvoll, die keine vollumfängliche Pflege brauchen, aber durchweg gute Betreuung. pflege.de hat mit der examinierten Altenpflegerin und Gedächtnistrainerin Stephanie Götze gesprochen, die seit drei Jahren in einer Tagespflege-Einrichtung arbeitet. Sie erzählt von ihrem Beruf und gibt einen Einblick in den Alltag der Tagespflege.

Liebe Frau Götze, Sie versorgen seit drei Jahren überwiegend Menschen mit Demenz in einer Einrichtung für Tagespflege. Wie bewerten Sie die Tagespflege als Bestandteil der häuslichen Pflege?

Meiner Meinung nach ist die Tagespflege die bestmögliche Ergänzung zur häuslichen Pflege, durch sie wird das ambulante Versorgungskonzept rund. In vielen Familien werden die Pflegebedürftigen morgens noch versorgt, gewaschen und angezogen – entweder von einem ambulanten Dienst oder Angehörigen. Danach werden die Betroffenen von unserem Fahrdienst abgeholt, sie verbringen den Tag bis zum späten Nachmittag bei uns und sind meistens gegen 17 Uhr wieder in ihrem Zuhause. Abends kommt oft noch einmal der ambulante Dienst, der sie bettfertig macht – damit ist die durchgehende Betreuung und Versorgung gewährleistet und das Konzept der Tagespflege ein sehr wertvoller Bestandteil für die häusliche Pflege.

Das Konzept der Tagespflege ist ein sehr wertvoller Bestandteil für die häusliche Pflege.
Stephanie Götze

Für viele Pflegebedürftige ist die Kombination aus Tagespflege und ambulanter Pflege auch die einzige Alternative zum Heimplatz. Sie möchten zuhause wohnen bleiben, benötigen aber tagsüber Betreuung. Viele Angehörige können das entweder psychisch oder beruflich nicht leisten, daher kommen die älteren Menschen zu uns. Wir sind für sie da – das gibt den Betroffenen ein gutes Gefühl und verschafft Angehörigen Entlastung und Freiraum. Das ist für alle Beteiligten wichtig.

Was leistet ein Tagespflege-Einrichtung?

Tagespflege-Einrichtungen bieten vom Fahrdienst über therapeutische Anwendungen bis zu den Mahlzeiten eine große Bandbreite an Services an. Unser Fahrdienst berücksichtigt sogar den individuellen Zeitplan der Gäste, die morgens zu unterschiedlichen Uhrzeiten abholbereit sind. Unsere Transportfahrzeuge sind auch auf den Transport von Rollatoren und Rollstühlen ausgelegt, so dass Gäste ihre Gehhilfen und Mobilitätshilfen mitbringen können.

Wir versorgen die Gäste mit Frühstück, Mittagessen und Kaffee und Kuchen – die Mahlzeiten geben dem Tag eine feste Struktur und finden immer zur gleichen Zeit statt. Daneben bieten wir therapeutische Maßnahmen und Unterhaltung an. Unsere Gäste mögen zum Beispiel überhaupt nicht basteln, lieben es aber, Monopoly zu spielen. Manchmal machen wir Ausflüge an die Elbe oder auf den Spielplatz, gehen zusammen spazieren oder ein Eis essen. Ich bin zudem ausgebildete Gedächtnistrainerin und fordere unsere Gäste immer wieder kognitiv mit Gedächtnisübungen. Dabei herrscht keine Schulatmosphäre, aber es gibt anspruchsvolle Aufgaben für den Kopf. Das alles ergibt einen anregenden und abwechslungsreichen Tagesablauf.

Eine wichtige Aufgabe der Tagespflege ist aber auch, dass wir soziale Kontakte herstellen und Gleichgesinnte verbinden – unabhängig von körperlichen oder geistigen Einschränkungen. Manche Gäste setzen wir zusammen an einen Tisch und die passen einfach gut zusammen. Sie freunden sich an, treffen sich regelmäßig auch außerhalb der Einrichtung und laden sich gegenseitig zum Geburtstag ein.

Wie sieht ein klassischer Tagesablauf in einer Tagespflege-Einrichtung aus? Gibt es feste „Programmpunkte“?

Jeder Tag verläuft natürlich ein Stück weit anders, bei uns geben die Mahlzeiten jedem Tag aber eine feste Struktur. Frühstück, Mittagessen und Kaffee/Kuchen finden immer zur gleichen Uhrzeit statt, drumherum organisieren wir die einzelnen Aktivitäten wie therapeutische Anwendungen, Ausflüge, Spiele und kognitive Übungen halbwegs flexibel.

Die Gäste kommen zwischen 8 und 9:30 Uhr bei uns zum Frühstück an, um 12 Uhr gibt es Mittagessen und Kaffee und Kuchen tischen wir gegen 14:30 auf. Danach werden die Gäste wieder nach Hause gebracht. Zwischen den Mahlzeiten gestalten wir den Tag auch abgestimmt auf die Jahreszeiten und die Klientel, die sich immer mal wieder ändert. Bei gutem Wetter sitzen wir oft im Garten, gehen spazieren, machen mal einen Ausflug an die Elbe; im Winter spielen wir öfter drinnen oder backen Weihnachtsplätzchen.

Wer ist der klassische Besucher einer Tagespflege-Einrichtung?

90% unserer Gäste haben die Diagnose Demenz, die bei jedem Gast anders ausgeprägt ist. Fast alle wohnen noch zu Hause und werden durch einen ambulanten Pflegedienst und/oder Angehörige versorgt, am häufigsten übernehmen die Ehepartner die häusliche Pflege und Betreuung. Die Ehepartner kommen dann häufig auf uns zu mit der Bitte „Ich brauch mal ein bisschen Zeit für mich, ich schaffe das nicht mehr alleine. Ich kann sie/ihn nicht mit zum Einkaufen nehmen“. Eine kurze Auszeit und Zeit für persönliche Erledigungen sind der Hauptgrund, warum Angehörige ihre Betreuungsbedürftigen bei uns abgeben. Die meisten Gäste kommen ein bis drei Mal die Woche.

Die Ehepartner kommen häufig mit der Bitte „Ich brauch mal ein bisschen Zeit für mich, ich schaffe das nicht mehr alleine.
Stephanie Götze

Daneben kommen aber auch ein paar ältere Menschen aus dem Ort, die noch fit sind und keinen Pflegegrad haben, sich aber einfach ein bisschen Unterhaltung wünschen und neue Leute kennenlernen möchten. Die bezahlen die Versorgung bei uns dann privat, da sie ja keine Leistungen aus der Pflegekasse erhalten.

Gibt es Voraussetzungen, die die „Besucher“ erfüllen müssen?

Nein. Manche Tagespflege-Einrichtungen nehmen Gäste erst ab einem Alter von 70 Jahren auf, unsere Einrichtung ist diesbezüglich sehr offen. Wir haben aktuell z. B. einen 38-jährigen Gast, der an Demenz erkrankt ist und gut in die Gruppe aufgenommen wurde.

Wann geht der Pflegebedarf für die Tagespflege zu weit? Das heißt: Bei welchem Grad der Pflegebedürftigkeit muss eine andere Form der Versorgung gefunden werden?

Tagespflege-Einrichtungen sind häufig wie ein Wohnzimmer oder ein Café eingerichtet. Bei uns sieht es auch nicht nach Pflege aus.
Stephanie Götze

Pflegebedürftige können bei uns in der Tagespflege nicht mehr ausreichend versorgt werden, wenn sie sich hinlegen müssen, dabei auf ein richtiges Pflegebett angewiesen sind und medizinisch versorgt werden müssen. Wir haben einfach nicht die entsprechenden Mittel, sondern lediglich ein paar Sessel zum Schlafen. Wenn jemand nicht den ganzen Tag im Rollstuhl sitzen kann und komplett liegen muss, kann er in einer Einrichtung für Tagespflege in der Regel nicht mehr versorgt werden. Tagespflege-Einrichtungen sind häufig ja eher wie ein Wohnzimmer oder ein Café eingerichtet. Bei uns sieht es auch nicht nach Pflege aus.

Was sind Ihrer Meinung nach gute Gründe, die für die Betreuung in einer Tagespflege sprechen?

Eine Tagespflege ist meistens eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten: Die betreuungsbedürftigen Menschen sind tagsüber unter Gleichgesinnten, werden versorgt und unterhalten; für pflegende Angehörige ist es eine große Entlastung und eine kleine Auszeit von der anstrengenden Pflege. Vielen Angehörigen ermöglicht die Tagespflege überhaupt erst, weiterhin zur Arbeit zu gehen und etwas für sich zu machen.

Gerade für Menschen mit Demenz ist der Austausch in einer Tagespflege wichtig, um nochmal ein neues Selbstbild von sich zu bekommen. Und zwar wenn sie mit vielen Gleichgesinnten zusammensitzen und sehen, dass sie nicht der einzige mit Defizit xy sind. Dann stärken sie sich gegenseitig. Bei manchen geht es so weit, dass sie die Gruppe als Familie sehen, die zusammenhalten muss. Da bildet sich eine richtige Bande. Die kennen sich, und auch wenn sie sich nicht an die Namen erinnern, erkennen sie die Gesichter und das schafft Vertrauen. Viele Angehörige erzählen uns, dass die Menschen mit Demenz am Nachmittag entspannt nach Hause kommen. Das entlastet wiederum die Pflegesituation zu Hause.

Welche Herausforderungen warten auf Pflegekräfte in der Tagespflege wie Sie?

Die Herausforderung im Vergleich zu einer stationären Einrichtung besteht für mich darin, dass ich über Stunden mit den gleichen Leuten zusammen bin. 8 Stunden pro Tag, 5 Tage die Woche. Unsere Gruppe ist relativ klein und besteht aus 12 Leuten. Da braucht man mit jedem einzelnen viel Geduld und Ausdauer und muss auch in der Gruppe einen Weg finden, wie man jedem Gast individuell gerecht wird, aber auch eine Beschäftigung findet, die alle unterschiedlichen Bedürfnisse unter einen Hut bekommt. Du musst den Animateur spielen, das ist manchmal sehr herausfordernd.

Mir ist die Gruppendynamik sehr wichtig. Schließlich soll jeder gerne zu uns kommen und entspannt nach Hause gehen.
Stephanie Götze

In der stationären Einrichtung hast Du den einen Bewohner gepflegt, dann machst Du die Tür zu und gehst weiter. Auf Station hast Du deswegen Akkordarbeit und Druck. In der Tagespflege muss der Geduldsfaden echt dick und stabil sein.

Zudem ist mir die Gruppendynamik sehr wichtig, so dass Du auch darauf achten musst, dass sich die Gäste untereinander verstehen. Manchmal müssen wir auch als Streitschlichter agieren, und wenn es nur um den Sitzplatz geht. Schließlich soll jeder gerne zu uns kommen und entspannt nach Hause gehen.

Welche Rückmeldung bekommen Sie von Angehörigen?

Wir bekommen durchweg positives Feedback und die Angehörigen sind super dankbar. Bei uns gibt es einmal pro Monat einen Angehörigenabend. Da kommen die Angehörigen zusammen, tauschen sich untereinander aus, auch mit uns Pflegekräften, und unterstützen sich auch mal gegenseitig mit Tipps und Tricks.

Auch bei diesen Veranstaltungen bekommen wir oft das Feedback, dass die Pflege- und Betreuungsbedürftigen ausgeglichen nach Hause kommen und strahlen, was wieder für das Konzept der Tagespflege spricht. Es müsste eigentlich noch viel mehr Tagespflege-Einrichtungen in Deutschland geben, die Nachfrage ist noch immer größer als das Angebot. Für viele Pflegebedürftige schafft eine Tagespflege eben auch Freiräume und bietet Lebensqualität. Sie fühlen sich nicht bevormundet, haben ihr eigene Verabredung und erleben etwas.

Nun ein paar Fragen zu den „Konditionen“, weil viele pflege.de-Leser häufig danach fragen: Gibt es feste Vertragslaufzeiten für eine Tagespflege oder kann man Pflege- oder Betreuungsbedürftige auch nur tageweise in die Einrichtung bringen?

Man kann die Tagespflege auch tageweise buchen. In der Regel kann man in allen Einrichtungen sowohl die Anzahl der Tage als auch die Tage frei wählen. Zudem sind die Plätze in Tagespflege-Einrichtungen jederzeit kündbar, wenn die Angehörigen diese Art der Pflege nicht mehr benötigen oder andere Versorgungslösungen gefunden haben.

Wie teuer ist die Tagespflege? Wie viel Geld steht Pflegebedürftigen von der Pflegekasse zur Verfügung?

Bei uns kostet ein Tag für Selbstzahler z. B. 85 Euro. Mit Pflegegrad 2, 3, 4 oder 5 haben Betroffene jedes Jahr bspw. über die Verhinderungspflege Anspruch auf insgesamt 1.612 Euro für die Tagespflege und Nachtpflege. Die betroffenen Familien müssen dann nichts selbst bezahlen, wir verrechnen das direkt mit den Kassen.

Welche Öffnungszeiten hat eine Tagespflege üblicherweise? Sind Tagespflegeeinrichtungen auch am Wochenende geöffnet?

Das variiert von Einrichtung zu Einrichtung. Wir haben von Montag bis Freitag jeweils von 8 bis 16 Uhr geöffnet. Manche Einrichtungen bieten aber auch die stundenweise Betreuung an Wochenenden an. Das ist erfahrungsgemäß eher in Großstädten der Fall.

Was war Ihr bisher schönstes Erlebnis?

Mein schönes Erlebnis wiederholt sich in meinem Berufsalltag eigentlich relativ oft. Viele Menschen mit Demenz oder Pflegebedürftige fühlen sich zu Beginn oft abgeschoben, wenn sie das erste Mal zu uns in die Tagespflege kommen. Sie möchten nicht in die zunächst fremde Umgebung, meckern anfangs viel und wehren sich zum Teil auch automatisch gegen Neues. Nach zwei bis drei Tagen merkt man aber dann, dass sie sich auf den Tag in der Einrichtung mit den anderen Gästen freuen, sie kommen strahlend an, knüpfen Kontakte und kommen an. Das ist für mich immer wieder das Zeichen, dass wir viel richtig machen und die Form der Tagespflege ihre Berechtigung und ihren Sinn hat. Dafür arbeite ich jeden Tag gerne.

Vielen Dank für das Gespräch!

Erstelldatum: 7102.50.01|Zuletzt geändert: 3202.10.31
(1)
Bildquelle
© Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu
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